Flechten

Den ganzen Winter über flechte ich die Weidenruten, in meinem Gärtchen vor den Atelier, zu zusammengrollten Ringen. Das lässt sich besser mit Zweigen machen, die keine Blätter haben. Außerdem bekomme ich den Eindruck, dass das Holz jetzt biegsamer als im Sommer ist. Die Gewächse haben nun, auch durch das fehlende Laub, einen künstlich – skulpturalen Charakter angenommen.

Mit dem Einflechten der zeichnerischen Arbeit von Franz, in meine Sequenzen auf Rolle 9, habe ich ein aufwändiges Verfahren angewandt. Dennoch fügen sich die Umrisse seiner Linien noch nicht in einer Weise in meine Arbeit ein, wie ich es mir erhofft hatte. Ich werde aber weiterprobieren, bis ich ein gutes Gefühl dazu habe.

Gestern schaute ich intensiver auf die figürlichen Buchmalereien vom Februar 2010. Sie entstanden allesamt in Indien, unter dem Eindruck der starken Kontraste zwischen der Farbigkeit und dem finsteren Elend des Alltags. Die kräftigen schwarzen Pinselstriche werde ich nur als Umrisse, zunächst auf Rolle 9 übertragen, sie dort mit Frottagen der Splitter zusammen bringen, um ihre Eignung für die Reliefbemalung zu prüfen.

Umrissüberlagerungen

Von einem Teil der Zeichnungen, die mir Franz mitgebracht hatte, machte ich einen Umriss mit Feder und Tusche auf Rolle 9. Ihn möchte ich in der bewährten Weise überlagern, mit den gefüllten Buchstaben aber auch mit Verdichtungen, die vorher entstanden sind. Auch in den heutigen Collagen, spielt die Umrisszeichnung eine wichtige Rolle.

Am Wochenende formte ich das Relief mit der Nummer 14 aus. Es ist schon fast trocken, so dass ich es in den nächsten Tagen grundieren kann. Für die folgende Bearbeitung sah ich mir noch mal genau die Wandmalereien von Alchi und Phiyang und ihre ornamentale Hintergrundgestaltung an. Diese Feinheit der Malerei, kann nur auf polierter Grundierung gelingen.

Am Wochenende verlasse ich manchmal, die sich langsam verändernden Gefilde der Buchmalereien und erlaube mir sprunghaftere Entwicklungen. Das geschieht, weil ich diese Arbeiten nicht in die Werktagscollagen einfüge, und sie auch sonst selten weiter verwende. Ich bin dann freier.

Flanieren im Kopf

Gestern ließ ich Rolle 9 liegen und blieb am Relief. Ich kam noch nicht zum Ende, sollte es aber innerhalb von drei weiteren Stunden schaffen. Dann wünsche ich mir ein paar weniger konzentrierte Tage, um etwas auszuruhen. Ein wenig flanieren wäre gut, auch im Kopf. Dennoch reizt mich, die Linien von Franz, bald in meine Transparentpapierarbeit einzubeziehen.

Seit gestern habe ich etwas Obst im Atelier, machte mir am Morgen einen Kaffee. Ein Bestreben die Arbeitsumgebung etwas weniger streng zu gestalten, führt zu kulinarischen Experimenten über das Trinkwasser hinaus…

Manchmal stehe ich von Zeichentisch auf, um die Pflanzen zu gießen, oder den Vögeln ein paar Körner raus zu bringen. Und gerade schaute ich mir Fotos von 2009 an, die ich in Cochi gemacht habe. Reisen durch die Erinnerung. Dort bin ich auf der Bucht der Flussmündung, zwischen den Delfinen, einen Handumriss mit einem Motorboottaxi gefahren. Ich denke an die Restauranttische auf den schönen Stegen, unter denen tote aufgeblähte Hunde trieben. Auf denen saßen pickend die Krähen, die danach auf dem Tisch herumhüpften, um sich in den Zuckerdosen zu bedienen. Es war unsere zweite Reise nach Indien.

HIN und HER

Mit den Stempeln aus dem Heidelberger Theater, druckte ich die Buchstaben der Worte „HIN“ und „HER“ auf ein Blatt, zeichnete die Umrisse in willkürlicher Reihenfolge auf Rolle 9 und stellte mit den Mustern der vorangegangenen Zeichnungen eine Überlagerungssequenz her. Durch das Zusammenspiel der sich wiederholenden Zeichen, den Ornamenten, mit denen ich sie anfüllte und den Schichtungen, entsteht ein Zusammenhang, dessen Untergründigkeit den forschenden Geist beschäftigen kann.

Am Morgen zeigten sich die Zeichnungen von Franz, in ihren Umrissen, in meinem Kopf auf Rolle 9. Im Hin und Her dieser Durchzeichnungen, kann ich sie am vollständigsten in meine Arbeit integrieren. Nur so, wenn seine Zeichen in meinen Zusammenhängen eine Rolle spielen, kann ich mich ganz auf die Kooperation einlassen. Ich erhoffe mir dadurch einen direkten Zugang zu seiner bildnerischen Sprachbewegung.

Bei der Bearbeitung des aktuellen Reliefsegmentes, zeichnet sich, zum Ende der Woche, ein Abschluss ab. Die Veränderung der Art, die Figuren und Architekturen auf diesem Exemplar uneinheitlicher zu komponieren, hat weniger Homogenität, aber mehr Spannung zur Folge.

Nebelwolken | Häfen | Sog

Über der Indigohorizontlinie erschienen lateinische Buchstabenumrisse. Sie schwammen alleine, wie Segelschiffe, die einander beobachten, bildeten keine Worte. Schiffe sind auch die Buchmalereien. Sie tauschen aber Ladung miteinander aus, um dann in die Transparentpapier- oder Collagenhäfen anzusteuern. Ich erinnere mich an einen erdenen Hof hinter einer barocken Fassade in Cochi, dessen Fläche vollständig mit Ingwer bedeckt war.

Die Malereien beginnen am Morgen mit dem Ritual der kreisenden Gravitationsschwünge auf der linken Seite des aufgeschlagenen Buches. Die direkt gezeichneten Schwünge können sofort mit dem feuchten Handballen in die zwei Formate auf der rechten Seite übertragen werden. Wenn sie aber mit der hölzernen Haarnadel in das Papier graviert wurden, benötigen sie eine farbige Schraffur, um sichtbar und übertragbar zu werden. Aus der folgenden Verstärkung einzelner Linien, entstehen neue Figuren. Mit einer Reihe von weiteren Bearbeitungsmöglichkeiten ergeben sich beispielsweise Nebelwolken, die alle Farben transparent miteinender vermischen. Oft zeichne ich dort scharfe Linien hinein.

Die ornamentalen Strukturen, mit denen ich die Splitter der Reliefs fülle, beginnen mich am Abend zu quälen. Dann ist es Zeit, Feierabend zu machen. Aber mir scheint, es entsteht ein optischer Sog.

Neunfach

Weil sich über dem Indigohorizont am Morgen, nach dem Aufwachen, keine neuen Figurenkompositionen auftaten, die Kulissen verwaist standen, ohne Schauspiel, kann ich es nur in den Buchmalereien, Collagen und Transparentpapiersequenzen auf Rolle 9 suchen. Ein Stück aus Farbflecken, Handballenabdrücken, Gravitationsschwüngen, Umrissen und Auflösungen. Der Text verschwindet im Trockeneisnebel, in seinen Schwaden tauchen neue, scharfe Umrisse und Worte auf und es entsteht ein dreifach wiederholtes Gesträuch.

Die dreifache Wiederholung der Federzeichnungen, häufig in den Werktagscollagen, verbinden sich mit den Überlagerungen der vorausgegangenen Arbeiten in dieser Reihe. Dazu kommen die Buchmalereien, die in sich wiederum drei Wiederholungen per Handballenabdruck aufweisen. Neunfaches Schichten, – und dann entsteht das neue Stück zwischen den Kulissenarchitekturen und tritt aus ihnen heraus, um in die nächste Sequenz zu wandern. Dazwischen entstehen auf extra Transparentpapierbögen Umrisszeichnungen, die sich für die Bearbeitung des nächsten Reliefs eignen.

Am Nachmittag brachte ich Franz gestern die Exemplare unserer Zusammenarbeit. Es sind Pappen und Reliefabformungen, die wir gemeinsam bearbeitet haben. Wir bereden die Beweggründe und Vorgehensweisen unserer Bemühungen. Daraus entwickelt sich manches weiter.

Fernweh

Die Gedanken Pasolinis, bei seiner Begegnung mit Indien, die Beschreibung einer Zugfahrt von Kolkata nach Chennai eines anderen Autoren in der aktuellen „Zeit“ und die eigenen, davon in Gang gesetzten Reiseerinnerungen, lösen eine Sehnsucht aus, die man als Fernweh bezeichnen könnte. Dieser Begriff aber, bedeutet für alle etwas anderes. Für die, die ihren Wohnort nie verlassen haben, speist er sich aus den Erzählungen und Bildern der Gegenden, die hinter dem Horizont liegen. Für andere sind es die eigenen Reiseerfahrungen. Pasolini hat durch seine genauen Beobachtungen und die Gedanken, die sich ihnen anschließen, eine das Fernweh besonders befördernde Art zu schreiben.

Seit gestern denke ich über einen Transparentpapierleporello mit Durchzeichnungen nach. Sie bestehen aus Malereiumrissen, Überlagerungsstrukturen, Synaptischen Kartierungen und Textfragmenten. Mal sehen, ob ich, neben meinen anderen Arbeitsgängen, dazukomme, das auszuprobieren.

Durch die anhaltende Konzentration führt die Produktion zu einer ansteigenden Arbeitsgeschwindigkeit und entsprechenden Ergebnissen. Der Gedanke kommt auf, manche Arbeitsbeschreibungen mit den dazugehörenden Bildern zu verbinden. Damit kann ich die Folgen handwerklicher Zufälle, die Assoziationsketten und Bilderfolgen direkt aufeinander beziehen.

Zusammenklang der Strukturen

Der Zusammenklang der Strukturen ist das Thema. Auf der Transparentpapierrolle, in der fortlaufenden, derzeit wichtigsten Form, spielen die variierenden Durchmesser der aufgerollten Spirale des Papiers, eine mehrfach bestimmende Rolle. Die durchgezeichneten Überlagerungen folgen dann in ihrer Auswahl, aber doch letztlich meiner Entscheidung.

In den Buchmalereien entstehen ebenfalls fortlaufende Strukturen. Sie werden, mit dem nassen Handballen vervielfältigt, in verschiedenen Versionen fortgeschrieben. Die Begrenzung auf drei zusammenhängende Bilder eines Tages, verhindert nicht, dass die Abdrücke zwischen den Formaten hin und her wandern. Weil nun öfter Umrisszeichnungen von Buchmalereien auf die Rolle übertragen werden, überlagern sich auch die verschiedenen Arbeitsweisen. Die zusammengefassten, konzentrierten Kompositionen, als Ergebnisse der Sequenzen auf der Rolle, erscheinen nun, und das ist neu, als kleine, fast nebensächliche Zeichnungen auf den Scherben der Reliefs. Dort endet dann die Entwicklung der fortlaufenden Form, verfestigt sich und scheint am Ziel angekommen zu sein.

Gestern folgte ich dann dem Gang meiner morgendlichen Überlegungen, im Atelier. Und sollte ich das heute wiederholen, so müsste sich der dunkle, kompakte Kern der Zeichnung, aller weit ausschweifenden Figurenlinien entledigen und eine Verbindung mit einer weiteren Kulissensequenz eingehen.

3 Schichten

Die Figuren, die gestern als „Vision“ über dem Indigohorizont standen, suchte ich gestern innerhalb der Buchmalereien vom Februar 2007. Ich fand 02_06_2007_002 und lese auf diesen Seiten, dass ich damals auch die Umrisszeichnungen auf die Transparentpapierrolle brachte. Ausgehend von den Zeichnungen und Malereien, die ich in diesen Tagen angefertigt habe, suche ich nun Motive, die ich mit denen von jetzt zusammenbringen kann.

Gestern entstanden in diesem Zusammenhang Fragmentierungen der Kulissensequenz durch die Überlagerung mit einem Umriss der oben genannten Buchmalerei auf Rolle 9. Wenn ich das fortführe, kann ich den Bogen über die Jahre spannen, die zwischen der Entstehung der unterschiedlichen Motive stehen. Im Idealfall steckt dann, in den fragmentierten Formen, das Potential, das sich in der Zwischenzeit entwickelt hat.

Zum Relief bin ich dann nicht mehr gekommen. Aber die jetzt, auf Rolle 9 entstandene Zeichnung, kann dazu führen, dass die Parallelität der Arbeitsschichten, Buchmalereien und Transparentpapierrolle ermöglicht, dass sie sich direkt in der Reliefbemalung überlagern. Es ist, als würde ich auf die Wandmalereien von Alchi zurückgreifen, nur dass es sich, was viel besser ist, um meine eigenen Arbeiten handelt.

Konfrontation

Als der Indigosee am Morgen hinter meinen Augen stieg, flutete er die bildlichen Überlegungen zur Fortsetzung der Kulissensequenz auf Rolle 9. Innerhalb der Buchmalereien aus den Jahren 2006 und 2007 entdecke ich immer wieder Einzelfiguren und ihre Kompositionen in Räumen, die sich für die Verbindung mit den Kulissen eignen würden.

Ich vergleiche die alten mit den neuen Buchmalereien und frage mich, wie sie bezüglich ihrer Qualität zueinander stehen. Die gegenwärtigen Herausforderungen sind eher technisch – struktureller Natur, sind weniger auf Szenen gerichtet, die Geschichten erzählen könnten, als auf rhythmische Musikalität. Aber die Konfrontation beider Herangehensweisen auf der Rolle, erzeugt Spannungen, die zu etwas drittem führen können.

Die ornamentalen Verdichtungen auf dem Relief führen derzeit zu keinen Neuigkeiten. So bleibt mir die Hoffnung, dass eine Erneuerung durch meine sture Kontinuität zustande kommt. Die Erinnerung an die Buchmalereien, die im Kloster Alchi an die Innenwände des Heiligtums gelangt sind, bleibt mir eine stetige Inspiration für meine derzeitige Arbeit an den Reliefs, in Verbindung mit meinen Büchern.

Papiergravuren

Die Bearbeitung der Reliefs gerät immer wieder in Sackgassen. Sie stockt noch nicht, fließt immer weiter bis zu einem Punkt, der zu einem Ende hin tendiert. Die Verdichtung der Ornamentlinien beispielsweise, geht in Richtung eines dichten, strukturierten Schwarz. Bevor ich das zulasse, muss ich bremsen und mir Varianten einfallen lassen, die das verhindern.

In den älteren Buchmalereien habe ich die Papiergravuren wieder entdeckt, die ich mit einer hölzernen, afrikanischen Haarnadel in die Buchseiten grub, bevor diese von farbigen Schraffuren hervorgehoben wurden. Diese Linien gehen mit den Handlinien, die beim Handballenabdruck entstehen eine Verbindung ein. Die ersten Versuche von heute sind so, dass ich das weiter ausprobieren möchte.

Die Texte, die Pasolini bei seiner ersten Begegnung mit Indien schrieb, und in denen ich gestern las, sprechen von den Empfindungen, die ich in derselben Situation hatte. Weil er dies anhand einer Gegend in Mumbai beschreibt, die ich auch öfter durchwandert habe, konnte ich mich in die Atmosphären und in seine Gedanken einfühlen. Aber seine Beobachtungen führen zu weitergehenden Betrachtungen, die mein Erleben noch einmal neu erhellen.

Im Relief

„Im“ Relief arbeitete ich gestern, als zöge ich mich selbst bis in die Tuschestrukturen zurück. Und als würden sich die Linien entfernen, werden sie enger und labyrinthischer. Das führt von den Buchmalereien weg und nähert sich gleichzeitig den Verdichtungen auf Rolle 9. Zwar spielen die Gravitationsschwünge immer noch eine Rolle, aber ansonsten geht es, wegen des Materials und seiner Möglichkeiten, auf anderen zeichnerischen Wegen weiter.

Franz besuchte mich gestern und brachte zwei Zeichnungen auf Pappe mit. Nach längerem Hinsehen behalten sie ihre Kraft, wodurch es mir nicht schwer fällt, an ihnen weiter zu arbeiten. Eine Herangehensweise, die ich mittlerweile dafür einübte, hilft mir dabei.

Der IS hat in Palmyra Filmaufnahmen seiner Gewaltakte gemacht. Das Amphitheater wurde zur Schaustätte der Hinrichtung von, auf Knien aufgereihten Feinden. Mit großen Hämmern wurden antike Skulpturen zerschlagen, die wertvollen Architekturen wurden gesprengt. Die Gesten der Gewalt und die Gesichter der Täter ähnelten denen, die vor ein paar Tagen das Kapitol stürmten.

Geflochten

In der kalten Nachmittagssonne flocht ich am Wochenende die Weidenruten an den Bäumen zu Ringen. Ihr weiteres Wachstum entscheidet, wie ich sie für Objekte nutzen werde. So stelle ich mir wachsende Strukturen her. Die nächsten Triebe, die aus den Schwüngen wachsen, werde ich dann wieder biegen und weiter flechten.

Am Sonntag hörte ich lauter Jazz aus Frankfurt. Dabei kam ich wieder auf das spannungsvolle Verhältnis von fluiden und kristallinen Formen. Das floss in die Bemalung der Reliefs ein. Auf einer Scherbe zeichnete ich enge Gravitationsschwünge und füllte ihre Flächen mit parallel laufen den Linien an. Das will ich fortführen, um zu sehen, was sich aus diesen Begegnungen entwickelt.

Am Nachmittag bekomme ich Besuch von Franz. Wir wollen unsere Kooperation weiter entwickeln. Ich möchte gerne ausloten, wie sich unsere verschiedenen Sprachen neu ergänzen können. Vielleicht ist zu viel Vermischung überfordernd. Wir sollten die Möglichkeit, Arbeiten getrennt nebeneinander zu kombinieren, mit ins Auge fassen.

Starre | Verdunklungsgefahr

Das Zeichnen einer weiteren Schicht in die aktuelle Kulissensequenz auf Rolle 9, brachte nur Erwartbares, das was ich finden wollte. Diese Starrheit will ich auflockern. Innerhalb weiterer Umdrehungen der Transparentpapierrolle kann ich dafür die Formen fragmentieren. Aus diesem Gedanken heraus, ist es leichter weiterzuarbeiten.

Auch die „Verdunklungsmuster“ auf den Splittern des Reliefs scheinen zu erstarren. Ich muss mich wieder langsam von den eingeübten Vorgehensweisen entfernen, wie von der Einbeziehung der Unebenheiten der Oberfläche, damit es vorwärts geht. Auf den 8 bisher bemalten Reliefs, ist dieser Vorgang aber schon deutlich sichtbar.

Während der Buchmalereien am Morgen, bemerkte ich, dass ich ihren Zusammenhang der verschiedenen Arbeitsgänge des Tages, schon beim Zeichnen mitdenke. Es gerät manche Linie, die sonst locker und unterbrochen entsteht, fest und durchgezogen. So bleiben die Flächen der Scans, wenn ich sie für die Collagen mit einem Klick auswähle und mit einem weiteren ausschneide, klarer umschrieben. Auch für die Weiterarbeit an den Malereiumrissen auf Rolle 9, sind geschlossene Formen brauchbarer.

Formel | Fluss

Auf den Nachrichtenkanälen konnte man gestern beobachten, wie eine aufgeputschte Menge demokratische Vorgänge unterbricht und somit verzögert. So wird eine allgemeine, schleichende Entwicklung zum fokussierten Bild. Die Gesichter der Menschen, die abstrusen Interviews und eine, sie antreibende, banale Figur, immer noch an der Spitze Amerikas, erscheinen wie eine Formel. Eigentlich müsste man da mal hinfahren, um sich selbst ein Bild zu machen.

Drei Durchzeichnungsgänge haben die Trio-Fugen-Sequenz verdichtet und die Varianten deutlich voneinander abgesetzt. Die Fortsetzung des Vorgangs führt zu einer weiteren Klarheit dessen, was ich probieren wollte. Rolle 9 gewinnt schnell an Inhalten und an Material, das weiterhin eine Rolle spielen wird.

Vom Transparentpapier ging ich dann an die Splitter des aktuellen Reliefs. Wieder schaltete ich ein starkes Seitenlicht ein, um die Unebenheiten der Oberflächen sehr deutlich zu machen. Sie sind der Ausgangspunkt für die Strukturen, mit denen ich die erhabenen Flächen der Scherben abdunkle. Diese Arbeit erzeugt eine Ruhe, die ein Gewinn für den Hand-in-Hand-Fluss der Arbeitsbereiche der Buchmalereien, der Rolle 9 und der Reliefbemalung ist.

Hand in Hand

Schichtungen mit Schellack, Tusche und auch mit farbigen Kreiden auf Transparentpapier, könnten auf einer weiteren getrockneten Schellackschicht, mit Handballenabdrücken fortgesetzt werden. Die Feuchtigkeit dürfte dem Transparentpapier dann keine Verwerfungen mehr bringen.

Die Ateliervormittage schließen sich immer direkt an die Arbeit des vorigen Tages an. Hand in Hand folgen Buchmalereien, Transparentpapierzeichnungen und Reliefbemalungen aufeinander. Unter ihnen kommt es kontinuierlich zu Bezügen. Das geht so lange, wie sich diese Arbeitsweise für die angestrebte Weiterentwicklung der zeichnerisch-malerischen Erzählung eignet. Geht es zu weit, kommt es zum Überdruss.

Den Umriss einer Buchmalerei mit der Signatur: 2020_12_22_002, zeichnete ich gestern, gleich im Anschluss an die vorausgegangene Sequenz, auf Rolle 9. Das Motiv gelangte in die heutigen 3 Collagen. Die Umrisse sind klarer als die der vorausgegangenen Kulissenfaltung. In der Weiterarbeit erhoffe ich mir nun ein deutlicheres Bild einer musikalischen Fugenstruktur. Die zeichnerischen Überlagerungen der durchscheinenden Linien gestalten sich in drei Varianten, je nach dem, welche Umrissfelder, in diesem Trio, für den Durchzeichnungsvorgang gesperrt werden.

GRAB = BLICKSPIEGEL

Rolle 9 rückwärts gestern. Das heißt, dass ich das Durchzeichnen der übereinander liegenden Linienmuster, beim Zusammenrollen vom Ende her zum Anfang hin, vornahm. Das ließ drei Variationen der Kulissenfaltungen mit den entsprechenden Durchblicken auf die darunter liegenden Schichten entstehen. Die unterschiedlichen Überlagerungen greifen wie musikalische Themen ineinander. Durch die Senkrechten und Schrägen, der sich hintereinander staffelnden Architektur, entstehen neue Räume. Das geschieht auch häufig innerhalb der Werktagscollagen.

Bei den Buchmalereien kommt es nun häufig zu knotenartigen Verschlingungen, die von den Gravitationsschwüngen der ersten der drei Malereien begründet sind. Während der Suche nach Motiven für die weitere Reliefbemalung sah ich auch Stahlkonstruktionen des Palastes der Republik, die 2007 verknotete Gesträuchstrukturen auf der Transparentrolle von damals bildeten.

Am Morgen hatte ich eine „Indigostunde“. Das bedeutet, dass ich versuchte meine Inneren Bilder, um schlafen zu können, mit dunklem Indigo flutete. Dabei kamen mir aber Worte eines Zettels in den Sinn, den ich vor ein paar Tagen in einem Tagebuch von 1997 fand. Ich stellte sie mir mit Großbuchstaben auf Rolle 9 gedruckt vor: DER BLICK IN DAS GRAB IST DER BLICK IN DEN SPIEGEL | GRAB = BLICKSPIEGEL | MEIN GRAB HINTER MEINEN AUGEN; usw.

Fugen | Trio | Textcollage

Zwischen den Jahren arbeitete ich neben den Buchmalereien weiter an der Rolle 9. Zuletzt entstanden 3 Variationen einer Kulissenlandschaft, in die ich begann, eine Figur einzuflechten, deren Ursprung aus den Jahr 2007 stammt. Inspiriert ist dieser Teil der Transparentpapierrolle von den Fugenkompositionen Bachs und vom Triojazz.

Die Buchmalereien haben sich wieder etwas gewandelt, hin zu etwas mehr Farbigkeit und kleinen zarten Formen, die mit dünnen Linien umrissen werden. Sie kommen mir manchmal vor, wie abstrakte Textillustrationen für Kinder.

Außerdem befasste ich mich mit alten Tagebüchern und entdeckte einen eigenartigen Text über den altägyptischen Totenkult. Die Zeilen sind fast wie ein Gedicht. Aber es scheint sich um Notizen zu handeln, die ich zu einem Text von Jan Assmann gemacht habe. Sie würden sich für eine Textcollage im Stil der Zeichnungs-Sequenzen auf den Transparentpapierrollen eignen.

Produktion | Party | Verdichtung

Die Party ist die Produktion. Gestern begann ich feierlich, mit der Übertragung von Teilen der letzten Sequenz von der aktuellen Transparentpapierrolle, die Rolle 9. Kürzlich, als ich einige Notizen auf einer älteren Rolle sah, gingen mir wieder Textbearbeitungen durch den Kopf. Wörter, die sich durch das Zusammenrollen des Transparentpapiers, mit dem Durchzeichnen neu ordnen. Die Idee einer solchen Verdichtung habe ich bisher nur einmal kurz probiert.

Als ich gestern eine Collage zur Verarbeitung auf Rolle 9 ausdrucken wollte, musste ich feststellen, dass der Drucker defekt ist und nur noch die schwarzen Partien des Formates reproduziert. Das aber erzeugt einerseits eine Fragmentarisierung, wie ich sie mir in ihrer Radikalität nicht erlaubt hätte. Gleichzeitig habe ich aber erneut das gute Gefühl einer Verdichtung. Ich werde diese zufälligen Ergebnisse auf Rolle 9 weiter auf ihre Eignung für die Weiterarbeit prüfen.

Besonders dichte Momente bei der Erfindung von Arbeitsschritten, finden oft kurz vor einer „Zwangspause“, wie es Weihnachten ist, statt. Für Franz grundiere ich noch ein paar Pappmache-Rasterpunkte, damit er sie bemalen kann. Diese Zusammenarbeit hat sich in den letzten Tagen leider etwas in den Hintergrund begeben.

Versenkung | Abstand

Die Umrisszeichnung vom 9.1. 2009 von Rolle 5, übertrug ich auf Rolle 8, um dort die Verdichtung der letzten Gustavsburgplatz-Wanderung einzufügen. Im Wachen der Nacht hielt ich mich an diesen Linien fest. Sie haben, durch ihre sichtbar produktive Ausstrahlung, eine beruhigende Wirkung auf mich. Als Beleg für die meditative Versenkung in das Gesträuch aus Wanderungsspuren, stiftete sie das Zentrum für den gestrigen Rückzug, der den notwendigen Abstand zum Alltagsgeschehen herstellt, um es gelassener beobachten zu können.

Rolle 8 ist nun bis an ihr Ende angefüllt mit den Zitaten aus der Vergangenheit und deren Überlagerungen mit Erfindungen der Gegenwart. Rolle 9 liegt unangetastet und noch verpackt auf dem Grafikschrank, den ich vor 40 Jahren als Gesellenstück gebaut hatte.

In einer ostdeutschen Illustrierten, die mir mein Vater mitgegeben hatte, las ich einen kurzen Meinungsstreit über das große Wandbild „Lob des Kommunismus“ von Ronald Paris. Dabei geht es um den geschichtlichen Wert von Staatskunst der DDR. Man muss natürlich genauer hinschauen, was die Künstler ihren Auftraggebern unterschoben. In diesem Fall lehnte der Maler alle Änderungswünsche ab. Das war nicht unriskant.

Stabilität

Ein dunkler Tag, der dunkelste des Jahres. Aber wenn ich in den grauen Himmel hinaufschaue, dann ist immer noch genügend Licht, das durch meine Augen ins Innere dringt. Und die Gewissheit, dass es nun langsam wieder länger hell sein wird leuchtet ein wenig hinzu.

Die Nachrichten um die Mutation vom pandemischen Virus, haben mich gestern verunsichert. In dieser aufgeheizten Informationslage ist man immer wieder auf Expertenwissen angewiesen, um mit etwas mehr Mut und Gewissheit in den Tag zu gehen. Die Empfangsantennen sind empfindlich geworden, was nicht immer mit zunehmender Vernunft einhergeht. Es ist, als suchte ich in den Buchmalereien stabile Kompositionen, die auf mein Innenleben beruhigend einwirken sollen.

Stabilisierend würde auch ein wenig mehr Ordnung im Atelier wirken. Zumindest könnte ich dann auf Rolle 8 weiterzeichnen, was mir auch fast immer ein gutes Gefühl bereitet.

Motivtransport

Am 06.01. 2009 zeichnete ich ein flächiges Gebilde, aus figürlichen und floralen Umrissen, in die damals aktuelle Transparentpapierrolle. Es handelt sich offenbar um Nachklänge des Taj Mahal und seiner Steinintarsien, die wir zuvor auf unserer ersten Indienreise sahen. Diese Zeichnung übertrug ich, als zweite größere Motivgruppe, auf das Relief. Nun bin ich gespannt, wie sich die Portraitsplitter damit verbinden lassen.

Die Umsetzung des Vorhabens, die Collagen in die Reliefmalerei mit einzubeziehen, muss noch etwas warten. Auch die Assemblagen, über die ich gestern nachdachte, erwiesen sich als zu kompliziert. Ich gehe lieber den Weg, mehrschichtige Transparentpapiere mit verschiedenen Zeichnungsstrukturen anzufertigen. In tiefen Objektrahmen bilden sie tiefe Kulissenlandschaften.

Als wir gestern bei Pietro Pizza holten, erzählte ich ihm den Traum, in dem sein Restaurant auch ein Theaterprospektlager war. Es entspringt dem Erinnerungsraum der Seitenbühne des Heidelberger Stadttheaters, auf der sich ein Prospektpaternoster befand. Jetzt kann ich in meinen Tagebüchern lesend, in diese Zeit zurückschauen, z.B. in das Jahr 1989.

Zeitraumspannung

Verschiedene Figurenumrisse, unterschiedlicher Größen, 10 und 13 Jahre alt, finden nun ihren Platz auf dem neuen Relief. Der Größenunterschied schafft einen perspektivischen Raum, die Herstellungsdaten der Zeichnungen eröffnen einen zeitlichen und stilistischen Abstand. Der Strich auf den älteren Transparentpapierrollen ist sicherer und gleichzeitig naiver. Auf den ersten Blick erweckt das mehr Vertrauen. Durch den Transport in die Gegenwart bildet sich durch die Spannung, eine neue Dimension. Von der soll auf dem Relief etwas zu spüren sein.

Wolkenformationen, die wie Stimmungsschwankungen aufziehen, vernebeln die tief stehende Sonne, schlucken das Licht. Daraus entsteht das Morgen-Grauen. Davor sehen die Buchmalereien, mit ihren einschnürenden Schwüngen, leuchtender aus, als sie es wirklich sind. Sie gaukeln mir vor, dass ich mit ihrer Kraft den Tag bestreiten soll.

Mir geht die Möglichkeit durch den Kopf, Assemblagen aus dem Material herzustellen, das bei der Suche nach Möglichkeiten der Reliefbemalung anfällt. Transparentfiguren, Pappmachesplitter, Zeichnungen auf Schellack. Das zusammen, räumlich gestaffelt und komponiert, kann zu etwas anderem werden, als ich es bisher zusammenstellte.

Versuchsaufbau

Manchmal zeichne ich, während ich schreibe, mit dem Füller noch ein wenig in den gerade entstandenen Malereien herum. Meist geht es um Akzente zur Orientierung. Ein paar Punkte an den Ecken oder aneinandergereiht, ergeben Richtungen, ähnlich wie bei den GPS-Wanderungen.

Derzeit fühle ich mich in meiner Arbeit sehr wohl. Sie ist innerhalb der vielen Unplanbarkeiten, durch die Pandemie, mein Stabilisator. Vor allem die Entdeckungen auf Transparentpapier, die durch die Verdichtungen, die mit Feder und Tusche beim Durchzeichnen entstehen, die neuen Figuren, die in diesen Gesträuchen sichtbar werden, sind oft erst im Rückblick besonders. Wenn das alles mit den Buchmalereien in den Collagen zusammenkommt, dann erscheint mir das, wie eine chemische Reaktion, bei der Energie entsteht. Diesen Versuchsaufbau sollt ich erweitern und auch auf die Reliefbemalung anwenden.

Ich frage mich manchmal, wie lange die Arbeit an den Reliefs noch anhalten wird. In meiner Natur liegt es, an einer solchen selbst gestellten Aufgabe, ohne Unterbrechung kontinuierlich dranzubleiben, bis sie erfüllt ist. Da sind Aktionen, wie ein neues Handprintkonzept oder die Kooperation mit Franz, scheinbar hinderlich. Dabei sollte ich aber die Anregungen, die aus solchen Ablenkungen erwachsen, nicht unterschätzen.

Relief | Wanderungslinien | Collagen

Ich kam gestern doch noch zur Weiterarbeit am Relief, denn zwei Drittel der Schellackschicht habe ich aufgetragen. Die ersten zwei Figuren, die ich dann dort ansiedeln will, habe ich im Auge und bereitete sie schon eine Weile auf der Transparentpapierrolle vor.

Auf Rolle 8 ging ich bei der Verdichtung der Gustavsburgplatz-Wanderungslinien weiter. Das heißt, dass ich mehrfach die, auf der Rolle vorausgegangenen, Gesträuche in dem Umriss zeichnete. Die Überlagerung dieser Figuren untereinander, folgt erst noch. Etwas von dem jetzigen Zustand, findet sich in den Collagen von heute.

Und dann schichtete ich noch Zeichnungen auf Transparentpapierbögen auf die Pappe, auf der Franz zuvor eine collagierte Zeichnung hergestellt hatte. Meine Figuren sind ziemlich detailliert und fein gezeichnet. Ich bin gespannt, wie er nun damit umgeht.

Weiterweiterweiter

Insbesondere auf der Transparentpapierrolle findet sich das übliche Weiterweiterweiter. Sie sitzt sich im Zentrum der Zeichenforschung. Im Umriss einer Buchmalerei vom 12.11. dieses Jahres, verdichtete ich die Wanderungslinien, die Stahlkonstruktion und die zehn Jahre alten Figuren aus einer Buchmalerei, zu einem eng verflochtenen Gesträuch. Mittlerweile gibt es eine weitere Gustavsburgplatz-Wanderung vom vergangenen Donnerstag, mit der ich auf Rolle 8 weiterarbeiten kann. Noch wenige Meter, dann ist sie voll.

Die Buchmalereien stehen derzeit im großen Kontrast zu den Tuschezeichnungen auf dem Transparentpapier. In den Büchern finde ich eine zurückhaltende Zartheit. Und diese steht wieder im Kontrast zur Atmosphäre in der Stadt. Es ist, als wollte ich das Gleichgewicht herstellen: Empfindliches gegen die Verrohung.

Am Morgen saß eine winzige Maus in der Käfigfalle, die ich vor ein paar Tage zwischen den Pflanztöpfen aufgestellt habe. Bevor ich das Tierchen nach draußen an den Bahndamm brachte, betrachtete ich es eine Weile und machte ein Foto von ihm. Ich möchte mein Atelier für mich alleine haben. Die Eidechsen auf dem Gesims über dem Rolltor zählen nicht!

Stahlkonstruktionen | Buchmalereien | Wanderungslinien

Die Verflechtungen unterschiedlicher Strukturen ergeben, durch ihr Aufeinandertreffen, Möglichkeiten, neue Geschichten zu erfinden, die auf den so entstandenen Formen basieren. Auf Rolle 8 vertiefte ich mich gestern in die sich durchdringenden Linien der unterschiedlichen Situationen. Ich spüre dabei, wie Stahlkonstruktionen auf Wanderungslinien treffen, wie Figuren aus den Buchmalereien der verschiedenen Zeiten und Stile in gemeinsame Szenen geraten.

Mit den alten Buchmalereien setze ich mich immer intensiver auseinander. Mich reizen dabei die damals gefundenen Figuren besonders. Sie erzählen noch vom Theater, vielleicht sogar von bestimmten Darstellern, mit denen ich früher gearbeitet habe. Beim wiederholten Durchzeichnen auf Transparentpapier ändern sich die Formen langsam. Manche Ausstülpungen werden größer oder Einbuchtungen verkleinern sich, Linien werden begradigt, Bögen bekommen mehr Schwung. Aus der Ferne sehen sich diese Wiederholungen sehr ähnlich. Aus der Nähe sind sie verschieden.

Die drei Koordinaten, über die ich gestern schrieb, haben ja eigene Räume. Diese möchte ich auf Rolle 8 entwickeln. Zunächst werden Pasolini-Gedichte zusammengerollt und ihre Worte neu verbunden. Dann trifft die Stahlhülse der britischen Bombe auf die Schwemmsandschichten. Gestern machten wir eine neue Gustavsburgplatz-Wanderung, die wieder mit Tusche mehrfach überlagert und verdichtet werden kann.

Trios

Aus dem März 2010 übertrug ich die Umrisse von zwei Figuren einer Buchmalerei, die auch in den Collagen präsent sind, auf Rolle 8. Dort möchte ich sie mit den Strukturen füllen, mit denen ich in den letzten Tagen gearbeitet habe. Dabei geht es um den Flakturm in Wien mit einer Figur und der Stahlkonstruktion des Palastes der Republik, um die Wanderungslinien von Gustavsburgplatz und die Umrisszeichnung einer Buchmalerei des letzten Monats (11_12_2020_003), die ich schon mit Schichten der anderen Motive anfüllte.

„Clouds After Cranach“, eine Arbeit der Forsythecompany, kam mir beim Nachdenken über die drei Koordinaten, die ich gestern beschrieb, in den Sinn. Ich stelle mir eine Installation vor, die, basierend auf der Kartierung der Orte, verschiedene „Rizome-Räume“ mit gespannten Schnüren verbindet. In der Pizzeria „La Strada“ befindet sich der Pasolini-Text-Raum. Die Stelle, an der der Blindgänger entschärft worden ist, umfasst die Schwemmsandschichten und die Rüstungsproduktion der Bombe und die der Alfred Teves GmbH. Gustavsburgplatz ist der dritte Raum, der mit der Wanderungskartierung, den Fundstücken und den Frottagen davon angefüllt ist.

Das nächste Relief, das sich innerhalb des großen Doppelportraits direkt unter dem vorigen befindet, ist ausgeformt und trocknet nun. Mir ist noch nicht klar, wie ich es bemalen will. So folge ich der Intuition.

Rhizome

Die drei Koordinaten, über die ich gestern während des Videotreffens sprach, habe ich mir am Morgen als Teil der Rolle 8 vorgestellt. Demnach weisen die Punkte auf der Kartierung nicht nur Felder mit mehreren Schichten auf, sondern sind Räume mit verflochtenen Rhizomen. Die zusammengerollten Prospekte in den Regalen der Pizzeria „La Strada“, aus meinem Traum, sind mit Gedichten von Pasolini beschrieben. In diesem Zustand begegnen sich die Worte neu. Auf Transparentpapier lässt sich gut probieren, wie das aussehen kann.

Die geologischen Schichten, die der Blindgänger, wegen dem am Sonntag 13000 Menschen evakuiert wurden, durchdrungen hat, verwirbeln an den Rändern des Einschlagskraters. Wo wurde das Metall geformt, montiert und angefüllt? Welche Situationen begegneten sich und führten zu der Konstellation, die der Kampfmittelräumdienst dann entschärfte?

Zum dritten Punkt, dem Gustavsburgplatz, entstehen gerade Wanderungslinien, Materialsammlungen und Frottagen mit dem Schülerinnen und Schülern. Gern würde ich mit ihnen eine große Karte auf Transparentpapier zeichnen und sie mit dem Material anreichern, das wir erarbeitet haben. Morgen gehen wir erst einmal neue Linien.

Produktion ist die Party

Aus der Einbeziehung von Koordinaten aus der Atelierumgebung habe ich innerhalb eines Videotreffens versucht, die Künstlerkollegen etwas aus der Reserve zu locken. Zunächst ging es um einen Traum, in dessen räumlichem Zentrum die Pizzeria La Strada, 300 m östlich liegt. In seiner aufsteigenden Panik wurde mir klar, dass ich den Traum durch das Aufwachen beenden musste. Dann kam ich zur nächsten Koordinate, der des Bombenfundes 50 m südwestlich. Ich stellte mir die Splitterwirkung bei misslungener Entschärfung auf mein Atelier vor. 140 Tagebücher mit 30.000 Buchmalereien usw. fragmentiert. Das Väterportrait erneut zersplittert. Und die dritte Koordinate 200 m nordöstlich, der Gustavsburgplatz mit den Wanderungslinien, die ich alleine und mit den Schülerinnen und Schülern dort schrieb. Zu der kraftvollen Linienstruktur gehören die Transparentpapierblätter mit den Frottagen der Fundstücke und den Linien der Wanderungen.

All diese Schichten stapeln sich nach und nach hier im Atelier, werden gegenwärtig und ineinander verwoben sichtbar. An diesen Prozessen möchte ich manchmal gemeinsam mit dem Künstlerteam teilhaben.

Das Motto wäre:

Prioritär ist die Produktion und nicht die Party!

Oder: Die Produktion ist die Party.

Geschiebe

Etwa 50 m entfernt von meinem Atelier, sind die Bagger auf eine 5000 Kilogramm schwere englische Fliegerbombe gestoßen, die noch scharf war. Unsere Wohnung in der Frankenallee befindet sich knapp außerhalb des Evakuierungsareals, das für die Entschärfung ausgewiesen wurde. Schicht um Schicht wurde seit Monaten ausgehoben. Im Geschiebe der Geschichte hat sich der Sprengkörper bis in den Schwemmsand gebohrt. Ein Blindgänger blitzt als eingelagertes Ereignis im Generationengedächtnis auf.

Von Rolle 8 zeichnete ich Figuren auf einen Extrastreifen Transparentpapier, den ich für die bemalte Pappe von Franz benutzen möchte. Die Sichtung von Material, das in den vergangenen Jahrzehnten entstanden ist, führt zu einer inneren Dynamisierung. Das Zeichnen ist dann wie eine Meditation, die wieder beruhigt.

Beruhigt wurde gestern auch die Buchmalerei, die ich wegen der Bombenentschärfung zu Hause anfertigte. Auch hier greift eine autobiografische Orientierung, denn ich übertrage nach wie vor Farblinien per Handballenabdruck, die vor zehn Jahren entstanden sind, als Ausgangsrhythmen für die jetzt entstehenden Bilder. Ich las dabei, wie das Mantelmotiv des „Frankfurter Kraftfeldes“ durch einen Berlintraum entstanden ist, in dem Popstars in großen, wehenden, farbigen Mänteln am Himmel kreisten. Dazu die antithetischen Tierfiguren des Teppichs von Bayeux. Das ist die Energie für meine Weiterarbeit.

Symmetrie | 20 Jahre tägliche Scans

Meine Schülerinnen machen mir Spaß. Die muslimischen Mädchen kommen, nach kurzer Aufwärmzeit, sofort zum Ornament. Da kann man ihnen krass sperriges Material zur Frottage anbieten, sie entdecken zunächst seine Eignung für die Symmetrie. Ich lasse sie entwickeln, was ihnen damit einfällt und bin gespannt, ob sie irgendwann zum Gegenständlichen kommen. Der Versuch ihnen zu erklären, dass jedes Blatt seine Geschichte hat, mündete in die Addition der Gustavsburgplatz – Wanderungslinie zu den schönen Tusche-Schellackverläufen und in das Hinzufügen von Namen und Datum.

Gestern suchte ich nach geeigneten Abbildungen, die das Fundament illustrieren können, auf dem ich den neuen Handprint aufbauen will. Ich stieß dabei auf die Collagen von 2015 bis 2019. In ihnen wird deutlich, wie die Schichtungen funktionieren. Die Zöglingsportraits mit den Wanderungsspuren fügen sich hier in die tägliche Arbeit ein. Handprint Frankfurt und Frankfurter Kraftfeld sind weitere Projekte, die als Voraussetzung für die neue Arbeit funktionieren.

Heute setzte ich einen Handballenabdruck von 01_19_2010_001 in die aktuelle Buchmalerei. Innerhalb von einer Collage tritt diese Abbildung auf. Ich merke nun, wie wichtig die Scans sind, die ich seit 20 Jahren täglich von meinen 3 Malereien mache. Damit lässt sich jetzt gut arbeiten.

Wanderungslinienverdichtung gestern auf Rolle 8, und heute begann ich mit einem Handballenabdruck von 01_22_2010_001 nach 12_03_2020_002. Das führte zu kreisendem Gewölk in den Buchmalereien. Im Text des 10 Jahre alten Tagebuchs geht es um bestimmte Sequenzen auf Rolle 4. Ein Teil davon scannte ich gerade ein, um ihn in die heutigen Collagen einzufügen. Das war damals die Zeit der ersten Indienreisen und des Projektes „Frankfurter Kraftfeld“. Schon dort ging es um die Kontinuität zwischen der Transparentpapierrolle, den Buchmalereien und den aktuellen Projekten.

Am Nachmittag arbeitete ich an der Konzeption des neuen Handprints. Dort werde ich viele Schichten übereinander stapeln, wie ich es gestern schon erwähnte. Das alles aufzuschreiben und zu ordnen, erweitert das Ganze zunächst. Ich hoffe, dass es sich irgendwann wieder reduziert, dann aber dichter wird.

Gleich kommen meine Schüler. Ich werde mit ihren Frottagen und Tusche-Schellack-Läufen anfertigen. Dafür kommen unsere Fundstücke der Wanderung zur Anwendung. Die Wanderungslinien vom Gustavsburgplatz am 26.11. 2020 kommen hinzu.

Verdichtung von Wanderungslinien

Eine Vergrößerung der Aufzeichnung der 3. Wanderung auf dem Gustavsburgplatz, begann ich auf Rolle 8 zu verdichten. Beim Hin- und Herrollen entstanden etwa 7 Überlagerungsschichten. Den Schülern möchte ich damit zeigen, wie ernst ich diese kraftvollen Linien, die sie gewandert sind, nehme, und was man alles mit ihnen machen kann. Weitere Schichten kommen noch hinzu.

Am Morgen dachte ich daran, die Collagen, die die autobiografischen Motive beinhalten, mit in die Konzeption den neuen Handprints zu nehmen. Dieses Material, Selbstportraits als Sechsjähriger, Zöglingsportraits aus Gerode, Elblandschaften bis hin zum Palast der Republik, ist in großer Zahl vorhanden, schon verdichtet, und ich muss es nur erneut aufrufen und anders mit den neuen Fundstücken, die bei einer neuen Stadtwanderung dazukommen, zusammenstellen.

Die heutigen Buchmalereien gehen auf eine Malerei zurück, die ich 2010 in Khajuraho, in Indien, gemacht habe. Es entstehen daraus nun fremde Figuren, die ziemlich zurückhaltend sind, aber viel Zeit brauchen.

Geschichtet

Von der ersten Buchmalerei des 16.2. 2010 übertrug ich mit dem feuchten Handballen ihre Struktur auf 12_01_2020_002 von heute. Ohne Festlegungen, eher vage, ging ich langsam in die jetzigen Miniaturen. Die alte Malerei, von der ich ausging, entstand in Varanasi. Damals glaubte ich die religiösen Schichten zu spüren, die dort am Ufer des Ganges seit 2000 Jahren, durch die täglichen Rituale festgetreten wurden.

Auf Rolle 8 führte ich die Schichtungen der Wanderungslinien und der Umrisse der Buchmalereien weiter. Das ist, bis zu einem bestimmten Punkt, eine beruhigende Arbeit. Irgendwann schlägt das aber um. Möglichst davor sollte ich ein Ende finden, was mir nicht immer gelingt.

Dann begann ich eine Pappe mit einer Tuschzeichnung von Franz zu bearbeiten. Es fällt mir oft nicht leicht, mich von meinen eigenen Vorhaben zu lösen, um diese „Kolaborei“ weiter zu führen. Manches gelingt auch erst nach einer Weile. Es wäre gut, das Material, das ich für den neuen Handprint vorbereite, in diese Arbeit mit einzubeziehen. Ich habe das Ganze, so glaube ich, unterschätzt.

Gustavsburgplatz | Kolaborei

Die Gustavsburgplatz-Wanderung, die ich mit den Schülern machte, zeichnete ich mit Feder und Tusche auf Rolle 8. Unterschiedliche Vergrößerungen verschränkte ich mit Umrisszeichnungen aus den aktuellen Buchmalereien. Die gewanderten Linien sind schwungvoll, kräftig und expressiv. Nun können wir Frottagen von den Fundstücken machen und sie mit der Wanderungsstruktur collagieren.

Ich denke über autobiografisches Material nach, das ich mit einer größeren Handprintwanderung verbinden möchte. Mir sind die Portraits der Zöglinge in Gerode wichtig. Das Zusammenspiel des barocken Klosters mit dem stalinistischen Erziehungswesen führt direkt zu meiner Arbeit „Der Rock`n Roll höhlt einen Jungpionier aus“, die ich im Jahr 1995 für Keith Richards gemacht habe. Auch sie und die Tanzzeichnungen, die ganze Bühnenarbeit, die ich machte, sollen mit einfließen.

Die „Kolaborei“ mit Franz ist weiterhin fruchtbar. Er hat nun ein größeres Reliefteil bemalt, an dem ich weiterarbeiten möchte. Ich brachte ihm die Figurenreihung mit Synaptischer Kartierung auf Transparentpapier über seinem Elchgeweih zurück. Langsam entsteht eine Reihe von spannenden Arbeiten.

Bis in die finstere Nacht

Die Schüler gingen wilde Schleifen über den Gustavsburgplatz. Auf einen fest installierten Schachtisch legten wir unsere Fundstücke. Mehrmals ordneten wir sie neu und fotografierten es jeweils. Im Atelier zeigte ich ihnen, was man mit den flachen Gegenständen, Transparentpapier, Schellack und Graphit machen kann. Die Zeit mit ihnen, in der normalerweise meine Mittagspause stattfindet, geht schnell vorüber.

Am Morgen begann ich wieder mit einem Handballenabdruck. Diesmal von 02_15_2010_002 nach 11_27_2020_002. Oft ist es das zweite, das Mittlere Format, mit dem ich mich intensiver beschäftige. Dabei lese ich in dem alten Tagebuch und erfuhr, dass ich in Kolkata Videoschnipsel gemacht habe. Die will ich nun suchen und mir anschauen.

Gestern wurde ich mit dem 8. Relief fertig. Bis in die finstere Nacht zeichnete ich Ornamentales in die Splitterumrisse. Ich bin zufrieden mit dem Ergebnis. Es hat viel Geduld gebraucht! Vielleicht mache ich nun eine kleine Pause und beschäftige mich mit der Franz-Frank-Kooperation.

Neuer Handprint

Das neue Handprintprojekt habe ich nun in der Weise vorgestellt, dass meine Biografie bei der Erarbeitung eines Werkes mit den Wanderungslinien und Fundstücken, eine entscheidende Rolle spielen soll. Somit hat sich das Vorhaben um ein Stück weiter konkretisiert, bei Bewahrung meiner absoluten Autonomie in der Gestaltung. Es sollen nun weitere Kontakte zu anderen Organisationen hergestellt werden, weil das Projekt in einem größeren Rahmen auftreten soll.

Mit Franz verabredete ich mich für den Freitag, um wieder Dinge auszutauschen, an denen wir gemeinsam arbeiten. Das strenge Geschehen der Kontinuität, das ich mir selbst auferlegt habe, wird dadurch etwas unterbrochen. Inspirationen laufen in andere Richtungen.

Nachdem ich das GPS-Gerät wieder so eingestellt habe, dass es Tracks aufnimmt, will ich die Wanderung um den Gustavsburgplatz, die ich mit meinen Schülern gemacht habe, noch einmal unternehmen und sie diesmal aufzeichnen. Dann kann ich ihnen den Ausdruck der Linie, im Vergleich zu einer Wanderung an derselben Stelle, die ich vor einigen Jahren gemacht habe, zeigen. Das Ziel ist die Vorbereitung des neuen Handprints, mit der Erkundung der Collagetechniken mit Transparentpapier, Fundstücken und den GPS-Linien.

Opferstätte

Einen neuen Handprint, also eine mehrmonatige Wanderung durch eine Stadt, in Form meines Handabdrucks, würde ich gerne mit meiner Biografie verbinden. Dann könnten, beispielsweise die Pionierportraits aus Gerode, eine neue Heimat finden. In dieser Weise würde ich Erinnerungsfragmente mit der Stadtkartierung verbinden. Der persönlichste Zugriff, der mir derzeit einfällt.

Voraussetzung für die heutigen Buchmalereien ist ein Handballenabdruck aus 02_12_2010_001. Ihn setzte ich wieder in die zweite Malerei und übertrug weitere gefundene Linien in die anderen beiden Formate. Ein Jungpionierportrait mit einem Stück Handprint Frankfurt, setzte ich in die heutigen Collagen ein. Außerdem kramte ich die Fundstücksammlung, die ich 2014 mit Frottagen, Schellack und Tuschezeichnungen schichtete, heraus.

Im Zusammenhang mit meinen Aufzeichnungen, die ich in Kolkata gemacht habe, lese ich von erkaltetem Teer und geronnenem Blut an der Opferstätte des Kali Tempels. Ich denke an das Stahlgebälk des, im Rückbau befindlichen Palastes der Republik, mit dessen Umrisszeichnung ich eine Flakturmsilhouette aus Wien anfüllte.

Kompaktere Form

In den Eintragungen des Tagebuches von 2010 lese ich von Reiseeindrücken in Kolkata und in den Sunderbans. In dieser Mangrovenlandschaft sind Malereien entstanden, von denen ich eine als Ausgangspunkt für meine heutigen Malereien nahm. Das ist übertragen und gezeichnet, wie ich meine, dass Erinnerungen funktionieren. Und die Bezeichnungen dieser Malereien beziehen sich auf die Daten ihres Entstehens. Der Zeitraum, der dazwischen liegt, ist ein Entwicklungs- und Experimentalraum. Am deutlichsten wird das in der dritten Collage von heute, in die ich den Scan der zehn Jahre alten Malerei mit verwendet habe.

Ein Spaziergang am Waldrand zwischen Schlossborn und Glashütten, eröffnete durch die herabgefallenen Blätter mehr Transparenz. Die Wiesenlandschaften, Kuhweiden und Pferdekoppels wurden sichtbar. Ein verwunschener Garten mit einer kleinen, geschwungenen Brücke über einen Bach, lüftete ein Stück seines Geheimnisses.

Dabei denke ich noch einmal an die Vorgänge, die während der Malerei ablaufen. Ich zog die vagen Linien des Handballenabdrucks nach, verwischte sie dann wieder, um sie erneut konkreter und kräftiger nachzuzeichnen. Die zarten Linien werden verstärkt. So festigt sich eine Form, wird kompakter.

Kolkata | Gewimmel | Schüler

Aus der Malerei, mit der Signatur 02_09_2010_003, übertrug ich, wie ich das auch in den letzten Tagen machte, einen Handballenabdruck in das aktuelle Tagebuch. Eine Bootsform und ein paar Linienstrukturen haben sich mit den Figuren, die aus den Gravitationsschwüngen entstanden sind, verbunden. Die Erinnerung führt in die Tage zurück, während derer diese Tagebucheintragungen entstanden sind. Auf der großen Eisenbrücke von Kalkutta, die nicht fotografiert werden durfte, schleppten Heerscharen von Trägern, Waren vom Bahnhof in die Stadt. Ein Stück entfernt von dort befand sich das Hauptquartier der Mutter-Theresa-Stiftung, kurz vor den Eingang zum großen Kalitempel.

Gestern widmete ich mich den Scherben und Splitter des 8. Reliefs des 2. großen Doppelportraits. Auf den Boden legte ich die Reihe von 4 Reliefs zusammen und stellte fest, dass die Tuschmalerei von Format zu Format wesentlich dichter geworden ist. Die Anzahl der Figuren beispielsweise, hat sich vervierfacht. Aus der Enge dieses Gewimmels möchte ich mich im nächsten Schritt befreien. Dabei helfen mir die aktuellen Buchmalereien. Wenn es gelingt, sie mit ihren Umrisszeichnungen durch die Reduktion zu noch einmal zu verdichten, dann kann es gelingen.

Mit meinen Schülern ging ich gestern, mit dem GPS-Gerät, einmal um den Gustavsburgplatz. Ich konnte ihnen nicht erklären, wofür das gut sein sollte, denn sie können kein Deutsch und es besteht die Verabredung, dass wir uns nur in dieser Sprache verständigen. Sie werden langsam lernen, wie die Sprache und die GPS-Linien funktionieren.

Kali | Reliefs | Gustavsburgplatz

Aus der Malerei, mit der Signatur 02_09_2010_003, übertrug ich, wie ich das auch in den letzten Tagen machte, einen Handballenabdruck in das aktuelle Tagebuch. Eine Bootsform und ein paar Linienstrukturen haben sich mit den Figuren, die aus den Gravitationsschwüngen entstanden sind, verbunden. Die Erinnerung führt in die Tage zurück, während derer diese Tagebucheintragungen entstanden sind. Auf der großen Eisenbrücke von Kalkutta, die nicht fotografiert werden durfte, schleppten Heerscharen von Trägern, Waren vom Bahnhof in die Stadt. Ein Stück entfernt von dort befand sich das Hauptquartier der Mutter-Theresa-Stiftung, kurz vor den Eingang zum großen Kalitempel.

Gestern widmete ich mich den Scherben und Splittern des 8. Reliefs des 2. großen Doppelportraits. Auf den Boden legte ich die Reihe von 4 Reliefs zusammen und stellte fest, dass die Tuschmalerei von Format zu Format wesentlich dichter geworden ist. Die Anzahl der Figuren beispielsweise, hat sich vervierfacht. Aus der Enge dieses Gewimmels möchte ich mich im nächsten Schritt befreien. Dabei helfen mir die aktuellen Buchmalereien. Wenn es gelingt, sie mit ihren Umrisszeichnungen durch die Reduktion zu noch einmal zu verdichten, dann kann es gelingen.

Mit meinen Schülern ging ich gestern, mit dem GPS-Gerät, einmal um den Gustavsburgplatz. Ich konnte ihnen nicht erklären, wofür das gut sein sollte, denn sie können kein Deutsch und es besteht die Verabredung, dass wir uns nur in dieser Sprache verständigen. Sie werden langsam lernen, wie die Sprache und die GPS-Linien funktionieren.

Schmerzvermeidung

02_05_2008_003 ist die Kennung der Malerei, von der ich heute Morgen einen Handballenabdruck machte, der Voraussetzung für die folgenden Ergänzungen, Stabilisierungen und Verbindungen war. Sie entstand kurz vor unserer ersten Reise nach Indien, der dann noch viele folgen sollten.

Mich beschäftigt der Vorgang, welche Auswege aus einer Sackgasse möglich sind, ohne umzukehren. Die Beschaffenheit der Gegebenheiten, die das Weitergehen verhindern, müssen ja zunächst untersucht werde. Sind die Mauern, Felsen oder das Hamsterrad einzureißen oder zu übersteigen? Diese Anstrengungen sind der Lohn der Sturheit oder Bequemlichkeit, durch die man sich in eine solche Situation hineinmanövrieren kann. In diesem Zusammenhang interessieren mich besondere Blüten der gendergerechten Sprache. So gibt es eine Verlegerin, die der Meinung ist, dass der Satz: “Das Geht nicht.“, Menschen verletzen kann, die gelähmt sind, also nicht gehen können. Der Kern dieser Einschätzung kann Mitgefühl sein, und er führt zu einer angepassten Sprache, die sehr viel mehr Änderungen verlangt. Wie das klingt, kann Kunstanstrengungen ähneln. Welche Auswirkungen diese Schmerzvermeidung hätte, falls es zu einem Konsens größerer Gruppen führte, wäre eine spannende Spekulation.

Aus den Figuren, die ich für das derzeitig zu bemalende Relief in eine Reihe auf Transparentpapier zeichnete, machte ich eine Überlagerungssequenz. Sie soll von einer Synaptischen Kartierung überdeckt, und dann auf eine der Pappen, die Franz bemalte, geschichtet werden.

Figurenhülsen

Ausgangspunkt für die heutigen Buchmalereien ist der Handballenabdruck von 02_05_2008_002. Figurenhülsen, abstraktes Formenspiel, zeichenhaft vorschriftliche Gegenstandssuche. Das Ungeordnete findet einen Ausweg nach draußen auf das Papier. Dann ist es wieder eingeschlossen zwischen den Buchseiten. Aus der anderen Richtung, vom kreisenden Gravitationsgeschehen der gegenwart, treten Umrisse hervor, die denen aus den alten Malereien ähneln. Flusspferde mit Möbelfüßen, Tarnkappenbäume und gut verschnürte Mumien.

Franz kam gestern mit einem begonnenen Bild unter dem Arm zu Besuch in mein Atelier. Wir sprachen über unsere gemeinsame Arbeit, über Zeitschleifen und die Tiefe der angestrebten Bildfindungen. Die Unterbrechung meiner Reliefarbeit durch diese Kooperation, ist immer etwas mutwillig und nicht organisch. Das muss ich anders steuern.

Ich legte die Goldbergvariationen auf, die ich jeden Morgen in Wien gehört habe, um einen Nachklang der damaligen Arbeit hervorzuholen. Gestern zeichnete ich die letzten Figuren auf das aktuelle, das 8. Relief, wenn ich sie von oben zeilenweise herunterzähle. Dann begann ich die Körper mit Tusche auszufüllen, auf die Risse der Splitter achtend.

Übertragungen

Die Buchmalerei mit der Kennzeichnung 11_14_2020_002 vergrößerte ich etwas, um sie dann auszudrucken. Diese Abbildung legte ich unter das Transparentpapier der Rolle 8 und zeichnete die Umrisse der Farbflächen und Linien durch. Die Schönheit der Malerei geht größtenteils verloren. Darum geht es aber in diesem Moment nicht. Interessant sind für mich die Auswirkungen der Zeitschleifen, die durch die Handballenabdrücke und die damit verbundenen Motivtransporte aus der Vergangenheit in die gegenwärtige Arbeit, entstehen.

Die heutigen Kompositionen starteten mit einem Abdruck aus 01_17_2008_003. Dann habe ich es mit der Malerei zu weit getrieben und landete in einer kompositorischen Sackgasse, aus der ich nur heraus kam, indem ich die misslungenen Passagen mit einer dunklen kreisenden Linie, die ich mit dem Handballen vertrieb, zurücknahm. Das rettete das Bild, mit dem ich am Morgen begann.

Die Ausdrucke der Buchmalereien sehen nach der Vergrößerung der Motive, oft etwas verwaschen aus. Mit dem „Brushpen“, den ich am Wochenende wieder entdeckt hatte, schärfte ich ein paar Linien und Umrisse der Malerei, die ich auf Rolle 8 übertragen hatte. So gewann das Blatt, das ich nun in einem der Regale platzierte. Nun kann ich sehen, wie standhaft die Arbeit bleibt oder nicht. Wenn sie meinem Blick irgendwann nicht mehr standhält, dann stimmt etwas nicht.

Unter Beobachtung

Von 12_19_2007_02 übertrug ich Teile mit dem Handballenabdruck in die zweite Buchmalerei von heute, in 11_13_2020_02. Dieser Vorgang hinterlässt Wasserspuren auf dem alten Original, was mich aber kaum stört, weil dieser Arbeitsschritt sichtbar bleiben kann. Ich dachte sogar, dass es möglich sei, Teile der gegenwärtigen Malereien, wiederum per Handballendruck, in die alten einzufügen. Das wäre vielleicht ein Gewinn, weil mir manche Phasen der täglichen Miniaturmalerei etwas suspekt werden.

Erst mal aber geht es um die aktuelle Arbeit. Die Mischung der Figuren die dreizehn Jahre alt sind, mit denen die gerade entstanden sind, mit den Zeichen, die ich heute in den Gravitationsschwüngen gefunden habe, lebt von der zeitlichen und künstlerischen Entfernung. Irgendwann wird das in die Malerei auf den Reliefs fließen. Das aktuelle Relief versah ich heute mit einer Reihe von Figurenumrissen. Sie verteilen sich gleichmäßig, wie eine Schicht über die Fläche. Wenn ich damit fertig bin, kommt es zu den Abdunklungen der Scherben und Splitter der Rasterpunkte. Sie erzeugen die Unregelmäßigkeit, die die Gesamtkomposition dieses Reliefs benötigt.

Daneben habe ich die zweite Zeichnung von Franz unter Beobachtung. Damit ich mit der Pappe, auf der sie sitzt, was anfangen kann, muss ich sie so grundieren, dass die Zeichnung nicht beeinträchtigt wird. Dann erst wird es möglich sein, Transparentpapier zu schichten.

Rotation

Am Morgen nahm ich einen Handballenabdruck von der Buchmalerei 10_24_2007_02 und fügte ihn in das heutige zweite Format ein, stabilisierte die vage Erscheinung mit ein paar festen Linien, die nun in die anderen Formate übertragbar waren. Dann erst begann ich mit den Gravitationsschwüngen, die sonst am Anfang standen.

Durch die Konzentration auf die Zeitschleifen, scheint die Bedeutung der kreisenden Schwünge plötzlich abzunehmen. Die Übertragung der alten Buchmalereistrukturen und Figurenumrisszeichnungen in die Gegenwart der Reliefbemalung, presst die Schichten der Zeit zusammen. Auch die Rotation der Transparentpapierrolle, die die alten Motive verdichtet, hat mit diesen Zeitschleifen zutun.

Die neueren Überlegungen zu GPS-Wanderungsfiguren, fügen sich ebenfalls in diesen Themenkreis ein. Voneinander entfernte Orte kann man durch gemeinsame Bedeutungen miteinander verbinden. Die verschiedenen Ereignisse, die zu unterschiedlichen Zeiten an diesen Plätzen geschahen, werden durch den geografischen Trick der Überlagerung aufeinander bezogen.

Handprint Wien

Verschiedene Themen schichten sich jetzt. Normalerweise nehme ich das gerne zum Anlass für die täglichen Collagen. Aber die Sinnhaftigkeit dieser gesteuerten Vorgänge bedenkend, kommt es immer wieder zu notwendigen Reduktionen innerhalb dieser barocken Arbeitsweise.

Die Handprints Wien und Frankfurt vor Augen, kann ich den Terroranschlag in Wien vor einem paar Tagen, der etwa am Schwedenplatz seinen Anfang nahm, in der Gegend um die Börse in Frankfurt, zwischen den Zeige des Wurzeln- und des Ringfingers. Unternehme ich nun wieder eine Wanderung durch diese Gegend hier, denke ich an meine schnelle Gang vor dreizehn Jahren im Wiener 1. Bezirk. Eine Extrusionsskulptur, die zwischen den Umrissen dieser Areale wüchse, wäre möglich und folgerichtig.

In das Zentrum des Formates der zweiten Buchmalerei von heute, setzte ich einen Handballenabdruck der Buchmalerei mit der Signatur: 10_23_2007_03. Die fleckig-farbige Figuration stabilisierte ich mit ein paar nachgezogenen Linien. Der Lenkungsmechanismus dieser Vorgänge fokussiert mich auf die Denk-Zeit-Schleifen meiner Biografiearbeit. Das beeinflusst die Arbeit an den Transparentpapierrollen und am Väterdoppelportrait.

Erinnerungsvorgang

Die fragmentarischen Elemente aus den alten Buchmalereien, die ich mit dem feuchten Handballen in das gegenwärtige Arbeitstagebuch übertrage, lassen sich, zwischen den neuen Zeichen, mit erfundenen Linien vervollständigen. Das gleicht einem Erinnerungsvorgang. Hinzu kommen die Linien des Handballens, die unabgelenkt in völlig andere Richtungen weisen, als die des Motivelements, das übertragen wurde. Aus diesem Zusammenspiel entstehen neue Kombinationen, denen wieder andere Zeichen innewohnen. Konkretisiere ich diese, dann lassen sie sich mit dem Handballen vervielfältigen und weiterentwickeln.

Gestern zeichnete ich noch eine Figurengruppe in das aktuelle Relief. Die Arbeit geht nur ruckweise voran, weil mein Rechner streikte und repariert werden muss. Ich hoffe, dass sich wieder Kontinuität in der Malerei einstellt.

Ich lese in meinen Aufzeichnungen, die ich 2007 während der Arbeit am „Handprint Wien“ gemacht habe. Im Gegensatz zu der Transparentpapierrolle, die diese Arbeit begleitet hat, sind die Texte weniger ergiebig. Weil ich mit diesem Format gerne weiterarbeiten würde, will ich die Elemente, die die Wanderungen begleiten, in Zukunft sorgfältiger behandeln. Außerdem wäre es zu überlegen, weitere Werkgruppen aus Frottagen vom begangenen Boden, Fundstücken und Bodenfotografien zu entwickeln.

Zeitschleifen

Gestern und heute übertrug ich, mit meinen feuchten Handballen, Teile von dreizehn Jahren alten Buchmalereien in das aktuelle Tagebuch. Das kommt mir vor, wie ein Zeitschleifenritual. Auch die Einbeziehung alter GPS-Linien oder von Figurenumrissen aus Buchmalereien von 2007, kann ich in diesen Vorgang mit einem schließen. Diese Rückgriffe, die Teile wiederholen fragmentarisch die abgelaufene Zeit, verlängern sie in die Gegenwart.

Von dieser Warte aus bekommen die Gravitationsschwünge erweiterte Bedeutungsschichten. Sie zeigt die Rotation in einer stark gebogenen Raumzeit, in der man auf die Vergangenheit trifft. Die Zeichen, die ich in den kreisenden Linien finden, bekommen einen neuen Sinn. In der Stille des Ateliers kann ich jetzt andere Wahrnehmungsebenen finden, die zunächst von den gegenwärtigen Buchmalereien angebildet werden.

Jetzt erst, wo der derzeitige Präsident im Weißen Haus abgewählt worden ist, spüre ich, neben der Erleichterung, wie sehr mich diese Figur jahrelang runter gezogen hat. Durch die Medienpräsenz war ich diesem Anblick zu lange ausgesetzt. Das geht mir, wenn ich mir die Reaktionen auf den Wahlausgang anhöre, nicht alleine so.

Kompatibilitäten

Lange versucht ich gestern meine GPS-Dateien in einem Format zu konvertieren, das von der neuen Software gelesen kann. Ich will jetzt mit diesen Linien, die ich vor einiger Zeit gelaufen bin, weiterarbeiten.

Dann gab es noch Schwierigkeiten bei Kompatibilitäten anderer Art. Die Pappen, auf die Franz gezeichnet hat, saugen den Schellack auf, mit dem ich den Transparentpapierbogen aufkleben will, den ich in den letzten Tagen gestaltet habe. So werde ich den betreffenden Teil weiß grundieren, wars der Sichtbarkeit der Zeichnungen auch zuträglicher ist. Dieses Geholper störte meinen Arbeitsfluss in dieser Woche. Das Zusammenspiel von Speicherformaten oder Materialien, die ich zur analogen Arbeit benötige, hat sich ja in langer Zeit entwickelt und läuft von meist reibungslos.

Zwar geht mir das Theater um die US-Wahlen, dieses Entertainment für schlichte Gemüter, auf die Nerven, aber am Rande bekomme ich Informationen über das Amerika, das sonst nicht im Scheinwerferlicht steht. Diese aber, sind so ernüchternd, dass ich anfange zu verstehen, warum so viele Wähler eine gefährlichen Witzfigur hinterherlaufen.

Zeitschichten

Das Portrait meiner Mutter versah ich mit einer Tusche-Schellack-Schicht, einer „Synaptischen Kartierung“, ähnlich wie auf dem Blatt für die Kooperation mit Franz. Nun kommt noch die Frottage eines Rasterpunktes von der Form hinzu, die ich im letzten Monat abgeformt und bemalt habe. Es handelt sich um die Scherbe mit der Bezeichnung „Scherbengericht II / 118, 1.2. 2017“, die die ihrerseits wiederum aus etwa 70 Splittern besteht. Der Punkt befindet sich im Zentrum des Doppelportraits, etwa dort, wo die Lachfältchen neben dem linken Auge sind.

Einer Tagebuchcollage ähnlich, könnte ich noch die GPS-Linien von 2007, aus dem ersten Wiener Bezirk, hinzufügen. Schaue ich auf die Buchmalereien, die damals entstanden sind, handelt es sich vor um Übergänge von figürlichen und abstrakten Motiven. Eine interessante Phase, gut für eine weitere Schicht.

Das Getöse von der amerikanischen Politbühne, schiebt sich auf alle Screens und in viele Wortmeldungen. Ich versuche, möglichst wenige Informationen in mich eindringen zu lassen, weil das mich von meiner Arbeit zu sehr ablenkt. So bin ich hier in einer sonnigen Ruhe, höre die Abrissmaschinen aus der Ferne und meinen Kühlschrank aus der Nähe… Auch ansonsten keine Kontakte, wegen der Pandemie.

Zivil

Vor lauter Frustration über die Wahl in den USA, bin ich gleich nach den Buchmalereien, die wenig zur Schadensbegrenzung beitragen können, mit einer Gartenschere an den Bahndamm gegangen, um die Brombeersträucher zurück zu schneiden. Auch wenn ich denke, dass die künstlerische Arbeit ein hochhaltendes Merkmal der Zivilisation ist, die derzeit entscheidende zu Rückschlägen ertragen hat, ist die Gartenarbeit gut für die Seele.

Nach der Übertragung der Wanderungslinien, aus dem ersten Wiener Bezirk, auf Transparentpapier, die im November 2007 entstanden sind, zeichnete ich ein Rasterportrait meiner Mutter aus dem September 1961. Beide Motive will ich zusammengefügt mit Tusche und Schellack auf die Linien vom Franz schichten. Das wendet sich einem tagebuchartigen Arbeiten zu, wie ich es in den Büchern und auf den Rollen schon verfolge. Vielleicht überträgt sich diese Form auch konsequenter auf die Bemalung der Reliefs.

Die lange Videokonferenz gestern mit den Projektteilnehmern von „YOU&EYE“, war von wenig Temperament getragen. Ich rege mich dann zu diesen Gelegenheiten, manchmal öffentlich auf. Das ist meinem Temperament geschuldet. Ich will mich da auch nicht zurückhalten.

Handprint Wien

Noch bevor ich am Morgen mit den Buchmalereien begonnen habe, schaute ich in die Transparentpapierrolle vom Herbst 2007. Im Oktober und November dieses Jahres ging ich die GPS-Stadtwanderung „Handprint Wien“. In meinen Erinnerungen versuchte ich den Gehfaden, den ich rund um den Schwedenplatz ausgesponnen hat zu finden. Der liegt in der Beuge zwischen Zeige- und Mittelfinger, wo es gestern ein Terroranschlag gegeben hat. Damals war der Satellitenempfang in den engen Gassen nicht so gut, so dass mancher Weg nicht aufgezeichnet wurde.

Meine spontane Reaktion war, den Handprint Wien und den Handprint Frankfurt übereinander zu legen, um den Ort der Tat in das hiesige Stadtgebiet zu übertragen, dort dann die Wege der Terroristen zu gehen, um sich vorstellen zu können, das wäre hier passiert. Nur wenig südlich von dieser Stelle liegt am Mainufer das Rothschild-Palais.

Gestern übertrug ich die erste Zeichnung auf das aktuelle Relief. Weitere Figurengruppen stehen für die Auswahl auf Transparentpapier bereit. Franz hat zwei Figurationen auf zwei Pappen gezeichnet, damit ich sie vervollständigen oder kommentieren kann. Ich überlegte, ein paar Wegpunkte aus Wien mit einzubeziehen, sie auch mit Linien zu verbinden – ein konstruktiver Kontrast.

Zeichen | Theater

Flaches, kaltes Morgenlicht flackert durch die, vom Wind geschüttelten Weidenblätter ins Atelier. Es ist sehr mild. Die Ateliertemperatur gleicht sich der von draußen an, weil sich die Heizung abgeschaltet hat.

Die Buchmalereien haben sich verändert. Sie spüren die Zeichen auf, die sich in den Gravitationenschwüngen verbergen. Und die sind mit der Welt verbunden, deren Zustand sich auch schnell veränderte. Die Beschränkungen wirken sich auf die handelnden Figuren aus. Pausenclowns werden zu Diktatoren. Das Wahlvolk beschränkt sich in den Echokammern. Kultur wird auf allen Ebenen heruntergefahren. Das Lebbare entfernt sich. Man kann es im Inneren aufheben für danach.

Wir spazierten gestern durch die Nebelnässen am Taunusrand. Ein Apfelschimmel schaute uns an, als suche er nach Linderung in all dem Regen. Die Farben spielen aber großes Theater.

Autobiografisches Material




Ein Raubvogel schlug gestern, am Vormittag, eine Ringeltaube in meinem Gärtchen. Als ich zufällig hinzukam, flog er auf und ließ das schwer verletzte Tier liegen. Es sah mich mit seinen großen Augen an und rutschte, vor mir flüchtend, zwischen die großen Tontöpfe mit den alten Sukkulenten. Ich schüttete ihr eine handvoll Körner hin und ging in meine Mittagspause. Als ich gegen 14:30 Uhr wiederkam, waren alle Körner aufgefressen und die Taube war auf und davon.


Das getrocknete Relief grundierte ich und probierte mit den Umrisszeichnungen herum, die ich für seine Bemalung nutzen will. Die Tanzzeichnungen, die ich für das vorausgegangene Relief nahm, erscheinen mir zu sehr reduziert, wodurch sie statisch werden. Weiß nicht, was ich davon halten soll. Mit dem aktuellen Exemplar soll das anders werden.

Häufig schaue ich in der derzeitigen Arbeitsphase die Transparentpapierrollen 2 und 3 durch. In diesem autobiografischen Material finden sich die Stahlträgerstrukturen, die beim Abriss des Palastes der Republik hervorkamen, und die ich als Bausoldat bei seinem Entstehen auch gesehen hatte, auf ihnen herumlief und zusah, wie sie mit Asbest beschichtet wurden. Innerhalb einer Radiosendung zum Thema Denkmal, schlug die Autorin vor, das Berliner Schloss nach seiner Fertigstellung abzureißen, um den Palast wieder detailgetreu aufzubauen, um ihn dann auch wieder abzureißen, damit man das Schloss wieder aufbauen kann, um es abreißen zu können und so weiter. Auf diese Idee war ich auch schon gekommen. Sie scheint naheliegend zu sein.

Gleichgewicht

Sonniger Morgen – es ist warm im Atelier. Ich schaue auf ein kleines Transparentpapierformat, das ich gestern aus mehreren Schichten anfertigte. Es besteht aus 3 ovalen Samen einer mir fremden Pflanze, Schellack und Tusche. Gerade bin ich dabei, noch eine Figurenzeichnung als weitere Schicht hinzu zu nehmen. Zwischen zwei Passepartouts soll es so eingepasst werden, dass es Licht von hinten bekommt. Im oberen Drittel befindet sich eine horizontale Doppelfaltung, die entstand, um die Höhe des Formats zu verringern, damit es besser im Rahmen sitzt. Auf diesem zusätzlichen Gestaltungselement kann ich nun das Datum und die Signatur unterbringen.

Langsam und vorsichtig verdichtete ich die Figurensequenz auf Rolle 8 weiter. Ich achte genau darauf, das ich den richtigen Zeitpunkt für das Ende der Arbeit finde. Das kommt, wenn sich das Gleichgewicht zwischen der zeichnerischen Verdunklung und der leuchtenden Erzählung aus zusammengefügten Fragmenten einstellt.

Vinzenz Reinecke schickte mir mehrere Fotos von einer Aktion, während der, nun schon zum zweiten Mal, auf einen schönen glatten Marmorblock geschossen wurde. Dazu benutzte er auf einem polnischen Schießplatz eine großkalibrige Waffe, mit der ansonsten Hubschrauber abgeschossen werden. Der zerborstene Block erzählt viel von Unschuld und Gewalt.

Sich Entfernen






Die Morgensonne scheint tief stehend durch einen Regenschleier auf den aufgespannten Streifen der Rolle 8, auf dem sich die Figurensequenz gestern weiter verdichtete. Innerhalb der Figurenumrisse entstehen neue Gestalten, die vorher noch nicht sichtbar waren.


Ich höre ein Konzert von John Coltrane, vom 25. Oktober 1963 in Kopenhagen. Ich bin damals in Thüringen angekommen. Umzug, neue Schule und eine Form der Fremdenfeindlichkeit bei meinen Mitschülern und Lehrern, die mir zu schaffen machte. Meine Diktate waren so schlecht, dass mir das Heft um die Ohren gehauen wurde. Nun empfinde ich die Musik, die gleichzeitig in Kopenhagen gespielt wurde, als eine Art späte Befreiung. Die Erinnerung wird in diesen Sound eingepackt und von ihm gelindert.

Manchmal habe ich Lust, den Mehltau, der auf den Videokonferenzen liegt, wegzuspülen. Die digitale Entfernung fügt sich zur allgemeinen Vermummung hinzu. Es ist nicht so leicht, die Situation locker als Herausforderung zu nehmen. Dafür muss man schon ein gehöriges Stück entfernen. Mir hilft das Zeichnen dabei.

Reise



Ein Dokumentarfilm über eine Landemission auf dem Jupitermond Europa zeigte mit gestern deutlich die Schönheit der Gravitationsschwünge, die die Weltraumfahrzeuge beschreiben, wenn sie auf ihren langen Reisen an massereichen Objekten vorbeigeschickt werden, um die Fahrt aufzunehmen, die sie benötigen, um diese großen Entfernungen zurückzulegen. Unvorhergesehene Schwierigkeiten werden oft mit dem Reparaturkoffer der Phantasie behoben.



Auf Rolle 8 zeichnete ich gestern die Verdichtungsüberlagerung der Figurensequenz aus der Vergangenheit. Die Rückgriffe auf älteres Material bekommen während der Arbeit am Väterprojekt mehr Bedeutung. Also bewegt sich die Arbeit hin zum Autobiografischen.

Die Gesprächsrunden zu „YOU&EYE“, ob mit dem Anna Freud Institut oder mit Vandad zeigen immer mehr, dass es sehr darauf ankommt, flexibel mit der Pandemiesituation umzugehen. Die Reduktion der Arbeitsmöglichkeiten mit Schülern fördert digitale Ausweichmanöver. So kommen wir zu GPS-Wanderungen, die zu Skulpturen verarbeitet werden…

Figurenreihen


Eine Reihe von 23 Figurenumrissen übertrug ich von Rolle 2 auf 90 cm der Rolle 8. Dabei erfuhren sie eine Stilisierung und somit eine Verdichtung. Es handelt sich um Umrisse aus den Buchmalereien von 2005. In einem nächsten Schritt kann ich nun die umzeichneten Flächen mit Überlagerungen füllen, die durch das Zusammenrollen des Transparentpapiers durchscheinen. Am Wochenende dachte ich, einzelne Relieftafeln mit jeweils nur einer Figurengruppe formatfüllend bemalen zu können.


Franz eröffnete gestern eine Schaufensterausstellung. Es war zu viel Trubel, um sich die Bilder in Ruhe anzuschauen. Jedenfalls hat er sich nun wieder von der Symmetrie entfernt, mit der ich gehadert hatte. Ich brachte ihm das Relieffragment mit, das ich extra für ihn hergestellt hatte. Nun kann er es weiter verarbeiten. Das ist der Startschuss für unsere Zusammenarbeit.

Auf einer Streuobstwiese zwischen Schlossborn und Glashütten sah ich gestern einen Apfelbaum mit einem völlig ausgehöhlten Stamm. Dennoch trug er wohlschmeckende Äpfel. Ich sammelte einige aus dem Gras auf und nahm sie mit nach Hause. Durch die schönen Ausblicke während des Spaziergangs weiten sich auch die inneren Verfassungsstrukturen. Ich trat aus der Enge des täglichen Stadtslaloms.

Fortsetzung der Reliefmalerei

Ich bin froh, dass ich von der „Zwangsfigürlichkeit“ der gegenwärtigen Buchmalerei befreit habe. So kann ich sie zwang- und zwecklos weiterentwickeln.

Das ist ja der Sinn meiner zurückgezogenen Arbeitsweise. Letztlich haben Skrupel und Befremdung dazu geführt, dass meine Bilder eher im Verborgenen gedeihen können. Das ist mir zu wichtig, als dass ich es durch den Kunstbetrieb beschädigen lasse.

Die Umrisszeichnungen, mit denen ich gestern auf Rolle 8 arbeitete, sind den Tanzzeichnungen etwas ähnlich. Zunächst begann ich mit der Überlagerungssequenz einer längeren Figurenreihe. Mit einem solchen Arbeitsschritt, bei dem ich die Motive zunächst von der alten auf die aktuelle Transparentpapierrolle durchzeichne, stilisiere ich die Umrisse, was ich als Verdichtung empfinde. Der zweite, etwas simplere Konzentrationsvorgang, ist die Überlagerung dieser reduzierten Linien, im versetzten Rhythmus, der aus dem Radius der Rolle, bei ihrem Zusammenrollen und dem, parallel dazu stattfindenden Durchzeichnen entsteht. So nähere ich mich dem Figurenmaterial und versuche mich, für die Fortsetzung der Reliefmalerei vorzubereiten.

Altes und neues Material

Bei der Besichtigung des Materials, das ich um den Jahreswechsel 2006 / 2007 entwickelt habe, fielen mir hunderte von Ausdrucken der Buchmalereien in den Hände. Sie sind vergrößert auf A5 und scheinen die Vorlagen für die Weiterverarbeitung auf der Transparentpapierrolle Nr. 2 (?) aus ebendieser Zeit zu sein. Beim Blättern erinnerte ich mich an die Empfindung, die das Fragmentarische der Motive auslöste. Es war der adäquate Ausdruck dessen, mit dem ich beim Arbeiten am meisten anfangen konnte. Der Übergang von den konkreten Figuren zu den abstrakten Strukturen schafft einen Grenzbereich. Vergrößert man diesen und vertieft sich in diesen Fluss, beginnt eine flirrende Bilderreise.

So sollte es nun auch innerhalb der bemalten Reliefs zugehen. Die Grenzsituation zwischen Skulpturalem und Tuschmalerei, zwischen modellierten Splittern und weichen malerischen Übergängen und zwischen Tanzfiguren und Ornamenten, bietet ja genügend Anhaltspunkte.

Die Ausformung des nächsten Reliefs beendete ich noch am Vormittag. Nun trocknet es ein paar Tage. Gleichzeitig fertigte ich ein fragmentiertes Exemplar des beispielhaften Exemplars für Franz an, damit auch er sich malerisch mit diesem bewegten Grund beschäftigen kann. Vielleicht erzeugt den einen Impuls für eine weitere Zusammenarbeit.

Neues Relief

Mit der Herstellung von Pappmache bereitete ich gestern die Ausformung des nächsten Reliefs vor. Außerdem wachste ich die entsprechende Form. Nichts Besonderes also. Aufschlussreicher dagegen ist die Besichtigung der Umrisszeichnungen der Buchmalereien von 2007. Diese größeren Kompositionen in die Reliefmalerei einzubeziehen, würde bedeuten, einen nächsten Schritt der Verdichtung zu unternehmen. Nur, wenn das gelänge, wäre es eine weitere Begründung, diese Arbeit wieder zu verwenden. Es tut außerdem gut, mich von der Weiterbearbeitung der derzeitigen Buchmalereien zu lösen, weil ich dann bei ihnen freier bin.

Zäh vergeht die Zeit. Es bleibt nichts, als uns ganz und gar in unsere Arbeit zu vertiefen, gründlich, ausdauernd und selbstmotivierend. Wie viel Selbstbeschränkung bei allen anderen Unternehmungen eintritt, ist wechselnden Einschätzungen unterlegen. Mich beschleicht manchmal das Gefühl, zu viel zu lassen.

Das städtische Projekt „YOU&EYE“ rückt wieder näher. Auch hier überlege ich mir Veränderungen, damit man ungefährdeter arbeiten kann. Draußen könnte man beginnen, am Müttermantel zu arbeiten. Das wäre das richtige für starke Jungs, die ihre Kraft dafür aufwenden wollen, einen Stamm auszuhöhlen. Außerdem könnte ich GPS – Gänge unternehmen, um mit ihnen Grundflächen für Extrusionen zu schaffen…

Komprimierte Schale

Was interessiert mich an den alten Buchmalereien? Ende 2006 bestehen sie in der Hauptsache aus Figuren innerhalb abstrakter Linienstrukturen. Gut verfolgen lässt sich ihre Weiterbearbeitung auf der, damals aktuellen, Transparentpapierrolle. In den Umrisszeichnungen, die darauf entstanden sind, erscheint alles reduzierter und gleichzeitig in dichteren Kompositionen. Das ist spannender als das Ausgangsmaterial und eignet sich am ehesten für die Bemalung des nächsten Reliefs.

Ich habe das Gefühl, dass ich meine äußere Schale komprimiert. Ermahnungen, sich vorsichtig zu verhalten, um sich nicht mit dem pandemischen Virus anzustecken, treffen als äußerer Druck auf den inneren, der im sich sich Wehren besteht. Ich halte mit meiner Produktion dagegen. Die kommt von einem kreativen Innendruck. Die dadurch zusammengepresste Schale schränkt meine Beweglichkeit ein. Ich sitze und zeichne.

Der Rückzug verbindet sich mit fehlender Planbarkeit von Reisen, Projekten und Begegnungen. So lebe ich von einem Tag auf den anderen. Das versuche ich als Entlastung zu sehen, versuche die Konzentration beizubehalten.

Taunus | Licht | alte Buchmalereien

Ein Taunusspaziergang gestern. Leuchtende Äpfel in alten Bäumen. Die Luft war weißlich und feucht und die Farben der Wälder wechseln, zunächst nur fleckenweise. Die Temperatur war angenehm zum Laufen in den Waldrandarealen an den Bächen und Teichen entlang.

Jetzt trinke ich Leitungswasser, die Sonne kommt heraus und leuchtet das Atelier mit kaltem Licht aus. Es fällt auf die vielen Gläser mit Tusche, Wasser Schellack, weißer Wandfarbe, Bindemittel und Pinselsträußen. Ich sehne mich manchmal nach leeren Tischen und nach einem leeren Hirn, in dem keine wilderen Affe tobt.

Ich schaue mir Buchmalereien an, die 15 – 20 Jahre alt sind, um sie auf ihre Eignung für die Übertragung auf das nächste Relief zu überprüfen. Dabei lese ich auch, was mich in dieser Zeit beschäftigt hat. Oft sind das Dinge, die mit der Stadtpolitik und meiner Arbeit in diesem Zusammenhang zutun hatten. Ich bin froh, dass ich mich davon etwas entfernen konnte. Am Nachmittag möchte ich mit der Bemalung des aktuellen Reliefs fortfahren.

Zeit nehmen

Für die Buchmalereien nahm ich mir am Morgen viel Zeit. Es finden Versuche statt, die Handballenabdrücke weiter in den Vordergrund zu rücken. Mit Hans Zitko sprach ich, im Zusammenhang mit dem Väterprojekt, über Chuck Close. Bisher hat das große Doppelportrait nur eine oberflächliche Verbindung mit seinen Bildern. Es gibt aber Malereien, die er mit den Fingern gemacht hat. In dieser Weise kann ich mir vorstellen, meine Handballen für die Einfärbung des Splitters zu benutzen.

Wenn ich diese Arbeitsweisen innerhalb der Buchmalereien entwickle, rückt die aktuelle Bearbeitung der Reliefs schnell im Hintergrund. Sie braucht zwar viel Zeit, ist aber nicht so anspruchsvoll. Wenn ich aber die Tuschelinien, mit denen ich die Oberfläche fülle, auf dem Bildschirm stark vergrößere, haben sie immer noch Kraft genug, ihre Spannung zu halten.

Für die Collagen, die ich mit einem sehr simplen Bildbearbeitungsprogramm mache, nehme ich mir auch zunehmend mehr Zeit. Schaue ich mir die Reihe von mehreren tausend dieser Arbeiten an, finde ich, dass das verstärkte Augenmerk darauf, bestätigt wird.

Vergrößerung | Verdichtung | Implosion

Den ganzen Nachmittag konnte ich gestern konzentriert, bis in den Abend, an der Tuschmalerei arbeiten, mit der ich die Figurengruppen auf dem Relief umgebe. Daran will ich heute und morgen weiter arbeiten, um diese Woche wieder ein sichtbares Vorankommen zu ernten.

Seit gestern zog ich mich, innerhalb der Buchmalereien, auf einem vorsichtigen Gestus zurück. Heute nahm ich einen harten Bleistift, um mit ihm Linien in das weiche Papier zu gravieren. Durch eine gründliche Farbschraffur treten sie dann in den Vordergrund. Transportiere ich dann diese Liniengebilde mit meinen feuchten Handballen per Druck, in ein anderes helles Papierareal, so erscheinen die gravierten Linien neu und hell. Das geschieht in Bereichen von wenigen Zentimetern, lässt sich aber per Scan gut vergrößern und auf Transparentpapier weiter verarbeiten: verdichten, wieder vergrößern und verdichten bis zur Implosion durch zu viel Masse.

Solche Strukturen würde ich gerne per Handballenabdruck auf die Splitter übertragen. Die Mischung der Handlinien und der Papiergravuren ergeben die Kartierung einer gebirgigen Landschaft aus meinem Rückzug. Unscharfe Erinnerungsfotos gewinnen an konkreten Details und verbinden sich zu einem Panorama. Jedes Detail weist auf den Mikrokosmos hin, der unter den Vergrößerungen neue Panoramen der Erinnerung zur Verfügung stellt.

Wurf

In einem Wurf übertrug ich gestern alle Tanzzeichnungen, die ich ausgesucht hatte, auf das Relief. Es handelt sich um 9 Motive, von denen ich eins geteilt und die zwei Fragmente an zwei verschiedene Stellen untergebracht habe. Jetzt erst, wenn ich einzeln beginne, die Splitter mit Tuschezeichnungen zu füllen, wird sich herausstellen, wie sich die geschichtete Komposition aus Rasterpunkten, Scherben, Splittern und Zeichnungslinien, bewährt.

Auf Rolle 8 habe ich das Zusammenspiel der bisherigen Elemente getestet. Die Kompositionen lassen sich gut einrichten, weil ich die Zeichnungen hinter dem Transparentpapier, auf dem schon die Formfrottagen vorhanden sind, verschieben und so Abstände und Gewichtungen probieren kann.

In einem Podcast des Deutschlandfunks hörte ich Interviews, Berichte und Tonbeispiele zur Entwicklung des VEB Schallplatte der DDR. In einer Aufnahme war Ernst Busch zu hören, wie er korrigierend in eine laufende Gesangsprobe hinein sang, dass einem das Blut in den Adern stockte. Die Büros dieses Musikverlages waren im ehemaligen Reichspräsidentenpalais, das sich direkt hinter dem Reichstag und somit hinter der Mauer befand. Die Stimme von Busch verfolgte mich bis in die Nacht, weil ich glaubte, den Tonfall aus meiner Kindheit zu kennen.

Schwankend

A4-Blätter mit Tanzzeichnungen liegen auf der Hobelbank. Manchmal teile ich ihre Motive und übertrage sie in entfernte Areale des Reliefs. Ich bin gerade nicht mehr sicher, ob ich die Zeichnungen aus dem Ballettsaal mit den Umrisslinien der Buchmalereien zusammenbringen soll. Ist es besser, sie auf unterschiedlichen Formaten unterzubringen? Das ist etwas, über das ich nachdenke, aber noch nicht weiß, zu welchem Ergebnis ich komme.

Die Übertragung des Motivs auf die Reliefs, ist ein ziemlich steifer Vorgang. Ich will den Zeichenstil dieser Zeit aber beibehalten, obwohl ich das heute anders machen würde. Gestern ließ ich die Collagen des vergangenen Jahres als Diashow laufen. Das hat mich froh gemacht.

Ich lese immer wieder in den Interviews der DDR-Bürger. Manchmal habe ich das Gefühl, dass mich das runterzieht. Mein kreatives Hochgefühl der letzten Woche, wurde von den Erinnerungen an das hoffnungslose Grau, gedämpft. Die Atelierheizung ist allerdings repariert, das macht schon mal die Muskeln weicher. Vielleicht kommt auch das Nachdenken über die Holzskulpturen mit Gips, Pappmache, Transparentpapier, Tusche und Schellack wieder in Gang.

Tierwelt | Figürliche Ahnung

Mitten in den Buchmalereien unterbreche ich die Arbeit, gehe hinaus ins Gärtchen und auf die Wiese. Dort schaue ich auf die Tierwelt, die reicher zu werden scheint. Ich kann nicht alles, war ich genau sehe. Ein Paar Grünspechte kann ich identifizieren, den Roten Admiral und die Singvögel. Aber schon bei den Grashüpfern werde ich unsicher, auch bei Käfern, Schnecken und Kleininsekten.

Die Heizung des Ateliertraktes hat sich selbst und ich bin auf die Wärme der Glühlampe über dem Zeichentisch angewiesen. Manchmal kommt kurz die Sonne raus. Dann steigt die Temperatur um ein Zehntelgrad.

Die Miniaturen in meinem Tagebuch entledigen sich überflüssiger Gesten zugunsten klarerer Linien. Ich hantiere mit Figuren und versuche sie gleichzeitig auflösen, damit nur eine figürliche Ahnung bleibt. Wenn ich Umrisslinien diese Erscheinungen auf Transparentpapier bringe und sie dann bei der Bemalung des aktuellen Reliefs benutze, bleiben sie für diesen Zweck formbar.

Asketisches Grau

ch lese manchmal Interviews, die DDR-Bürger aus Anlass des 40. Jahrestages ihres Landes, gegeben haben. Dabei tritt die unglaubliche Tristesse, in Form eines fast greifbaren Graus hervor. Dieses unbunte, strenge und enttäuschte Resümee, geht mir heute noch nahe. Ich suche nach Bestandteilen dieser Äußerungsform in meinem Sprechen.

In wesentlichen Teilen findet meine Rede ja im Bild statt. Das Grau, als Mischung vieler Farben, ist ein konzentriertes, verdichtetes Medium. Im Licht des asketischen Rückzugs, leuchtet es und wird Träger einer Grundlagenforschung. Das führt, laut meiner Prägung, zum Wesen der Kunst.

Gestern zeichnete ich den Entwurf, den ich auf Rolle 8 gemacht habe, auf das neue Relief, das ich in der vergangenen Woche abgeformt habe. Ein weiteres Tanzzeichnungsmotiv, fügte ich dann, wieder entwurfsweise auf Rolle 8, in die untere rechte Ecke des Formates ein. Noch habe ich keine Buchmalerei zum Einfügen ausgesucht. Das ist der nächste Schritt.

Übergänge

Auf Rolle 8 habe ich eine Teilfrottage von der Reliefform mit zwei Tanzzeichnungen zusammengesetzt. Das breite Querformat mit Kulissenwänden sitzt ziemlich mittig im Relief. Auch in den Buchmalereien finden sich heute Kulissenarchitekturen und Figuren.

Zu der fließenden Schellackschicht, mit der ich die letzte Überlagerungssequenz anlösen und teilweise vom Kristallinen ins Flüssige verwandeln wollte, bin ich leider noch nicht gekommen. Im Zusammenhang mit der Vergabe des Physik-Nobelpreises, wurde viel vom Zusammenbruch der physikalischen Gesetze berichtet. Der Übergang von Materie in einen anderen Zustand durch Verdichtung, bildet sich am Rande der Schwarzen Löcher ab. Das inspiriert mich, mit den Vorgängen auf Rolle 8, noch einmal genauer und gründlicher umzugehen.

Beim Betreten des Ateliers am Morgen, erschien mir die Materialität vom Gips, Schellack, Tusche, Pappmache und Graphit, besonders wertvoll. Immer mal schon erschien mir die Vermischung dieser Materialien und ihre Nutzung für skulpturale Projekte, als sehr reizvoll. Jetzt kommt mir in den Sinn, solche Arbeitsschritte auch mit der Behandlung von Holzskulpturen zu verbinden und damit einen Schritt in Richtung „Mütterprojekt“ zu gehen. Der „Müttermantel“, den ich aus dem trocknenden Pappelstamm herausarbeiten möchte, könnte dann eine Oberflächenbehandlung bekommen, die aus diesen Stoffen gebildet wird, mit denen ich nun schon eine Weile arbeite.

Lichtwechsel | Motivvorbereitung | Probebühnen

Der rhythmische Lärm der Abrissmaschinen wird von einem frischen Wind nach Osten getragen. Die Schienenschläge der S-Bahn kommen wattiert, von den schnellen Lichtwechseln, die durch die vorübereilenden zerfetzten Wolken verursacht werden, begleitet, bei mir an. Alles überlagert sich mit dem Grundrauschen der windigen Stadt.

Auf Rolle 8 verdichtete ich doch noch einmal, mehr der Seelenpflege wegen, die Buchmalereien-Sequenz. Das vollständig glatt getrocknete Relief grundierte ich langsam und gründlich, ordnete währenddessen die Wege zur Vorbereitung der Motive, die für die Malerei bestimmt sind. Auf der Transparentpapierrolle werde ich Umrisszeichnungen von meinen Buchmalereien und Ballettsaalzeichnungen ausprobieren. Ich will sie mit Frottagen von Teilen der Reliefform kombinieren. Diese Einzelmotive setze ich dann auf dem Relief zusammen.

Die Architektur der heutigen Buchmalereien orientiert sich an den Zeichnungen, die ich auf den Probebühnen der Theater gemacht habe. Die Probenwände schufen rohe Kulissen, vor denen die Figurenszenen abliefen, immer wieder neu, von vorne. In ihrer Unvollständigkeit boten sie Durchblicke in die hinteren, dunklen Winkel dieser Räume, wo Schauspieler auf ihren Auftritt warteten. In den Collagen erlaubt ihre Durchlässigkeit Blicke auf Teile der Buchmalereien-Sequenz dahinter.

Gleichgewicht der Ebenen

Gestern, am Sonntag, zeichnete ich weiter an den „Gebirgen“ der Buchmalereisequenz auf Rolle 8. Ich meine, dass ich nun mit den Verdichtungen fertig bin und bereite den nächsten Schritt vor. Mit dieser Schicht aus Schellack kommt es, durch das Anlösen der Tuschestruktur, zur Erosion der „Landschaft“. Irgendwann ist beim Fortfahren das Gleichgewicht der Ebene vorhanden. Durch die Gravitation sind Senken und Anhöhen verschwunden. Die Einfärbung der Transparentpapierfläche hätte somit einen gleichmäßigen Farbton.

Während einer Essenseinladung sprachen wir gestern Abend über ein Projekt mit Liedern von John Cage, die sich durch ein Zufallsprinzip verschieden überlagern. Mich interessiert das wegen der Verwandtschaft zu meinen zeichnerischen Überlagerungen. Die aber folgen gleichmäßigen Rhythmen, wodurch überraschende Lücken oder plötzlich verdichtete Höhepunkte nicht entstehen. Alles folgt dem gleichmäßigen Fluss meiner eigenen Handschrift auf der Transparentpapierrolle, die sich langsam füllt und immer weiter zusammengerollt wird.

Das Relief, das ich in der vergangenen Woche ausgeformt habe, kann ich vielleicht noch heute aus der Form lösen und dann gleich grundieren. Womit ich die Malerei nun inhaltlich angehe, habe ich noch nicht gewichtet, bin mir nicht klar, ob ich die tibetischen Motive weiter mit einbringen soll, oder nun wieder ganz auf meine eigenen Buchmalereien und Tanzzeichnungen setzen soll.

Tuschegebirge | Synaptische Kartierungen | Zeitstruktur

Mit anhaltendem Vergnügen verdichtete ich die Überlagerungssequenz aus den Umrisslinien zweier Buchmalereien auf Rolle 8, die ich mit Feder und Tusche auf das Transparentpapier übertrug. Die dichten Linien trocknen erhaben auf, bilden Landschaften, die ich mit den Fingerkuppen ertasten kann. Es sind Gebirge positiver Kraft, die ich mir errichte. Sie ersetzen die inneren Stadtlandschaften aus Gebäuden, in denen Leere wohnt, die sich mit Hass paart und Destruktion gebiert.

Wenn ich mit den Verdichtungen dieser geschichteten Figur fertig bin, soll ein weiteres Gestaltungsmittel hinzukommen. Mit Schellack will ich die dunklen Areale etwas anlösen und dann durch druckvolles enges Zusammenrollen, eine fließende Fläche hinzufügen, die im starken Gegensatz zu den kristallinen Figurationen steht, sie leicht verschwimmen lässt, und die ich mal „Synaptische Kartierungen“ nannte. Damals sind so hunderte Blätter entstanden. Auch mit Schülern praktizierte ich diese Arbeitsweise ausführlich.

Manchmal leiste ich es mir nun, in die Tage etwas hinein zu vagabundisieren. Das hat aber zur Folge, dass ich mich nach der Organisation von Zeit sehne. So überlege ich nun, ob ich mir wieder Aufgabenlisten schreiben soll, mit denen ich meine Arbeit und meine „Freizeit“ strukturieren und die ich Zeile für Zeile abhaken kann.

Trockenwiese | Rolle 8 | Zöglingsportraits

Am Morgen ist die Trockenwiese nass vom Tau. Nach den Buchmalereien pflege ich sie ein wenig, indem ich die großen Stauden, die keine Samenstände mehr haben, entferne. In der Kräuterspirale lebt versteckt ein Wespenvolk, das noch nicht entdeckt und ausgeräuchert worden ist. Wenn sie fort sind, interessiere ich mich für ihre papierene Stadt.

Weil das Relief noch trocknet, arbeitete ich weiter auf Rolle 8. Die Umrisse von Buchmalereien sollen nun ernsthaft zu einer Überlagerungssequenz verdichtet werden. Das Ziel ist nicht, dies in die Bemalung der Reliefs mit einzubeziehen. Es geht nur um mein Wohlbefinden, während dieser Meditation. Allerdings sind die Zeichnungen auf den Splittern auch mit dem Vergnügen an dieser Arbeit eng verbunden. Die ornamentalen Motive unterscheiden sich zwar von denen auf Rolle 8, fließen aber auch kontinuierlich in steter Konzentration aus der Zeichenfeder. Impulse zur Linienführung kommen von den modellierten Oberflächenstrukturen der Splitter. Der Erfolg zeigt sich im anhaltenden spannungsvollen Wohlbefinden.

Auf allen Kanälen geht es um das Wiedervereinigungsjubiläum, das am 3. 10. begangen wird. Die Veränderung meiner Erinnerungen an die DDR durch meine Gegenwartserfahrungen, schlagen sich selten deutlich in meiner Arbeit nieder. Lediglich in den Zöglingsportraits auf Transparentpapier, findet sich eine direkte Äußerung des Erinnerns an diese Zeit.

Einen Gang runter

Nach den Malereien am Morgen, sage ich mir: kleine Pause. Dann gehe ich ins Gärtchen zu meinen Mitbewohnern, den Kräutern, den Bäumen und den Steinen. Ich schneide ein wenig, rücke an den Trockenmauerstapeln und biege Weidenruten. Warum kommen mir jetzt die Hunde in den Sinn, die wild an Laufleinen, an der deutsch-deutschen Grenze, eingesetzt waren?

Die Priorität der Bündnistreue der Adenauerregierung zementierte die deutsche Teilung. Ist das ein Trauma der Ostdeutschen? Wurden sie von ihrer Bezugsregion abgetrennt und verlassen, wie ein Kind von seiner Mutter? Es neigt später zu Überempfindlichkeiten, gepaart mit Aggression. Auf diese Gedanken kam ich, als ich gestern den Krimimalfilm „Walpurgisnacht“ sah. Eine deutsch-deutsche, serienmörderische Zuspitzung im Harz, kurz vor der Wende.

Mit Pappmache formte ich gestern das nächste Relief des zweiten Exemplars des Väterdoppelportraits ab. In den vergangenen Zeiten der „Produktion“ machte ich das schon eine Weile bevor ich mit der Malerei auf dem vorigen Format fertig war. So konnte die Arbeit gleich weitergehen. Ich musste nicht wie jetzt, warten bis die Trocknung beendet sein wird. Nun habe ich einen Gang runtergeschaltet. Die Masse trocknet sehr langsam.

Vage optimistisch

Die Relieftafel 6, die ich in den letzten Wochen bearbeitet hat, ist nun fertig. Ein Auszug habe ich in den heutigen Werktagscollagen. Die Bemalung glich ich der vorigen an, benutzte aber aber eine Mischung aus Wandmalereien aus Tabo, Ballettzeichnungen von 2003 und Umrisszeichnungen der neuen Buchmalereien.

Das nächste in der Reihe, mit der Nummer 7 ist schon abgeformt, aber mit einem paar wenigen ausfransten Stellen. Ich werde es noch einmal neu abformen. Die Bemalung der Reliefs hat sich während des Arbeitszeitraums, den ich für dieses zweite Exemplar des Doppelportraits benötigte, langsam verändert. Diese Entwicklung sichtbar zu halten, ist in meinem Sinne.

Ich beobachte meine Buchmalereien, besonders die linearen Kompositionen. Sie sind entscheidend für ihre Eignung als Material zur Unterstützung der weiteren Reliefmalerei, denn ihre Farbigkeit spielt bei der Nutzung der Umrisslinien keine Rolle. Ob die langsame Veränderung der Buchmalereien eine Vorwärtsentwicklung darstellt, oder mehr Stagnation in sich trägt, kann ich derzeit kaum beurteilen. Wenn man aber die langen Zeiträume überblickt, in denen ich kontinuierlich versuche, sie weiter zu entwickeln, stimmt mich das vage optimistisch.

Erz

Noch einmal vor dem Herbst, wärmen ein paar Sonnenstrahlen mein Atelier und lassen die späten Blüten Im Gärtchen aufgehen. Meine Stimmung ist auch, nach einem langen dunklen Tiefschlaf letzte Nacht, erhellt.

Am Wochenende besichtigten wir mit Kind und Kegel die frühindustriell geformte Landschaft rund um Clausthal-Zellerfeld. Wir liefen einen Rundweg durch die „Wasserregale“. Das ist ein Bewässerungssystem aus Stauseen und Kanälen, für die Energiegewinnung zum Betreiben der vielen Schächte in der Gegend. Ein Museum in einem alten Bergwerk erzählte von der finsteren Industriekultur, die sich zum Abbau von Erz entwickelt hat. Mich erinnerte das an das kleine Museum, das die Bauern im alten Niederhof im Martelltal eingerichtet haben. Heinrich Heines „Die Harzreise“ ist ein romantischer Text, mit dem man sich durch ein anderes Licht an unsere Reise erinnern kann.

Jetzt aber habe ich erst einmal meinen Terminkalender zu aktualisieren. „YOU&EYE“ wird wieder aufgenommen und die Wirtschaftsförderung vergibt den Gründerpreis, für den sie meine Skulptur erneut ausgedruckt haben wollen. Mit Alexander sollte ich mich treffen, um die Zusammenarbeit mit der Hindemithschule weiterzuführen. Somit ist, neben dem Väterprojekt, ein wenig Beschäftigung und Abwechslung in Sicht.

Themenwechsel?

Ganz alltägliche und normale Weiterarbeit gestern. Ich zeichnete die Ornamente auf die Splitter außerhalb der Figurengruppen auf der Relieftafel. Innerhalb ihrer Umrisse färbte sie schwarz ein, ließ aber die Bruchkanten weiß. In der kommenden Woche werde ich mich dann um die malerische Schellackschicht kümmern.

Manchmal kommt die Frage auf, ob es keine wichtigere Arbeit als die an den Reliefs für mich gäbe. Es ist als hielte ich mich an ihnen fest, ähnlich wie an den Buchmalereien. Die Objekte aus Weidenruten und Reliefscherben, verlassen den Themenumkreis nur vorsichtig und zögerlich.

Wie oft, wenn wir aus den Bergen kommen, habe ich Lust mit anderen Materialien zu arbeiten, beispielsweise mit Holz. Das dicke Stück Pappelstamm ist jetzt soweit getrocknet, dass es leichter geworden ist und einfacher vor das Atelier gestellt werden kann. Ich weiß nicht, wie meine rechte Hand, insbesondere ihr Daumen eine solche lange schwere Arbeit aushält. Er ist von den längeren und schweren Bildhauerarbeiten gezeichnet. Aber ich kann einfach nicht mit einer Kettensäge an eine solches Stück Holz gehen, sondern will die Figur langsam herausbilden.

Zeichnung | Malerei | Instrumentenbau

Gestern ging die Arbeit am Relief weiter. Sie ist ein Zwischending zwischen Zeichnung und Malerei. Wenn die Federzeichnung der Figuren und Ornamente dann mit einer Schicht Schellack versehen wird, sich Konturen auflösen und große dunkle, durchscheinende Flächen entstehen, bekommt die Malerei die Oberhand. Die Vorgänge der Buchmalerei sind dem ähnlich. Das Gleichgewicht zwischen den Elementen wird oft genug nicht eingehalten. Dann sind mir lineare Figuren zu wichtig, als dass ich sie hinter Farbwolken verschwinden lasse. Bei dekorativen Farbigkeiten greife ich öfter zu einem gewalttätigen Gestus wütend kreisender Schwarzbewegung.

Das gemeinsame malerische Vorhaben mit Franz, würde ich am ehesten als ein Gespräch über Farben, Formen und Gesten bezeichnen. Die Mittel, mit denen wir das machen, sind gleichzeitig Gesprächsgegenstand. Man könnte es auch mit einer Klettertour vergleichen, bei der nicht der Gipfel das Ziel ist, sondern die Kletterei.

Vier Gegenstände, von denen ich drei auf der Straße gefunden habe, fügte ich zu einem Musikinstrument zusammen. Hauptbestandteil ist eine Stahlzunge von einer rotierenden Kehrmaschinenbürste, von denen ich viele auf den Gehwegen finde. Sie bekam einen hölzernen Griff und eine Kastanie als Schwinggewicht am entgegengesetzten Ende. Dazu eine kleine gebogene, weiße Feder, die mit der Stahlzunge in der Kastanie steckt. Wenn man es an die Tischkante legt, festhält und die Kastanie mit der überstehenden Zunge in Schwingung versetzt, beginnt der Tisch zu singen. Modulation ist durch die Verkürzung oder Verlängerung des schwingenden Strangs möglich. Ein Geschenk für meinen Enkel.

Gemeinsame Malerei | Zwangsarbeiter | Umrißsequenz

Besuch bei Franz, während dem wir über unser Vorhaben sprachen, gemeinsam etwas zu malen. Franz macht so was öfter mit befreundeten Künstlern. Bei mir ist es etwas in Vergessenheit geraten und sehr lange her. Für uns beide also ein „Fexibilitätstest“. Ich dachte zuletzt daran, grundierte Reliefs zur Verfügung zu stellen. Ein Scherbengericht ergäbe 4 zusammenhängende Formate. Eine Struktur, die zur Arbeit von ihm passt, auch in den Dimensionen.

Eine Anfrage vom Denkmalamt bezieht sich auf meine Arbeit zum Zwangsarbeiterthema. Ich schickte verschiedene, etwas vage Informationen über meine Ausgrabungen, GPS-Wanderungen und die Werkstattausstellung zu diesem Komplex, die es damals in meinem Atelier gegeben hat. Seiner Zeit entstand auf Rolle 6 eine Überlagerungssequenz mit meinen Wanderungslinien im Grundriss des ehemaligen Lagers vor Ort, die mir heute als stärkster Teil der Arbeit vor Augen ist.

Auf Rolle 8 zeichnete ich gestern an der Umrissliniensequenz der Buchmalerei weiter. Dabei kommt mir eine weitere Verdichtung, der Fortführung der Reliefmalereien nicht dienlich vor. Zunächst einmal sind die dichten Strukturen kaum zu übertragen. Außerdem kommen mir die wenigen, klaren Linien im Kontext der Splitterstruktur, überschaubarer vor.

Scans | Messner Mountain Museum | Unterbrechungen

Noch kam ich nicht richtig zum Arbeiten. Zunächst waren die etwa 40 Scans der Buchmalereien zu machen, die ich in den Bergen gemalt habe. Um mein Arbeitstagebuch ins Netz zu stellen, benötigte ich einen Rechner, der aber aus unerfindlichen Gründen nicht hochfuhr. Diese Unterbrechung der normalen Arbeitsvorgänge, die werktäglich ablaufen, lässt den Motor nicht recht anspringen.

Demnächst sind wir wieder kurz auf Reisen, was die Zeit mehr zerpflückt, als es meiner Konzentration zuträglich wäre. Also noch mal abwarten, die Buchmalereien beobachten, wie sie sich in die Bemalung der Reliefs einfügen. Alles andere kann warten.

Ich denke noch mal an die Messner Mountain Museen, die wir in den vergangenen Wochen besuchten. Ich habe das Gefühl, dass der Bergsteiger mit seinen Sammelsurien zu viel wollte. Er ordnete sie in seinem Sinne, was nicht selten zu Verwirrung führt. Die exquisiten Exponate werden oft nicht beschrieben. Sie stehen häufig einfach da und sollen auf uns wirken. So kann man sich die Inszenierung von Museen leicht machen. Mehr durchdachte Struktur wäre nicht schlecht gewesen. Dennoch waren sie eine Erlebnis, aber eher wie das eines Naturereignisses.

Von den Buchseiten an die Wand

Den Sonntag verbrachte ich ganztägig am Rande des „European Short Film Festival“ auf Teves West, im Atelier. Interessierten Gästen zeigte ich meine Väterarbeit und beantwortete ihre Fragen dazu.

Auf Rolle 8 überlagerte ich die Umrisslinien einer Buchmalerei, die die Nummerierung 07_31_2020_001 besitzt. Natürlich überlege ich bei der Erstellung einer solchen Sequenz, wie ich sie in de Bemalung der Reliefs einbinden kann. Die Hinwendung zu den Malereien an den Innenwänden der Klöster in Ladakh, die auch eher einem Buchmalereigestus entsprangen, findet sich hier zusammen mit dem Augenmerk auf die eigenen kleinen Malereien in den Büchern. Ich kann den Vorgang der Wanderung von den Buchseiten an die Wand in dieser Weise nachvollziehen.

Im Gärtchen biege ich die Weidenruten weiterhin nach innen, also zum Baum hin. Mittlerweile entdecke ich aber, dass nicht jede gebogene und geflochtene Figur dem Wachstum der Weiden gut tut. Zeigen die Enden der Ruten beispielsweise nach unten, so vertrocknen manchmal ihre Spitzen.

Aufbrechen

Der Höllenlärm am Atelier hat etwas nachgelassen. Beteiligt sind nicht mehr 5 Bagger, ein Überkopfkipper und die große Steinmühle, sondern nur noch insgesamt 3 Maschinen. Deswegen ist es hier nun wieder möglich, eher einen klaren Gedanken zu fassen.

Aus der Knochenpflasterfläche hinter meiner Wiese, wächst seit etwa 3 Jahren eine Pappel. Sie ist mittlerweile etwa 3 Meter hoch und wird von einem Fuß gehalten, der lediglich die Stärke der Fugen zwischen den Steinen haben kann. Auf dieser unsicheren Basis muss er den Stürmen trotzen die aus Westen heranrollen, bis seine Kraft durch das Wurzelwerk so angewachsen ist, dass er die Pflasterschicht sprengen und in die Breite wachsen kann. Um ihn dabei zu unterstützen, setzte ich mich gestern Abend auf einen Gartenhocker, nahm meinen Fäustel und einen großen Meißel, um einen der ihn bedrängenden Steine, heraus zu brechen. Nach einer Stunde hatte ich den Grund der Betonschicht erreicht und damit die Erde. Stück für Stück werde ich die Fläche nun aufbrechen, um dem Baum das Wachstum zu erleichtern.

Wenn ich mir die Muster meines Nomadenteppichs in meinem Zimmer anschaue, den ich mir im vergangenen Jahr in Ladakh gekauft habe, dann entdecke ich subtile Unregelmäßigkeiten, hinter denen ein Code oder eine Formel zu stecken scheint. Erst mal kann ich nur zählen und vergleichen, um die geheimnisvollen Beziehungen aufzuspüren. Ersichtlich wird zunächst, dass er zumindest von zwei Personen gewebt worden sein muss.

Die Enge | Das Figürliche | Die Insektensammlung

Die Buchmalereien bekommen zu Hause einen anderen Charakter. Sie sind zurückhaltend ruhiger, konzentrierter und emotionsloser. Die Enge des Raums, der andere Ausblick und das Fehlen des anderen Arbeitsmaterials, sind der Grund dafür. Aber sie haben dennoch ihren Reiz und führen mich irgendwohin, wo ich noch nicht war.

Nun bin ich wieder ins Atelier gegangen. Ich probiere, wie es möglich ist, unter den Bedingungen des Abrisslärms zu arbeiten. Nach der herbstlich kühlen Nacht, wird der Raum schnell von der Morgensonne aufgeheizt. Im Gärtchen sonnen sich die jungen Eidechsen, nicht länger als 5 Zentimeter, zwischen meinen Stein- und Muschelketten, Holzstapeln, Lochziegeln und ausgehöhlten Ästen. Wenn sie schlau sind, überwintern sie in meinem Atelier. Dort hat sich eine von ihnen über meine Insektensammlung hergemacht!

Meine Hinwendung zum Figürlichen, innerhalb der Gravitationsschwünge in den Büchern, zielt immer noch auf eine natürlich wachsende Einbindung von Figuren bei der Bemalung der Reliefs, die derzeit eine Pause erlebt. Es stehen zu viele Unterbrechungen an, als dass ich eine längere geschlossene Zeit der Konzentration dafür finden kann.

Das reicht mir

Die Inversion der Aura

Vom Schicksal der charismatischen Autorität im sozialen System der Kunst“,

heißt ein Text von Hans Zitko, den ich gestern Abend gelesen habe. Darin werden Systeme und Verhaltensweisen beschrieben, die mir durchaus bekannt sind. Mein Rückzug aus der Öffentlichkeit des Kunstbetriebes, beruht auf meiner fundamentalen Skepsis ihm gegenüber. Er würde mich bei der Suche nach Bildlösungen und der Konzentration, die dafür notwendig ist, behindern. Durch Markttechniken etablierte Strömungen interessieren mich nicht. Und was ich davon mitbekomme, erfüllt mich mit Unbehagen.

Das führt zu einer asketischen Situation. Sie flirtet mit der Armut und ist gleichzeitig elitär durch die Behauptung von Freiheit. Für mich ist das folgerichtig, solange die Produktion nicht stockt und mein persönliches Glück mit ihr verbunden ist. Es entsteht einerseits durch die Rückschau, beispielsweise auf Transparentpapierrollen und Buchmalereien, andererseits gewinnt die gegenwärtige Arbeit aus ihr, ihre Dimension.

Bestätigung kommt aus Kreisen, die mit dem Kunstmarkt nicht direkt zutun haben, von offiziellen Kulturinstitutionen, Experten und zufälligen Atelierbesuchern. Das reicht mir.

Ruhe wegen des Lärms

Wegen des Lärms ruht fast die ganze Arbeit im Atelier. Ich wundere mich über mich selbst, wie gut ich das kann. Unter der Unterbrechung des Väterprojektes leide ich kaum. Ich freue mich über meine Fähigkeit, abzuschalten, auf Abstand zu gehen und die Arbeit nicht so wichtig zu nehmen. Eigentlich macht das alles leichter.


Von meinem aktuellen Arbeitsplatz aus, kann ich die Aktivitäten der Sozialarbeiter auf der Quäkerwiese sehen. Es erinnert mich an meine Stadtteilarbeit vor 20 Jahren. Davon habe ich mich, zugunsten meiner Arbeit, entfernt. Es gibt Kontakte zur Schule, wegen des Projektes „YOU&EYE“, Schüler und Kunstinteressenten finden sich manchmal bei mir ein. Ansonsten aber, bleibe ich bei mir.


Immer mal greife ich im Atelier zur Gitarre, drehe den Verstärker weiter auf sonst, um den Baggern entgegen etwas setzen. Am Morgen, hier zu Hause, hörte ich ein neues Album von Bob Dylan, dessen Tournee wir in diesem Jahr vermissen. Dass er aber nach vielen Jahren wieder eigene Songs aufgenommen hat, tröstet etwas.

Handabdrücke und Reliefs

Als ich mich gestern ins Bett legte, erwartet ich wieder ein Traum, kann mich aber an keinen erinnern. Stattdessen aber kamen Ideen, die Väterreliefs mit den gewanderten Handprints von Frankfurt und Wien zu verbinden, die Strukturen zu schichten.

Gerade habe ich vor dem Atelier einen jungen Pianisten und Komponisten kennen gelernt. Ich sprach mit ihm über die Möglichkeiten, Musik zu visualisieren. Er schaltete gleich auf das Musikverstehen von tauben Menschen um, was natürlich nahe liegend ist, aber war ich noch nicht bedacht hatte. Wir hatten sofort einen lebendigen Austausch und verabredeten über die Visuals noch mal zu sprechen.

Während der Lektüre zur Konstruktion und Bedeutung von tibetischen Mandalas, stellt ich fest, dass meine 16 Teile des Väterreliefs dort gut einfügen. Ansonsten ist das Thema weitläufig und nicht unkompliziert. Das liegt aber auch an der unvollständigen Quellenlage, denn die Praxis der Meditation, die Mandalas unterstützen, ist nur im engen Kreis mündlich überliefert.

Ein Traum

Den Leuten, die von rechts nach links, vor meinem Balkon auf der Frankenallee gehen, bläst heute ein kräftiger Wind entgegen. Die Baumkronen werden gekämmt, und das Rauschen erfüllt den ganzen Luftraum. Ich bin froh, dass ich hinter der Scheibe sitze, wo  mein Haarschopf ruhig auf meinem Kopf liegen kann.

Ich stelle mir vor, wie jetzt der Staub aus Sand, Erde und Zement in meinem Gärtchen geweht wird, wie er gemeinsam mit dem Maschinenlärm in der Gebäude eindringt. Wie gut, meinen Ausweicharbeitsplatz hier in meinem Zimmer zu haben.

In der Nacht träumte ich von einer hügeligen Landschaft, in der einer sektenartigen Produktionsgenossenschaft. Ihr Zweck ist mir nicht klar. Mit meiner Voraussagepflock, den ich zwei Meter in der Erde trieb, um aus den geologischen Schichten die Zukunft zu lesen, sagte ich ihnen ein infernalisches Musikfestival voraus. Dann riefen sie den Chef herbei, der mit einem frisierten Soundauto und zwei Beißhunden kam, die er auf mich hetzte. In der Hocke aber war ich mit den Hunden auf Augenhöhe, wodurch sie mit den Schwänzen wedelten und mir das Gesicht ableckten. Zum Schluss sprudelte eine Quelle aus der Stelle, in die ich am Hang den Pflock getrieben hatte.

Vom Lärm vertrieben

Seit einigen Tagen beginne ich die Arbeitstage wieder zu Hause, wie ich das vor einigen Jahren auch tat. Gegen den Abrisslärm in der direkten Nachbarschaft komme ich auf die Dauer nicht an. Deswegen stellte ich mir einen Tisch vor die schöne zweiflüglige Balkontür meines Zimmers in der Frankenalleewohnung. Dort fertige ich als erstes am Morgen die Buchmalereien an, um dann im Schreiben am täglichen Überdenken meiner Arbeitssituation festzuhalten.

Die Buchmalereien werden in dieser Umgebung zurückhaltender, weniger zweckgebunden und somit freier. Mir gingen neue Wanderungsprojekte durch den Kopf. Jetzt jedoch, in diesem Sommer will ich mich etwas zurücklehnen. Die anhaltende Pandemie trägt die Möglichkeit in sich, gründlich nachzudenken.

Dass ich mich etwas vom Väterprojekt entfernt habe, zumindest von seiner täglich fortschreitenden Vervollständigung, kommt mir ganz vernünftig vor. In diesem Abstand entstehen Ideen zu neuen Projekten und der Blick auf die aktuelle Arbeit an den Reliefs schärft sich wieder.

Gefällige Gefilde

Gestern begann ich ein Objekt zu bemalen. Ich mache das für jemanden, es hat also einen Adressaten. Gleich hat sich die Arbeit in gefälligere Gefilde entwickelt – schrecklich! Es geht nicht um die Suche nach neuen Wegen zur gestalterischen Spannung. Bewährtes kommt zum Zuge… Das lässt sich aber, weil es erkannt ist, noch ändern.

Gegen den eisern dröhnenden, steinbrechenden Abrisslärm, habe ich wieder meine Ohren verstopft. Gestern hatte ich das Gefühl, dass durch diese Maßnahme, mehr Konzentration möglich würde, auch wenn die Maschinen schweigen. Gegen die Hitze öffnete ich zum hochgezogenen Rolltor noch die Seitentür, damit es ein wenig Luftbewegung gibt.

Zum Abend erwarte ich Besuch im Atelier. Ich möchte ihm meine Väterarbeit zeigen. Sie hat ja im jetzigen Stadium schon viele Facetten, angefangen bei den Scherbengerichten, den Transparentpapierrollen, bis hin zu den Verbindungen von buddhistischen Wandmalereimotiven mit meinen Tanzzeichnungen.

Gehörschutz

Vom Altkönig aus sah ich mir die Stadt gestern mit dem Fernglas an. Ich floh vom Lärm der Abrissmaschinen. Der Giebel der Friedenskirche, der dunkle Klotz in der Frankenallee, sah aus der Entfernung aus, wie der einer holsteinischen Scheune. Aber immer wieder suchte ich nach dem Haus in dem wir wohnen, oder nach seiner nächsten Umgebung.

Mit Gehörschutz schirme ich mich nun vom Maschinenlärm ab. Die Steinmühle, 5 Bagger und der Überkopfkipper sind akustisch völlig ausgeblendet und geben nun den inneren Geräuschen den Vortritt. Jeder Schritt, den ich gehe, erzeugt ein Echo in meinem Knochengerüst. Die Wendungen des Kopfes machen die Halswirbelsäule und ihre Bänder hörbar, auch das Geräusch des pulsierenden Blutes rauscht durch den Kopf. Das Körperempfinden wird deutlicher und der Tinnitus erhält die Oberhand.

Eine barocke Figur tauchte heute in der ersten Buchmalerei auf. Es könnte auch ein Rockstar aus den Siebzigerjahren sein. Mitten im abstrakten Geschehen zieht es mich zu diesen konkreten gegenständlichen Manifestationen. Sie erscheinen wie in Träumen.

Choreografien

36 Scans der Buchmalereien, die ich in der letzten Zeit gemacht habe, führten mich wieder zurück in die Situationen ihrer Entstehung. Ich erinnere mich an die Abwägungen der Farben und die Entscheidungen, wann Schluss ist. Und immer wieder tun sich Lösungen, die ich während ihrer Entstehung oder kurz danach als unbefriedigend empfand, als hilfreiche Entscheidungen auf. Sie treten aus dem ästhetischen Trott heraus und Zetteln dann etwas Neues an.

Draußen sehe ich eine Choreografie von 5 Baggern, einem Überkopfkipper und einer Steinmühle. Sie tanzen zu einem infernalischen Sound, der nur noch von meiner Musikanlage im geschlossenen Atelier übertönt wird. Franz, mit dem ich mich bald zu gemeinsamer Arbeit verabreden möchte, hört auch während der Arbeit laute Musik.

So lange diese Abrissarbeiten noch wenige Meter vom Atelier entfernt andauern, überlege ich, einen Teil meiner Tagebucharbeit in mein Zimmer in der Frankenallee zu verlegen. Die Malereien greifen jetzt manchmal auf alte Strukturen zurück, die ich jahrelang mit Holzhaarnadeln in das Papier gedrückt habe und die dann durch Schraffuren sichtbar wurden. Zu Hause kommen dann bestimmt wieder Arbeitsweisen hervor, die aus der Zeit stammen, in der ich dort Tagebuch schrieb.

Zweifel an der Produktionskontinuität

Nach einer zehntägigen Auszeit kann ich nur langsam wieder in die Arbeitsprozesse hineingehen. Allein an den Seen der Holsteinischen Schweiz, habe ich all das hier, in meinem Atelier befindliche, fast ganz vergessen. Somit besteht jetzt noch der nötige Abstand, um meine Produktionskontinuität kritisch zu bedenken. Dabei kommen Zweifel auf, ob wirkliche Erneuerungen auf diesem Weg möglich sind. Es geht immer nur langsam voran, es gibt keine Brüche, Wendungen und kaum kreative Pausen.

Mit Vandad sprach ich über die Möglichkeiten der Arbeit am Projekt „YOU&EYE“ unter den Bedingungen der Pandemie. Es entstehen bei mir Überlegungen zur digitalen Zusammenarbeit, die in dieser besonderen Situation möglich wird. Einerseits denke ich an die Erstellung einer gemeinsamen digitalen Skulptur, die dann ausgedruckt werden kann, andererseits können Räume entstehen, in denen man sich mit den anderen Projekten treffen kann. Skulptur, Tanz und Musik….

Vier Bagger drehen sich, in der direkten Nachbarschaft, um die eigene Achse und vollführen eine Choreografie, um die Steinmühle, in der das Abrissmaterial zerkleinert und sortiert wird, zu bestücken. Manchmal verfallen sie in einen Rammrhythmus, mit dem sie sehr große Betonbrocken zerkleinern oder Kellerwände zerstören. Auf der Terrasse des Restaurants sitzen die Köche, in diesem Geräusch der Hölle, bei ihrem Morgenkaffee und unterhalten sich!

Keine Kehrtwende

Der gestrige Tag brachte nur Kontinuität. Die Väterarbeit ist über weite Strecken ein Durchhalteprojekt. Pausen werden wichtiger, um Abstand und Überblick zu gewinnen. Dieses stetige Weiterarbeiten, um nicht ins Stocken zu kommen, wird mir verdächtig. Das war für die Zeit, in der ich es tat, vielleicht richtig und wichtig. Nun wird es Zeit, das zu hinterfragen, auch wenn mir mulmig wird dabei. Was wird, wenn mein Garant der Produktivität unbedeutender wird? Kommt der Motor ins Stocken?

Ein neues Herangehen, würde Fragen wie Regelmäßigkeit von Zeitrhythmen, Arbeitsmoral und tägliche Produktionsrituale infrage stellen. Diese Überlegungen sollte ich weicher handhaben, nicht so rigoros, sonst stünde mein Arbeitsleben bald auf dem Kopf. Und für eine Kehrtwende ist es zu spät.

Am wichtigsten erschienen mir heute Vormittag die Collagen. Sie bedienen sich der Arbeitsschritte, die ich gestern mit der Reliefmalerei unternahm. Eine Tanzzeichnung von 2003 bettete ich zeichnerisch in Ornamentstrukturen ein, die später noch mit einer weiteren Schicht zusammengezogen und eingedunkelt werden.

Wegschauen müssen

Montags sind die Scans der Buchmalereien des Wochenendes nachzuholen. Mit den tagaktuellen zusammen, sind es immer 9. Bis zum Mittag ist dann die gesamte Tagebucharbeit erledigt und ich beginne mich meistens mit den Reliefs zu beschäftigen.

Die abstrakten Linien, mit denen ich derzeit die modellierte Oberflächenstruktur nachzeichne, ergeben manchmal kreatürliche Anklänge. Das sind gebogene Figuren, Augenpaare oder Karikaturen von Gesichtern. Bis dahin ist das alles nicht so spannend. Die Schellackschicht, die die Tusche wieder anlösen kann, fokussiert notwendigerweise noch einmal zum Abschluss.

Wichtiger und ergebnisreicher erscheinen mir derzeit die Buchmalereien. In ihrer unspektakulären Form, verbergen sie das Potential, das sie für mich besitzen. Dieses mehrschichtige Herangehen an sie, würde sich innerhalb der Reliefbemalungen positiv auf die Intensität des Gesamten auswirken. Man sollte das Gefühl bekommen, wegschauen zu müssen!

Allein mit den Tieren

Der Morgen verging schnell, weil ich mir vorgenommen hat, alles langsam zu machen. An den vergangenen Vormittagen war ich hier auf Teves West mit den Tieren allein. Aus einer großen stehenden Papprolle rettete ich eine Taube, die sich dort hinein verflogen hat und nicht mehr raus kam. Dabei verletzte ich die linke Hand leicht. Die Taube flog, nachdem ich sie aus der Rolle scheuchen musste, ohne Dank davon. Später kehrte sie zu einem der Wasserstellen am Gärtchen zurück und bekam noch ein paar Körner von mir dazu.

Nun ist das Restaurant wieder geöffnet, mein Nachbar ist da, Stimmen, Geklapper und dahinter der Schaufelbagger, Schuttschredder und Kipper, die Abrisshalden sortieren. Das Laufen laufen die Notstromaggregate der Netzknotenbetreiber mit sehr tiefer frequenz und auf dem Bahndamm sind die Streckenbauer mit Kränen und Maschinen unterwegs. Nur der Fluglärm fehlt heute, weil die Windrichtung und damit die Abflugrute gewechselt.

Die Buchmalereien verändern sich. Sie bieten nun eher Material, das ich in der Reliefbemalung könnte. So wiederholt sich bei mir im Kleinen ein Vorgang, bei den mittelalterlichen Buchmalereien persisch-pakistanischen Ursprungs, in Tibet an den Wänden der Klöster wanderten. Auf meiner Arbeit der Gegenwart.

Unfertiges

Das dritte Motiv auf dem Relief ist wieder eine Tanzzeichnung mit mehreren Figuren. Nach der Übertragung auf die unruhige Oberfläche, benötige ich noch 2 Elemente, die ich in die Komposition einfügen will. Die Hoffnung liegt dabei in den Buchmalereien. Deren tägliche Entwicklung schafft Sicherheit zwischen den Buchdeckeln. Oft genug treibt mich die Unzufriedenheit mit ihnen an. Dann besteht die Tendenz, zu viel zu machen. Der klare Schusspunkt, wenn er auch ein Bekenntnis zum Unfertigen beinhaltet, rundet den Vorgang ab.

Manchmal stelle ich sie mir schon während der Malerei, in den Werktagscollagen vor. Das sollte nicht sein, es ist aber manchmal schwer von der weiteren Verwendung beim Malen abzusehen. Die Herausforderung bei den Collagen besteht insbesondere darin, dass sie sich nicht zu ähnlich sehen sollen, denn oft treten wesentliche Elemente in allen dreien gleichzeitig auf.

Von meinem Schreibplatz im geöffneten Rolltor zum Gärtchen hin, sehe ich eine Ringeltaube auf dem Rand des Seerosenzubers sitzen. Sie wartet lange, um zu trinken, schaut sich immer wieder um und starrt dann auf die Wasseroberfläche. Vielleicht will sie auch von den Schlingpflanzen essen, die wohlschmeckend sein sollen, wie mir die vietnamesische Küchenhilfe vom Restaurant gegenüber versicherte. Dann schlägt sie den Kopf auf die Wasseroberfläche, als wolle sie zwischen den schwimmenden Seerosenblättern Platz zum Trinken schaffen. Das geht dann schnell und sie fliegt raschelnd auf.

Übung für das Irrenhaus

Ich denke über das Arbeitsangebot von F., dass mir Gelegenheit gibt, mal aus meinem Hamsterrad herauszukommen. Vielleicht ergeben sich auch thematisch andere Perspektiven, als die des Väterprojektes, mit dem ich mich seit Jahren beschäftige. Ich möchte vorher nicht so viel konzipieren, eher abwarten, was entstehen wird. Der einzige Rahmen wäre die erste gemeinsame Zeichnung, auf die wir uns immer wieder beziehen und die Rhythmik der Bewegungen aufeinander zu und voneinander weg.

Das Tanzmotiv, das in der heutigen Collage eine Hauptrolle bekommen hat und die Figur aus Tabo, zeichnete ich gestern auf das Relief, das ich aktuell bearbeite. Auf der Suche nach Figurationen, die sich in Spannung hinzugesellen können, entstand in den heutigen Buchmalereien ein Paar, das einer gefalteten Blüte zu entspringen scheint.

Nun lerne ich mit den täglichen Verwüstungen der Amseln in meinem Gärtchen umzugehen. Es ist eine Übung für das Irrenhaus, das ich täglich 4-mal zwischen Wohnung und Atelier durchquere. Ich bewarb mich mit meinem, in knapp 20 Jahren gewachsenen, Garten für eine Ausstellung im Architekturmuseum, bei der es um die versteckte Stadtbegrünung geht. In dem kurzen Bericht, den man online abgeben sollte, beschrieb ich, wie Laub zwischen die Blumentöpfe geweht wurde, und damit alles anfing.