Umgekrachtes Holz

Wieder treten Zitate von den Tempelwänden der himalayischen Klöster innerhalb des Väterprojektes auf. Die Apsara, die ich gestern mit den Splittern des aktuellen Reliefs verband, hat direkten Blickkontakt mit den Tanzfiguren, die ich vorgestern zeichnete. Diesen möchte ich mit einem abstrakten Motiv unterbrechen. Mir erscheint es richtiger, eine Umrisszeichnung der gegenwärtigen Buchmalereien ins Zentrum dieses Formates dazwischen zu setzen. Das basiert auf dem Gefühl, Zeiträume nachzuzeichnen oder zu entwickeln.

Einen Chatverlauf, der sich kürzlich zwischen zwei Personen auf meinem Telefon ereignete, habe ich, in meiner Phantasie, am Morgen mit Kreuzstichen zusammengenäht. Wenn ich die Naht auftrenne, erscheint das Gesicht von Oscar Fizner, dem leiblichen Vater meines Vaters dahinter. Er dreht sich weg und die entstandene Lücke füllt sich mit den Herzschwächen und dem Misstrauen der folgenden Generationen.

Gestern stieg ich wieder, tief atmend, auf meinen Berg. Ab und zu standen im Wald pünktlich prächtige Osterglocken. Der Gipfel des Altkönigs wird immer beliebter. Die eingegrenzten Möglichkeiten der Stadtbewohner tragen dazu bei. Weite Waldareale am Südhang sind geschädigt und abgeholzt. In den Reservaten verrottet das umgekrachte Holz.

Etwas mehr Stille

Inmitten des lichten Ateliermorgens höre ich den Jazzpianisten Michael Wollny mit Solostücken. Ein Bächlein manchmal, dann aber auch wie ein schweres Buch – ganz kurz hintereinander sehr unterschiedlich.

Das neue Relief habe ich nicht so dicht grundiert. Die Durchlässigkeit der weißen Schicht wurde durch den Schellack noch verstärkt. So erscheinen die Tuschezeichnungen auf einer Fläche, die zwar rau ist, die Linien aber nicht gleich aufsaugt, sondern einen Moment stehen lässt. Diese Materialität hat ein eigenes Gestaltungsgewicht. Eine dreiköpfige Gruppe, aus dem Tanzzusammenhang von 2003, zeichnete ich in die linke untere Ecke. Ihr gegenüber, rechts oben, findet die schwebende Apsarafigur ihren Platz.

Die Terrains der Buchmalereien erweitern sich. Vorgestern tauchten Figuren auf, gestern streng umrissene, abstrakte Formen und heute wieder vage Konstruktionen mit Schnüren verbunden. Darin herrscht heute etwas mehr Stille.

Fliegen

Wir unternahmen gestern einen langen Spaziergang am Weiherbach bei Glashütten und überquerten den, von seinem Bett aus nordwestlich gelegenen Hügel. Jenseits seines Kammes entdeckten wir einen Buchenwald, in dem ein anderer Wasserlauf in mehreren Quellen entspringt. Die Bäume in der Senke bilden einen kathedralenartigen Raum mit einer mystischen Ausstrahlung. Diese alte Kulturlandschaft zeigt noch die Arbeitsschritte der Rodung und der Einrichtung kleiner Felder, die von schmalen Waldstreifen umgeben sind.

Das Kooperationsprojekt, das ich mit Franz unternehme, lebt unter anderem von dem häufigen Hin – und Hertransport der Werke, die wir in unseren Ateliers anfertigen und austauschen, um sie weiter zu verarbeiten. „Hin und Her“ wäre ein schöner Name.

Heute Vormittag, nach dem Supermarkteinkauf, konnte ich mich tief in die Buchmalereien versenken. Auch jetzt, mit der Musik von Hainbach am sonnenwarmen Zeichentisch, bin ich in einer Welt fern der direkten Umgebung. Schaue ich mir die Formen, die in den Büchern entstehen an, möchte ich sie stark vergrößern, um immer weiter in diesen Kosmos zu fliegen.

Vermischte Themen als Zeichnungsebene über den Scherben des Reliefs

Gestern bin Ich doch wieder auf die Tanzzeichnungen von 2003 zurückgekommen. Eine von ihnen, auf der sich 3 Tänzer überlagern, vergrößerte ich und zeichnete die Umrisse so auf Rolle 9, dass sie die vorausgegangene Apsarafigur aus Alchi noch berühren. Und innerhalb ihrer Form, sind sie, durch weitere Schichtungen des üblichen Gesträuchs, mit dem Geschehen der letzten Tage verbunden. So komme ich dem Material näher, das die zeichnerische Ebene über den Scherben des aktuellen Reliefs bestimmen wird.

In diesem Zusammenhang dachte ich am Morgen an eine weitere Gestalt aus dem Bereich des Frankfurter Kraftfeldes. Es gibt da einen Kreuzträger, den ich aus meinem Erleben der Christen in der Stadt Salt, in Jordanien, mitgebracht habe. Die Themen mischen sich weiter.

Ein anderer Körperumriss entwickelte sich zunächst nur in meinem Kopf. Er ist geformt von lauter Körperteilen, die in ihn hineinragen. Köpfe, Arme, Füße, Hände und Beine von Leuten, die ihm auf die Pelle rücken. So eingezwängt formt sich sein Bild. Diese Erfindung ist nicht neu, trat aber meist nur am Rande auf und war nicht das Hauptthema.

Schwebe

Die Beschäftigung mit der Website „Trixel-Planet“ verhinderte gestern, dass ich an den Dingen weiterarbeiten konnte, die mir am Vortag und am Vormittag durch den Kopf gegangen sind. Für die heutige Weiterarbeit fehlen dann die gestrigen Ergebnisse der Tuschezeichnungen auf Rolle 9, was sich auf die Collagen auswirkt. Somit ist die Kette der Kontinuität unterbrochen. Anstatt dessen reihten sich, bei der Veränderung der Website, Fehler an Fehler, die nervenaufreibend, Stück für Stück, wieder aufgehoben werden mussten.

Darüber tröstete ich mich gerade mit den Buchmalereien hinweg, die autonom dastehen, wenig Input aus der anderen Arbeit benötigen. Somit wird ihre vorausgehende Rolle deutlicher. Sie übertreffen meine Vorstellungen, gehen vor ihnen her und überholen das Denken. Und dabei steigert sich die Leichtigkeit in eine Schwebe, die wie ein Papierflugzeug stets von einem schnellen Absturz bedroht ist.

Gleichzeitig ist es kaum möglich, diesen Stellenwert bei der Übertragung auf die Reliefs zu zeigen. Die feine, fragmentarische Zartheit, kann nur schwer mit festen Umrissen, die für die bewegten Oberflächen notwendig sind, eingefangen werden. Allenfalls ließen sich die klaren Gravitationsschwünge so kompakt einfügen, dass sie sich gegen die expressive Splitterstruktur behaupten könnten.

Tische, Tanz, Apsaras

Die Apsara aus Alchi überlagerte ich mit den vorausgegangenen Figurenliniengesträuchen auf Rolle 9. Während der Arbeit dachte ich an die aktuellen Diskussionen um die kulturelle Aneignung. Und schon befinde ich mich in einer Legitimierungsfalle! Ich bin aber frei in der Wahl meiner Mittel! Ich arbeite mit Spuren menschlicher Wanderung, verflechte sie in einer Weise, wie es immer zwischen den Orten geschah. Nur auf diese Weise kann kulturelle Weiterentwicklung geschehen. Die neuen Muster, die ich so seit 24 Jahren finde, sind präsent und kaum noch aus der Welt zu schaffen.

Mein Schreibplatz im Gärtchen, bestehend aus dem alten Korbstuhl zwischen den Regalen, unter ihrem Dach und dem kleinen weißen Tisch, benötigt noch etwas mehr Sonne, damit ich ihn, wie in jedem Frühjahr, benutzen kann. Zwar kommen die größeren Eidechsen schon heraus, im Schatten aber, also an den Beinen, Füßen und im Rücken bleibt es kühl.

Am Abend grundierte ich das zwölfte Relief des zweiten Väter – Doppelportraits, wenn ich es nach der Reihenfolge der Anfertigung zähle. Eigentlich ist es aber das zweite aus dem ersten Scherbengericht. Langsam entsteht auch die Figurenanordnung in meinem Kopf. Einige Tanzfiguren, die ich aus „One Flat Thing, Reproduced“ entwickelte, bewegen sich hinter den Tischen, die das Bühnenbild waren, im unteren Bereich des Formates. Darüber schweben Apsaras aus Ladakh.

Annäherung

Auf Rolle 9 entwickelte ich Tanzfiguren als Umrisse für das nächste Relief. Sie kommen von „One Flat Thing, Reproduced“, von wo aus sie schon einmal auf die damalige Transparentpapierrolle transferiert wurden. Dort kombinierte ich sie mit allerlei Motiven, die aus den damaligen Themen stammten. Aus einer Folge von „Georg – Reischl – Figuren“ entwickelte sich damals eine schwebende Apsara. Solche bevölkern normalerweise die Himmel der buddhistischen Bildwelten. Diese Nähe veranlasste mich gestern, eine fliegende Figur aus Alchi zu benutzen, um zu sehen, ob sich Abwandlungen davon, für das nächste Relief eignen.

Die Buchmalereien verschlingen sich zunehmend zu eigenen Bildbeziehungswelten. Sie gehen einen Weg, unabhängig von den sonstigen gestalterischen Vorgehensweisen. Die Handlinien verbinden sich mit den, ins Papier gravierten, Gravitationsschwüngen. Besonders augenfällig klingen die Linien bei Fingerabdrücken zusammen.

Ab und zu denke ich über die Prioritäten nach, die meiner Arbeit zugrunde liegen. Vielleicht ist das ein Zeichen der Verunsicherung. Pragmatische Parameter gehen mit einem Grad von oberflächlichem Wohlgefühl einher. Aber mehr sind es die Formen, die sich manchmal neu und unmerklich, einem Ideal weiter anzunähern scheinen. Das sinkt tiefer in die eigene Befindlichkeit.

Aus der Kammer

Neue Woche, andere Musik – der Komponist heißt Hainbach. Seine Ideen fließten ruhig dahin, als würde das Wochenende fortgeführt. Aus dem Hamsterrad der Kontinuität herausstolpernd, machte ich nur die wenigen Buchmalereien. Während des Sonntagsspazierganges sah ich auf den sprudelnden Weiherbach zwischen Schlossborn und Glashütten. Seine Quelle liegt im Winter weiter oben im Wald. Hier am Atelier pflegte ich die Wiese, entfernte trockenes Kraut, schnitt im Gärtchen Äste der Birken und Ahornbäume zurück, um für den Sommer etwas Platz zu schaffen.

Heute verließ ich den Rückgriffmodus, versuchte bei den Buchmalereien in der Gegenwart zu bleiben. In der letzten Zeit nahm eine Enge zu, die nicht nur aus der Konzentration auf das Väterprojekt kommt, sonder auch aus der Bewegung innerhalb der Themen, die ich in den vergangenen 20 Jahren bearbeitete. Eine Sehnsucht nach satter Malerei, entspringt aber auch nur einem nostalgischen Impuls.

Die Dreisprungüberlegungen, die einen Zeitraum überspannen und rhythmisieren sollten, scheinen in einem Raum zu enden, aus dem ich nur durch neues Wachstum herausfinden kann. Äste und Wurzeln müssen die Kammer verlassen, um draußen neue Triebe zu bilden, in anderem Licht.

Rolle rückwärts

Von der inhaltlichen Gestaltung Abstand zu nehmen, um notwendige handwerklich Dinge zu tun, nur um mir das Ergebnis einer halbjährigen Arbeit mir selber sichtbar zu machen, fällt mir sichtlich schwer. Gestern musste ich mich zwingen, am Vormittag Pappmache herzustellen, mit dem ich am Nachmittag die Befestigungen an den Rückseiten der Reliefs anbrachte, um alle 16 Formate zusammengestellt aufhängen zu können. Seltsamerweise interessiert mich dieser Zusammenklang nicht mehr so sehr. Die Herstellung war wichtig, die damit verbundenen Erinnerungen.

Eher denke ich nun an die Objekte, die die nächste Arbeitsphase vorbereiten oder schon Teil dieser sind. Reliefscherben füge ich mit gewachsenen Strukturen aus dem Garten zusammen, empfinde damit den Zusammenhang von Tanzzeichnungen und Frottagen der Scherbenformen nach, die auf Rolle 8 entstehen.

Dort möchte ich als nächstes eine Rolle rückwärts machen, zurückkehren zum 13.03., also zurückrollen, um die neu entstandenen Verdichtungen dort, weiter hinten, einzufügen. Somit verändere ich die Geschichte der Zeichnungskontinuität, mache das aber mit einem Datum kenntlich.

Tanzfigur

Am Nachmittag goss ich das nächste Relief mit der Nummer 2 ab. Übers Wochenende, heute ist Freitag, kann es nun trocknen. Ein paar weitere Scherben entstanden mit dem restlichen Material. Das sind Ausgangsformen für Objekte, mit denen ich weitere Dinge probieren kann.

Ansonsten beschäftigen mich die Figuren für das Relief. Am 03.02. 2009 zeichnete ich eine Tanzfigur auf die, damals aktuelle Transparentpapierrolle. Sie zeigt Georg Reischl in „One Flat Thing, Reproduced“ von Bill Forsythe. Diese Figur gibt es schon als größeres Einzelrelief. Ihre Kompaktheit könnte sich gegen die Splitter durchsetzen. Das probierte ich auf Rolle 9 mit einer Frottage von der Form und dem Figurenumriss aus. Davon sieht man auch was in den heutigen Collagen.

Die Buchmalereien gingen von einem Abdruck aus, mit dem ich mit meinem Handballen etwas aus einer Malerei vom 19.03. 2009 in die Gegenwart holte. Dadurch entsteht ein Impuls für den Start, und vielleicht bleibt nur ein wenig von der Struktur der alten Malerei übrig. Dennoch existiert der Zeitraum dazwischen und ist für mich wichtig.

Bilderstapel

Am Morgen hatte ich die tantrischen Wandbilder aus Ladakh hinter meinen Augen, die schwebenden Körperteile, manchmal nicht gleich als solche erkennbar. Stark fragmentierte menschliche Lebewesen schweben durch den Raum, um sich zu etwas Neuem zusammenzusetzen. Das Ergebnis der Abwesenheitssequenz zeichnete ich gestern noch einmal, von einem gesonderten Blatt auf Rolle 9 durch. Dort soll, aus den Überlagerungen der Splitter, so etwas wie eine Figur entstehen. Gestern fanden die Strukturen Eingang in die Collagen des Werktagebuches.

Mir kommt es so vor, als würden meine Buchmalereien von diesen visuellen Erlebnissen manipuliert oder angefeuert. Dabei geht es mir nicht um die Ergebnisse, sonder um eine Vorgehensweise, die durch die Nutzung meditativer Bilderstapel, ein neues Terrain erforschen kann.

Die gegenwärtigen Bildfindungen sollen das Tor zum nächsten Relief öffnen. Gestern habe ich die Form und das Pappmache, für den Abguss heute, vorbereitet. Die handwerklichen Schritte helfen bei der Konzentration auf die zeichnerischen Inhalte, die auf die nächste Scherbenstruktur abgestimmt sind. Ich benötige einfache und kompakte Umrissformen, die das Splitterchaos, das keine ruhigen weißen Zwischenflächen aufweist, ordnen.

Ausweg auf Rolle 9

Auf Rolle 9 versuchte ich gestern an der Abwesenheitssequenz weiter zu arbeiten. Dabei bremst mich fehlender Schwung. Der Vorgang, eine abwesende Figur oder einen Gegenstand zu generieren, ist komplexer. Er benötigt einen radikalen Schritt, der alles, was zersplittert ist, zusammenfügt. Innerhalb der ganzen gegenwärtigen Arbeit, ist das aber ein Nebenschauplatz.

Vernachlässigt habe ich den kontinuierlichen Fluss der Reliefarbeit. Die Konzentration lag ganz auf der Fertigstellung des aktuellen Formates. Dabei dachte ich nicht daran, parallel das nächste Relief auszuformen und gleichzeitig die Motive zu entwickeln, die das thematische Gerüst für die Fortführung der Erzählung bilden sollen.

Meine Überlegungen, die gegenwärtigen Buchmalereien in die Reliefgestaltung einzubeziehen, sind nicht weiter fortgeschritten. Dafür muss ich die Zügel nun straffer in die Hand nehmen, Ablenkungen nicht zulassen und den Rückzug wieder ernster nehmen. Der Ausweg befindet sich in der Praxis, am Tisch auf Rolle 9.

Zählungen

Das Relief, dessen Bearbeitung ich gestern beendete, ist das 11., das ich für dieses 2, Exemplar des Väterdoppelportraits anfertigte. In der ursprünglichen Nummerierung, die einer anderen kreisenden Zählung folgt, die mit den Scherbengerichten 1-4 zutun hatte, ist es die Nummer 3. So vermengen sich die Zahlen und bilden neue Figuren aus den verschiedenen Reihenfolgen.

Für das 3. Exemplar hatte ich heute, am Morgen, ein Gesträuch vor Augen, wie ich es schon auf einigen Splittern gezeichnet hatte. Das kann ich ja auf dem 12. Relief mit der Nummer 2 ausprobieren. Eine Pause, glaube ich, kommt der Weiterarbeit am aktuellen Portrait nicht zugute. Kann sein, dass ich dann den Faden verliere. Ich bleibe lieber dran.

Im Rückgriff auf den März 2009, bin ich mit stark farbigen Arbeiten konfrontiert. Sie sind von einer langen, unserer 2. Indienreise beeinflusst. Bei späteren Aufenthalten dort, hielten sich die Farbigkeiten der Buchmalereien, wie ich sie zu Hause entwickelt hatte und nahm die Buntheit der Umgebung nicht mit auf.

Wolke aus Erinnerungselektronen

23°C am Tagebuchtisch – Pullover aus – Pflanzen gießen – Musik abschalten. In meinem Kopf breitete sich eine tantrische Wolke aus. Sie bestand aus mehreren durchscheinenden Hüllen, auf deren Oberflächen, sich einzeln Organe abbildeten. Sie verbanden sich zu Wesen, die objektiv nicht existieren. Ich fotografiere stark vergrößerte Ausschnitte der Tuschezeichnungen auf den Reliefs, um in den Rhythmus der rechten Hand näher einzudringen. Zitternde Linien bilden Kanäle zwischen schwarzen Seen. Lichtwellen durchströmen das Atelier aus Südosten. Die Rolltore dehnen sich aus und sprechen dabei, was sich mit der Songstruktur einer vorbeifahrenden S-Bahn mixt. Bevor ich in großen Zügen trinke, schaue ich auf den Boden des Glases.

Am Morgen dachte ich, wieder Kindheitsthemen in die Arbeit aufzunehmen. Aber jetzt vertiefe ich mich zunächst weiter in den Dreisprung. Heute vom 15.03. 2009 in 03_15:2021_002. Vom Handballenstempel der alten Malerei ausgehend, sprang ich den Bögen von heute bei. Die große Nähe, die ich zur jetzigen Morgenmalerei empfinde, stimmt mich skeptisch. Bin gespannt, was davon übrig bleibt, wenn ich nach einem Jahr zurückschaue. Das Sperrige hält oft länger.

Die Bezugsräume der eigenen Arbeit verengen sich. Ich merke, wie die anhaltende Konzentration beginnt, immer schnellere Kreise zu ziehen. Diese Wolke aus Erinnerungselektronen nebelt mich ein. Ich taste, stolpere und nehme meine Brille ab. So zeichne ich mich voran.

Begehbare Zeiträume

Mit einem Sechsjahresraum, aus dem die Buchmalereien kommen, auf die ich mich per Handballenabdruck, im heutigen Tagebuch, im Abstand von 9 Jahren beziehe, umschreibe ich den Dreisprung, von dem ich in den letzten Tagen schrieb. Die erste Malerei stammt von 12.03. 2009, die zweite vom 12.03. 2012 und die dritte vom 12.03. 2015. Beim Lesen der Texte, begegnet mir auch die Gegenwart, heute in Form der Pflanzenschatten, die ich vor 9 Jahren beschrieb und die heute Vormittag wieder, im flachen Morgenlicht, auf ein großes Bild fielen. So werden die Zeiträume plastisch und begehbar.

Gestern blieb ich den ganzen Nachmittag beim Relief sitzen. Ein Splitter nach dem anderen brach unter den Tuschelinien in weitere Stücke. Durch die störrischen Zeichenfedern bildeten sich Tuschetümpel und unregelmäßige Linien. Mein Handgelenk folgte dem Inneren, reagierte ausgleichend. Bei entsprechender Ausdauer komme ich mir näher.

Die Konzentration auf diese Vorgänge, die „Synaptischen Kartierungen“ und auf die Zeit-Dreisprünge, finden zwischen den Diskussionen um die Einengung der Kunst statt. Im Rückzug, ich behaupte nicht, dass meine Arbeit lebensnotwendig ist, fühle ich mich, wie in einem Palast, mit allem versorgt. Es befindet sich in den Gesträuchen, die den Raum füllen.

Ornamentstrukturen auf den Scherben

Für den Start in die heutigen Buchmalereien, griff ich auf den 11. 03. 2009 und den 11. 03. 2012 zurück. Beide Einträge und die sechs Bilder dieser Tage, sind mit indischen Städten verbunden. Ihre Erscheinung ist aber völlig unterschiedlich. Die frühere Malerei hat einen impressionistisch – abstrakten Gestus. Die spätere ist schwer, Papiergravuren von der Handschrift Kleists inspiriert, dunkel und graubraun verwischt. Die Abdrücke meines feuchten Handballens davon, mit den Wasserfarbverläufen, den Handlinien und Schriftanmutungen, führten heute zu den verschwommenen Architekturen, die vage etwas Neues andeuten.

Aus der Supervision zu YOU&EYE, entstand die Idee, sich mehr über gestalterische Fragen auszutauschen. Drei Leute interessieren sich dafür. Wir wollen uns in meinem Atelier treffen. Eigentlich geht es nicht um Kunst, sondern um Tanz, Anthropologie, Zeichnung und Architektur, in Verbindung mit den Schülern, die wir in unsere Arbeit einbeziehen.

Gestern Nachmittag zeichnete ich Ornamentstrukturen auf die Scherben des Reliefs. Es kostet viel Zeit, lässt mich aber gleich los, wenn ich damit aufhöre. Ganz im Gegensatz zu den Überlagerungssequenzen in Verbindung mit den Buchmalereien und den Zeiträumen, die sich in diesem Zusammenhang öffnen.

Ornamentfülle

Die Ornamentfülle, mit der ich die Scherben des großen Doppelportraits bedecke, wuchert in den Raum, den ich mit meiner Kraft auszufüllen suche. Er reflektiert aus seiner konzentrierten Aura, Energie in den expandierenden, zu füllenden Bereich. Ich schaue auf das, was ich am Vortag gezeichnet habe und prüfe, wie es in den Collagen Platz finden kann.

Ausgangspunkt der Buchmalereien von heute, war eine Verwischung vom 10.03. 2012. Ein paar zaghafte Gravitationsbögen unter einem Graubraun, das sie quer verdrängt. Die Handballenlinien, die durch die Übertragung abgebildet werden, ergeben eine Struktur, an der sich die gezeichneten Linien eher festklammern können.

Heute erinnern mich die entstandenen Liniengruppen an kriegerische Aufmärsche, Speere tragender Männergruppen mit Körperbemalung. Mein Erinnerungsblick auf die Bilder indigener Völker in tanzenden Gruppen. Trommeln hinter den Buchseiten.

9 Jahre zurück

Heute früh bin ich 9 Jahre zurückgegangen und lese in meinem Arbeitstagebuch von meiner inneren Wohnung, die aus den Bildern besteht, die ich selbst geschaffen habe. Dieser Fundus bietet auch Nahrung, denn die einmal gezeichneten Figuren können immer wieder, neu in Beziehung gesetzt, verwendet werden.

Auf Rolle 9 begann ich das Vorhaben „Dreisprung“, ins Werk zu setzen. Jede der Flächen, die ich aus der letzten Überlagerungssequenz extrahiert hatte, zeichnete ich drei Mal nebeneinander in die lange Zeile der Transparentpapierrolle. Alle drei Umrissexemplare behandelte ich jeweils unterschiedlich: 1. Füllen, nur der Innenflächen, mit den durchscheinenden Linien, 2. Überlagerung aller Strukturen über den Rand hinaus und 3. Strukturen wurden nur außerhalb der Innenfläche durchgezeichnet.

Am Nachmittag kam Franz, um mit mir zu besprechen, wie wir unsere Schaufensterausstellung gestalten wollen. Ich möchte lediglich Arbeiten, die mit unserer Kooperation zutun haben, zeigen. Da gibt es genug zu sehen.

Manifestation

Die Abbildung einer tantrischen Figur, aus einer Wandbemalung in einem Kloster, das wir in Ladakh besuchten, zeigt ein Wesen, dass sich nur im Zustand intensiver Meditation zeigen soll. Ansonsten existiere es nicht. Das interessiert mich in Zusammenhang mit meiner Suche nach der abwesenden Figur, in der Nische des Hauses in Mandu. Mein zeichnerisches Experiment, das sich sowohl auf den Reliefs, als auch auf Rolle 9, in eine meditative Richtung bewegt, dient auch der Manifestation eines verschwundenen Gegenstandes. Die Art, mit der ich dabei sowohl der Intuition, wie auch formalen Überlegungen zu den Verfahren folge, festigt das Fundament des Weges, den ich während dieser Praxis beschreite.

Innerhalb der Buchmalereien ziele ich auf den „Dreisprung“, den ich am Freitag beschrieben habe. Er soll auch in die aktuelle Sequenz auf Rolle 9 Eingang finden. Das Wochenende unterbrach die Arbeit. Die Unterbrechung verunsichert mich, weil der selbstverständliche Fluss kurz zum Stillstand kommt. Die Verunsicherung aber erzeugt neue Verschaltungen in den Erinnerungen.

Manche Singvögel nähern sich mir zutraulich bei ihrer Futtersuche. Fremde schwarz-weiße Exemplare fressen von dem, was ich ihnen hinhalte. Die zweite Mauereidechse ist erwacht und sucht nach Sonnenplätzen und Insekten. Dafür ist es eigentlich noch zu früh. Schüler, mit denen ich vor Jahren arbeitete, erscheinen, um das Gärtchen zu sehen, mit seinem Getier. Sie kommen, weil sie sich hier wohl fühlen und bleiben eine Weile.

Dreisprung

Wie ich es mir vorgenommen hatte, zeichnete ich gestern die hellen Flächen der letzten Verdichtung auf Rolle 9, in gleichen Abständen, die beim Zusammenrollen ermöglichen, die Formen übereinander zu zeichnen, in eine lange Zeile. Auf Rolle 4 arbeitete ich vor zehn Jahren ähnlich. Nun denke ich über eine Erweiterung nach, bei der ich die Flächen, in der gleichen Zeile, wieder in regelmäßigen Abständen noch zweimal wiederhole. Dann stehen drei identische Scherben nebeneinander, die mit den vorausgegangenen Umrissen, auf verschiedene Weise, überlagert werden können.

Bei den Buchmalereien begann ich wieder mit einer Strukturübertragung aus der zehn Jahre alten, zweiten Malerei des 5. März, in das zweite Format von heute. Auch hier kann ein Dreierrhythmus eingeführt werden. Er würde aus den Übertragungen von 3, 6 und 9 Jahre alten Malereistrukturen in die Gegenwart bestehen. Die zusammengefügten Elemente werden durch die identischen Handballenlinien, die sich in jedem Abdruck abbilden, zusammengehalten.

Die Arbeit am Relief geht nun mit den „Meditationsmustern“ weiter. Das ist so lange erholsam und vergnüglich, bis ich an eine Konzentrationsgrenze stoße. Dann wechsle ich zu Rolle 9.

Sprung

Einen Lochziegel flocht ich, bevor ich mich an den Zeichentisch setzte, in einen hohen Birkenast vor dem Atelier, damit er ihn herunter biegt, denn die Krone streckte sich bereits zu weit hinauf. Dann übertrug ich mit meinen feuchten Handballen ein Stück Buchmalerei, das genau zehn Jahre alt ist. Diese Brücke über die Zeit rhythmisiert die Arbeitsweise mit längerem Atem. Dieser Spannungsbogen bildet die Energie für den Sprung in das gegenwärtige Bild. Die Texte, die die Malereien begleiten, sprechen schon von den Zusammenhängen, die heute in den Collagen, schnell improvisiert in durchbrochenen Stapeln, sichtbar werden.

Aus der Abwesenheitssequenz auf Rolle 9 zeichnete ich die hellen Umrisse aus dem dunklen Verdichtungskorpus heraus und füllte sie mit schwarzer Tusche. Sie sind in der Konstellation angeordnet, wie sie von mir vorgefunden wurden. Nun aber möchte ich die Scherben in eine Zeilenordnung sortieren, die mir erlaubt, die Fortführung der Suche nach dem abwesenden Gegenstand in der Architekturnische in Mandu, wie in den Scherbengerichten des Väterprojektes, fortzuführen. Das heißt, dass ich ihre Umrisse mit den neuen, durchscheinenden Strukturen fülle. Dann kann die Sammlung zu Mosaikfiguren zusammengesetzt werden. Ein (Zwischen-) Ergebnis.

Während ich die letzten drei Figurationen auf dem aktuellen Relief einrichtete, entfiel mir ihre Funktion. Eine Gruppe von drei Händen des Tänzers Georg Reischl aus „One Flat Thing, Reproduced“ und zwei, um einen unsichtbaren Gravitationskern kreisende Linien, verlieren den Zusammenhang zu den anderen Figuren aus den alten Buchmalereien. Aber sie bleiben an Ort und Stelle.

Öffnung der Werke für verschiedene Blickwinkel

Die Aufführungspraxis nachgetanzter Choreografien der Forsythe Company war, im Zusammenhang mit den Übersetzungen von Tanztexten, Thema von Tagebucheinträgen vor genau zehn Jahren. So sah ich eine Aufzeichnung des Balletts der Semperoper Dresden und war, wegen der Optik, etwas befremdet. Das tanztechnische Vokabular, aus dem diese Wiederholung zusammengesetzt war, erschien mir im Vergleich zur Tanzsprache, die dem Frankfurter Ensemble innewohnte, nicht ausreichend, den Geist des Werkes originalgetreu wiederzuspiegeln. Dennoch begrüßte ich das Experiment.

Gestern beschäftigte mich, dass ein niederländischer Verlag die Übersetzung eines Gedichts der schwarzen Autorin Amanda Gorman zurückzog, weil sich eine Modekolumnistin kritisch äußerte, dass der Text von einer Weißen übertragen wurde. Die literarische Qualität spielt also nicht die entscheidende Rolle, sondern die ethnische Herkunft und die Angst vor der verbalen Gewalt des Internets. Wieder bin ich befremdet. Diesmal aus anderer Perspektive.

Die Öffnung der Kunstwerke für Interpretationen aus verschiedenen Blickwinkeln, lässt ihre universale Qualität erscheinen. Dazu gehören Übertragungen in andere Sprachen, durch Menschen mit anderen Erfahrungshorizonten. Das bereichert kulturelles Leben.

Vergnügen

Das Eintauchen in die Malerei auf den Drittelformaten einer Buchseite, kann zum reinen Vergnügen werden. Es entsteht, wenn die Farbbeziehungen die Oberhand gewinnen. Dann verschwindet die Zeit im Zusammenspiel von Blick, Bewegung und Einfall.

Bevor ich mich an den Zeichentisch setzte, hantierte ich mit den Dingen im Gärtchen: Werkzeugräumen, frisches Wasser und Futter für die Vögel und etwas Baumschnitt. Dabei meint es die Vorfrühlingssonne gut und lockt mich zu verharren.

Auf der Suche nach dem abwesenden Gegenstand in der Architekturnische von Mandu, verdichtete ich die Sequenz auf Rolle 9. Innerhalb des sich schließenden Tuschegesträuchs, fallen die Flächen ins Auge, die frei geblieben sind. Sie werden in der nächsten Runde, beim Aufrollen des Transparentpapiers, extrahiert und einzeln zueinander in Beziehung gesetzt. Die neu entstehenden Gruppen sind das Fundament oder der Ausgangspunkt für eine sich anschließende neue Sequenz. Die Kontinuität dieser Vorgänge, ist eine Voraussetzung für das Gelingen des Experiments, dessen Zwischenergebnisse sich mit neuen Umrisszeichnungen auf dem nächsten Relief wieder finden können.

Gewalt, niederschwellig

Meine Hinwendung zu den tibetisch-buddhistischen Wandmalereien in Ladakh, fließt in meine Arbeit ein. Die Zitate von den Tempelwänden, innerhalb meines Väterprojektes, könnten als kulturelle Aneignung verstanden und ausgelöscht werden, würden sie in die Öffentlichkeit gelangen.

Tief in meiner Erinnerung verwurzelt, sind die Dokumentarfilme über die Nazizeit in Deutschland. Feuer spielt eine große Rolle: Reichstagsbrand, brennende Synagogen, Krematorien, Fackelzüge und Bücherscheiterhaufen. Die niederschwellige Bereitschaft, Gewalt auszuüben, Theatervorstellungen zu stören, Menschen zu verprügeln und zu erniedrigen, ist ein Fingerzeig in die Gegenwart der Cancel Culture. Es werden keine Argumente ausgetauscht, es wird verbal oder handgreiflich zugeschlagen. Buddhareliefs werden gesprengt, Palmyra zerstört, Denkmäler geschleift, die nicht ins Raster passen, Autoren diffamiert und Wissenschaft behindert. Zuhören kommt aus der Mode.

Das Verharren in einer Beobachtungsposition, scheint mir für meine Zwecke am produktivsten zu sein. Das habe ich in den letzten zehn Jahren eingeübt. – Aber jetzt zurück zu Rolle 9 und dem abwesenden Gegenstand in der Nische eines Gebäudes in Mandu. Die Federzeichnung in den heutigen Collagen, ist der Beginn der Überlagerungssequenz, aus der das fehlende Element hervorgehen soll.

Verminte Pufferzone

Rückschau auf den 26.02. vor zehn Jahren. Die Stichworte waren: Counterpoint Tool, Elfriede Jelinek, Rolle 5 und Synaptische Kartierungen. Ich übertrug die Farbstrukturen einer Buchmalerei dieses Tages, auf das zweite Format der heutigen drei Bilder. Die Gravitationsschwünge der ersten Malerei von heute, treffen auf diesen Handballenabdruck. Sie bleiben aber voneinander abgegrenzt und nehmen sich kein Recht heraus, sich zu überlagern. Es entstand eine Demarkationslinie, mit einer verminten Pufferzone.

Die Strukturen, die ich vor zehn Jahren gefunden habe, sind mir noch nahe genug, dass ich heute mit ihnen weiterarbeiten kann. Es ist auch möglich, alte Fäden wieder aufzunehmen, um sie weiter zu spinnen. Das möchte ich heute mit dem Thema der Abwesenheit auf Rolle 9 tun.

Gestern fotografierte ich die geflochtenen Weidenruten der Bäume vor dem Atelier. Die Linien werden erst deutlicher, wenn ich ruhige Flächen aus grauer Pappe dazwischen stelle. Die große Mauereidechse, die im Atelier auf dem Gesims überwintert, lag in den letzten Tagen auf einer Schieferschindel, die ich ihr in das Sammelsurium im Gärtchen gelegt hatte, in dem sich allerlei Getier aufhält. Die jüngeren Exemplare, die die kalte Jahreszeit tief in den Erdlöchern überstehen, kommen erst später hervor.

Skulpturale Umsetzungen

Die öffentliche Gesprächsrunde mit der Kulturdezernentin, einer Schriftstellerin, einer Regisseurin und mit mir, entpuppte sich als eine dichte Veranstaltung. Die Beiträge bezogen sich aufeinander, es gab einen gewissen Zusammenhalt in den Themen, der aber auch der Moderation geschuldet war. Ich habe mich wohl gefühlt.  https://youtu.be/1ji5ZL14dhA

In die zweite und dritte Buchmalerei von heute, habe ich einen Handballenabdruck eingesetzt, der von einer Malerei stammt, die genau zehn Jahre alt ist. Der Vorgang schafft eine Energie, die für die Hervorbringung der Welten hinter den Zeichen und Strukturen, notwendig ist. So ist der Gang der Figur gemeint, aus deren durchscheinenden Silhouette Volumina heraustreten, die ihren Gang markieren. Diese Umwandlung von Bewegung in feste Form, erinnert an ein Tool bei SYNCRONUS OBJECTS der Forsythe Company.

Auf Rolle 9 arbeitete ich mit weiteren Umrissen, die ich anfüllte. Die umgekehrte Arbeitsweise des Gangs der durchscheinenden Figur, wie oben beschrieben, füllt diese bis zum Bersten an. Das drängt nach skulpturalen Umsetzungen.

Raum mit abgelebtem Material

Den Umriss vom 16.02. 2010, den ich gestern auf das Relief zeichnete und den vom 26.02. 2010, übertrug ich gestern auf Rolle 9. In der üblichen Verfahrensweise, füllte ich sie mit den vorausgegangenen Strukturen. Ich weiß nicht, wonach ich suche, machte das aus reinem Vergnügen, entspanne mich dabei. Irgendwann entsteht etwas, wie eine abstrakte Schrift.

Am Morgen sah ich mich selbst als ein Umriss in der Landschaft. Beim Gehen klappten aus meiner durchscheinenden Silhouette, immer neue Formen aus meinem abgelebten Material auf den Weg. Eine Raumumschreibung entstand aus der vorausgegangenen…

In die Buchmalereien von heute, fügte ich die umschreibende Arabeske der doppelten Abwesenheit ein, die mich schon gestern beschäftigte. Das machte ich per Handballenabdruck. Bei diesem Arbeitsschritt wird das, was ich vor zehn Jahren zeichnete, durchlässiger. Es gesellen sich die Schraffuren der Handlinien hinzu. Die Papiergravuren, die ich damals mit einer hölzernen afrikanischen Haarnadel unter die Zeichnung grub, beziehen sich auf die Handschrift von Kleist. Nach der Übertragung dieser Zwischenergebnisse der Buchmalereien auf Rolle 9, finde ich vielleicht den Gegenstand, der in der Nische aufbewahrt wurde.

Umtanzte Abwesenheit

Nachdem mir am Morgen die Flucht in den Jazzraum von 1959 gelang, steuerte ich weiter in mein Tagebuch vom 22.02. 2011. Dort ging es um eine Mauernische in Mandu, deren geschwungene architektonische Form einen Gegenstand rahmen und beherbergen sollte, der allerdings weg war. Um ein Prinzip der Beschreibung von etwas Abwesendem fortzuführen, wie ich es von Bill Forsythe gelernt hatte, fertigte ich eine Zeichnung an, die die Eckpunkte der Nische „umtanzte“. Die Frage nach dem fehlenden Gegenstand, einer Heiligenfigur oder einem Gewürzmörser, sollte durch die Zeichnung gestellt werden. Die Antwort kann nur eine Überlagerungssequenz bieten, deren Liniengesträuch entsprechende gegenständliche Angebote macht. Dort entpuppt sich erste der Sinn der Zeichnung.

Auch die Folgen der Kulturaneignung durch das Wanderungsspurenprojekt, führten in ein Liniengeflecht, das ich Kraftfeld nannte. Seine Entwicklung ist auf Rolle 4 deutlich verfolgbar.

Gestern arbeitete ich am Relief weiter. Die Übertragung der Umrisszeichnung einer Buchmalerei vom 16.02. 2010, auf die Splitter des großen Doppelportraits der Väter, entspringt einer Intuition. Ihre Belebung setzt sich durch die Binnenzeichnungen der Scherben in Gang, die sie umgeben werden.

So verändere ich die Welt

Als mir die Sonne im Garten den Rücken wärmte, bog ich einen kleinen Weidenzweig zu einem Ring. Dabei sagte ich zu mir: „So verändere ich die Welt“. Mit genügend Abstand, schaue ich auf meinen Rücken, sehe am Handgelenk die Gartenschere an ihrer Schlinge baumeln, wie ich mich zu den unteren Enden der trockenen Blumenstängel des vergangenen Jahres beuge, um sie zu kappen. Grüne neue Triebe scheinen von der Erde auf durch meinen Thorax. Ich zerkleinere das Material, damit ich es als weitere Schicht auf den Beton streuen kann, der sonst im Sommer von der Sonne aufgeheizt würde. Bei mir aber wachsen die Bäume, die mir ein anderes Klima schaffen.

Die Buchmalereien haben sich wieder zurückentwickelt: Gravitationsschwünge, Verwischungen, Kulissenarchitektur und Handballenabdrücke. Alles wie immer! Und doch entwickeln sich in den alten Strukturen wieder kleine Neuigkeiten. So beispielsweise das Ineinanderspielen der Abdrücke und der gewischten Spuren, das es vorher noch nicht so gab.

Zwischen Glashütten und Schlossborn haben wir einen Hügel erstiegen, dessen Anhöhe uns sonst den Blick begrenzte. Oben angekommen, trauten wir unseren Augen nicht, weil sich die Landschaft überraschend schön fortsetzte. Dies entsprach sehr genau meinem Wunsch, den ich einen Tag zuvor schon hegte. Ich wollte, nach unseren kleinen Kreisen der letzten Monate, wieder weite Landschaften sehen, die abwechslungsreich schwingen und aus Feldrainen, Wiesenhügeln und Waldbergen bestehen.

Morgensonne

Manchmal lenkt mich die schöne Morgensonne, die durch meinen Wintergarten scheint, etwas ab. Eigentlich geht es mir mehr um das Leuchten der Buchmalereien. Sie fordern die ganze Konzentration und manchmal noch etwas mehr. Zur Unterstützung schaltete ich mir die Goldbergvariationen an, die ich 2007, zwei Monate lang, jeden Morgen in Wien hörte. Das kann ich mitsingen, und nichts lenkt ab, im Gegenteil, es hilft, mich zu fokussieren. Der Rhythmus aktiviert.

Die Malereien, die ich in Wien gemacht habe, sind fein und vorsichtig angefertigt, vielleicht nicht so kraftvoll, wie zu anderen Zeiten. Immer bin ich auf der Suche nach weiteren Motiven für das Relief. Die Transparentpapierrolle aus diesen Monaten, ist sicherlich vorzuziehen.

Eine weitere Zeichnung begann ich auf das Relief zu übertragen. Das geht fast schon routiniert, wenig emotional und unspektakulär. Einzig Rolle 9 fordert derzeit eine andere Unbedingtheit. Sie reizt mich auch mehr als die Fertigstellung des zweiten großen Reliefs. Die beiden Arbeitsstränge sollten mehr voneinander profitieren.

Preußische Arabesken

Am 18.02. 2011 spielten preußische Arabesken in meinen Aufzeichnungen eine Rolle. Das hing mit der Handschrift von Kleist zusammen, die ich irgendwann, als wir Schillerfragmente besichtigten, in Marbach gesehen hatte. Eine Schrift, die ins Unauflösliche führt und deren Linienführung damals in den Buchmalereien auftauchte.

Ich zweifle an der Praktikabilität der Verwendung von Überlagerungen derzeitiger Buchmalereien mit älteren Figurengruppen, auf dem nächsten Relief. Die vielen Schichten laufen Gefahr, sich gegenseitig auszulöschen. Das ist ja im Prinzip nicht schlecht, gehört aber auf Rolle 9. Die Umrisse von 3 Figuren aus 02_13_2010_001 übertrug ich auf einen Transparentpapierbogen, legte ihn auf das Pappmache und sah gleich, dass es funktioniert. Auf der Rolle dann, überlagerte ich die Zeichnung mit den vorangegangenen Strukturen, was an dieser Stelle auch richtig war.

Die Figuren sind Teil einer Malerei, die ich damals in den Sunderbans, dem großen Delta südlich von Kolkata, gemacht habe. Dort lief ich einen Handprint auf einem versalzenen Feld, in einer Landschaft in der man uns vor Tigern warnte, die man zwar nie zu Gesicht bekam, die einem aber gefährlich werden konnten.

Nicht wahrnehmbare Strukturen

Ich habe mir eine zehn Jahre alte Tagebucheintragung hergenommen, um zu schauen, was ich damals gemacht habe. Ich arbeitete in der Zeit mit der Seite „Syncronus Objects“, die Ballettvisualisierungen zum Inhalt hatte. Die konstruktiven Linien schoben sich fremd, wie unbekannte Dimensionen durch meine Überlagerungssequenzen. Am Morgen gingen mir die Durchdringungen der Volumina unserer Welt, durch fremde, nicht mess- und wahrnehmbare Strukturen durch den Kopf. Ich dachte mir, mich dem in den Buchmalereien zu nähern. Beim Anschauen der Malereien vom 17.02. 20211, wird mir aber klar, dass ich dem sowieso schon die ganze Zeit auf der Spur bin.

Gestern zeichnete ich den Umriss von 02_15_2021_002, also von einer Buchmalerei, die zwei Tage alt ist, auf Rolle 9. Dann begann ich ihn mit den spannenden Linien der vorausgegangenen Sequenzen zu füllen. Das führe ich nun im Zusammenhang mit menschlichen Figurumrissen, die etwa 12 Jahre alt sind, weiter. Ich will sehen, ob dies das Material für die Gestaltung des nächsten Reliefs wird.

Heute vor zehn Jahren hatte ich Besuch von Simon Stephens im Atelier. Er schaute sich Zwischenergebnisse vom „Kraftfeld“ an und Transparentpapiere. Er hatte damals viel Freundlichkeit und Bewunderung dafür übrig. Am Abend sahen wir einen Monolog von ihm, den Lilly Sykes in einer Übersetzung von B. eingerichtet hatte. Danach eine rauschende Premierenfeier.

Neu einfinden

Die „Franz-Kopf-Sequenz“, die ich gestern fertig zeichnete, hängte ich an eines meiner Regalbretter. Die verschlungenen Linien auf dem Transparentpapierstreifen, verflechten sich hinter meinen Augen, mit der Flugbahn von Voyager 2. Einen Dokumentarfilm zu dieser Nasa-Unternehmung sah ich gestern. Sie kommt meiner Vorstellung von einem umfassenden Kunstwerk sehr nahe. Die wissenschaftliche Neugier bei der Suche nach Unbekanntem, die beglückende Begeisterung der teilnehmenden Menschen, die in den Interviews eher die Ausstrahlung erleuchteter Jünger haben, inspiriert mich sehr.

Meine Buchmalereien steuern, seit einigen Tagen, eher in den freien Raum. Sie kommen mir wie Zellkonglomerate vor, die sich zu neuen Lebensformen ballen, sich teilen und wieder neue Strukturen bilden. Diese Arbeitsweise schiebt sich vor die Idee, mit den Fingerabdrücken serielle Sequenzen herzustellen, die dann Eingang in die Reliefgestaltung finden.

Durch die Beschäftigung mit dem Kooperationsprojekt, bin ich in den letzten Tagen nicht mehr an die Reliefarbeit herangekommen. Ich hoffe, dass das eine erneuernde Auswirkung hat. Aber ich bin weit weg, muss mich erst wieder neu einfinden.

Gleichgewicht

Sonntags flanierte ich im sonnensatten Atelier. Brad Mehldau führte mich von der Rückseite an die Partiten von Bach heran. Es war, als verstünde er mein Suchen und nähme mich mit seinem Klavierspiel an die Hand. Auf einem Stuhl vor der Tür, der mit seiner schwingenden Holzlehne in einem Wärmewinkel zur Sonne ausgerichtet steht, las ich über Architektur und Tanz. Im Zusammenklang mit den Buchmalereien, die jetzt keinem Zweck mehr dienen, spüre ich das Gleichgewicht, dem nichts hinzufügbar ist, weil es den Moment als vollkommen hinterlässt.

Auf dem Zeichentisch liegt die Kopfsequenz, die aus einer Zeichnung vom Franz entstanden ist – die „Franz-Kopf-Sequenz“. Ich habe es geschafft, sie zu einem Stück von mir zu machen. Das ist für mich der entscheidende Schritt zur Weiterführung der Zusammenarbeit. Die Behauptung des eigenen Vorgehens mit der Aufnahme von fremden Linien, schuf erst die Möglichkeit, mich intensiver darauf einzulassen.

Die Entwicklung der Buchmalereien, scheint sie gerade von der Priorität ihrer Wiederverwendung zu befreien. Es entstehen abstrakte Figuren, die sich selbst genügen, sich beginnen, miteinander zu verbinden und nicht nur dafür gemacht sind, um auf Rolle 9 weiter verarbeitet zu werden.

Umrisse von Franz

Kalte Morgensonne. Die Temperatur ermüdet mich, das Licht macht munter – hin und her. Gestern kümmerte ich mich um die Kooperation mit Franz. Von einer seiner Zeichnungen übertrug ich einen Auszug auf einen Streifen Transparentpapier, den ich zuvor mit einer Schicht Schellack eingerollt hatte. Das funktioniert, indem ich etwas von dem Lackmaterial auf den Anfang der Rolle tropfe und sie dann zusammenrolle. Eine gleichmäßige Schicht entsteht, überlagert sich in einem Bereich und lässt das Papier dort durchlässiger erscheinen. Dann zeichnete ich Umrisse von der Pappe durch und überlagerte die Linien durch Zusammenrollen des Streifens und dem Durchzeichnen der durchscheinenden Linien.

So ist die Beschäftigung mit den Fingerkuppenabdrücken noch nicht begonnen worden. Nur innerhalb der Collagen probiere ich die ersten Kombinationen. Aber innerhalb der Bücher bin ich ganz bei ihnen, gehe ganz nah heran, um mit feinen Linien zu umreißen, worum es mir geht.

Vinzenz hat Nachtfotografien von Bäumen geschickt. Manche Verfremdung erscheint in vorsichtiger Weise. Das ist umso besser, als ja alle Möglichkeiten dieser entgrenzten Beschäftigung, die sich immer noch Kunst nennt, täglich begehbar wären.

Fingerprints

Jessy Norman trägt traditionelle schwarze Songs vor. Von ihnen hörte ich einige am Vormittag. Der Abstand zwischen der Kunststimme und den christlich afrikanischen Musiküberlagerungen, hält mich dabei in einer ungewissen Schwebe. Es folgte dann doch wieder der düstere Miles Davis aus den Sechzigerjahren.

Und in den Buchmalereien landete ich wieder bei den Fingerkuppenabdrücken. Manchmal steckt in diesen kleinen Kompositionen ein Kosmos, den ich vergrößern will und auf Rolle 9 durch Überlagerungssequenzen weiteres, serielles Bildmaterial entwickeln möchte.

Gestern stellte ich das Relief fertig, an dem ich seit Jahresbeginn gearbeitet hatte. Wenn ich jetzt die beiden letzten zusammengehörenden Formate auf der Staffelei nebeneinander stelle, ist von der ganzen Anstrengung, die die Fertigstellung gekostet hat, nichts zu sehen. Alles sieht leicht und eher verspielt aus, wie jetzt die „Fingerprints“, die Kinderbuchillustrationen sein könnten.

ZOOM

YUO&EYE – Zoomkonferenz. Allgemein interessieren mich die Einlassungen der kreativen Menschen aus den verschiedenen Gewerken. Ich denke sogar, dass bei einer solchen Gelegenheit etwas entstehen sollte, das dem Kreis der Teilnehmer entspricht, dass also etwas bildhaftes entsteht. Deutlich wird in diesem direkten Videogegenüber, wer auf den Vorgang eines solchen Treffens neugierig ist. Fehlender Neugier spreche ich fast immer Kunstfähigkeit ab. Wir haben festgestellt, dass es nichts nützt, den Kopf einzuziehen, um zu warten, bis die Pandemie vorüber ist. Wir machen aus dieser Situation etwas Neues.

Mit meinen Fingerkuppenbildern probiere ich auch etwas Neues aus. Das führt mich in eine andere Gegend meiner Produktionslandschaft. Es ist, als würde ich mit meinem GPS in einen Stadtteil vorstoßen, in dem ich vorher noch nicht war. Mit den Tänzerinnen, die bei YOU&EYE mitmachen könnte ich diese Räume ausweiten. Es wäre schön mit Gleichgesinnten eine Strecke zu gehen, um dort Fundsachen zu installieren und zu fotografieren.

Weiter dachte ich gestern über das serielle Potential der Fingerkuppenabdrücke nach. Wenn sich das zunächst in den werktäglichen Collagen niederschlägt, dauert es nicht lange, dass es sich auch auf den Transparentpapierrollen ereignet, die ja der eigentliche Spielgrund dieser Arbeitsweise sind.

Serielle Charakterköpfe

Gerade löste ich das neue Relief aus der Form. Spontan hatte ich die Idee, das ganze erst mal mit Schellack abzusperren. Dann kann die Grundierung nicht, wie beim letzten Mal, die empfindliche Oberfläche anlösen. Das probierte ich jetzt an einer Stelle und bis jetzt macht es die Fläche schön hart. Diesmal habe ich mir auch mit dem Abformen mehr Mühe gegeben. Die Masse ließ ich eher etwas trocken und drückte sie kleinteilig mit mehr Kraft in die Form. Dann härtete das Material auch völlig aus, bevor ich es aus der Form nahm.

Noch einmal kamen die Fingerabdrücke mit den Linien der ersten Malerei des Morgens zu Einsatz. So entstehen einzelne Charakterköpfe. Ich kann sie auch eher vereinzelt nutzen, ausschneiden und neu einfügen. Das Serielle des Vorgangs, lässt sich mehr nutzen, in den Vordergrund stellen.

Auf dem Relief verschwand dieselbe schwebende Figur, wie auf Rolle 9. Das kommt daher, dass alle umschlossenen Flächen, die auf Splitter stoßen, dunkel eingefärbt werden. So verschwinden Konturen, auf die es mir vor 21 Jahren, als die Buchmalerei mit der Figur entstand, ankam. Ist aber zu akzeptieren.

Zeigefingerkuppe

Auf meinem Weg ins Atelier treffe ich Menschen, die ich aus verschiedenen Zusammenhängen kenne. Eine Bankerin, die ich in einer Bürgerinitiative kennen gelernt habe, erzählte mir, sichtlich mitgenommen, aber immer noch lächelnd, von ihrer todkranken Mutter. Wally, vom Eiscafe, rückt ihre großen Oleander, die ihr Mann, der vor einigen Jahren starb, aus Italien mitgebracht hatte, weiter nach hinten, in die geschützte Terrasse. Der Ostwind verschärft die Minusgrade.

Am Morgen füllte ich das Vogelfutter nach, und versuchte wieder, eine Tränke zu installieren, die von einem Grablicht eisfrei gehalten wird. Dafür benötige ich noch ein stabiles Gerüst, auf dem die Wasserschale steht und genügend Luft für die Flamme bereit hält. In meinem Sammelsurium werde ich etwas finden.

Durch ein Unwohlsein am Wochenende, wegen dem ich einen Großteil der Zeit im Bett verbrachte, hat mich aus meiner gleichförmigen Konzentration gerissen. Und heute sind Malereien entstanden, die mit den Abdrücken meiner rechten Zeigefingerkuppe zutun haben. Kreisfragmente, aus Linien und Farbverläufen, reihen sich aneinander. Mich interessieren dann ihre Umrisse, die ich nachziehe. Ihre Weiterverarbeitung ist das nächste Thema.

Durchblicke

Mit der Arbeit am aktuellen Relief wollte ich schon fast fertig sein. Aber gestern flocht ich bei Sonnenschein lieber die Weidenruten an den Bäumen zu Ringen, befreite sie von Einschnürungen des vergangenen Jahres und reinigte die Vogelfutterstelle.

Die gegenwärtigen Buchmalereien gingen mir am Morgen, in Bezug auf die Gestaltung des nächsten Reliefs, durch den Kopf. Wie können sie mit den Figuren aus den älteren Tagebüchern eine Verbindung eingehen? Wie die Ebenen des gezeichneten Gesträuchs von 1977, möchte ich sie hintereinander staffeln, um die Zeiträume zwischen ihrer Entstehung, sichtbar werden zu lassen. Zunächst probiere ich das wieder auf Rolle 9. Dort funktioniert es leichter. Auf dem nächsten Relief ist es noch schwer vorstellbar. Deswegen werde ich es probieren.

Ich habe, seit langer Zeit, wieder den Aquarellkasten aufgeklappt. Mit feinen Pinselhaaren male ich Umrisse von vagen Flächen. Das ist schon eine Vorbereitung für die Collagen. So lassen sich die umgebenden Areale besser ausschneiden, damit sie den Blick freigeben können, auf die Linien von gestern und den Tagen zuvor.

Überlagerungen und Verschaltungen

Gleichmäßig und selbstverständlich vertiefe ich mich in die Vorgänge der bildlichen Erinnerungen, in die Wiederholung von früher gezeichneten Linien. Sie sind die Wege auf der Suche nach dem, was jetzt geschieht. Das verfolge ich auf Rolle 9 weiter und versuche mich mit den überlagernden Linien, in neue Räume zu bewegen. So lange dabei kein Widerwillen entsteht, scheint das ewig gehen zu können.

Das gilt für die Transparentpapierrollen, aber nicht eindeutig oder nur abgewandelt für die Buchmalereien. Zwar experimentierte ich mit Übertragungen von Linienfragmenten, von älteren Malereien, per Handballenabdruck, auf die neuen Tagebuchseiten, bin aber dort vielmehr auf Neuerfindungen angewiesen. Auf den Rollen entstehen sie durch Überlagerungen, in den Buchmalereien durch Verschaltungen im Hirn.

Immer wieder erinnere ich einen Besuch 1977 bei einem Künstler in Gotha, der Streubel hieß. Das Gesträuch, das ich auf seinen Vorschlag hin zeichnete, hat bei vielen folgenden Bildfindungen eine Rolle gespielt. Der Vorgang des Erfassens vieler Ebenen und Räume und das von vorne bis hinten Durchzeichnen dieses Erkennens, wurde eine grundlegende Herangehensweise. Jetzt findet es sich bei den Überlagerungen wieder.

Fragmentierendes Zusammenspiel

Die visuell verarbeitete Erinnerung spielt im Arbeitstagebuch eine zunehmend wichtige Rolle. Die Umrisszeichnung einer Buchmalerei vom 24.02. 2010 zeigt eine kistenartige Konstruktion, aus der eine Pflanze wächst. Daneben steht ein ungleiches Paar aus einer Frauenfigur und einem Raubkatzenmenschen. Es ist nicht ganz klar, ob die Umarmung der beiden eine Gewaltszene ist. Gemalt habe ich sie nach der Ankunft in Bhopal. Auf Rolle 9 geht sie nun ein fragmentierendes Zusammenspiel mit den dunklen Bögen von Franz ein, die ich von einer seiner Pappen auf das Transparentpapier übertragen habe.

Dann begann ich die aktuellen Reliefsplitter einzudunkeln. Innerhalb der Figurenumrisse lege ich kompakte schwarze Tuscheflächen an, die von den hellen Vertiefungen der Brüche und den Figurenumrandungen begrenzt sind. Außerhalb bekommen die Splitter Ornamentüberzüge. Gestern probierte ich auch florale Muster, inspiriert durch das Textildekor der Wandmalereien aus den Klöstern in Ladakh.

Weil ich damit weit gekommen bin, denke ich nun schon an die Ausformung des nächsten Reliefs. Parallel dazu werden die Umrissfiguren dafür auf Rolle 9 erarbeitet. Die Collagen aus dem Werktagebuch erfüllen die Anforderung, aktuelle Buchmalereien mit älteren zu verbinden. Das wird der nächste Schritt sein, mit dem ich das folgende Relief gestalten will.

Heiligtümer | Sound | Experimentierfeld

Die Übertragung der letzten drei Motive auf die weiße, strukturierte Fläche des aktuellen Reliefs, dauerte gestern länger. Ich probierte Varianten, zögerte, schob die Transparentpapierbögen mit den Umrisszeichnungen hin und her. Weil zum Schluss nichts passen wollte, ging ich noch einmal in das Jahr 2010 und fand dort ein architektonisches Fragment mit Fahne. Es mutet an, wie eines der kleinen Heiligtümer an Bäumen an, wo die zerbrochenen Figuren der reichen Götterwelt abgelegt werden, weil man sie nicht wegwerfen darf. Sie sind überall zu finden, auf Flussinseln, an den Rändern der Landstraßen oder mitten in der Enge von Großstädten. Immer sind etwas Erde und Blumen dabei. Dadurch entstehen Orte der Zwiesprache, denen man etwas anvertrauen kann, ein paar Worte, etwas Reis, Blüten oder Pigment.

Zwischen den Bilddateien der indischen Fotos, sind ein paar Videoschnipsel verstreut, mit der Soundlandschaft, die reichere Erinnerungen initiiert: Trommeln, Generatoren, Geschrei, Musik, Vogelstimmen, Gebete und Autohupen.

Am Morgen dachte ich, dass es für das nächste Relief notwendig wird, die aktuellen Buchmalereistrukturen mit den älteren zu verbinden. Franz, der mich gestern besuchte, zeigte ich, was ich mit seinen Linien auf meiner Rolle 9 gemacht habe. Sie ist mein Experimentierfeld.

Struktur und Strafe

Gestern sah ich mir Fotografien der Indienreise von 2010 an und las die Tagebuchaufzeichnungen aus derselben Zeit. Außerdem glich ich die Buchmalereien mit dem Erlebten ab. Ihre Figuren spiegeln, mehr als die fotografierte Umgebung wider, mit welchen Gefühlen ich dieser Welt begegnete. Es war unsere zweite Indienreise, voll gepackt mit Besichtigungen und Ortswechseln. Die Umrisszeichnungen, die ich derzeit für die Reliefs verwende, stammen auch von den Malereien aus diesen Tagen.

Die Regelmäßigkeit der Arbeitstage hilft gut durch die Zeit, in der andere Strukturen zu zerfließen scheinen. Die Gelegenheit zur Konzentration steht dem Verzicht auf das Gegenteil, der Zerstreuung gegenüber. Dabei tritt die Frage auf, wie viel Zerstreuung ich für mein Gleichgewicht wirklich benötige. Die Zurückgeworfenheit auf sich selbst paart sich mit äußerer Ereignislosigkeit. Wenn das zu Produktivität führt, bleibt es für mich eine schöne Zeit.

Am Morgen saß die Maus. Die seit Tagen meine Zeichnungen frisst, in der Falle. Ich brachte sie sofort zum Gustavsburgplatz, hinter den Bahndamm, damit sie nicht gleich wieder erscheint. Dort aber wurde sie sofort von zwei Krähen entdeckt, die sie zum Frühstück verspeisten. So hart sollte die Strafe nicht ausfallen!

Verschwinden | Vergrößern | Verlassen

Gestern beschäftigte ich mich mit den Umrissen der Buchmalereien vom Februar 2010, die ich für die Reliefgestaltung ausgesucht hatte. Die dunklen Flächen der dicken Tuschelinien treten nur durch Umrisse auf. Somit entstehen Verfremdungen der Kompositionen, die auch die Gegenstände und Figuren verschwinden lassen. Ich frage mich nun, ob ich das so stehen lassen soll, oder die Flächen durch leichte Tuschelasuren hervorheben soll, um erkennbare Figurengruppen zu zeigen?

Am Morgen dachte ich an die Mäntel der Reiter und an die Gewänder der Frauenfiguren an den Wänden der Tempelräume von Alchi. In den Rankenmedallions gibt es Bogenschützen auf Pferden, Elefanten und andere mannigfaltige Szenen. Die etwas mitgenommenen Malereien ließen sich auf Transparentpapier übertragen, vergrößern und vervollständigen, weiter vergrößern, verändern und weiter vergrößern, bis ich zu meinen eigenen Figuren komme.

Aber zunächst geht es darum, die Umrisse auf dem Relief zu verteilen. Die Gleichmäßigkeit, mit der ich das auf den vorangegangenen Exemplaren gemacht habe, würde ich gerne, zugunsten von mehr Spannung, verlassen. Es wäre auch möglich, manche Umrisse vorsichtig zu überlagern…

Wanderungen

Drei Buchmalereiumrisse vom 21. und 22. 2. 2010 übertrug ich gestern auf einzelne Transparentpapierbögen. Bevor ich sie in Rolle 9 einfüge, will ich, durch mehrfaches Durchzeichnen, Reduktionen erreichen, die sich auf die Erkennbarkeit durch klarere Formen vor den Reliefsplittern auswirken sollen. Die sich häufenden Zeichnungen kann ich auch für das Kooperationsprojekt mit Franz nutzen.

Auf Grund der Beschäftigung mit dem Wanderungsthema, meinem Engagement für Teves West und meiner Zusammenarbeit mit Kindern, bin ich zu einem Podiumsgespräch eingeladen worden. Aus diesem Anlass gehen mir die Wandmalereien der Klöster in Ladakh, hinsichtlich der mannigfaltigen Einflüsse, durch den Kopf.

Auch das derzeitige Väterprojekt speist sich aus dem Zusammenwirken dieser unterschiedlichen Kulturen und den so ausgeprägten Stilen. Aber auch die Handwerkerwanderung meines Großvaters Oscar Fitzner, während der er in Berlin meinen Vater zeugte, um dann nie mehr gesehen zu werden, spielt eine wesentliche Rolle. Das Modell des Breslauer Domes, 2,30 m x 1,18 m x 1,75 m, das er gemeinsam mit seinem Bruder auf einem Wagen, der mit Ladung 400 Kilo wog, hinter sich her durch Europa zog, wies die beiden Wanderer als Kunsttischler aus.

Auswahlkriterien

Rückblick auf die Malereien und Eintragungen vor zehn Jahren. Ich traf auf das Stichwort „Preußische Arabeske“ und auf das „Kraftfeld Frankfurt“. Die Buchmalereien waren sehr dicht und völlig gegenstandslos, ganz im Gegenteil zu denen von einem Jahr vorher, in Indien. Die Suche nach solchen Figurationen, die ich nun in die Reliefgestaltung mit einbeziehen kann, stockt vor diesem Materialberg. Gestern probierte ich Umrisse aus der dritten Malerei vom 1.2. 2010, indem ich sie auf ein einzelnes Transparentpapier zeichnete. Auch nicht zufrieden stellend.

Mit dem anderen Umriss, der aus der Zeichnung von Franz kommt, bin ich nun weitergekommen. Die Ergebnisse habe ich in die heutigen Tagwerkcollagen eingefügt. Sie überlagern sich mit meinen Buchmalereien. Durch die ablenkungsfreie Zeit, kann ich morgens direkt an die Arbeit vom Vortag anknüpfen. Die konzentrierte Produktion scheint sich immer noch zu halten.

Das neue Relief ist nun grundiert. Mit der Auswahl von neuen Motiven für seine Bearbeitung, habe ich etwas spät begonnen, oder bin mit den Ergebnissen einfach noch nicht zufrieden. Bei den Überlagerungen der gegenwärtigen Produktion mit der von vor über zehn Jahren, komme ich auch etwas durcheinander. Ich muss Auswahlkriterien finden.

Flechten

Den ganzen Winter über flechte ich die Weidenruten, in meinem Gärtchen vor den Atelier, zu zusammengrollten Ringen. Das lässt sich besser mit Zweigen machen, die keine Blätter haben. Außerdem bekomme ich den Eindruck, dass das Holz jetzt biegsamer als im Sommer ist. Die Gewächse haben nun, auch durch das fehlende Laub, einen künstlich – skulpturalen Charakter angenommen.

Mit dem Einflechten der zeichnerischen Arbeit von Franz, in meine Sequenzen auf Rolle 9, habe ich ein aufwändiges Verfahren angewandt. Dennoch fügen sich die Umrisse seiner Linien noch nicht in einer Weise in meine Arbeit ein, wie ich es mir erhofft hatte. Ich werde aber weiterprobieren, bis ich ein gutes Gefühl dazu habe.

Gestern schaute ich intensiver auf die figürlichen Buchmalereien vom Februar 2010. Sie entstanden allesamt in Indien, unter dem Eindruck der starken Kontraste zwischen der Farbigkeit und dem finsteren Elend des Alltags. Die kräftigen schwarzen Pinselstriche werde ich nur als Umrisse, zunächst auf Rolle 9 übertragen, sie dort mit Frottagen der Splitter zusammen bringen, um ihre Eignung für die Reliefbemalung zu prüfen.

Umrissüberlagerungen

Von einem Teil der Zeichnungen, die mir Franz mitgebracht hatte, machte ich einen Umriss mit Feder und Tusche auf Rolle 9. Ihn möchte ich in der bewährten Weise überlagern, mit den gefüllten Buchstaben aber auch mit Verdichtungen, die vorher entstanden sind. Auch in den heutigen Collagen, spielt die Umrisszeichnung eine wichtige Rolle.

Am Wochenende formte ich das Relief mit der Nummer 14 aus. Es ist schon fast trocken, so dass ich es in den nächsten Tagen grundieren kann. Für die folgende Bearbeitung sah ich mir noch mal genau die Wandmalereien von Alchi und Phiyang und ihre ornamentale Hintergrundgestaltung an. Diese Feinheit der Malerei, kann nur auf polierter Grundierung gelingen.

Am Wochenende verlasse ich manchmal, die sich langsam verändernden Gefilde der Buchmalereien und erlaube mir sprunghaftere Entwicklungen. Das geschieht, weil ich diese Arbeiten nicht in die Werktagscollagen einfüge, und sie auch sonst selten weiter verwende. Ich bin dann freier.

Flanieren im Kopf

Gestern ließ ich Rolle 9 liegen und blieb am Relief. Ich kam noch nicht zum Ende, sollte es aber innerhalb von drei weiteren Stunden schaffen. Dann wünsche ich mir ein paar weniger konzentrierte Tage, um etwas auszuruhen. Ein wenig flanieren wäre gut, auch im Kopf. Dennoch reizt mich, die Linien von Franz, bald in meine Transparentpapierarbeit einzubeziehen.

Seit gestern habe ich etwas Obst im Atelier, machte mir am Morgen einen Kaffee. Ein Bestreben die Arbeitsumgebung etwas weniger streng zu gestalten, führt zu kulinarischen Experimenten über das Trinkwasser hinaus…

Manchmal stehe ich von Zeichentisch auf, um die Pflanzen zu gießen, oder den Vögeln ein paar Körner raus zu bringen. Und gerade schaute ich mir Fotos von 2009 an, die ich in Cochi gemacht habe. Reisen durch die Erinnerung. Dort bin ich auf der Bucht der Flussmündung, zwischen den Delfinen, einen Handumriss mit einem Motorboottaxi gefahren. Ich denke an die Restauranttische auf den schönen Stegen, unter denen tote aufgeblähte Hunde trieben. Auf denen saßen pickend die Krähen, die danach auf dem Tisch herumhüpften, um sich in den Zuckerdosen zu bedienen. Es war unsere zweite Reise nach Indien.

HIN und HER

Mit den Stempeln aus dem Heidelberger Theater, druckte ich die Buchstaben der Worte „HIN“ und „HER“ auf ein Blatt, zeichnete die Umrisse in willkürlicher Reihenfolge auf Rolle 9 und stellte mit den Mustern der vorangegangenen Zeichnungen eine Überlagerungssequenz her. Durch das Zusammenspiel der sich wiederholenden Zeichen, den Ornamenten, mit denen ich sie anfüllte und den Schichtungen, entsteht ein Zusammenhang, dessen Untergründigkeit den forschenden Geist beschäftigen kann.

Am Morgen zeigten sich die Zeichnungen von Franz, in ihren Umrissen, in meinem Kopf auf Rolle 9. Im Hin und Her dieser Durchzeichnungen, kann ich sie am vollständigsten in meine Arbeit integrieren. Nur so, wenn seine Zeichen in meinen Zusammenhängen eine Rolle spielen, kann ich mich ganz auf die Kooperation einlassen. Ich erhoffe mir dadurch einen direkten Zugang zu seiner bildnerischen Sprachbewegung.

Bei der Bearbeitung des aktuellen Reliefsegmentes, zeichnet sich, zum Ende der Woche, ein Abschluss ab. Die Veränderung der Art, die Figuren und Architekturen auf diesem Exemplar uneinheitlicher zu komponieren, hat weniger Homogenität, aber mehr Spannung zur Folge.

Nebelwolken | Häfen | Sog

Über der Indigohorizontlinie erschienen lateinische Buchstabenumrisse. Sie schwammen alleine, wie Segelschiffe, die einander beobachten, bildeten keine Worte. Schiffe sind auch die Buchmalereien. Sie tauschen aber Ladung miteinander aus, um dann in die Transparentpapier- oder Collagenhäfen anzusteuern. Ich erinnere mich an einen erdenen Hof hinter einer barocken Fassade in Cochi, dessen Fläche vollständig mit Ingwer bedeckt war.

Die Malereien beginnen am Morgen mit dem Ritual der kreisenden Gravitationsschwünge auf der linken Seite des aufgeschlagenen Buches. Die direkt gezeichneten Schwünge können sofort mit dem feuchten Handballen in die zwei Formate auf der rechten Seite übertragen werden. Wenn sie aber mit der hölzernen Haarnadel in das Papier graviert wurden, benötigen sie eine farbige Schraffur, um sichtbar und übertragbar zu werden. Aus der folgenden Verstärkung einzelner Linien, entstehen neue Figuren. Mit einer Reihe von weiteren Bearbeitungsmöglichkeiten ergeben sich beispielsweise Nebelwolken, die alle Farben transparent miteinender vermischen. Oft zeichne ich dort scharfe Linien hinein.

Die ornamentalen Strukturen, mit denen ich die Splitter der Reliefs fülle, beginnen mich am Abend zu quälen. Dann ist es Zeit, Feierabend zu machen. Aber mir scheint, es entsteht ein optischer Sog.

Neunfach

Weil sich über dem Indigohorizont am Morgen, nach dem Aufwachen, keine neuen Figurenkompositionen auftaten, die Kulissen verwaist standen, ohne Schauspiel, kann ich es nur in den Buchmalereien, Collagen und Transparentpapiersequenzen auf Rolle 9 suchen. Ein Stück aus Farbflecken, Handballenabdrücken, Gravitationsschwüngen, Umrissen und Auflösungen. Der Text verschwindet im Trockeneisnebel, in seinen Schwaden tauchen neue, scharfe Umrisse und Worte auf und es entsteht ein dreifach wiederholtes Gesträuch.

Die dreifache Wiederholung der Federzeichnungen, häufig in den Werktagscollagen, verbinden sich mit den Überlagerungen der vorausgegangenen Arbeiten in dieser Reihe. Dazu kommen die Buchmalereien, die in sich wiederum drei Wiederholungen per Handballenabdruck aufweisen. Neunfaches Schichten, – und dann entsteht das neue Stück zwischen den Kulissenarchitekturen und tritt aus ihnen heraus, um in die nächste Sequenz zu wandern. Dazwischen entstehen auf extra Transparentpapierbögen Umrisszeichnungen, die sich für die Bearbeitung des nächsten Reliefs eignen.

Am Nachmittag brachte ich Franz gestern die Exemplare unserer Zusammenarbeit. Es sind Pappen und Reliefabformungen, die wir gemeinsam bearbeitet haben. Wir bereden die Beweggründe und Vorgehensweisen unserer Bemühungen. Daraus entwickelt sich manches weiter.

Fernweh

Die Gedanken Pasolinis, bei seiner Begegnung mit Indien, die Beschreibung einer Zugfahrt von Kolkata nach Chennai eines anderen Autoren in der aktuellen „Zeit“ und die eigenen, davon in Gang gesetzten Reiseerinnerungen, lösen eine Sehnsucht aus, die man als Fernweh bezeichnen könnte. Dieser Begriff aber, bedeutet für alle etwas anderes. Für die, die ihren Wohnort nie verlassen haben, speist er sich aus den Erzählungen und Bildern der Gegenden, die hinter dem Horizont liegen. Für andere sind es die eigenen Reiseerfahrungen. Pasolini hat durch seine genauen Beobachtungen und die Gedanken, die sich ihnen anschließen, eine das Fernweh besonders befördernde Art zu schreiben.

Seit gestern denke ich über einen Transparentpapierleporello mit Durchzeichnungen nach. Sie bestehen aus Malereiumrissen, Überlagerungsstrukturen, Synaptischen Kartierungen und Textfragmenten. Mal sehen, ob ich, neben meinen anderen Arbeitsgängen, dazukomme, das auszuprobieren.

Durch die anhaltende Konzentration führt die Produktion zu einer ansteigenden Arbeitsgeschwindigkeit und entsprechenden Ergebnissen. Der Gedanke kommt auf, manche Arbeitsbeschreibungen mit den dazugehörenden Bildern zu verbinden. Damit kann ich die Folgen handwerklicher Zufälle, die Assoziationsketten und Bilderfolgen direkt aufeinander beziehen.

Zusammenklang der Strukturen

Der Zusammenklang der Strukturen ist das Thema. Auf der Transparentpapierrolle, in der fortlaufenden, derzeit wichtigsten Form, spielen die variierenden Durchmesser der aufgerollten Spirale des Papiers, eine mehrfach bestimmende Rolle. Die durchgezeichneten Überlagerungen folgen dann in ihrer Auswahl, aber doch letztlich meiner Entscheidung.

In den Buchmalereien entstehen ebenfalls fortlaufende Strukturen. Sie werden, mit dem nassen Handballen vervielfältigt, in verschiedenen Versionen fortgeschrieben. Die Begrenzung auf drei zusammenhängende Bilder eines Tages, verhindert nicht, dass die Abdrücke zwischen den Formaten hin und her wandern. Weil nun öfter Umrisszeichnungen von Buchmalereien auf die Rolle übertragen werden, überlagern sich auch die verschiedenen Arbeitsweisen. Die zusammengefassten, konzentrierten Kompositionen, als Ergebnisse der Sequenzen auf der Rolle, erscheinen nun, und das ist neu, als kleine, fast nebensächliche Zeichnungen auf den Scherben der Reliefs. Dort endet dann die Entwicklung der fortlaufenden Form, verfestigt sich und scheint am Ziel angekommen zu sein.

Gestern folgte ich dann dem Gang meiner morgendlichen Überlegungen, im Atelier. Und sollte ich das heute wiederholen, so müsste sich der dunkle, kompakte Kern der Zeichnung, aller weit ausschweifenden Figurenlinien entledigen und eine Verbindung mit einer weiteren Kulissensequenz eingehen.

3 Schichten

Die Figuren, die gestern als „Vision“ über dem Indigohorizont standen, suchte ich gestern innerhalb der Buchmalereien vom Februar 2007. Ich fand 02_06_2007_002 und lese auf diesen Seiten, dass ich damals auch die Umrisszeichnungen auf die Transparentpapierrolle brachte. Ausgehend von den Zeichnungen und Malereien, die ich in diesen Tagen angefertigt habe, suche ich nun Motive, die ich mit denen von jetzt zusammenbringen kann.

Gestern entstanden in diesem Zusammenhang Fragmentierungen der Kulissensequenz durch die Überlagerung mit einem Umriss der oben genannten Buchmalerei auf Rolle 9. Wenn ich das fortführe, kann ich den Bogen über die Jahre spannen, die zwischen der Entstehung der unterschiedlichen Motive stehen. Im Idealfall steckt dann, in den fragmentierten Formen, das Potential, das sich in der Zwischenzeit entwickelt hat.

Zum Relief bin ich dann nicht mehr gekommen. Aber die jetzt, auf Rolle 9 entstandene Zeichnung, kann dazu führen, dass die Parallelität der Arbeitsschichten, Buchmalereien und Transparentpapierrolle ermöglicht, dass sie sich direkt in der Reliefbemalung überlagern. Es ist, als würde ich auf die Wandmalereien von Alchi zurückgreifen, nur dass es sich, was viel besser ist, um meine eigenen Arbeiten handelt.

Konfrontation

Als der Indigosee am Morgen hinter meinen Augen stieg, flutete er die bildlichen Überlegungen zur Fortsetzung der Kulissensequenz auf Rolle 9. Innerhalb der Buchmalereien aus den Jahren 2006 und 2007 entdecke ich immer wieder Einzelfiguren und ihre Kompositionen in Räumen, die sich für die Verbindung mit den Kulissen eignen würden.

Ich vergleiche die alten mit den neuen Buchmalereien und frage mich, wie sie bezüglich ihrer Qualität zueinander stehen. Die gegenwärtigen Herausforderungen sind eher technisch – struktureller Natur, sind weniger auf Szenen gerichtet, die Geschichten erzählen könnten, als auf rhythmische Musikalität. Aber die Konfrontation beider Herangehensweisen auf der Rolle, erzeugt Spannungen, die zu etwas drittem führen können.

Die ornamentalen Verdichtungen auf dem Relief führen derzeit zu keinen Neuigkeiten. So bleibt mir die Hoffnung, dass eine Erneuerung durch meine sture Kontinuität zustande kommt. Die Erinnerung an die Buchmalereien, die im Kloster Alchi an die Innenwände des Heiligtums gelangt sind, bleibt mir eine stetige Inspiration für meine derzeitige Arbeit an den Reliefs, in Verbindung mit meinen Büchern.

Papiergravuren

Die Bearbeitung der Reliefs gerät immer wieder in Sackgassen. Sie stockt noch nicht, fließt immer weiter bis zu einem Punkt, der zu einem Ende hin tendiert. Die Verdichtung der Ornamentlinien beispielsweise, geht in Richtung eines dichten, strukturierten Schwarz. Bevor ich das zulasse, muss ich bremsen und mir Varianten einfallen lassen, die das verhindern.

In den älteren Buchmalereien habe ich die Papiergravuren wieder entdeckt, die ich mit einer hölzernen, afrikanischen Haarnadel in die Buchseiten grub, bevor diese von farbigen Schraffuren hervorgehoben wurden. Diese Linien gehen mit den Handlinien, die beim Handballenabdruck entstehen eine Verbindung ein. Die ersten Versuche von heute sind so, dass ich das weiter ausprobieren möchte.

Die Texte, die Pasolini bei seiner ersten Begegnung mit Indien schrieb, und in denen ich gestern las, sprechen von den Empfindungen, die ich in derselben Situation hatte. Weil er dies anhand einer Gegend in Mumbai beschreibt, die ich auch öfter durchwandert habe, konnte ich mich in die Atmosphären und in seine Gedanken einfühlen. Aber seine Beobachtungen führen zu weitergehenden Betrachtungen, die mein Erleben noch einmal neu erhellen.

Im Relief

„Im“ Relief arbeitete ich gestern, als zöge ich mich selbst bis in die Tuschestrukturen zurück. Und als würden sich die Linien entfernen, werden sie enger und labyrinthischer. Das führt von den Buchmalereien weg und nähert sich gleichzeitig den Verdichtungen auf Rolle 9. Zwar spielen die Gravitationsschwünge immer noch eine Rolle, aber ansonsten geht es, wegen des Materials und seiner Möglichkeiten, auf anderen zeichnerischen Wegen weiter.

Franz besuchte mich gestern und brachte zwei Zeichnungen auf Pappe mit. Nach längerem Hinsehen behalten sie ihre Kraft, wodurch es mir nicht schwer fällt, an ihnen weiter zu arbeiten. Eine Herangehensweise, die ich mittlerweile dafür einübte, hilft mir dabei.

Der IS hat in Palmyra Filmaufnahmen seiner Gewaltakte gemacht. Das Amphitheater wurde zur Schaustätte der Hinrichtung von, auf Knien aufgereihten Feinden. Mit großen Hämmern wurden antike Skulpturen zerschlagen, die wertvollen Architekturen wurden gesprengt. Die Gesten der Gewalt und die Gesichter der Täter ähnelten denen, die vor ein paar Tagen das Kapitol stürmten.

Geflochten

In der kalten Nachmittagssonne flocht ich am Wochenende die Weidenruten an den Bäumen zu Ringen. Ihr weiteres Wachstum entscheidet, wie ich sie für Objekte nutzen werde. So stelle ich mir wachsende Strukturen her. Die nächsten Triebe, die aus den Schwüngen wachsen, werde ich dann wieder biegen und weiter flechten.

Am Sonntag hörte ich lauter Jazz aus Frankfurt. Dabei kam ich wieder auf das spannungsvolle Verhältnis von fluiden und kristallinen Formen. Das floss in die Bemalung der Reliefs ein. Auf einer Scherbe zeichnete ich enge Gravitationsschwünge und füllte ihre Flächen mit parallel laufen den Linien an. Das will ich fortführen, um zu sehen, was sich aus diesen Begegnungen entwickelt.

Am Nachmittag bekomme ich Besuch von Franz. Wir wollen unsere Kooperation weiter entwickeln. Ich möchte gerne ausloten, wie sich unsere verschiedenen Sprachen neu ergänzen können. Vielleicht ist zu viel Vermischung überfordernd. Wir sollten die Möglichkeit, Arbeiten getrennt nebeneinander zu kombinieren, mit ins Auge fassen.

Starre | Verdunklungsgefahr

Das Zeichnen einer weiteren Schicht in die aktuelle Kulissensequenz auf Rolle 9, brachte nur Erwartbares, das was ich finden wollte. Diese Starrheit will ich auflockern. Innerhalb weiterer Umdrehungen der Transparentpapierrolle kann ich dafür die Formen fragmentieren. Aus diesem Gedanken heraus, ist es leichter weiterzuarbeiten.

Auch die „Verdunklungsmuster“ auf den Splittern des Reliefs scheinen zu erstarren. Ich muss mich wieder langsam von den eingeübten Vorgehensweisen entfernen, wie von der Einbeziehung der Unebenheiten der Oberfläche, damit es vorwärts geht. Auf den 8 bisher bemalten Reliefs, ist dieser Vorgang aber schon deutlich sichtbar.

Während der Buchmalereien am Morgen, bemerkte ich, dass ich ihren Zusammenhang der verschiedenen Arbeitsgänge des Tages, schon beim Zeichnen mitdenke. Es gerät manche Linie, die sonst locker und unterbrochen entsteht, fest und durchgezogen. So bleiben die Flächen der Scans, wenn ich sie für die Collagen mit einem Klick auswähle und mit einem weiteren ausschneide, klarer umschrieben. Auch für die Weiterarbeit an den Malereiumrissen auf Rolle 9, sind geschlossene Formen brauchbarer.

Formel | Fluss

Auf den Nachrichtenkanälen konnte man gestern beobachten, wie eine aufgeputschte Menge demokratische Vorgänge unterbricht und somit verzögert. So wird eine allgemeine, schleichende Entwicklung zum fokussierten Bild. Die Gesichter der Menschen, die abstrusen Interviews und eine, sie antreibende, banale Figur, immer noch an der Spitze Amerikas, erscheinen wie eine Formel. Eigentlich müsste man da mal hinfahren, um sich selbst ein Bild zu machen.

Drei Durchzeichnungsgänge haben die Trio-Fugen-Sequenz verdichtet und die Varianten deutlich voneinander abgesetzt. Die Fortsetzung des Vorgangs führt zu einer weiteren Klarheit dessen, was ich probieren wollte. Rolle 9 gewinnt schnell an Inhalten und an Material, das weiterhin eine Rolle spielen wird.

Vom Transparentpapier ging ich dann an die Splitter des aktuellen Reliefs. Wieder schaltete ich ein starkes Seitenlicht ein, um die Unebenheiten der Oberflächen sehr deutlich zu machen. Sie sind der Ausgangspunkt für die Strukturen, mit denen ich die erhabenen Flächen der Scherben abdunkle. Diese Arbeit erzeugt eine Ruhe, die ein Gewinn für den Hand-in-Hand-Fluss der Arbeitsbereiche der Buchmalereien, der Rolle 9 und der Reliefbemalung ist.

Hand in Hand

Schichtungen mit Schellack, Tusche und auch mit farbigen Kreiden auf Transparentpapier, könnten auf einer weiteren getrockneten Schellackschicht, mit Handballenabdrücken fortgesetzt werden. Die Feuchtigkeit dürfte dem Transparentpapier dann keine Verwerfungen mehr bringen.

Die Ateliervormittage schließen sich immer direkt an die Arbeit des vorigen Tages an. Hand in Hand folgen Buchmalereien, Transparentpapierzeichnungen und Reliefbemalungen aufeinander. Unter ihnen kommt es kontinuierlich zu Bezügen. Das geht so lange, wie sich diese Arbeitsweise für die angestrebte Weiterentwicklung der zeichnerisch-malerischen Erzählung eignet. Geht es zu weit, kommt es zum Überdruss.

Den Umriss einer Buchmalerei mit der Signatur: 2020_12_22_002, zeichnete ich gestern, gleich im Anschluss an die vorausgegangene Sequenz, auf Rolle 9. Das Motiv gelangte in die heutigen 3 Collagen. Die Umrisse sind klarer als die der vorausgegangenen Kulissenfaltung. In der Weiterarbeit erhoffe ich mir nun ein deutlicheres Bild einer musikalischen Fugenstruktur. Die zeichnerischen Überlagerungen der durchscheinenden Linien gestalten sich in drei Varianten, je nach dem, welche Umrissfelder, in diesem Trio, für den Durchzeichnungsvorgang gesperrt werden.

GRAB = BLICKSPIEGEL

Rolle 9 rückwärts gestern. Das heißt, dass ich das Durchzeichnen der übereinander liegenden Linienmuster, beim Zusammenrollen vom Ende her zum Anfang hin, vornahm. Das ließ drei Variationen der Kulissenfaltungen mit den entsprechenden Durchblicken auf die darunter liegenden Schichten entstehen. Die unterschiedlichen Überlagerungen greifen wie musikalische Themen ineinander. Durch die Senkrechten und Schrägen, der sich hintereinander staffelnden Architektur, entstehen neue Räume. Das geschieht auch häufig innerhalb der Werktagscollagen.

Bei den Buchmalereien kommt es nun häufig zu knotenartigen Verschlingungen, die von den Gravitationsschwüngen der ersten der drei Malereien begründet sind. Während der Suche nach Motiven für die weitere Reliefbemalung sah ich auch Stahlkonstruktionen des Palastes der Republik, die 2007 verknotete Gesträuchstrukturen auf der Transparentrolle von damals bildeten.

Am Morgen hatte ich eine „Indigostunde“. Das bedeutet, dass ich versuchte meine Inneren Bilder, um schlafen zu können, mit dunklem Indigo flutete. Dabei kamen mir aber Worte eines Zettels in den Sinn, den ich vor ein paar Tagen in einem Tagebuch von 1997 fand. Ich stellte sie mir mit Großbuchstaben auf Rolle 9 gedruckt vor: DER BLICK IN DAS GRAB IST DER BLICK IN DEN SPIEGEL | GRAB = BLICKSPIEGEL | MEIN GRAB HINTER MEINEN AUGEN; usw.

Fugen | Trio | Textcollage

Zwischen den Jahren arbeitete ich neben den Buchmalereien weiter an der Rolle 9. Zuletzt entstanden 3 Variationen einer Kulissenlandschaft, in die ich begann, eine Figur einzuflechten, deren Ursprung aus den Jahr 2007 stammt. Inspiriert ist dieser Teil der Transparentpapierrolle von den Fugenkompositionen Bachs und vom Triojazz.

Die Buchmalereien haben sich wieder etwas gewandelt, hin zu etwas mehr Farbigkeit und kleinen zarten Formen, die mit dünnen Linien umrissen werden. Sie kommen mir manchmal vor, wie abstrakte Textillustrationen für Kinder.

Außerdem befasste ich mich mit alten Tagebüchern und entdeckte einen eigenartigen Text über den altägyptischen Totenkult. Die Zeilen sind fast wie ein Gedicht. Aber es scheint sich um Notizen zu handeln, die ich zu einem Text von Jan Assmann gemacht habe. Sie würden sich für eine Textcollage im Stil der Zeichnungs-Sequenzen auf den Transparentpapierrollen eignen.

Produktion | Party | Verdichtung

Die Party ist die Produktion. Gestern begann ich feierlich, mit der Übertragung von Teilen der letzten Sequenz von der aktuellen Transparentpapierrolle, die Rolle 9. Kürzlich, als ich einige Notizen auf einer älteren Rolle sah, gingen mir wieder Textbearbeitungen durch den Kopf. Wörter, die sich durch das Zusammenrollen des Transparentpapiers, mit dem Durchzeichnen neu ordnen. Die Idee einer solchen Verdichtung habe ich bisher nur einmal kurz probiert.

Als ich gestern eine Collage zur Verarbeitung auf Rolle 9 ausdrucken wollte, musste ich feststellen, dass der Drucker defekt ist und nur noch die schwarzen Partien des Formates reproduziert. Das aber erzeugt einerseits eine Fragmentarisierung, wie ich sie mir in ihrer Radikalität nicht erlaubt hätte. Gleichzeitig habe ich aber erneut das gute Gefühl einer Verdichtung. Ich werde diese zufälligen Ergebnisse auf Rolle 9 weiter auf ihre Eignung für die Weiterarbeit prüfen.

Besonders dichte Momente bei der Erfindung von Arbeitsschritten, finden oft kurz vor einer „Zwangspause“, wie es Weihnachten ist, statt. Für Franz grundiere ich noch ein paar Pappmache-Rasterpunkte, damit er sie bemalen kann. Diese Zusammenarbeit hat sich in den letzten Tagen leider etwas in den Hintergrund begeben.

Versenkung | Abstand

Die Umrisszeichnung vom 9.1. 2009 von Rolle 5, übertrug ich auf Rolle 8, um dort die Verdichtung der letzten Gustavsburgplatz-Wanderung einzufügen. Im Wachen der Nacht hielt ich mich an diesen Linien fest. Sie haben, durch ihre sichtbar produktive Ausstrahlung, eine beruhigende Wirkung auf mich. Als Beleg für die meditative Versenkung in das Gesträuch aus Wanderungsspuren, stiftete sie das Zentrum für den gestrigen Rückzug, der den notwendigen Abstand zum Alltagsgeschehen herstellt, um es gelassener beobachten zu können.

Rolle 8 ist nun bis an ihr Ende angefüllt mit den Zitaten aus der Vergangenheit und deren Überlagerungen mit Erfindungen der Gegenwart. Rolle 9 liegt unangetastet und noch verpackt auf dem Grafikschrank, den ich vor 40 Jahren als Gesellenstück gebaut hatte.

In einer ostdeutschen Illustrierten, die mir mein Vater mitgegeben hatte, las ich einen kurzen Meinungsstreit über das große Wandbild „Lob des Kommunismus“ von Ronald Paris. Dabei geht es um den geschichtlichen Wert von Staatskunst der DDR. Man muss natürlich genauer hinschauen, was die Künstler ihren Auftraggebern unterschoben. In diesem Fall lehnte der Maler alle Änderungswünsche ab. Das war nicht unriskant.

Stabilität

Ein dunkler Tag, der dunkelste des Jahres. Aber wenn ich in den grauen Himmel hinaufschaue, dann ist immer noch genügend Licht, das durch meine Augen ins Innere dringt. Und die Gewissheit, dass es nun langsam wieder länger hell sein wird leuchtet ein wenig hinzu.

Die Nachrichten um die Mutation vom pandemischen Virus, haben mich gestern verunsichert. In dieser aufgeheizten Informationslage ist man immer wieder auf Expertenwissen angewiesen, um mit etwas mehr Mut und Gewissheit in den Tag zu gehen. Die Empfangsantennen sind empfindlich geworden, was nicht immer mit zunehmender Vernunft einhergeht. Es ist, als suchte ich in den Buchmalereien stabile Kompositionen, die auf mein Innenleben beruhigend einwirken sollen.

Stabilisierend würde auch ein wenig mehr Ordnung im Atelier wirken. Zumindest könnte ich dann auf Rolle 8 weiterzeichnen, was mir auch fast immer ein gutes Gefühl bereitet.

Motivtransport

Am 06.01. 2009 zeichnete ich ein flächiges Gebilde, aus figürlichen und floralen Umrissen, in die damals aktuelle Transparentpapierrolle. Es handelt sich offenbar um Nachklänge des Taj Mahal und seiner Steinintarsien, die wir zuvor auf unserer ersten Indienreise sahen. Diese Zeichnung übertrug ich, als zweite größere Motivgruppe, auf das Relief. Nun bin ich gespannt, wie sich die Portraitsplitter damit verbinden lassen.

Die Umsetzung des Vorhabens, die Collagen in die Reliefmalerei mit einzubeziehen, muss noch etwas warten. Auch die Assemblagen, über die ich gestern nachdachte, erwiesen sich als zu kompliziert. Ich gehe lieber den Weg, mehrschichtige Transparentpapiere mit verschiedenen Zeichnungsstrukturen anzufertigen. In tiefen Objektrahmen bilden sie tiefe Kulissenlandschaften.

Als wir gestern bei Pietro Pizza holten, erzählte ich ihm den Traum, in dem sein Restaurant auch ein Theaterprospektlager war. Es entspringt dem Erinnerungsraum der Seitenbühne des Heidelberger Stadttheaters, auf der sich ein Prospektpaternoster befand. Jetzt kann ich in meinen Tagebüchern lesend, in diese Zeit zurückschauen, z.B. in das Jahr 1989.

Zeitraumspannung

Verschiedene Figurenumrisse, unterschiedlicher Größen, 10 und 13 Jahre alt, finden nun ihren Platz auf dem neuen Relief. Der Größenunterschied schafft einen perspektivischen Raum, die Herstellungsdaten der Zeichnungen eröffnen einen zeitlichen und stilistischen Abstand. Der Strich auf den älteren Transparentpapierrollen ist sicherer und gleichzeitig naiver. Auf den ersten Blick erweckt das mehr Vertrauen. Durch den Transport in die Gegenwart bildet sich durch die Spannung, eine neue Dimension. Von der soll auf dem Relief etwas zu spüren sein.

Wolkenformationen, die wie Stimmungsschwankungen aufziehen, vernebeln die tief stehende Sonne, schlucken das Licht. Daraus entsteht das Morgen-Grauen. Davor sehen die Buchmalereien, mit ihren einschnürenden Schwüngen, leuchtender aus, als sie es wirklich sind. Sie gaukeln mir vor, dass ich mit ihrer Kraft den Tag bestreiten soll.

Mir geht die Möglichkeit durch den Kopf, Assemblagen aus dem Material herzustellen, das bei der Suche nach Möglichkeiten der Reliefbemalung anfällt. Transparentfiguren, Pappmachesplitter, Zeichnungen auf Schellack. Das zusammen, räumlich gestaffelt und komponiert, kann zu etwas anderem werden, als ich es bisher zusammenstellte.

Versuchsaufbau

Manchmal zeichne ich, während ich schreibe, mit dem Füller noch ein wenig in den gerade entstandenen Malereien herum. Meist geht es um Akzente zur Orientierung. Ein paar Punkte an den Ecken oder aneinandergereiht, ergeben Richtungen, ähnlich wie bei den GPS-Wanderungen.

Derzeit fühle ich mich in meiner Arbeit sehr wohl. Sie ist innerhalb der vielen Unplanbarkeiten, durch die Pandemie, mein Stabilisator. Vor allem die Entdeckungen auf Transparentpapier, die durch die Verdichtungen, die mit Feder und Tusche beim Durchzeichnen entstehen, die neuen Figuren, die in diesen Gesträuchen sichtbar werden, sind oft erst im Rückblick besonders. Wenn das alles mit den Buchmalereien in den Collagen zusammenkommt, dann erscheint mir das, wie eine chemische Reaktion, bei der Energie entsteht. Diesen Versuchsaufbau sollt ich erweitern und auch auf die Reliefbemalung anwenden.

Ich frage mich manchmal, wie lange die Arbeit an den Reliefs noch anhalten wird. In meiner Natur liegt es, an einer solchen selbst gestellten Aufgabe, ohne Unterbrechung kontinuierlich dranzubleiben, bis sie erfüllt ist. Da sind Aktionen, wie ein neues Handprintkonzept oder die Kooperation mit Franz, scheinbar hinderlich. Dabei sollte ich aber die Anregungen, die aus solchen Ablenkungen erwachsen, nicht unterschätzen.

Relief | Wanderungslinien | Collagen

Ich kam gestern doch noch zur Weiterarbeit am Relief, denn zwei Drittel der Schellackschicht habe ich aufgetragen. Die ersten zwei Figuren, die ich dann dort ansiedeln will, habe ich im Auge und bereitete sie schon eine Weile auf der Transparentpapierrolle vor.

Auf Rolle 8 ging ich bei der Verdichtung der Gustavsburgplatz-Wanderungslinien weiter. Das heißt, dass ich mehrfach die, auf der Rolle vorausgegangenen, Gesträuche in dem Umriss zeichnete. Die Überlagerung dieser Figuren untereinander, folgt erst noch. Etwas von dem jetzigen Zustand, findet sich in den Collagen von heute.

Und dann schichtete ich noch Zeichnungen auf Transparentpapierbögen auf die Pappe, auf der Franz zuvor eine collagierte Zeichnung hergestellt hatte. Meine Figuren sind ziemlich detailliert und fein gezeichnet. Ich bin gespannt, wie er nun damit umgeht.

Weiterweiterweiter

Insbesondere auf der Transparentpapierrolle findet sich das übliche Weiterweiterweiter. Sie sitzt sich im Zentrum der Zeichenforschung. Im Umriss einer Buchmalerei vom 12.11. dieses Jahres, verdichtete ich die Wanderungslinien, die Stahlkonstruktion und die zehn Jahre alten Figuren aus einer Buchmalerei, zu einem eng verflochtenen Gesträuch. Mittlerweile gibt es eine weitere Gustavsburgplatz-Wanderung vom vergangenen Donnerstag, mit der ich auf Rolle 8 weiterarbeiten kann. Noch wenige Meter, dann ist sie voll.

Die Buchmalereien stehen derzeit im großen Kontrast zu den Tuschezeichnungen auf dem Transparentpapier. In den Büchern finde ich eine zurückhaltende Zartheit. Und diese steht wieder im Kontrast zur Atmosphäre in der Stadt. Es ist, als wollte ich das Gleichgewicht herstellen: Empfindliches gegen die Verrohung.

Am Morgen saß eine winzige Maus in der Käfigfalle, die ich vor ein paar Tage zwischen den Pflanztöpfen aufgestellt habe. Bevor ich das Tierchen nach draußen an den Bahndamm brachte, betrachtete ich es eine Weile und machte ein Foto von ihm. Ich möchte mein Atelier für mich alleine haben. Die Eidechsen auf dem Gesims über dem Rolltor zählen nicht!

Stahlkonstruktionen | Buchmalereien | Wanderungslinien

Die Verflechtungen unterschiedlicher Strukturen ergeben, durch ihr Aufeinandertreffen, Möglichkeiten, neue Geschichten zu erfinden, die auf den so entstandenen Formen basieren. Auf Rolle 8 vertiefte ich mich gestern in die sich durchdringenden Linien der unterschiedlichen Situationen. Ich spüre dabei, wie Stahlkonstruktionen auf Wanderungslinien treffen, wie Figuren aus den Buchmalereien der verschiedenen Zeiten und Stile in gemeinsame Szenen geraten.

Mit den alten Buchmalereien setze ich mich immer intensiver auseinander. Mich reizen dabei die damals gefundenen Figuren besonders. Sie erzählen noch vom Theater, vielleicht sogar von bestimmten Darstellern, mit denen ich früher gearbeitet habe. Beim wiederholten Durchzeichnen auf Transparentpapier ändern sich die Formen langsam. Manche Ausstülpungen werden größer oder Einbuchtungen verkleinern sich, Linien werden begradigt, Bögen bekommen mehr Schwung. Aus der Ferne sehen sich diese Wiederholungen sehr ähnlich. Aus der Nähe sind sie verschieden.

Die drei Koordinaten, über die ich gestern schrieb, haben ja eigene Räume. Diese möchte ich auf Rolle 8 entwickeln. Zunächst werden Pasolini-Gedichte zusammengerollt und ihre Worte neu verbunden. Dann trifft die Stahlhülse der britischen Bombe auf die Schwemmsandschichten. Gestern machten wir eine neue Gustavsburgplatz-Wanderung, die wieder mit Tusche mehrfach überlagert und verdichtet werden kann.

Trios

Aus dem März 2010 übertrug ich die Umrisse von zwei Figuren einer Buchmalerei, die auch in den Collagen präsent sind, auf Rolle 8. Dort möchte ich sie mit den Strukturen füllen, mit denen ich in den letzten Tagen gearbeitet habe. Dabei geht es um den Flakturm in Wien mit einer Figur und der Stahlkonstruktion des Palastes der Republik, um die Wanderungslinien von Gustavsburgplatz und die Umrisszeichnung einer Buchmalerei des letzten Monats (11_12_2020_003), die ich schon mit Schichten der anderen Motive anfüllte.

„Clouds After Cranach“, eine Arbeit der Forsythecompany, kam mir beim Nachdenken über die drei Koordinaten, die ich gestern beschrieb, in den Sinn. Ich stelle mir eine Installation vor, die, basierend auf der Kartierung der Orte, verschiedene „Rizome-Räume“ mit gespannten Schnüren verbindet. In der Pizzeria „La Strada“ befindet sich der Pasolini-Text-Raum. Die Stelle, an der der Blindgänger entschärft worden ist, umfasst die Schwemmsandschichten und die Rüstungsproduktion der Bombe und die der Alfred Teves GmbH. Gustavsburgplatz ist der dritte Raum, der mit der Wanderungskartierung, den Fundstücken und den Frottagen davon angefüllt ist.

Das nächste Relief, das sich innerhalb des großen Doppelportraits direkt unter dem vorigen befindet, ist ausgeformt und trocknet nun. Mir ist noch nicht klar, wie ich es bemalen will. So folge ich der Intuition.

Rhizome

Die drei Koordinaten, über die ich gestern während des Videotreffens sprach, habe ich mir am Morgen als Teil der Rolle 8 vorgestellt. Demnach weisen die Punkte auf der Kartierung nicht nur Felder mit mehreren Schichten auf, sondern sind Räume mit verflochtenen Rhizomen. Die zusammengerollten Prospekte in den Regalen der Pizzeria „La Strada“, aus meinem Traum, sind mit Gedichten von Pasolini beschrieben. In diesem Zustand begegnen sich die Worte neu. Auf Transparentpapier lässt sich gut probieren, wie das aussehen kann.

Die geologischen Schichten, die der Blindgänger, wegen dem am Sonntag 13000 Menschen evakuiert wurden, durchdrungen hat, verwirbeln an den Rändern des Einschlagskraters. Wo wurde das Metall geformt, montiert und angefüllt? Welche Situationen begegneten sich und führten zu der Konstellation, die der Kampfmittelräumdienst dann entschärfte?

Zum dritten Punkt, dem Gustavsburgplatz, entstehen gerade Wanderungslinien, Materialsammlungen und Frottagen mit dem Schülerinnen und Schülern. Gern würde ich mit ihnen eine große Karte auf Transparentpapier zeichnen und sie mit dem Material anreichern, das wir erarbeitet haben. Morgen gehen wir erst einmal neue Linien.

Produktion ist die Party

Aus der Einbeziehung von Koordinaten aus der Atelierumgebung habe ich innerhalb eines Videotreffens versucht, die Künstlerkollegen etwas aus der Reserve zu locken. Zunächst ging es um einen Traum, in dessen räumlichem Zentrum die Pizzeria La Strada, 300 m östlich liegt. In seiner aufsteigenden Panik wurde mir klar, dass ich den Traum durch das Aufwachen beenden musste. Dann kam ich zur nächsten Koordinate, der des Bombenfundes 50 m südwestlich. Ich stellte mir die Splitterwirkung bei misslungener Entschärfung auf mein Atelier vor. 140 Tagebücher mit 30.000 Buchmalereien usw. fragmentiert. Das Väterportrait erneut zersplittert. Und die dritte Koordinate 200 m nordöstlich, der Gustavsburgplatz mit den Wanderungslinien, die ich alleine und mit den Schülerinnen und Schülern dort schrieb. Zu der kraftvollen Linienstruktur gehören die Transparentpapierblätter mit den Frottagen der Fundstücke und den Linien der Wanderungen.

All diese Schichten stapeln sich nach und nach hier im Atelier, werden gegenwärtig und ineinander verwoben sichtbar. An diesen Prozessen möchte ich manchmal gemeinsam mit dem Künstlerteam teilhaben.

Das Motto wäre:

Prioritär ist die Produktion und nicht die Party!

Oder: Die Produktion ist die Party.

Geschiebe

Etwa 50 m entfernt von meinem Atelier, sind die Bagger auf eine 5000 Kilogramm schwere englische Fliegerbombe gestoßen, die noch scharf war. Unsere Wohnung in der Frankenallee befindet sich knapp außerhalb des Evakuierungsareals, das für die Entschärfung ausgewiesen wurde. Schicht um Schicht wurde seit Monaten ausgehoben. Im Geschiebe der Geschichte hat sich der Sprengkörper bis in den Schwemmsand gebohrt. Ein Blindgänger blitzt als eingelagertes Ereignis im Generationengedächtnis auf.

Von Rolle 8 zeichnete ich Figuren auf einen Extrastreifen Transparentpapier, den ich für die bemalte Pappe von Franz benutzen möchte. Die Sichtung von Material, das in den vergangenen Jahrzehnten entstanden ist, führt zu einer inneren Dynamisierung. Das Zeichnen ist dann wie eine Meditation, die wieder beruhigt.

Beruhigt wurde gestern auch die Buchmalerei, die ich wegen der Bombenentschärfung zu Hause anfertigte. Auch hier greift eine autobiografische Orientierung, denn ich übertrage nach wie vor Farblinien per Handballenabdruck, die vor zehn Jahren entstanden sind, als Ausgangsrhythmen für die jetzt entstehenden Bilder. Ich las dabei, wie das Mantelmotiv des „Frankfurter Kraftfeldes“ durch einen Berlintraum entstanden ist, in dem Popstars in großen, wehenden, farbigen Mänteln am Himmel kreisten. Dazu die antithetischen Tierfiguren des Teppichs von Bayeux. Das ist die Energie für meine Weiterarbeit.

Symmetrie | 20 Jahre tägliche Scans

Meine Schülerinnen machen mir Spaß. Die muslimischen Mädchen kommen, nach kurzer Aufwärmzeit, sofort zum Ornament. Da kann man ihnen krass sperriges Material zur Frottage anbieten, sie entdecken zunächst seine Eignung für die Symmetrie. Ich lasse sie entwickeln, was ihnen damit einfällt und bin gespannt, ob sie irgendwann zum Gegenständlichen kommen. Der Versuch ihnen zu erklären, dass jedes Blatt seine Geschichte hat, mündete in die Addition der Gustavsburgplatz – Wanderungslinie zu den schönen Tusche-Schellackverläufen und in das Hinzufügen von Namen und Datum.

Gestern suchte ich nach geeigneten Abbildungen, die das Fundament illustrieren können, auf dem ich den neuen Handprint aufbauen will. Ich stieß dabei auf die Collagen von 2015 bis 2019. In ihnen wird deutlich, wie die Schichtungen funktionieren. Die Zöglingsportraits mit den Wanderungsspuren fügen sich hier in die tägliche Arbeit ein. Handprint Frankfurt und Frankfurter Kraftfeld sind weitere Projekte, die als Voraussetzung für die neue Arbeit funktionieren.

Heute setzte ich einen Handballenabdruck von 01_19_2010_001 in die aktuelle Buchmalerei. Innerhalb von einer Collage tritt diese Abbildung auf. Ich merke nun, wie wichtig die Scans sind, die ich seit 20 Jahren täglich von meinen 3 Malereien mache. Damit lässt sich jetzt gut arbeiten.

Wanderungslinienverdichtung gestern auf Rolle 8, und heute begann ich mit einem Handballenabdruck von 01_22_2010_001 nach 12_03_2020_002. Das führte zu kreisendem Gewölk in den Buchmalereien. Im Text des 10 Jahre alten Tagebuchs geht es um bestimmte Sequenzen auf Rolle 4. Ein Teil davon scannte ich gerade ein, um ihn in die heutigen Collagen einzufügen. Das war damals die Zeit der ersten Indienreisen und des Projektes „Frankfurter Kraftfeld“. Schon dort ging es um die Kontinuität zwischen der Transparentpapierrolle, den Buchmalereien und den aktuellen Projekten.

Am Nachmittag arbeitete ich an der Konzeption des neuen Handprints. Dort werde ich viele Schichten übereinander stapeln, wie ich es gestern schon erwähnte. Das alles aufzuschreiben und zu ordnen, erweitert das Ganze zunächst. Ich hoffe, dass es sich irgendwann wieder reduziert, dann aber dichter wird.

Gleich kommen meine Schüler. Ich werde mit ihren Frottagen und Tusche-Schellack-Läufen anfertigen. Dafür kommen unsere Fundstücke der Wanderung zur Anwendung. Die Wanderungslinien vom Gustavsburgplatz am 26.11. 2020 kommen hinzu.

Verdichtung von Wanderungslinien

Eine Vergrößerung der Aufzeichnung der 3. Wanderung auf dem Gustavsburgplatz, begann ich auf Rolle 8 zu verdichten. Beim Hin- und Herrollen entstanden etwa 7 Überlagerungsschichten. Den Schülern möchte ich damit zeigen, wie ernst ich diese kraftvollen Linien, die sie gewandert sind, nehme, und was man alles mit ihnen machen kann. Weitere Schichten kommen noch hinzu.

Am Morgen dachte ich daran, die Collagen, die die autobiografischen Motive beinhalten, mit in die Konzeption den neuen Handprints zu nehmen. Dieses Material, Selbstportraits als Sechsjähriger, Zöglingsportraits aus Gerode, Elblandschaften bis hin zum Palast der Republik, ist in großer Zahl vorhanden, schon verdichtet, und ich muss es nur erneut aufrufen und anders mit den neuen Fundstücken, die bei einer neuen Stadtwanderung dazukommen, zusammenstellen.

Die heutigen Buchmalereien gehen auf eine Malerei zurück, die ich 2010 in Khajuraho, in Indien, gemacht habe. Es entstehen daraus nun fremde Figuren, die ziemlich zurückhaltend sind, aber viel Zeit brauchen.

Geschichtet

Von der ersten Buchmalerei des 16.2. 2010 übertrug ich mit dem feuchten Handballen ihre Struktur auf 12_01_2020_002 von heute. Ohne Festlegungen, eher vage, ging ich langsam in die jetzigen Miniaturen. Die alte Malerei, von der ich ausging, entstand in Varanasi. Damals glaubte ich die religiösen Schichten zu spüren, die dort am Ufer des Ganges seit 2000 Jahren, durch die täglichen Rituale festgetreten wurden.

Auf Rolle 8 führte ich die Schichtungen der Wanderungslinien und der Umrisse der Buchmalereien weiter. Das ist, bis zu einem bestimmten Punkt, eine beruhigende Arbeit. Irgendwann schlägt das aber um. Möglichst davor sollte ich ein Ende finden, was mir nicht immer gelingt.

Dann begann ich eine Pappe mit einer Tuschzeichnung von Franz zu bearbeiten. Es fällt mir oft nicht leicht, mich von meinen eigenen Vorhaben zu lösen, um diese „Kolaborei“ weiter zu führen. Manches gelingt auch erst nach einer Weile. Es wäre gut, das Material, das ich für den neuen Handprint vorbereite, in diese Arbeit mit einzubeziehen. Ich habe das Ganze, so glaube ich, unterschätzt.

Gustavsburgplatz | Kolaborei

Die Gustavsburgplatz-Wanderung, die ich mit den Schülern machte, zeichnete ich mit Feder und Tusche auf Rolle 8. Unterschiedliche Vergrößerungen verschränkte ich mit Umrisszeichnungen aus den aktuellen Buchmalereien. Die gewanderten Linien sind schwungvoll, kräftig und expressiv. Nun können wir Frottagen von den Fundstücken machen und sie mit der Wanderungsstruktur collagieren.

Ich denke über autobiografisches Material nach, das ich mit einer größeren Handprintwanderung verbinden möchte. Mir sind die Portraits der Zöglinge in Gerode wichtig. Das Zusammenspiel des barocken Klosters mit dem stalinistischen Erziehungswesen führt direkt zu meiner Arbeit „Der Rock`n Roll höhlt einen Jungpionier aus“, die ich im Jahr 1995 für Keith Richards gemacht habe. Auch sie und die Tanzzeichnungen, die ganze Bühnenarbeit, die ich machte, sollen mit einfließen.

Die „Kolaborei“ mit Franz ist weiterhin fruchtbar. Er hat nun ein größeres Reliefteil bemalt, an dem ich weiterarbeiten möchte. Ich brachte ihm die Figurenreihung mit Synaptischer Kartierung auf Transparentpapier über seinem Elchgeweih zurück. Langsam entsteht eine Reihe von spannenden Arbeiten.

Bis in die finstere Nacht

Die Schüler gingen wilde Schleifen über den Gustavsburgplatz. Auf einen fest installierten Schachtisch legten wir unsere Fundstücke. Mehrmals ordneten wir sie neu und fotografierten es jeweils. Im Atelier zeigte ich ihnen, was man mit den flachen Gegenständen, Transparentpapier, Schellack und Graphit machen kann. Die Zeit mit ihnen, in der normalerweise meine Mittagspause stattfindet, geht schnell vorüber.

Am Morgen begann ich wieder mit einem Handballenabdruck. Diesmal von 02_15_2010_002 nach 11_27_2020_002. Oft ist es das zweite, das Mittlere Format, mit dem ich mich intensiver beschäftige. Dabei lese ich in dem alten Tagebuch und erfuhr, dass ich in Kolkata Videoschnipsel gemacht habe. Die will ich nun suchen und mir anschauen.

Gestern wurde ich mit dem 8. Relief fertig. Bis in die finstere Nacht zeichnete ich Ornamentales in die Splitterumrisse. Ich bin zufrieden mit dem Ergebnis. Es hat viel Geduld gebraucht! Vielleicht mache ich nun eine kleine Pause und beschäftige mich mit der Franz-Frank-Kooperation.

Neuer Handprint

Das neue Handprintprojekt habe ich nun in der Weise vorgestellt, dass meine Biografie bei der Erarbeitung eines Werkes mit den Wanderungslinien und Fundstücken, eine entscheidende Rolle spielen soll. Somit hat sich das Vorhaben um ein Stück weiter konkretisiert, bei Bewahrung meiner absoluten Autonomie in der Gestaltung. Es sollen nun weitere Kontakte zu anderen Organisationen hergestellt werden, weil das Projekt in einem größeren Rahmen auftreten soll.

Mit Franz verabredete ich mich für den Freitag, um wieder Dinge auszutauschen, an denen wir gemeinsam arbeiten. Das strenge Geschehen der Kontinuität, das ich mir selbst auferlegt habe, wird dadurch etwas unterbrochen. Inspirationen laufen in andere Richtungen.

Nachdem ich das GPS-Gerät wieder so eingestellt habe, dass es Tracks aufnimmt, will ich die Wanderung um den Gustavsburgplatz, die ich mit meinen Schülern gemacht habe, noch einmal unternehmen und sie diesmal aufzeichnen. Dann kann ich ihnen den Ausdruck der Linie, im Vergleich zu einer Wanderung an derselben Stelle, die ich vor einigen Jahren gemacht habe, zeigen. Das Ziel ist die Vorbereitung des neuen Handprints, mit der Erkundung der Collagetechniken mit Transparentpapier, Fundstücken und den GPS-Linien.

Opferstätte

Einen neuen Handprint, also eine mehrmonatige Wanderung durch eine Stadt, in Form meines Handabdrucks, würde ich gerne mit meiner Biografie verbinden. Dann könnten, beispielsweise die Pionierportraits aus Gerode, eine neue Heimat finden. In dieser Weise würde ich Erinnerungsfragmente mit der Stadtkartierung verbinden. Der persönlichste Zugriff, der mir derzeit einfällt.

Voraussetzung für die heutigen Buchmalereien ist ein Handballenabdruck aus 02_12_2010_001. Ihn setzte ich wieder in die zweite Malerei und übertrug weitere gefundene Linien in die anderen beiden Formate. Ein Jungpionierportrait mit einem Stück Handprint Frankfurt, setzte ich in die heutigen Collagen ein. Außerdem kramte ich die Fundstücksammlung, die ich 2014 mit Frottagen, Schellack und Tuschezeichnungen schichtete, heraus.

Im Zusammenhang mit meinen Aufzeichnungen, die ich in Kolkata gemacht habe, lese ich von erkaltetem Teer und geronnenem Blut an der Opferstätte des Kali Tempels. Ich denke an das Stahlgebälk des, im Rückbau befindlichen Palastes der Republik, mit dessen Umrisszeichnung ich eine Flakturmsilhouette aus Wien anfüllte.

Kompaktere Form

In den Eintragungen des Tagebuches von 2010 lese ich von Reiseeindrücken in Kolkata und in den Sunderbans. In dieser Mangrovenlandschaft sind Malereien entstanden, von denen ich eine als Ausgangspunkt für meine heutigen Malereien nahm. Das ist übertragen und gezeichnet, wie ich meine, dass Erinnerungen funktionieren. Und die Bezeichnungen dieser Malereien beziehen sich auf die Daten ihres Entstehens. Der Zeitraum, der dazwischen liegt, ist ein Entwicklungs- und Experimentalraum. Am deutlichsten wird das in der dritten Collage von heute, in die ich den Scan der zehn Jahre alten Malerei mit verwendet habe.

Ein Spaziergang am Waldrand zwischen Schlossborn und Glashütten, eröffnete durch die herabgefallenen Blätter mehr Transparenz. Die Wiesenlandschaften, Kuhweiden und Pferdekoppels wurden sichtbar. Ein verwunschener Garten mit einer kleinen, geschwungenen Brücke über einen Bach, lüftete ein Stück seines Geheimnisses.

Dabei denke ich noch einmal an die Vorgänge, die während der Malerei ablaufen. Ich zog die vagen Linien des Handballenabdrucks nach, verwischte sie dann wieder, um sie erneut konkreter und kräftiger nachzuzeichnen. Die zarten Linien werden verstärkt. So festigt sich eine Form, wird kompakter.

Kolkata | Gewimmel | Schüler

Aus der Malerei, mit der Signatur 02_09_2010_003, übertrug ich, wie ich das auch in den letzten Tagen machte, einen Handballenabdruck in das aktuelle Tagebuch. Eine Bootsform und ein paar Linienstrukturen haben sich mit den Figuren, die aus den Gravitationsschwüngen entstanden sind, verbunden. Die Erinnerung führt in die Tage zurück, während derer diese Tagebucheintragungen entstanden sind. Auf der großen Eisenbrücke von Kalkutta, die nicht fotografiert werden durfte, schleppten Heerscharen von Trägern, Waren vom Bahnhof in die Stadt. Ein Stück entfernt von dort befand sich das Hauptquartier der Mutter-Theresa-Stiftung, kurz vor den Eingang zum großen Kalitempel.

Gestern widmete ich mich den Scherben und Splitter des 8. Reliefs des 2. großen Doppelportraits. Auf den Boden legte ich die Reihe von 4 Reliefs zusammen und stellte fest, dass die Tuschmalerei von Format zu Format wesentlich dichter geworden ist. Die Anzahl der Figuren beispielsweise, hat sich vervierfacht. Aus der Enge dieses Gewimmels möchte ich mich im nächsten Schritt befreien. Dabei helfen mir die aktuellen Buchmalereien. Wenn es gelingt, sie mit ihren Umrisszeichnungen durch die Reduktion zu noch einmal zu verdichten, dann kann es gelingen.

Mit meinen Schülern ging ich gestern, mit dem GPS-Gerät, einmal um den Gustavsburgplatz. Ich konnte ihnen nicht erklären, wofür das gut sein sollte, denn sie können kein Deutsch und es besteht die Verabredung, dass wir uns nur in dieser Sprache verständigen. Sie werden langsam lernen, wie die Sprache und die GPS-Linien funktionieren.

Kali | Reliefs | Gustavsburgplatz

Aus der Malerei, mit der Signatur 02_09_2010_003, übertrug ich, wie ich das auch in den letzten Tagen machte, einen Handballenabdruck in das aktuelle Tagebuch. Eine Bootsform und ein paar Linienstrukturen haben sich mit den Figuren, die aus den Gravitationsschwüngen entstanden sind, verbunden. Die Erinnerung führt in die Tage zurück, während derer diese Tagebucheintragungen entstanden sind. Auf der großen Eisenbrücke von Kalkutta, die nicht fotografiert werden durfte, schleppten Heerscharen von Trägern, Waren vom Bahnhof in die Stadt. Ein Stück entfernt von dort befand sich das Hauptquartier der Mutter-Theresa-Stiftung, kurz vor den Eingang zum großen Kalitempel.

Gestern widmete ich mich den Scherben und Splittern des 8. Reliefs des 2. großen Doppelportraits. Auf den Boden legte ich die Reihe von 4 Reliefs zusammen und stellte fest, dass die Tuschmalerei von Format zu Format wesentlich dichter geworden ist. Die Anzahl der Figuren beispielsweise, hat sich vervierfacht. Aus der Enge dieses Gewimmels möchte ich mich im nächsten Schritt befreien. Dabei helfen mir die aktuellen Buchmalereien. Wenn es gelingt, sie mit ihren Umrisszeichnungen durch die Reduktion zu noch einmal zu verdichten, dann kann es gelingen.

Mit meinen Schülern ging ich gestern, mit dem GPS-Gerät, einmal um den Gustavsburgplatz. Ich konnte ihnen nicht erklären, wofür das gut sein sollte, denn sie können kein Deutsch und es besteht die Verabredung, dass wir uns nur in dieser Sprache verständigen. Sie werden langsam lernen, wie die Sprache und die GPS-Linien funktionieren.

Schmerzvermeidung

02_05_2008_003 ist die Kennung der Malerei, von der ich heute Morgen einen Handballenabdruck machte, der Voraussetzung für die folgenden Ergänzungen, Stabilisierungen und Verbindungen war. Sie entstand kurz vor unserer ersten Reise nach Indien, der dann noch viele folgen sollten.

Mich beschäftigt der Vorgang, welche Auswege aus einer Sackgasse möglich sind, ohne umzukehren. Die Beschaffenheit der Gegebenheiten, die das Weitergehen verhindern, müssen ja zunächst untersucht werde. Sind die Mauern, Felsen oder das Hamsterrad einzureißen oder zu übersteigen? Diese Anstrengungen sind der Lohn der Sturheit oder Bequemlichkeit, durch die man sich in eine solche Situation hineinmanövrieren kann. In diesem Zusammenhang interessieren mich besondere Blüten der gendergerechten Sprache. So gibt es eine Verlegerin, die der Meinung ist, dass der Satz: “Das Geht nicht.“, Menschen verletzen kann, die gelähmt sind, also nicht gehen können. Der Kern dieser Einschätzung kann Mitgefühl sein, und er führt zu einer angepassten Sprache, die sehr viel mehr Änderungen verlangt. Wie das klingt, kann Kunstanstrengungen ähneln. Welche Auswirkungen diese Schmerzvermeidung hätte, falls es zu einem Konsens größerer Gruppen führte, wäre eine spannende Spekulation.

Aus den Figuren, die ich für das derzeitig zu bemalende Relief in eine Reihe auf Transparentpapier zeichnete, machte ich eine Überlagerungssequenz. Sie soll von einer Synaptischen Kartierung überdeckt, und dann auf eine der Pappen, die Franz bemalte, geschichtet werden.

Figurenhülsen

Ausgangspunkt für die heutigen Buchmalereien ist der Handballenabdruck von 02_05_2008_002. Figurenhülsen, abstraktes Formenspiel, zeichenhaft vorschriftliche Gegenstandssuche. Das Ungeordnete findet einen Ausweg nach draußen auf das Papier. Dann ist es wieder eingeschlossen zwischen den Buchseiten. Aus der anderen Richtung, vom kreisenden Gravitationsgeschehen der gegenwart, treten Umrisse hervor, die denen aus den alten Malereien ähneln. Flusspferde mit Möbelfüßen, Tarnkappenbäume und gut verschnürte Mumien.

Franz kam gestern mit einem begonnenen Bild unter dem Arm zu Besuch in mein Atelier. Wir sprachen über unsere gemeinsame Arbeit, über Zeitschleifen und die Tiefe der angestrebten Bildfindungen. Die Unterbrechung meiner Reliefarbeit durch diese Kooperation, ist immer etwas mutwillig und nicht organisch. Das muss ich anders steuern.

Ich legte die Goldbergvariationen auf, die ich jeden Morgen in Wien gehört habe, um einen Nachklang der damaligen Arbeit hervorzuholen. Gestern zeichnete ich die letzten Figuren auf das aktuelle, das 8. Relief, wenn ich sie von oben zeilenweise herunterzähle. Dann begann ich die Körper mit Tusche auszufüllen, auf die Risse der Splitter achtend.

Übertragungen

Die Buchmalerei mit der Kennzeichnung 11_14_2020_002 vergrößerte ich etwas, um sie dann auszudrucken. Diese Abbildung legte ich unter das Transparentpapier der Rolle 8 und zeichnete die Umrisse der Farbflächen und Linien durch. Die Schönheit der Malerei geht größtenteils verloren. Darum geht es aber in diesem Moment nicht. Interessant sind für mich die Auswirkungen der Zeitschleifen, die durch die Handballenabdrücke und die damit verbundenen Motivtransporte aus der Vergangenheit in die gegenwärtige Arbeit, entstehen.

Die heutigen Kompositionen starteten mit einem Abdruck aus 01_17_2008_003. Dann habe ich es mit der Malerei zu weit getrieben und landete in einer kompositorischen Sackgasse, aus der ich nur heraus kam, indem ich die misslungenen Passagen mit einer dunklen kreisenden Linie, die ich mit dem Handballen vertrieb, zurücknahm. Das rettete das Bild, mit dem ich am Morgen begann.

Die Ausdrucke der Buchmalereien sehen nach der Vergrößerung der Motive, oft etwas verwaschen aus. Mit dem „Brushpen“, den ich am Wochenende wieder entdeckt hatte, schärfte ich ein paar Linien und Umrisse der Malerei, die ich auf Rolle 8 übertragen hatte. So gewann das Blatt, das ich nun in einem der Regale platzierte. Nun kann ich sehen, wie standhaft die Arbeit bleibt oder nicht. Wenn sie meinem Blick irgendwann nicht mehr standhält, dann stimmt etwas nicht.

Unter Beobachtung

Von 12_19_2007_02 übertrug ich Teile mit dem Handballenabdruck in die zweite Buchmalerei von heute, in 11_13_2020_02. Dieser Vorgang hinterlässt Wasserspuren auf dem alten Original, was mich aber kaum stört, weil dieser Arbeitsschritt sichtbar bleiben kann. Ich dachte sogar, dass es möglich sei, Teile der gegenwärtigen Malereien, wiederum per Handballendruck, in die alten einzufügen. Das wäre vielleicht ein Gewinn, weil mir manche Phasen der täglichen Miniaturmalerei etwas suspekt werden.

Erst mal aber geht es um die aktuelle Arbeit. Die Mischung der Figuren die dreizehn Jahre alt sind, mit denen die gerade entstanden sind, mit den Zeichen, die ich heute in den Gravitationsschwüngen gefunden habe, lebt von der zeitlichen und künstlerischen Entfernung. Irgendwann wird das in die Malerei auf den Reliefs fließen. Das aktuelle Relief versah ich heute mit einer Reihe von Figurenumrissen. Sie verteilen sich gleichmäßig, wie eine Schicht über die Fläche. Wenn ich damit fertig bin, kommt es zu den Abdunklungen der Scherben und Splitter der Rasterpunkte. Sie erzeugen die Unregelmäßigkeit, die die Gesamtkomposition dieses Reliefs benötigt.

Daneben habe ich die zweite Zeichnung von Franz unter Beobachtung. Damit ich mit der Pappe, auf der sie sitzt, was anfangen kann, muss ich sie so grundieren, dass die Zeichnung nicht beeinträchtigt wird. Dann erst wird es möglich sein, Transparentpapier zu schichten.

Rotation

Am Morgen nahm ich einen Handballenabdruck von der Buchmalerei 10_24_2007_02 und fügte ihn in das heutige zweite Format ein, stabilisierte die vage Erscheinung mit ein paar festen Linien, die nun in die anderen Formate übertragbar waren. Dann erst begann ich mit den Gravitationsschwüngen, die sonst am Anfang standen.

Durch die Konzentration auf die Zeitschleifen, scheint die Bedeutung der kreisenden Schwünge plötzlich abzunehmen. Die Übertragung der alten Buchmalereistrukturen und Figurenumrisszeichnungen in die Gegenwart der Reliefbemalung, presst die Schichten der Zeit zusammen. Auch die Rotation der Transparentpapierrolle, die die alten Motive verdichtet, hat mit diesen Zeitschleifen zutun.

Die neueren Überlegungen zu GPS-Wanderungsfiguren, fügen sich ebenfalls in diesen Themenkreis ein. Voneinander entfernte Orte kann man durch gemeinsame Bedeutungen miteinander verbinden. Die verschiedenen Ereignisse, die zu unterschiedlichen Zeiten an diesen Plätzen geschahen, werden durch den geografischen Trick der Überlagerung aufeinander bezogen.

Handprint Wien

Verschiedene Themen schichten sich jetzt. Normalerweise nehme ich das gerne zum Anlass für die täglichen Collagen. Aber die Sinnhaftigkeit dieser gesteuerten Vorgänge bedenkend, kommt es immer wieder zu notwendigen Reduktionen innerhalb dieser barocken Arbeitsweise.

Die Handprints Wien und Frankfurt vor Augen, kann ich den Terroranschlag in Wien vor einem paar Tagen, der etwa am Schwedenplatz seinen Anfang nahm, in der Gegend um die Börse in Frankfurt, zwischen den Zeige des Wurzeln- und des Ringfingers. Unternehme ich nun wieder eine Wanderung durch diese Gegend hier, denke ich an meine schnelle Gang vor dreizehn Jahren im Wiener 1. Bezirk. Eine Extrusionsskulptur, die zwischen den Umrissen dieser Areale wüchse, wäre möglich und folgerichtig.

In das Zentrum des Formates der zweiten Buchmalerei von heute, setzte ich einen Handballenabdruck der Buchmalerei mit der Signatur: 10_23_2007_03. Die fleckig-farbige Figuration stabilisierte ich mit ein paar nachgezogenen Linien. Der Lenkungsmechanismus dieser Vorgänge fokussiert mich auf die Denk-Zeit-Schleifen meiner Biografiearbeit. Das beeinflusst die Arbeit an den Transparentpapierrollen und am Väterdoppelportrait.

Erinnerungsvorgang

Die fragmentarischen Elemente aus den alten Buchmalereien, die ich mit dem feuchten Handballen in das gegenwärtige Arbeitstagebuch übertrage, lassen sich, zwischen den neuen Zeichen, mit erfundenen Linien vervollständigen. Das gleicht einem Erinnerungsvorgang. Hinzu kommen die Linien des Handballens, die unabgelenkt in völlig andere Richtungen weisen, als die des Motivelements, das übertragen wurde. Aus diesem Zusammenspiel entstehen neue Kombinationen, denen wieder andere Zeichen innewohnen. Konkretisiere ich diese, dann lassen sie sich mit dem Handballen vervielfältigen und weiterentwickeln.

Gestern zeichnete ich noch eine Figurengruppe in das aktuelle Relief. Die Arbeit geht nur ruckweise voran, weil mein Rechner streikte und repariert werden muss. Ich hoffe, dass sich wieder Kontinuität in der Malerei einstellt.

Ich lese in meinen Aufzeichnungen, die ich 2007 während der Arbeit am „Handprint Wien“ gemacht habe. Im Gegensatz zu der Transparentpapierrolle, die diese Arbeit begleitet hat, sind die Texte weniger ergiebig. Weil ich mit diesem Format gerne weiterarbeiten würde, will ich die Elemente, die die Wanderungen begleiten, in Zukunft sorgfältiger behandeln. Außerdem wäre es zu überlegen, weitere Werkgruppen aus Frottagen vom begangenen Boden, Fundstücken und Bodenfotografien zu entwickeln.

Zeitschleifen

Gestern und heute übertrug ich, mit meinen feuchten Handballen, Teile von dreizehn Jahren alten Buchmalereien in das aktuelle Tagebuch. Das kommt mir vor, wie ein Zeitschleifenritual. Auch die Einbeziehung alter GPS-Linien oder von Figurenumrissen aus Buchmalereien von 2007, kann ich in diesen Vorgang mit einem schließen. Diese Rückgriffe, die Teile wiederholen fragmentarisch die abgelaufene Zeit, verlängern sie in die Gegenwart.

Von dieser Warte aus bekommen die Gravitationsschwünge erweiterte Bedeutungsschichten. Sie zeigt die Rotation in einer stark gebogenen Raumzeit, in der man auf die Vergangenheit trifft. Die Zeichen, die ich in den kreisenden Linien finden, bekommen einen neuen Sinn. In der Stille des Ateliers kann ich jetzt andere Wahrnehmungsebenen finden, die zunächst von den gegenwärtigen Buchmalereien angebildet werden.

Jetzt erst, wo der derzeitige Präsident im Weißen Haus abgewählt worden ist, spüre ich, neben der Erleichterung, wie sehr mich diese Figur jahrelang runter gezogen hat. Durch die Medienpräsenz war ich diesem Anblick zu lange ausgesetzt. Das geht mir, wenn ich mir die Reaktionen auf den Wahlausgang anhöre, nicht alleine so.

Kompatibilitäten

Lange versucht ich gestern meine GPS-Dateien in einem Format zu konvertieren, das von der neuen Software gelesen kann. Ich will jetzt mit diesen Linien, die ich vor einiger Zeit gelaufen bin, weiterarbeiten.

Dann gab es noch Schwierigkeiten bei Kompatibilitäten anderer Art. Die Pappen, auf die Franz gezeichnet hat, saugen den Schellack auf, mit dem ich den Transparentpapierbogen aufkleben will, den ich in den letzten Tagen gestaltet habe. So werde ich den betreffenden Teil weiß grundieren, wars der Sichtbarkeit der Zeichnungen auch zuträglicher ist. Dieses Geholper störte meinen Arbeitsfluss in dieser Woche. Das Zusammenspiel von Speicherformaten oder Materialien, die ich zur analogen Arbeit benötige, hat sich ja in langer Zeit entwickelt und läuft von meist reibungslos.

Zwar geht mir das Theater um die US-Wahlen, dieses Entertainment für schlichte Gemüter, auf die Nerven, aber am Rande bekomme ich Informationen über das Amerika, das sonst nicht im Scheinwerferlicht steht. Diese aber, sind so ernüchternd, dass ich anfange zu verstehen, warum so viele Wähler eine gefährlichen Witzfigur hinterherlaufen.

Zeitschichten

Das Portrait meiner Mutter versah ich mit einer Tusche-Schellack-Schicht, einer „Synaptischen Kartierung“, ähnlich wie auf dem Blatt für die Kooperation mit Franz. Nun kommt noch die Frottage eines Rasterpunktes von der Form hinzu, die ich im letzten Monat abgeformt und bemalt habe. Es handelt sich um die Scherbe mit der Bezeichnung „Scherbengericht II / 118, 1.2. 2017“, die die ihrerseits wiederum aus etwa 70 Splittern besteht. Der Punkt befindet sich im Zentrum des Doppelportraits, etwa dort, wo die Lachfältchen neben dem linken Auge sind.

Einer Tagebuchcollage ähnlich, könnte ich noch die GPS-Linien von 2007, aus dem ersten Wiener Bezirk, hinzufügen. Schaue ich auf die Buchmalereien, die damals entstanden sind, handelt es sich vor um Übergänge von figürlichen und abstrakten Motiven. Eine interessante Phase, gut für eine weitere Schicht.

Das Getöse von der amerikanischen Politbühne, schiebt sich auf alle Screens und in viele Wortmeldungen. Ich versuche, möglichst wenige Informationen in mich eindringen zu lassen, weil das mich von meiner Arbeit zu sehr ablenkt. So bin ich hier in einer sonnigen Ruhe, höre die Abrissmaschinen aus der Ferne und meinen Kühlschrank aus der Nähe… Auch ansonsten keine Kontakte, wegen der Pandemie.

Zivil

Vor lauter Frustration über die Wahl in den USA, bin ich gleich nach den Buchmalereien, die wenig zur Schadensbegrenzung beitragen können, mit einer Gartenschere an den Bahndamm gegangen, um die Brombeersträucher zurück zu schneiden. Auch wenn ich denke, dass die künstlerische Arbeit ein hochhaltendes Merkmal der Zivilisation ist, die derzeit entscheidende zu Rückschlägen ertragen hat, ist die Gartenarbeit gut für die Seele.

Nach der Übertragung der Wanderungslinien, aus dem ersten Wiener Bezirk, auf Transparentpapier, die im November 2007 entstanden sind, zeichnete ich ein Rasterportrait meiner Mutter aus dem September 1961. Beide Motive will ich zusammengefügt mit Tusche und Schellack auf die Linien vom Franz schichten. Das wendet sich einem tagebuchartigen Arbeiten zu, wie ich es in den Büchern und auf den Rollen schon verfolge. Vielleicht überträgt sich diese Form auch konsequenter auf die Bemalung der Reliefs.

Die lange Videokonferenz gestern mit den Projektteilnehmern von „YOU&EYE“, war von wenig Temperament getragen. Ich rege mich dann zu diesen Gelegenheiten, manchmal öffentlich auf. Das ist meinem Temperament geschuldet. Ich will mich da auch nicht zurückhalten.