Autobiografisches Material




Ein Raubvogel schlug gestern, am Vormittag, eine Ringeltaube in meinem Gärtchen. Als ich zufällig hinzukam, flog er auf und ließ das schwer verletzte Tier liegen. Es sah mich mit seinen großen Augen an und rutschte, vor mir flüchtend, zwischen die großen Tontöpfe mit den alten Sukkulenten. Ich schüttete ihr eine handvoll Körner hin und ging in meine Mittagspause. Als ich gegen 14:30 Uhr wiederkam, waren alle Körner aufgefressen und die Taube war auf und davon.


Das getrocknete Relief grundierte ich und probierte mit den Umrisszeichnungen herum, die ich für seine Bemalung nutzen will. Die Tanzzeichnungen, die ich für das vorausgegangene Relief nahm, erscheinen mir zu sehr reduziert, wodurch sie statisch werden. Weiß nicht, was ich davon halten soll. Mit dem aktuellen Exemplar soll das anders werden.

Häufig schaue ich in der derzeitigen Arbeitsphase die Transparentpapierrollen 2 und 3 durch. In diesem autobiografischen Material finden sich die Stahlträgerstrukturen, die beim Abriss des Palastes der Republik hervorkamen, und die ich als Bausoldat bei seinem Entstehen auch gesehen hatte, auf ihnen herumlief und zusah, wie sie mit Asbest beschichtet wurden. Innerhalb einer Radiosendung zum Thema Denkmal, schlug die Autorin vor, das Berliner Schloss nach seiner Fertigstellung abzureißen, um den Palast wieder detailgetreu aufzubauen, um ihn dann auch wieder abzureißen, damit man das Schloss wieder aufbauen kann, um es abreißen zu können und so weiter. Auf diese Idee war ich auch schon gekommen. Sie scheint naheliegend zu sein.

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Gleichgewicht

Sonniger Morgen – es ist warm im Atelier. Ich schaue auf ein kleines Transparentpapierformat, das ich gestern aus mehreren Schichten anfertigte. Es besteht aus 3 ovalen Samen einer mir fremden Pflanze, Schellack und Tusche. Gerade bin ich dabei, noch eine Figurenzeichnung als weitere Schicht hinzu zu nehmen. Zwischen zwei Passepartouts soll es so eingepasst werden, dass es Licht von hinten bekommt. Im oberen Drittel befindet sich eine horizontale Doppelfaltung, die entstand, um die Höhe des Formats zu verringern, damit es besser im Rahmen sitzt. Auf diesem zusätzlichen Gestaltungselement kann ich nun das Datum und die Signatur unterbringen.

Langsam und vorsichtig verdichtete ich die Figurensequenz auf Rolle 8 weiter. Ich achte genau darauf, das ich den richtigen Zeitpunkt für das Ende der Arbeit finde. Das kommt, wenn sich das Gleichgewicht zwischen der zeichnerischen Verdunklung und der leuchtenden Erzählung aus zusammengefügten Fragmenten einstellt.

Vinzenz Reinecke schickte mir mehrere Fotos von einer Aktion, während der, nun schon zum zweiten Mal, auf einen schönen glatten Marmorblock geschossen wurde. Dazu benutzte er auf einem polnischen Schießplatz eine großkalibrige Waffe, mit der ansonsten Hubschrauber abgeschossen werden. Der zerborstene Block erzählt viel von Unschuld und Gewalt.

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Sich Entfernen






Die Morgensonne scheint tief stehend durch einen Regenschleier auf den aufgespannten Streifen der Rolle 8, auf dem sich die Figurensequenz gestern weiter verdichtete. Innerhalb der Figurenumrisse entstehen neue Gestalten, die vorher noch nicht sichtbar waren.


Ich höre ein Konzert von John Coltrane, vom 25. Oktober 1963 in Kopenhagen. Ich bin damals in Thüringen angekommen. Umzug, neue Schule und eine Form der Fremdenfeindlichkeit bei meinen Mitschülern und Lehrern, die mir zu schaffen machte. Meine Diktate waren so schlecht, dass mir das Heft um die Ohren gehauen wurde. Nun empfinde ich die Musik, die gleichzeitig in Kopenhagen gespielt wurde, als eine Art späte Befreiung. Die Erinnerung wird in diesen Sound eingepackt und von ihm gelindert.

Manchmal habe ich Lust, den Mehltau, der auf den Videokonferenzen liegt, wegzuspülen. Die digitale Entfernung fügt sich zur allgemeinen Vermummung hinzu. Es ist nicht so leicht, die Situation locker als Herausforderung zu nehmen. Dafür muss man schon ein gehöriges Stück entfernen. Mir hilft das Zeichnen dabei.

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Reise



Ein Dokumentarfilm über eine Landemission auf dem Jupitermond Europa zeigte mit gestern deutlich die Schönheit der Gravitationsschwünge, die die Weltraumfahrzeuge beschreiben, wenn sie auf ihren langen Reisen an massereichen Objekten vorbeigeschickt werden, um die Fahrt aufzunehmen, die sie benötigen, um diese großen Entfernungen zurückzulegen. Unvorhergesehene Schwierigkeiten werden oft mit dem Reparaturkoffer der Phantasie behoben.



Auf Rolle 8 zeichnete ich gestern die Verdichtungsüberlagerung der Figurensequenz aus der Vergangenheit. Die Rückgriffe auf älteres Material bekommen während der Arbeit am Väterprojekt mehr Bedeutung. Also bewegt sich die Arbeit hin zum Autobiografischen.

Die Gesprächsrunden zu “YOU&EYE”, ob mit dem Anna Freud Institut oder mit Vandad zeigen immer mehr, dass es sehr darauf ankommt, flexibel mit der Pandemiesituation umzugehen. Die Reduktion der Arbeitsmöglichkeiten mit Schülern fördert digitale Ausweichmanöver. So kommen wir zu GPS-Wanderungen, die zu Skulpturen verarbeitet werden…

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Figurenreihen


Eine Reihe von 23 Figurenumrissen übertrug ich von Rolle 2 auf 90 cm der Rolle 8. Dabei erfuhren sie eine Stilisierung und somit eine Verdichtung. Es handelt sich um Umrisse aus den Buchmalereien von 2005. In einem nächsten Schritt kann ich nun die umzeichneten Flächen mit Überlagerungen füllen, die durch das Zusammenrollen des Transparentpapiers durchscheinen. Am Wochenende dachte ich, einzelne Relieftafeln mit jeweils nur einer Figurengruppe formatfüllend bemalen zu können.


Franz eröffnete gestern eine Schaufensterausstellung. Es war zu viel Trubel, um sich die Bilder in Ruhe anzuschauen. Jedenfalls hat er sich nun wieder von der Symmetrie entfernt, mit der ich gehadert hatte. Ich brachte ihm das Relieffragment mit, das ich extra für ihn hergestellt hatte. Nun kann er es weiter verarbeiten. Das ist der Startschuss für unsere Zusammenarbeit.

Auf einer Streuobstwiese zwischen Schlossborn und Glashütten sah ich gestern einen Apfelbaum mit einem völlig ausgehöhlten Stamm. Dennoch trug er wohlschmeckende Äpfel. Ich sammelte einige aus dem Gras auf und nahm sie mit nach Hause. Durch die schönen Ausblicke während des Spaziergangs weiten sich auch die inneren Verfassungsstrukturen. Ich trat aus der Enge des täglichen Stadtslaloms.

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Fortsetzung der Reliefmalerei

Ich bin froh, dass ich von der “Zwangsfigürlichkeit” der gegenwärtigen Buchmalerei befreit habe. So kann ich sie zwang- und zwecklos weiterentwickeln.

Das ist ja der Sinn meiner zurückgezogenen Arbeitsweise. Letztlich haben Skrupel und Befremdung dazu geführt, dass meine Bilder eher im Verborgenen gedeihen können. Das ist mir zu wichtig, als dass ich es durch den Kunstbetrieb beschädigen lasse.

Die Umrisszeichnungen, mit denen ich gestern auf Rolle 8 arbeitete, sind den Tanzzeichnungen etwas ähnlich. Zunächst begann ich mit der Überlagerungssequenz einer längeren Figurenreihe. Mit einem solchen Arbeitsschritt, bei dem ich die Motive zunächst von der alten auf die aktuelle Transparentpapierrolle durchzeichne, stilisiere ich die Umrisse, was ich als Verdichtung empfinde. Der zweite, etwas simplere Konzentrationsvorgang, ist die Überlagerung dieser reduzierten Linien, im versetzten Rhythmus, der aus dem Radius der Rolle, bei ihrem Zusammenrollen und dem, parallel dazu stattfindenden Durchzeichnen entsteht. So nähere ich mich dem Figurenmaterial und versuche mich, für die Fortsetzung der Reliefmalerei vorzubereiten.

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Altes und neues Material

Bei der Besichtigung des Materials, das ich um den Jahreswechsel 2006 / 2007 entwickelt habe, fielen mir hunderte von Ausdrucken der Buchmalereien in den Hände. Sie sind vergrößert auf A5 und scheinen die Vorlagen für die Weiterverarbeitung auf der Transparentpapierrolle Nr. 2 (?) aus ebendieser Zeit zu sein. Beim Blättern erinnerte ich mich an die Empfindung, die das Fragmentarische der Motive auslöste. Es war der adäquate Ausdruck dessen, mit dem ich beim Arbeiten am meisten anfangen konnte. Der Übergang von den konkreten Figuren zu den abstrakten Strukturen schafft einen Grenzbereich. Vergrößert man diesen und vertieft sich in diesen Fluss, beginnt eine flirrende Bilderreise.

So sollte es nun auch innerhalb der bemalten Reliefs zugehen. Die Grenzsituation zwischen Skulpturalem und Tuschmalerei, zwischen modellierten Splittern und weichen malerischen Übergängen und zwischen Tanzfiguren und Ornamenten, bietet ja genügend Anhaltspunkte.

Die Ausformung des nächsten Reliefs beendete ich noch am Vormittag. Nun trocknet es ein paar Tage. Gleichzeitig fertigte ich ein fragmentiertes Exemplar des beispielhaften Exemplars für Franz an, damit auch er sich malerisch mit diesem bewegten Grund beschäftigen kann. Vielleicht erzeugt den einen Impuls für eine weitere Zusammenarbeit.

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Neues Relief

Mit der Herstellung von Pappmache bereitete ich gestern die Ausformung des nächsten Reliefs vor. Außerdem wachste ich die entsprechende Form. Nichts Besonderes also. Aufschlussreicher dagegen ist die Besichtigung der Umrisszeichnungen der Buchmalereien von 2007. Diese größeren Kompositionen in die Reliefmalerei einzubeziehen, würde bedeuten, einen nächsten Schritt der Verdichtung zu unternehmen. Nur, wenn das gelänge, wäre es eine weitere Begründung, diese Arbeit wieder zu verwenden. Es tut außerdem gut, mich von der Weiterbearbeitung der derzeitigen Buchmalereien zu lösen, weil ich dann bei ihnen freier bin.

Zäh vergeht die Zeit. Es bleibt nichts, als uns ganz und gar in unsere Arbeit zu vertiefen, gründlich, ausdauernd und selbstmotivierend. Wie viel Selbstbeschränkung bei allen anderen Unternehmungen eintritt, ist wechselnden Einschätzungen unterlegen. Mich beschleicht manchmal das Gefühl, zu viel zu lassen.

Das städtische Projekt „YOU&EYE“ rückt wieder näher. Auch hier überlege ich mir Veränderungen, damit man ungefährdeter arbeiten kann. Draußen könnte man beginnen, am Müttermantel zu arbeiten. Das wäre das richtige für starke Jungs, die ihre Kraft dafür aufwenden wollen, einen Stamm auszuhöhlen. Außerdem könnte ich GPS – Gänge unternehmen, um mit ihnen Grundflächen für Extrusionen zu schaffen…

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Komprimierte Schale

Was interessiert mich an den alten Buchmalereien? Ende 2006 bestehen sie in der Hauptsache aus Figuren innerhalb abstrakter Linienstrukturen. Gut verfolgen lässt sich ihre Weiterbearbeitung auf der, damals aktuellen, Transparentpapierrolle. In den Umrisszeichnungen, die darauf entstanden sind, erscheint alles reduzierter und gleichzeitig in dichteren Kompositionen. Das ist spannender als das Ausgangsmaterial und eignet sich am ehesten für die Bemalung des nächsten Reliefs.

Ich habe das Gefühl, dass ich meine äußere Schale komprimiert. Ermahnungen, sich vorsichtig zu verhalten, um sich nicht mit dem pandemischen Virus anzustecken, treffen als äußerer Druck auf den inneren, der im sich sich Wehren besteht. Ich halte mit meiner Produktion dagegen. Die kommt von einem kreativen Innendruck. Die dadurch zusammengepresste Schale schränkt meine Beweglichkeit ein. Ich sitze und zeichne.

Der Rückzug verbindet sich mit fehlender Planbarkeit von Reisen, Projekten und Begegnungen. So lebe ich von einem Tag auf den anderen. Das versuche ich als Entlastung zu sehen, versuche die Konzentration beizubehalten.

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Taunus | Licht | alte Buchmalereien

Ein Taunusspaziergang gestern. Leuchtende Äpfel in alten Bäumen. Die Luft war weißlich und feucht und die Farben der Wälder wechseln, zunächst nur fleckenweise. Die Temperatur war angenehm zum Laufen in den Waldrandarealen an den Bächen und Teichen entlang.

Jetzt trinke ich Leitungswasser, die Sonne kommt heraus und leuchtet das Atelier mit kaltem Licht aus. Es fällt auf die vielen Gläser mit Tusche, Wasser Schellack, weißer Wandfarbe, Bindemittel und Pinselsträußen. Ich sehne mich manchmal nach leeren Tischen und nach einem leeren Hirn, in dem keine wilderen Affe tobt.

Ich schaue mir Buchmalereien an, die 15 – 20 Jahre alt sind, um sie auf ihre Eignung für die Übertragung auf das nächste Relief zu überprüfen. Dabei lese ich auch, was mich in dieser Zeit beschäftigt hat. Oft sind das Dinge, die mit der Stadtpolitik und meiner Arbeit in diesem Zusammenhang zutun hatten. Ich bin froh, dass ich mich davon etwas entfernen konnte. Am Nachmittag möchte ich mit der Bemalung des aktuellen Reliefs fortfahren.

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Zeit nehmen

Für die Buchmalereien nahm ich mir am Morgen viel Zeit. Es finden Versuche statt, die Handballenabdrücke weiter in den Vordergrund zu rücken. Mit Hans Zitko sprach ich, im Zusammenhang mit dem Väterprojekt, über Chuck Close. Bisher hat das große Doppelportrait nur eine oberflächliche Verbindung mit seinen Bildern. Es gibt aber Malereien, die er mit den Fingern gemacht hat. In dieser Weise kann ich mir vorstellen, meine Handballen für die Einfärbung des Splitters zu benutzen.

Wenn ich diese Arbeitsweisen innerhalb der Buchmalereien entwickle, rückt die aktuelle Bearbeitung der Reliefs schnell im Hintergrund. Sie braucht zwar viel Zeit, ist aber nicht so anspruchsvoll. Wenn ich aber die Tuschelinien, mit denen ich die Oberfläche fülle, auf dem Bildschirm stark vergrößere, haben sie immer noch Kraft genug, ihre Spannung zu halten.

Für die Collagen, die ich mit einem sehr simplen Bildbearbeitungsprogramm mache, nehme ich mir auch zunehmend mehr Zeit. Schaue ich mir die Reihe von mehreren tausend dieser Arbeiten an, finde ich, dass das verstärkte Augenmerk darauf, bestätigt wird.

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Vergrößerung | Verdichtung | Implosion

Den ganzen Nachmittag konnte ich gestern konzentriert, bis in den Abend, an der Tuschmalerei arbeiten, mit der ich die Figurengruppen auf dem Relief umgebe. Daran will ich heute und morgen weiter arbeiten, um diese Woche wieder ein sichtbares Vorankommen zu ernten.

Seit gestern zog ich mich, innerhalb der Buchmalereien, auf einem vorsichtigen Gestus zurück. Heute nahm ich einen harten Bleistift, um mit ihm Linien in das weiche Papier zu gravieren. Durch eine gründliche Farbschraffur treten sie dann in den Vordergrund. Transportiere ich dann diese Liniengebilde mit meinen feuchten Handballen per Druck, in ein anderes helles Papierareal, so erscheinen die gravierten Linien neu und hell. Das geschieht in Bereichen von wenigen Zentimetern, lässt sich aber per Scan gut vergrößern und auf Transparentpapier weiter verarbeiten: verdichten, wieder vergrößern und verdichten bis zur Implosion durch zu viel Masse.

Solche Strukturen würde ich gerne per Handballenabdruck auf die Splitter übertragen. Die Mischung der Handlinien und der Papiergravuren ergeben die Kartierung einer gebirgigen Landschaft aus meinem Rückzug. Unscharfe Erinnerungsfotos gewinnen an konkreten Details und verbinden sich zu einem Panorama. Jedes Detail weist auf den Mikrokosmos hin, der unter den Vergrößerungen neue Panoramen der Erinnerung zur Verfügung stellt.

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Wurf

In einem Wurf übertrug ich gestern alle Tanzzeichnungen, die ich ausgesucht hatte, auf das Relief. Es handelt sich um 9 Motive, von denen ich eins geteilt und die zwei Fragmente an zwei verschiedene Stellen untergebracht habe. Jetzt erst, wenn ich einzeln beginne, die Splitter mit Tuschezeichnungen zu füllen, wird sich herausstellen, wie sich die geschichtete Komposition aus Rasterpunkten, Scherben, Splittern und Zeichnungslinien, bewährt.

Auf Rolle 8 habe ich das Zusammenspiel der bisherigen Elemente getestet. Die Kompositionen lassen sich gut einrichten, weil ich die Zeichnungen hinter dem Transparentpapier, auf dem schon die Formfrottagen vorhanden sind, verschieben und so Abstände und Gewichtungen probieren kann.

In einem Podcast des Deutschlandfunks hörte ich Interviews, Berichte und Tonbeispiele zur Entwicklung des VEB Schallplatte der DDR. In einer Aufnahme war Ernst Busch zu hören, wie er korrigierend in eine laufende Gesangsprobe hinein sang, dass einem das Blut in den Adern stockte. Die Büros dieses Musikverlages waren im ehemaligen Reichspräsidentenpalais, das sich direkt hinter dem Reichstag und somit hinter der Mauer befand. Die Stimme von Busch verfolgte mich bis in die Nacht, weil ich glaubte, den Tonfall aus meiner Kindheit zu kennen.

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Schwankend

A4-Blätter mit Tanzzeichnungen liegen auf der Hobelbank. Manchmal teile ich ihre Motive und übertrage sie in entfernte Areale des Reliefs. Ich bin gerade nicht mehr sicher, ob ich die Zeichnungen aus dem Ballettsaal mit den Umrisslinien der Buchmalereien zusammenbringen soll. Ist es besser, sie auf unterschiedlichen Formaten unterzubringen? Das ist etwas, über das ich nachdenke, aber noch nicht weiß, zu welchem Ergebnis ich komme.

Die Übertragung des Motivs auf die Reliefs, ist ein ziemlich steifer Vorgang. Ich will den Zeichenstil dieser Zeit aber beibehalten, obwohl ich das heute anders machen würde. Gestern ließ ich die Collagen des vergangenen Jahres als Diashow laufen. Das hat mich froh gemacht.

Ich lese immer wieder in den Interviews der DDR-Bürger. Manchmal habe ich das Gefühl, dass mich das runterzieht. Mein kreatives Hochgefühl der letzten Woche, wurde von den Erinnerungen an das hoffnungslose Grau, gedämpft. Die Atelierheizung ist allerdings repariert, das macht schon mal die Muskeln weicher. Vielleicht kommt auch das Nachdenken über die Holzskulpturen mit Gips, Pappmache, Transparentpapier, Tusche und Schellack wieder in Gang.

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Tierwelt | Figürliche Ahnung

Mitten in den Buchmalereien unterbreche ich die Arbeit, gehe hinaus ins Gärtchen und auf die Wiese. Dort schaue ich auf die Tierwelt, die reicher zu werden scheint. Ich kann nicht alles, war ich genau sehe. Ein Paar Grünspechte kann ich identifizieren, den Roten Admiral und die Singvögel. Aber schon bei den Grashüpfern werde ich unsicher, auch bei Käfern, Schnecken und Kleininsekten.

Die Heizung des Ateliertraktes hat sich selbst und ich bin auf die Wärme der Glühlampe über dem Zeichentisch angewiesen. Manchmal kommt kurz die Sonne raus. Dann steigt die Temperatur um ein Zehntelgrad.

Die Miniaturen in meinem Tagebuch entledigen sich überflüssiger Gesten zugunsten klarerer Linien. Ich hantiere mit Figuren und versuche sie gleichzeitig auflösen, damit nur eine figürliche Ahnung bleibt. Wenn ich Umrisslinien diese Erscheinungen auf Transparentpapier bringe und sie dann bei der Bemalung des aktuellen Reliefs benutze, bleiben sie für diesen Zweck formbar.

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Asketisches Grau

ch lese manchmal Interviews, die DDR-Bürger aus Anlass des 40. Jahrestages ihres Landes, gegeben haben. Dabei tritt die unglaubliche Tristesse, in Form eines fast greifbaren Graus hervor. Dieses unbunte, strenge und enttäuschte Resümee, geht mir heute noch nahe. Ich suche nach Bestandteilen dieser Äußerungsform in meinem Sprechen.

In wesentlichen Teilen findet meine Rede ja im Bild statt. Das Grau, als Mischung vieler Farben, ist ein konzentriertes, verdichtetes Medium. Im Licht des asketischen Rückzugs, leuchtet es und wird Träger einer Grundlagenforschung. Das führt, laut meiner Prägung, zum Wesen der Kunst.

Gestern zeichnete ich den Entwurf, den ich auf Rolle 8 gemacht habe, auf das neue Relief, das ich in der vergangenen Woche abgeformt habe. Ein weiteres Tanzzeichnungsmotiv, fügte ich dann, wieder entwurfsweise auf Rolle 8, in die untere rechte Ecke des Formates ein. Noch habe ich keine Buchmalerei zum Einfügen ausgesucht. Das ist der nächste Schritt.

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Übergänge

Auf Rolle 8 habe ich eine Teilfrottage von der Reliefform mit zwei Tanzzeichnungen zusammengesetzt. Das breite Querformat mit Kulissenwänden sitzt ziemlich mittig im Relief. Auch in den Buchmalereien finden sich heute Kulissenarchitekturen und Figuren.

Zu der fließenden Schellackschicht, mit der ich die letzte Überlagerungssequenz anlösen und teilweise vom Kristallinen ins Flüssige verwandeln wollte, bin ich leider noch nicht gekommen. Im Zusammenhang mit der Vergabe des Physik-Nobelpreises, wurde viel vom Zusammenbruch der physikalischen Gesetze berichtet. Der Übergang von Materie in einen anderen Zustand durch Verdichtung, bildet sich am Rande der Schwarzen Löcher ab. Das inspiriert mich, mit den Vorgängen auf Rolle 8, noch einmal genauer und gründlicher umzugehen.

Beim Betreten des Ateliers am Morgen, erschien mir die Materialität vom Gips, Schellack, Tusche, Pappmache und Graphit, besonders wertvoll. Immer mal schon erschien mir die Vermischung dieser Materialien und ihre Nutzung für skulpturale Projekte, als sehr reizvoll. Jetzt kommt mir in den Sinn, solche Arbeitsschritte auch mit der Behandlung von Holzskulpturen zu verbinden und damit einen Schritt in Richtung „Mütterprojekt“ zu gehen. Der „Müttermantel“, den ich aus dem trocknenden Pappelstamm herausarbeiten möchte, könnte dann eine Oberflächenbehandlung bekommen, die aus diesen Stoffen gebildet wird, mit denen ich nun schon eine Weile arbeite.

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Lichtwechsel | Motivvorbereitung | Probebühnen

Der rhythmische Lärm der Abrissmaschinen wird von einem frischen Wind nach Osten getragen. Die Schienenschläge der S-Bahn kommen wattiert, von den schnellen Lichtwechseln, die durch die vorübereilenden zerfetzten Wolken verursacht werden, begleitet, bei mir an. Alles überlagert sich mit dem Grundrauschen der windigen Stadt.

Auf Rolle 8 verdichtete ich doch noch einmal, mehr der Seelenpflege wegen, die Buchmalereien-Sequenz. Das vollständig glatt getrocknete Relief grundierte ich langsam und gründlich, ordnete währenddessen die Wege zur Vorbereitung der Motive, die für die Malerei bestimmt sind. Auf der Transparentpapierrolle werde ich Umrisszeichnungen von meinen Buchmalereien und Ballettsaalzeichnungen ausprobieren. Ich will sie mit Frottagen von Teilen der Reliefform kombinieren. Diese Einzelmotive setze ich dann auf dem Relief zusammen.

Die Architektur der heutigen Buchmalereien orientiert sich an den Zeichnungen, die ich auf den Probebühnen der Theater gemacht habe. Die Probenwände schufen rohe Kulissen, vor denen die Figurenszenen abliefen, immer wieder neu, von vorne. In ihrer Unvollständigkeit boten sie Durchblicke in die hinteren, dunklen Winkel dieser Räume, wo Schauspieler auf ihren Auftritt warteten. In den Collagen erlaubt ihre Durchlässigkeit Blicke auf Teile der Buchmalereien-Sequenz dahinter.

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Gleichgewicht der Ebenen

Gestern, am Sonntag, zeichnete ich weiter an den „Gebirgen“ der Buchmalereisequenz auf Rolle 8. Ich meine, dass ich nun mit den Verdichtungen fertig bin und bereite den nächsten Schritt vor. Mit dieser Schicht aus Schellack kommt es, durch das Anlösen der Tuschestruktur, zur Erosion der „Landschaft“. Irgendwann ist beim Fortfahren das Gleichgewicht der Ebene vorhanden. Durch die Gravitation sind Senken und Anhöhen verschwunden. Die Einfärbung der Transparentpapierfläche hätte somit einen gleichmäßigen Farbton.

Während einer Essenseinladung sprachen wir gestern Abend über ein Projekt mit Liedern von John Cage, die sich durch ein Zufallsprinzip verschieden überlagern. Mich interessiert das wegen der Verwandtschaft zu meinen zeichnerischen Überlagerungen. Die aber folgen gleichmäßigen Rhythmen, wodurch überraschende Lücken oder plötzlich verdichtete Höhepunkte nicht entstehen. Alles folgt dem gleichmäßigen Fluss meiner eigenen Handschrift auf der Transparentpapierrolle, die sich langsam füllt und immer weiter zusammengerollt wird.

Das Relief, das ich in der vergangenen Woche ausgeformt habe, kann ich vielleicht noch heute aus der Form lösen und dann gleich grundieren. Womit ich die Malerei nun inhaltlich angehe, habe ich noch nicht gewichtet, bin mir nicht klar, ob ich die tibetischen Motive weiter mit einbringen soll, oder nun wieder ganz auf meine eigenen Buchmalereien und Tanzzeichnungen setzen soll.

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Tuschegebirge | Synaptische Kartierungen | Zeitstruktur

Mit anhaltendem Vergnügen verdichtete ich die Überlagerungssequenz aus den Umrisslinien zweier Buchmalereien auf Rolle 8, die ich mit Feder und Tusche auf das Transparentpapier übertrug. Die dichten Linien trocknen erhaben auf, bilden Landschaften, die ich mit den Fingerkuppen ertasten kann. Es sind Gebirge positiver Kraft, die ich mir errichte. Sie ersetzen die inneren Stadtlandschaften aus Gebäuden, in denen Leere wohnt, die sich mit Hass paart und Destruktion gebiert.

Wenn ich mit den Verdichtungen dieser geschichteten Figur fertig bin, soll ein weiteres Gestaltungsmittel hinzukommen. Mit Schellack will ich die dunklen Areale etwas anlösen und dann durch druckvolles enges Zusammenrollen, eine fließende Fläche hinzufügen, die im starken Gegensatz zu den kristallinen Figurationen steht, sie leicht verschwimmen lässt, und die ich mal „Synaptische Kartierungen“ nannte. Damals sind so hunderte Blätter entstanden. Auch mit Schülern praktizierte ich diese Arbeitsweise ausführlich.

Manchmal leiste ich es mir nun, in die Tage etwas hinein zu vagabundisieren. Das hat aber zur Folge, dass ich mich nach der Organisation von Zeit sehne. So überlege ich nun, ob ich mir wieder Aufgabenlisten schreiben soll, mit denen ich meine Arbeit und meine „Freizeit“ strukturieren und die ich Zeile für Zeile abhaken kann.

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Trockenwiese | Rolle 8 | Zöglingsportraits

Am Morgen ist die Trockenwiese nass vom Tau. Nach den Buchmalereien pflege ich sie ein wenig, indem ich die großen Stauden, die keine Samenstände mehr haben, entferne. In der Kräuterspirale lebt versteckt ein Wespenvolk, das noch nicht entdeckt und ausgeräuchert worden ist. Wenn sie fort sind, interessiere ich mich für ihre papierene Stadt.

Weil das Relief noch trocknet, arbeitete ich weiter auf Rolle 8. Die Umrisse von Buchmalereien sollen nun ernsthaft zu einer Überlagerungssequenz verdichtet werden. Das Ziel ist nicht, dies in die Bemalung der Reliefs mit einzubeziehen. Es geht nur um mein Wohlbefinden, während dieser Meditation. Allerdings sind die Zeichnungen auf den Splittern auch mit dem Vergnügen an dieser Arbeit eng verbunden. Die ornamentalen Motive unterscheiden sich zwar von denen auf Rolle 8, fließen aber auch kontinuierlich in steter Konzentration aus der Zeichenfeder. Impulse zur Linienführung kommen von den modellierten Oberflächenstrukturen der Splitter. Der Erfolg zeigt sich im anhaltenden spannungsvollen Wohlbefinden.

Auf allen Kanälen geht es um das Wiedervereinigungsjubiläum, das am 3. 10. begangen wird. Die Veränderung meiner Erinnerungen an die DDR durch meine Gegenwartserfahrungen, schlagen sich selten deutlich in meiner Arbeit nieder. Lediglich in den Zöglingsportraits auf Transparentpapier, findet sich eine direkte Äußerung des Erinnerns an diese Zeit.

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Einen Gang runter

Nach den Malereien am Morgen, sage ich mir: kleine Pause. Dann gehe ich ins Gärtchen zu meinen Mitbewohnern, den Kräutern, den Bäumen und den Steinen. Ich schneide ein wenig, rücke an den Trockenmauerstapeln und biege Weidenruten. Warum kommen mir jetzt die Hunde in den Sinn, die wild an Laufleinen, an der deutsch-deutschen Grenze, eingesetzt waren?

Die Priorität der Bündnistreue der Adenauerregierung zementierte die deutsche Teilung. Ist das ein Trauma der Ostdeutschen? Wurden sie von ihrer Bezugsregion abgetrennt und verlassen, wie ein Kind von seiner Mutter? Es neigt später zu Überempfindlichkeiten, gepaart mit Aggression. Auf diese Gedanken kam ich, als ich gestern den Krimimalfilm „Walpurgisnacht“ sah. Eine deutsch-deutsche, serienmörderische Zuspitzung im Harz, kurz vor der Wende.

Mit Pappmache formte ich gestern das nächste Relief des zweiten Exemplars des Väterdoppelportraits ab. In den vergangenen Zeiten der „Produktion“ machte ich das schon eine Weile bevor ich mit der Malerei auf dem vorigen Format fertig war. So konnte die Arbeit gleich weitergehen. Ich musste nicht wie jetzt, warten bis die Trocknung beendet sein wird. Nun habe ich einen Gang runtergeschaltet. Die Masse trocknet sehr langsam.

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Vage optimistisch

Die Relieftafel 6, die ich in den letzten Wochen bearbeitet hat, ist nun fertig. Ein Auszug habe ich in den heutigen Werktagscollagen. Die Bemalung glich ich der vorigen an, benutzte aber aber eine Mischung aus Wandmalereien aus Tabo, Ballettzeichnungen von 2003 und Umrisszeichnungen der neuen Buchmalereien.

Das nächste in der Reihe, mit der Nummer 7 ist schon abgeformt, aber mit einem paar wenigen ausfransten Stellen. Ich werde es noch einmal neu abformen. Die Bemalung der Reliefs hat sich während des Arbeitszeitraums, den ich für dieses zweite Exemplar des Doppelportraits benötigte, langsam verändert. Diese Entwicklung sichtbar zu halten, ist in meinem Sinne.

Ich beobachte meine Buchmalereien, besonders die linearen Kompositionen. Sie sind entscheidend für ihre Eignung als Material zur Unterstützung der weiteren Reliefmalerei, denn ihre Farbigkeit spielt bei der Nutzung der Umrisslinien keine Rolle. Ob die langsame Veränderung der Buchmalereien eine Vorwärtsentwicklung darstellt, oder mehr Stagnation in sich trägt, kann ich derzeit kaum beurteilen. Wenn man aber die langen Zeiträume überblickt, in denen ich kontinuierlich versuche, sie weiter zu entwickeln, stimmt mich das vage optimistisch.

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Erz

Noch einmal vor dem Herbst, wärmen ein paar Sonnenstrahlen mein Atelier und lassen die späten Blüten Im Gärtchen aufgehen. Meine Stimmung ist auch, nach einem langen dunklen Tiefschlaf letzte Nacht, erhellt.

Am Wochenende besichtigten wir mit Kind und Kegel die frühindustriell geformte Landschaft rund um Clausthal-Zellerfeld. Wir liefen einen Rundweg durch die „Wasserregale“. Das ist ein Bewässerungssystem aus Stauseen und Kanälen, für die Energiegewinnung zum Betreiben der vielen Schächte in der Gegend. Ein Museum in einem alten Bergwerk erzählte von der finsteren Industriekultur, die sich zum Abbau von Erz entwickelt hat. Mich erinnerte das an das kleine Museum, das die Bauern im alten Niederhof im Martelltal eingerichtet haben. Heinrich Heines „Die Harzreise“ ist ein romantischer Text, mit dem man sich durch ein anderes Licht an unsere Reise erinnern kann.

Jetzt aber habe ich erst einmal meinen Terminkalender zu aktualisieren. „YOU&EYE“ wird wieder aufgenommen und die Wirtschaftsförderung vergibt den Gründerpreis, für den sie meine Skulptur erneut ausgedruckt haben wollen. Mit Alexander sollte ich mich treffen, um die Zusammenarbeit mit der Hindemithschule weiterzuführen. Somit ist, neben dem Väterprojekt, ein wenig Beschäftigung und Abwechslung in Sicht.

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Themenwechsel?

Ganz alltägliche und normale Weiterarbeit gestern. Ich zeichnete die Ornamente auf die Splitter außerhalb der Figurengruppen auf der Relieftafel. Innerhalb ihrer Umrisse färbte sie schwarz ein, ließ aber die Bruchkanten weiß. In der kommenden Woche werde ich mich dann um die malerische Schellackschicht kümmern.

Manchmal kommt die Frage auf, ob es keine wichtigere Arbeit als die an den Reliefs für mich gäbe. Es ist als hielte ich mich an ihnen fest, ähnlich wie an den Buchmalereien. Die Objekte aus Weidenruten und Reliefscherben, verlassen den Themenumkreis nur vorsichtig und zögerlich.

Wie oft, wenn wir aus den Bergen kommen, habe ich Lust mit anderen Materialien zu arbeiten, beispielsweise mit Holz. Das dicke Stück Pappelstamm ist jetzt soweit getrocknet, dass es leichter geworden ist und einfacher vor das Atelier gestellt werden kann. Ich weiß nicht, wie meine rechte Hand, insbesondere ihr Daumen eine solche lange schwere Arbeit aushält. Er ist von den längeren und schweren Bildhauerarbeiten gezeichnet. Aber ich kann einfach nicht mit einer Kettensäge an eine solches Stück Holz gehen, sondern will die Figur langsam herausbilden.

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Zeichnung | Malerei | Instrumentenbau

Gestern ging die Arbeit am Relief weiter. Sie ist ein Zwischending zwischen Zeichnung und Malerei. Wenn die Federzeichnung der Figuren und Ornamente dann mit einer Schicht Schellack versehen wird, sich Konturen auflösen und große dunkle, durchscheinende Flächen entstehen, bekommt die Malerei die Oberhand. Die Vorgänge der Buchmalerei sind dem ähnlich. Das Gleichgewicht zwischen den Elementen wird oft genug nicht eingehalten. Dann sind mir lineare Figuren zu wichtig, als dass ich sie hinter Farbwolken verschwinden lasse. Bei dekorativen Farbigkeiten greife ich öfter zu einem gewalttätigen Gestus wütend kreisender Schwarzbewegung.

Das gemeinsame malerische Vorhaben mit Franz, würde ich am ehesten als ein Gespräch über Farben, Formen und Gesten bezeichnen. Die Mittel, mit denen wir das machen, sind gleichzeitig Gesprächsgegenstand. Man könnte es auch mit einer Klettertour vergleichen, bei der nicht der Gipfel das Ziel ist, sondern die Kletterei.

Vier Gegenstände, von denen ich drei auf der Straße gefunden habe, fügte ich zu einem Musikinstrument zusammen. Hauptbestandteil ist eine Stahlzunge von einer rotierenden Kehrmaschinenbürste, von denen ich viele auf den Gehwegen finde. Sie bekam einen hölzernen Griff und eine Kastanie als Schwinggewicht am entgegengesetzten Ende. Dazu eine kleine gebogene, weiße Feder, die mit der Stahlzunge in der Kastanie steckt. Wenn man es an die Tischkante legt, festhält und die Kastanie mit der überstehenden Zunge in Schwingung versetzt, beginnt der Tisch zu singen. Modulation ist durch die Verkürzung oder Verlängerung des schwingenden Strangs möglich. Ein Geschenk für meinen Enkel.

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Gemeinsame Malerei | Zwangsarbeiter | Umrißsequenz

Besuch bei Franz, während dem wir über unser Vorhaben sprachen, gemeinsam etwas zu malen. Franz macht so was öfter mit befreundeten Künstlern. Bei mir ist es etwas in Vergessenheit geraten und sehr lange her. Für uns beide also ein „Fexibilitätstest“. Ich dachte zuletzt daran, grundierte Reliefs zur Verfügung zu stellen. Ein Scherbengericht ergäbe 4 zusammenhängende Formate. Eine Struktur, die zur Arbeit von ihm passt, auch in den Dimensionen.

Eine Anfrage vom Denkmalamt bezieht sich auf meine Arbeit zum Zwangsarbeiterthema. Ich schickte verschiedene, etwas vage Informationen über meine Ausgrabungen, GPS-Wanderungen und die Werkstattausstellung zu diesem Komplex, die es damals in meinem Atelier gegeben hat. Seiner Zeit entstand auf Rolle 6 eine Überlagerungssequenz mit meinen Wanderungslinien im Grundriss des ehemaligen Lagers vor Ort, die mir heute als stärkster Teil der Arbeit vor Augen ist.

Auf Rolle 8 zeichnete ich gestern an der Umrissliniensequenz der Buchmalerei weiter. Dabei kommt mir eine weitere Verdichtung, der Fortführung der Reliefmalereien nicht dienlich vor. Zunächst einmal sind die dichten Strukturen kaum zu übertragen. Außerdem kommen mir die wenigen, klaren Linien im Kontext der Splitterstruktur, überschaubarer vor.

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Scans | Messner Mountain Museum | Unterbrechungen

Noch kam ich nicht richtig zum Arbeiten. Zunächst waren die etwa 40 Scans der Buchmalereien zu machen, die ich in den Bergen gemalt habe. Um mein Arbeitstagebuch ins Netz zu stellen, benötigte ich einen Rechner, der aber aus unerfindlichen Gründen nicht hochfuhr. Diese Unterbrechung der normalen Arbeitsvorgänge, die werktäglich ablaufen, lässt den Motor nicht recht anspringen.

Demnächst sind wir wieder kurz auf Reisen, was die Zeit mehr zerpflückt, als es meiner Konzentration zuträglich wäre. Also noch mal abwarten, die Buchmalereien beobachten, wie sie sich in die Bemalung der Reliefs einfügen. Alles andere kann warten.

Ich denke noch mal an die Messner Mountain Museen, die wir in den vergangenen Wochen besuchten. Ich habe das Gefühl, dass der Bergsteiger mit seinen Sammelsurien zu viel wollte. Er ordnete sie in seinem Sinne, was nicht selten zu Verwirrung führt. Die exquisiten Exponate werden oft nicht beschrieben. Sie stehen häufig einfach da und sollen auf uns wirken. So kann man sich die Inszenierung von Museen leicht machen. Mehr durchdachte Struktur wäre nicht schlecht gewesen. Dennoch waren sie eine Erlebnis, aber eher wie das eines Naturereignisses.

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Von den Buchseiten an die Wand

Den Sonntag verbrachte ich ganztägig am Rande des „European Short Film Festival“ auf Teves West, im Atelier. Interessierten Gästen zeigte ich meine Väterarbeit und beantwortete ihre Fragen dazu.

Auf Rolle 8 überlagerte ich die Umrisslinien einer Buchmalerei, die die Nummerierung 07_31_2020_001 besitzt. Natürlich überlege ich bei der Erstellung einer solchen Sequenz, wie ich sie in de Bemalung der Reliefs einbinden kann. Die Hinwendung zu den Malereien an den Innenwänden der Klöster in Ladakh, die auch eher einem Buchmalereigestus entsprangen, findet sich hier zusammen mit dem Augenmerk auf die eigenen kleinen Malereien in den Büchern. Ich kann den Vorgang der Wanderung von den Buchseiten an die Wand in dieser Weise nachvollziehen.

Im Gärtchen biege ich die Weidenruten weiterhin nach innen, also zum Baum hin. Mittlerweile entdecke ich aber, dass nicht jede gebogene und geflochtene Figur dem Wachstum der Weiden gut tut. Zeigen die Enden der Ruten beispielsweise nach unten, so vertrocknen manchmal ihre Spitzen.

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Aufbrechen

Der Höllenlärm am Atelier hat etwas nachgelassen. Beteiligt sind nicht mehr 5 Bagger, ein Überkopfkipper und die große Steinmühle, sondern nur noch insgesamt 3 Maschinen. Deswegen ist es hier nun wieder möglich, eher einen klaren Gedanken zu fassen.

Aus der Knochenpflasterfläche hinter meiner Wiese, wächst seit etwa 3 Jahren eine Pappel. Sie ist mittlerweile etwa 3 Meter hoch und wird von einem Fuß gehalten, der lediglich die Stärke der Fugen zwischen den Steinen haben kann. Auf dieser unsicheren Basis muss er den Stürmen trotzen die aus Westen heranrollen, bis seine Kraft durch das Wurzelwerk so angewachsen ist, dass er die Pflasterschicht sprengen und in die Breite wachsen kann. Um ihn dabei zu unterstützen, setzte ich mich gestern Abend auf einen Gartenhocker, nahm meinen Fäustel und einen großen Meißel, um einen der ihn bedrängenden Steine, heraus zu brechen. Nach einer Stunde hatte ich den Grund der Betonschicht erreicht und damit die Erde. Stück für Stück werde ich die Fläche nun aufbrechen, um dem Baum das Wachstum zu erleichtern.

Wenn ich mir die Muster meines Nomadenteppichs in meinem Zimmer anschaue, den ich mir im vergangenen Jahr in Ladakh gekauft habe, dann entdecke ich subtile Unregelmäßigkeiten, hinter denen ein Code oder eine Formel zu stecken scheint. Erst mal kann ich nur zählen und vergleichen, um die geheimnisvollen Beziehungen aufzuspüren. Ersichtlich wird zunächst, dass er zumindest von zwei Personen gewebt worden sein muss.

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Die Enge | Das Figürliche | Die Insektensammlung

Die Buchmalereien bekommen zu Hause einen anderen Charakter. Sie sind zurückhaltend ruhiger, konzentrierter und emotionsloser. Die Enge des Raums, der andere Ausblick und das Fehlen des anderen Arbeitsmaterials, sind der Grund dafür. Aber sie haben dennoch ihren Reiz und führen mich irgendwohin, wo ich noch nicht war.

Nun bin ich wieder ins Atelier gegangen. Ich probiere, wie es möglich ist, unter den Bedingungen des Abrisslärms zu arbeiten. Nach der herbstlich kühlen Nacht, wird der Raum schnell von der Morgensonne aufgeheizt. Im Gärtchen sonnen sich die jungen Eidechsen, nicht länger als 5 Zentimeter, zwischen meinen Stein- und Muschelketten, Holzstapeln, Lochziegeln und ausgehöhlten Ästen. Wenn sie schlau sind, überwintern sie in meinem Atelier. Dort hat sich eine von ihnen über meine Insektensammlung hergemacht!

Meine Hinwendung zum Figürlichen, innerhalb der Gravitationsschwünge in den Büchern, zielt immer noch auf eine natürlich wachsende Einbindung von Figuren bei der Bemalung der Reliefs, die derzeit eine Pause erlebt. Es stehen zu viele Unterbrechungen an, als dass ich eine längere geschlossene Zeit der Konzentration dafür finden kann.

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Das reicht mir

Die Inversion der Aura

Vom Schicksal der charismatischen Autorität im sozialen System der Kunst“,

heißt ein Text von Hans Zitko, den ich gestern Abend gelesen habe. Darin werden Systeme und Verhaltensweisen beschrieben, die mir durchaus bekannt sind. Mein Rückzug aus der Öffentlichkeit des Kunstbetriebes, beruht auf meiner fundamentalen Skepsis ihm gegenüber. Er würde mich bei der Suche nach Bildlösungen und der Konzentration, die dafür notwendig ist, behindern. Durch Markttechniken etablierte Strömungen interessieren mich nicht. Und was ich davon mitbekomme, erfüllt mich mit Unbehagen.

Das führt zu einer asketischen Situation. Sie flirtet mit der Armut und ist gleichzeitig elitär durch die Behauptung von Freiheit. Für mich ist das folgerichtig, solange die Produktion nicht stockt und mein persönliches Glück mit ihr verbunden ist. Es entsteht einerseits durch die Rückschau, beispielsweise auf Transparentpapierrollen und Buchmalereien, andererseits gewinnt die gegenwärtige Arbeit aus ihr, ihre Dimension.

Bestätigung kommt aus Kreisen, die mit dem Kunstmarkt nicht direkt zutun haben, von offiziellen Kulturinstitutionen, Experten und zufälligen Atelierbesuchern. Das reicht mir.

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Ruhe wegen des Lärms

Wegen des Lärms ruht fast die ganze Arbeit im Atelier. Ich wundere mich über mich selbst, wie gut ich das kann. Unter der Unterbrechung des Väterprojektes leide ich kaum. Ich freue mich über meine Fähigkeit, abzuschalten, auf Abstand zu gehen und die Arbeit nicht so wichtig zu nehmen. Eigentlich macht das alles leichter.


Von meinem aktuellen Arbeitsplatz aus, kann ich die Aktivitäten der Sozialarbeiter auf der Quäkerwiese sehen. Es erinnert mich an meine Stadtteilarbeit vor 20 Jahren. Davon habe ich mich, zugunsten meiner Arbeit, entfernt. Es gibt Kontakte zur Schule, wegen des Projektes “YOU&EYE”, Schüler und Kunstinteressenten finden sich manchmal bei mir ein. Ansonsten aber, bleibe ich bei mir.


Immer mal greife ich im Atelier zur Gitarre, drehe den Verstärker weiter auf sonst, um den Baggern entgegen etwas setzen. Am Morgen, hier zu Hause, hörte ich ein neues Album von Bob Dylan, dessen Tournee wir in diesem Jahr vermissen. Dass er aber nach vielen Jahren wieder eigene Songs aufgenommen hat, tröstet etwas.

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Handabdrücke und Reliefs

Als ich mich gestern ins Bett legte, erwartet ich wieder ein Traum, kann mich aber an keinen erinnern. Stattdessen aber kamen Ideen, die Väterreliefs mit den gewanderten Handprints von Frankfurt und Wien zu verbinden, die Strukturen zu schichten.

Gerade habe ich vor dem Atelier einen jungen Pianisten und Komponisten kennen gelernt. Ich sprach mit ihm über die Möglichkeiten, Musik zu visualisieren. Er schaltete gleich auf das Musikverstehen von tauben Menschen um, was natürlich nahe liegend ist, aber war ich noch nicht bedacht hatte. Wir hatten sofort einen lebendigen Austausch und verabredeten über die Visuals noch mal zu sprechen.

Während der Lektüre zur Konstruktion und Bedeutung von tibetischen Mandalas, stellt ich fest, dass meine 16 Teile des Väterreliefs dort gut einfügen. Ansonsten ist das Thema weitläufig und nicht unkompliziert. Das liegt aber auch an der unvollständigen Quellenlage, denn die Praxis der Meditation, die Mandalas unterstützen, ist nur im engen Kreis mündlich überliefert.

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Ein Traum

Den Leuten, die von rechts nach links, vor meinem Balkon auf der Frankenallee gehen, bläst heute ein kräftiger Wind entgegen. Die Baumkronen werden gekämmt, und das Rauschen erfüllt den ganzen Luftraum. Ich bin froh, dass ich hinter der Scheibe sitze, wo  mein Haarschopf ruhig auf meinem Kopf liegen kann.

Ich stelle mir vor, wie jetzt der Staub aus Sand, Erde und Zement in meinem Gärtchen geweht wird, wie er gemeinsam mit dem Maschinenlärm in der Gebäude eindringt. Wie gut, meinen Ausweicharbeitsplatz hier in meinem Zimmer zu haben.

In der Nacht träumte ich von einer hügeligen Landschaft, in der einer sektenartigen Produktionsgenossenschaft. Ihr Zweck ist mir nicht klar. Mit meiner Voraussagepflock, den ich zwei Meter in der Erde trieb, um aus den geologischen Schichten die Zukunft zu lesen, sagte ich ihnen ein infernalisches Musikfestival voraus. Dann riefen sie den Chef herbei, der mit einem frisierten Soundauto und zwei Beißhunden kam, die er auf mich hetzte. In der Hocke aber war ich mit den Hunden auf Augenhöhe, wodurch sie mit den Schwänzen wedelten und mir das Gesicht ableckten. Zum Schluss sprudelte eine Quelle aus der Stelle, in die ich am Hang den Pflock getrieben hatte.

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Vom Lärm vertrieben

Seit einigen Tagen beginne ich die Arbeitstage wieder zu Hause, wie ich das vor einigen Jahren auch tat. Gegen den Abrisslärm in der direkten Nachbarschaft komme ich auf die Dauer nicht an. Deswegen stellte ich mir einen Tisch vor die schöne zweiflüglige Balkontür meines Zimmers in der Frankenalleewohnung. Dort fertige ich als erstes am Morgen die Buchmalereien an, um dann im Schreiben am täglichen Überdenken meiner Arbeitssituation festzuhalten.

Die Buchmalereien werden in dieser Umgebung zurückhaltender, weniger zweckgebunden und somit freier. Mir gingen neue Wanderungsprojekte durch den Kopf. Jetzt jedoch, in diesem Sommer will ich mich etwas zurücklehnen. Die anhaltende Pandemie trägt die Möglichkeit in sich, gründlich nachzudenken.

Dass ich mich etwas vom Väterprojekt entfernt habe, zumindest von seiner täglich fortschreitenden Vervollständigung, kommt mir ganz vernünftig vor. In diesem Abstand entstehen Ideen zu neuen Projekten und der Blick auf die aktuelle Arbeit an den Reliefs schärft sich wieder.

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Gefällige Gefilde

Gestern begann ich ein Objekt zu bemalen. Ich mache das für jemanden, es hat also einen Adressaten. Gleich hat sich die Arbeit in gefälligere Gefilde entwickelt – schrecklich! Es geht nicht um die Suche nach neuen Wegen zur gestalterischen Spannung. Bewährtes kommt zum Zuge… Das lässt sich aber, weil es erkannt ist, noch ändern.

Gegen den eisern dröhnenden, steinbrechenden Abrisslärm, habe ich wieder meine Ohren verstopft. Gestern hatte ich das Gefühl, dass durch diese Maßnahme, mehr Konzentration möglich würde, auch wenn die Maschinen schweigen. Gegen die Hitze öffnete ich zum hochgezogenen Rolltor noch die Seitentür, damit es ein wenig Luftbewegung gibt.

Zum Abend erwarte ich Besuch im Atelier. Ich möchte ihm meine Väterarbeit zeigen. Sie hat ja im jetzigen Stadium schon viele Facetten, angefangen bei den Scherbengerichten, den Transparentpapierrollen, bis hin zu den Verbindungen von buddhistischen Wandmalereimotiven mit meinen Tanzzeichnungen.

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Gehörschutz

Vom Altkönig aus sah ich mir die Stadt gestern mit dem Fernglas an. Ich floh vom Lärm der Abrissmaschinen. Der Giebel der Friedenskirche, der dunkle Klotz in der Frankenallee, sah aus der Entfernung aus, wie der einer holsteinischen Scheune. Aber immer wieder suchte ich nach dem Haus in dem wir wohnen, oder nach seiner nächsten Umgebung.

Mit Gehörschutz schirme ich mich nun vom Maschinenlärm ab. Die Steinmühle, 5 Bagger und der Überkopfkipper sind akustisch völlig ausgeblendet und geben nun den inneren Geräuschen den Vortritt. Jeder Schritt, den ich gehe, erzeugt ein Echo in meinem Knochengerüst. Die Wendungen des Kopfes machen die Halswirbelsäule und ihre Bänder hörbar, auch das Geräusch des pulsierenden Blutes rauscht durch den Kopf. Das Körperempfinden wird deutlicher und der Tinnitus erhält die Oberhand.

Eine barocke Figur tauchte heute in der ersten Buchmalerei auf. Es könnte auch ein Rockstar aus den Siebzigerjahren sein. Mitten im abstrakten Geschehen zieht es mich zu diesen konkreten gegenständlichen Manifestationen. Sie erscheinen wie in Träumen.

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Choreografien

36 Scans der Buchmalereien, die ich in der letzten Zeit gemacht habe, führten mich wieder zurück in die Situationen ihrer Entstehung. Ich erinnere mich an die Abwägungen der Farben und die Entscheidungen, wann Schluss ist. Und immer wieder tun sich Lösungen, die ich während ihrer Entstehung oder kurz danach als unbefriedigend empfand, als hilfreiche Entscheidungen auf. Sie treten aus dem ästhetischen Trott heraus und Zetteln dann etwas Neues an.

Draußen sehe ich eine Choreografie von 5 Baggern, einem Überkopfkipper und einer Steinmühle. Sie tanzen zu einem infernalischen Sound, der nur noch von meiner Musikanlage im geschlossenen Atelier übertönt wird. Franz, mit dem ich mich bald zu gemeinsamer Arbeit verabreden möchte, hört auch während der Arbeit laute Musik.

So lange diese Abrissarbeiten noch wenige Meter vom Atelier entfernt andauern, überlege ich, einen Teil meiner Tagebucharbeit in mein Zimmer in der Frankenallee zu verlegen. Die Malereien greifen jetzt manchmal auf alte Strukturen zurück, die ich jahrelang mit Holzhaarnadeln in das Papier gedrückt habe und die dann durch Schraffuren sichtbar wurden. Zu Hause kommen dann bestimmt wieder Arbeitsweisen hervor, die aus der Zeit stammen, in der ich dort Tagebuch schrieb.

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Zweifel an der Produktionskontinuität

Nach einer zehntägigen Auszeit kann ich nur langsam wieder in die Arbeitsprozesse hineingehen. Allein an den Seen der Holsteinischen Schweiz, habe ich all das hier, in meinem Atelier befindliche, fast ganz vergessen. Somit besteht jetzt noch der nötige Abstand, um meine Produktionskontinuität kritisch zu bedenken. Dabei kommen Zweifel auf, ob wirkliche Erneuerungen auf diesem Weg möglich sind. Es geht immer nur langsam voran, es gibt keine Brüche, Wendungen und kaum kreative Pausen.

Mit Vandad sprach ich über die Möglichkeiten der Arbeit am Projekt „YOU&EYE“ unter den Bedingungen der Pandemie. Es entstehen bei mir Überlegungen zur digitalen Zusammenarbeit, die in dieser besonderen Situation möglich wird. Einerseits denke ich an die Erstellung einer gemeinsamen digitalen Skulptur, die dann ausgedruckt werden kann, andererseits können Räume entstehen, in denen man sich mit den anderen Projekten treffen kann. Skulptur, Tanz und Musik….

Vier Bagger drehen sich, in der direkten Nachbarschaft, um die eigene Achse und vollführen eine Choreografie, um die Steinmühle, in der das Abrissmaterial zerkleinert und sortiert wird, zu bestücken. Manchmal verfallen sie in einen Rammrhythmus, mit dem sie sehr große Betonbrocken zerkleinern oder Kellerwände zerstören. Auf der Terrasse des Restaurants sitzen die Köche, in diesem Geräusch der Hölle, bei ihrem Morgenkaffee und unterhalten sich!

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Keine Kehrtwende

Der gestrige Tag brachte nur Kontinuität. Die Väterarbeit ist über weite Strecken ein Durchhalteprojekt. Pausen werden wichtiger, um Abstand und Überblick zu gewinnen. Dieses stetige Weiterarbeiten, um nicht ins Stocken zu kommen, wird mir verdächtig. Das war für die Zeit, in der ich es tat, vielleicht richtig und wichtig. Nun wird es Zeit, das zu hinterfragen, auch wenn mir mulmig wird dabei. Was wird, wenn mein Garant der Produktivität unbedeutender wird? Kommt der Motor ins Stocken?

Ein neues Herangehen, würde Fragen wie Regelmäßigkeit von Zeitrhythmen, Arbeitsmoral und tägliche Produktionsrituale infrage stellen. Diese Überlegungen sollte ich weicher handhaben, nicht so rigoros, sonst stünde mein Arbeitsleben bald auf dem Kopf. Und für eine Kehrtwende ist es zu spät.

Am wichtigsten erschienen mir heute Vormittag die Collagen. Sie bedienen sich der Arbeitsschritte, die ich gestern mit der Reliefmalerei unternahm. Eine Tanzzeichnung von 2003 bettete ich zeichnerisch in Ornamentstrukturen ein, die später noch mit einer weiteren Schicht zusammengezogen und eingedunkelt werden.

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Wegschauen müssen

Montags sind die Scans der Buchmalereien des Wochenendes nachzuholen. Mit den tagaktuellen zusammen, sind es immer 9. Bis zum Mittag ist dann die gesamte Tagebucharbeit erledigt und ich beginne mich meistens mit den Reliefs zu beschäftigen.

Die abstrakten Linien, mit denen ich derzeit die modellierte Oberflächenstruktur nachzeichne, ergeben manchmal kreatürliche Anklänge. Das sind gebogene Figuren, Augenpaare oder Karikaturen von Gesichtern. Bis dahin ist das alles nicht so spannend. Die Schellackschicht, die die Tusche wieder anlösen kann, fokussiert notwendigerweise noch einmal zum Abschluss.

Wichtiger und ergebnisreicher erscheinen mir derzeit die Buchmalereien. In ihrer unspektakulären Form, verbergen sie das Potential, das sie für mich besitzen. Dieses mehrschichtige Herangehen an sie, würde sich innerhalb der Reliefbemalungen positiv auf die Intensität des Gesamten auswirken. Man sollte das Gefühl bekommen, wegschauen zu müssen!

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Allein mit den Tieren

Der Morgen verging schnell, weil ich mir vorgenommen hat, alles langsam zu machen. An den vergangenen Vormittagen war ich hier auf Teves West mit den Tieren allein. Aus einer großen stehenden Papprolle rettete ich eine Taube, die sich dort hinein verflogen hat und nicht mehr raus kam. Dabei verletzte ich die linke Hand leicht. Die Taube flog, nachdem ich sie aus der Rolle scheuchen musste, ohne Dank davon. Später kehrte sie zu einem der Wasserstellen am Gärtchen zurück und bekam noch ein paar Körner von mir dazu.

Nun ist das Restaurant wieder geöffnet, mein Nachbar ist da, Stimmen, Geklapper und dahinter der Schaufelbagger, Schuttschredder und Kipper, die Abrisshalden sortieren. Das Laufen laufen die Notstromaggregate der Netzknotenbetreiber mit sehr tiefer frequenz und auf dem Bahndamm sind die Streckenbauer mit Kränen und Maschinen unterwegs. Nur der Fluglärm fehlt heute, weil die Windrichtung und damit die Abflugrute gewechselt.

Die Buchmalereien verändern sich. Sie bieten nun eher Material, das ich in der Reliefbemalung könnte. So wiederholt sich bei mir im Kleinen ein Vorgang, bei den mittelalterlichen Buchmalereien persisch-pakistanischen Ursprungs, in Tibet an den Wänden der Klöster wanderten. Auf meiner Arbeit der Gegenwart.

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Unfertiges

Das dritte Motiv auf dem Relief ist wieder eine Tanzzeichnung mit mehreren Figuren. Nach der Übertragung auf die unruhige Oberfläche, benötige ich noch 2 Elemente, die ich in die Komposition einfügen will. Die Hoffnung liegt dabei in den Buchmalereien. Deren tägliche Entwicklung schafft Sicherheit zwischen den Buchdeckeln. Oft genug treibt mich die Unzufriedenheit mit ihnen an. Dann besteht die Tendenz, zu viel zu machen. Der klare Schusspunkt, wenn er auch ein Bekenntnis zum Unfertigen beinhaltet, rundet den Vorgang ab.

Manchmal stelle ich sie mir schon während der Malerei, in den Werktagscollagen vor. Das sollte nicht sein, es ist aber manchmal schwer von der weiteren Verwendung beim Malen abzusehen. Die Herausforderung bei den Collagen besteht insbesondere darin, dass sie sich nicht zu ähnlich sehen sollen, denn oft treten wesentliche Elemente in allen dreien gleichzeitig auf.

Von meinem Schreibplatz im geöffneten Rolltor zum Gärtchen hin, sehe ich eine Ringeltaube auf dem Rand des Seerosenzubers sitzen. Sie wartet lange, um zu trinken, schaut sich immer wieder um und starrt dann auf die Wasseroberfläche. Vielleicht will sie auch von den Schlingpflanzen essen, die wohlschmeckend sein sollen, wie mir die vietnamesische Küchenhilfe vom Restaurant gegenüber versicherte. Dann schlägt sie den Kopf auf die Wasseroberfläche, als wolle sie zwischen den schwimmenden Seerosenblättern Platz zum Trinken schaffen. Das geht dann schnell und sie fliegt raschelnd auf.

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Übung für das Irrenhaus

Ich denke über das Arbeitsangebot von F., dass mir Gelegenheit gibt, mal aus meinem Hamsterrad herauszukommen. Vielleicht ergeben sich auch thematisch andere Perspektiven, als die des Väterprojektes, mit dem ich mich seit Jahren beschäftige. Ich möchte vorher nicht so viel konzipieren, eher abwarten, was entstehen wird. Der einzige Rahmen wäre die erste gemeinsame Zeichnung, auf die wir uns immer wieder beziehen und die Rhythmik der Bewegungen aufeinander zu und voneinander weg.

Das Tanzmotiv, das in der heutigen Collage eine Hauptrolle bekommen hat und die Figur aus Tabo, zeichnete ich gestern auf das Relief, das ich aktuell bearbeite. Auf der Suche nach Figurationen, die sich in Spannung hinzugesellen können, entstand in den heutigen Buchmalereien ein Paar, das einer gefalteten Blüte zu entspringen scheint.

Nun lerne ich mit den täglichen Verwüstungen der Amseln in meinem Gärtchen umzugehen. Es ist eine Übung für das Irrenhaus, das ich täglich 4-mal zwischen Wohnung und Atelier durchquere. Ich bewarb mich mit meinem, in knapp 20 Jahren gewachsenen, Garten für eine Ausstellung im Architekturmuseum, bei der es um die versteckte Stadtbegrünung geht. In dem kurzen Bericht, den man online abgeben sollte, beschrieb ich, wie Laub zwischen die Blumentöpfe geweht wurde, und damit alles anfing.

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Gemeinsame Arbeit

F. mich besuchte gestern. Auf meinen Vorschlag vor einiger Zeit hin, eine gemeinsame Arbeit zu versuchen, regte er nun ein Projekt an. Über gemeinsam gestaltete Blätter, wie mir das vorschwebte, hinaus, würden wir mehr entwickeln. Im Zentrum könnte eine gemeinsame Zeichnung stehen, von der ausgehend, andere Dinge erzeugt werden. Aber immer wieder soll der Blick zurück auf den Anfang gehen, auf dessen Entwicklungsmaterial wir uns beziehen. Spontan schlug ich vor, dass ich, irgendwann im Verlauf der Arbeit, Objekte baue, die er bemalen kann.

Die Schmerzensfigur aus Tabo, die von drei Vögeln attackiert wird, übertrug ich gestern im Zentrum des neuen Reliefs. Dazu kommt nun eine Tanzzeichnung, und dann werde ich sehen, ob ich mich in der weiteren Arbeit auf die Buchmalereien beziehen kann. Sie verblassen gerade etwas um Nebel, suchen unentschlossen, ein weiter neuer Schritt zu gehen.

Am Vormittag bin ich mit den Wässern der Gärten, dem alten Ahorn, der Wiese und des Ateliergärtchens. Das lenkt mich etwas ab. Der Blick zum Himmel oder in den Wettervorhersagen, sieht unsere Region eher trocken bleiben. Mich.

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Formen in den Räumen

Am Morgen wässerte ich, gleich nach dem Frühstück, den alten Ahornbaum, der den Blick durch die Fenster auf der Alleeseite dominiert. Manche seiner Blätter bekommen, trotz meiner Pflege, schon braune Spitzen. Dieser fehlende Regen macht mich nervös. Nach dem Supermarkteinkauf langte ich im lärmumtosten Atelier an. Abriss, Zerkleinerung der Betonbrocken, Sortierung in Stein, Metall und Holz, Gleisbau auf dem Bahndamm und Grundrauschen von der Autobahn.

Ich grundierte gestern die Reliefs und versuche nun die Konzentration zu finden, um erneut in die Malerei einzusteigen. In den Buchmalereien suche ich nach neuem Material. Kulissen, Figuren, ein Fisch, Schwünge, Dreiecksgitter und Farbwolken. Es geht nur langsam voran. Ich sollte mal pausieren und zu den Objekten wechseln, zu Rolle 8 oder gar zur Holzbildhauerei im Zusammenhang mit geschweißten Gitterkonstruktionen … Oder einfach Pause machen, weg von der Priorität der Produktion.

Die Mauersegler sind abgereist. Der letzte Teil des Sommers beginnt. Die Flugkurven kreisen noch nach, sind noch wahrzunehmen, wenn ich mich anstrenge. Formen, die in den Räumen bleiben, obwohl sie schon fort sind. Ich biege die Weiden den Flugschwüngen nach, baue ein wenig Sommer in die Objekte des Herbstes ein.

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Reliefs | Theater | Landart

Wie geplant, sind die Reliefs, die ich am Ende der vergangenen Woche mit Pappmaché abgeformt habe, nun trocken. Das heißt, dass ich sie heute grundieren und mit der ersten Schellackschicht versehen kann. Dann bereite ich die herausgesuchten Zeichnungsmotive so vor, dass ich sie auf die zersplitterte Fläche übertragen kann.

Am Wochenende sichtete ich alte Zeichnungen. Manchmal rührt sich in mir die Stimmung, in der sie entstanden sind. Vieles kommt aus Theaterzusammenhängen, von Schauspielproben, in denen ich gezeichnet habe, aus den Ballettsälen, von eigenen Bühnenbildern und aus Stücktexten. Somit habe ich dem Theater viel zu verdanken. Dennoch entfernte ich mich zugunsten eigener, theaterferner Projekte von der Bühne. Aber ich schöpfe immer wieder aus den Arbeiten, die in dieser Zeit entstanden sind und aus dem was ich dort über Dramaturgie und Raum gelernt habe.

Mein Gärtchen ist eigentlich wie ein Bild, das ich gemacht habe. Ich betrachte es als Landart. Es wird ja täglich weiter gestaltet. Viel fremdes Material wird eingefügt und das Wachstum wird gelenkt. Vorgestern schnitt ich erneut die Robinie, damit die Ebereschen besser wachsen können. Im Herbst benötige ich wieder eine Fuhre Erde. Vielleicht taucht ja Vanessa, die Gärtnerin wieder auf, die mir wertvolle Ratschläge erteilt.

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Wendefigur

Das Architekturmuseum hat einen Wettbewerb ausgeschrieben, in dem es um Ideen der Architektur- und Stadtbegrünung geht. Ich überlege nun, ob ich mit meinem Gärtchen daran teilnehme. Dabei geht es mir in erster Linie um einen Anlass, mich mit seiner Geschichte zu beschäftigen, die Stationen, die zufällig auf Bildern festgehalten sind, zusammen zu tragen und einen Text darüber zu verfassen. Mich interessiert, wie sich das Grün parallel zu meiner Arbeit entwickelt hat, bis es Teil von ihr geworden ist.

Wenn ich auf einem Stuhl gegenüber sitze, sehe ich das Konglomerat aus Totholz, Bruchsteinen, wild gewachsenen Gräsern und Blumen, Lochsteinen und Bäumen, als ein entstehendes Bild. Mit den Weidenbiegungen, Muschelketten und Materialschichtungen, griff ich dann in das natürliche Wachstum ein, fing an zu gestalten. Die Tiere, die sich eingefunden haben, die klimatisierende Wirkung und die Nachbarschaftsgespräche dort, gehören dazu.

Noch einmal erinnerte ich mich heute an die Wendefigur, mit der ich eine Animation zu der Oper „Die Ehen zwischen den Zonen 3, 4 und 5“ in Heidelberg gemacht habe. Doris Lessing saß auf der Wäschetruhe in meinem Malsaal und gab Interviews zu ihrem Libretto. Philipp Glass spielte ein Klavierkonzert. Ich saß neben ihm in der Proszeniumsloge und zeichnete eine lange Reihe von musikalischen Blättern. Vielleicht wäre diese Figur, die den Grenzübergang Bornholmer Straße, im November 1989, als eine der ersten übertrat, in Verbindung mit den musikalischen Blättern ein weiterer Arbeitsschritt im Väterprojekt.

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Neue Nachbarschaft

Mit der Schreckensfigur der gequälten Kreatur, aus den Wandmalereien in Tabo, arbeitete ich gestern auf Rolle 8. Ich platzierte sie in eine Frottage von der Form des nächsten Reliefs, das ich bemalen will. Hinzu fügte ich eine sehr sparsame Tanzzeichnung, die schon mehrfach Auftritte in verschiedenen Umgebungen hatte. Ihre Form hat eine Offenheit, die geradezu nach immer neuer Nachbarschaft ruft.

Die Buchmalereien sind heute etwas wild ausgefallen. Ich probierte, mit den Fasern einer gespaltenen Vogelfeder, die ich am hinteren Ende so zurechtgeschnitten habe, dass zwei Pinselspitzen entstehen, und mit Aquarellfarben, drehende Bewegungen zu malen. Das verwischte ich dann wieder und zeichnete Figuren hinzu, die wie Sternenbilder aussehen.

Mit den Krähen, die sich rund um den sprühenden Rasensprenger versammelten, versuchte ich ins Gespräch zu kommen. Sie sind sehr scheu und beobachten aus den Bäumen jede meiner Bewegungen. In meiner hochgereckten Hand zeigte ich ihnen das Futter, das ich dann neben die Vogeltränke im Schlagloch des Betons legte. Dort weichen sie manchmal Brot ein, das sie gefunden haben. Sie kommen dann und holen sich die Körner. Allerdings kommen auch die Tauben und kleine gelbe Vögel, die durch ihren schnellen Flug helle Striche in der Luft hinterlassen.

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Reliefs 5 | 6 | Bewässerung

Die zusammenliche Figur, von der ich schon schrieb, ging mir noch mal in der Nacht durch die Kopfgerollte. Auf Rolle 8 könnte ich mit einem Sequenzentwickeln, die auf die Weiterarbeit am Relief. Im 6. Relief dieses Exemplars würde ich mit ihr, den Vögeln, die weiteren ihre Augen auspicken und Tanzzeichnungen ähnlich verfahren, wie auf dem vorigen.

Relief Nummer 5 bemalte ich gestern fertig. Die gegenständlichen Anklänge auf den Splittern, die die die die Hauptfiguren umgeben, habe ich mit einem Schellacklasur zurückgenommen. Denn das ist alles zu vage, um es höher zu hängen. Die Bemalung pausiert nun erst mal.

Am Morgen war ich mit dem Bewässern der Pflanzen meiner Umgebung beschäftigt. Zuerst bekam der, etwa hundert Jahre alt, Ahorn vor meinem Balkon in der Frankenallee, ungefähr 70 Liter Wasser, die ich bei Trockenheit täglich über die Straße trage. Hier auf Teves stellt ich den Rasensprenger auf die Wiese, wo er immer mal gerückt muss, dann aber auch die Kräuterspirale mit anfeuchtet. Am Schluss kommt mein Gärtchen dran.

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Mehr Figuren

Im Kloster Tabo, in Ladakh, gibt es eine Wandmalerei über die Unterweisung einer Figur, mit dem Namen Sudhana, in die buddhistische Lehre. In dieser Bildererzählung gibt es Personifizierungen unterschiedlicher Schrecken. In einem Bild sieht man einen Mann, der zusammengerollt von einem Hund und von Vögeln angegriffen wird. Das erinnert an tibetische Bestattungspraktiken, in denen die zusammengeschnürten Leichen den wilden Tieren dargeboten werden, ähnlich wie die Parsen auf den Totentürmen verfuhren.

Mir geht eine Skulptur durch den Kopf, die aus einem Dreiecksgitternetz aus Rundstahl besteht, in dem Figuren gefangen sind, wie in einer fremden Struktur, die außerhalb ihrer Wahrnehmung besteht. Die Stangen durchbohren die Körper der Holzskulpturen und halten sie fest. Eine dieser, könnte die sein, die ich im oberen Abschnitt beschrieben habe. Sie tauchte auch abgewandelt in den heutigen Buchmalereien auf.

Mittlerweile etablieren sich solche Figurationen immer öfter auf den Tagebuchseiten. Ihre Gliedmaßen tauschen sich dabei immer etwas aus, wachsen neu zusammen, nach einem immer verschiedenen Bauplan. Um ein solches skulpturales Projekt zu verwirklichen, müsste ich die Arbeit am Väterprojekt ernsthaft unterbrechen.

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Figuren | Insekten | Objekte

Außer den Tanzfiguren, der Felsgravur und den Malereien aus Lhalung, gab es auf dem Relief noch keine Figuren. In den Buchmalereien wachsen sie aus den Dreiecksgittern. Das soll sich auf die Bemalung der Splitter übertragen. Erzwingen kann ich es nicht. Aber wenn das in meinem Kopf ist, erscheint es auch irgendwann von alleine.

Zu den vielen Insekten im Gärtchen haben sich nun auch einige Wespen gesellt. Wenn man sie auf der Hand lässt und nicht verscheucht, fangen sie sofort an einen zu zwicken. Mit ihren Beißwerkzeugen versuchen sie die Haut zu durchtrennen. Mich würde schon interessieren, ob sie das schaffen, kann aber dem Impuls, sie abzuschütteln, nicht entsagen.

Es ist schade, dass die Arbeit an den Objekten zum Erliegen gekommen ist. Das war eine schöne Ergänzung zu der strengen Konzentration auf die Reliefs. Ich bin aber ganz eingetaucht in diese Kontinuität. Weniges kann mich da heraus holen.

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Figuratives | Gesträuch | Wiese

In den Buchmalereien nimmt das Figurative zu. Köpfe und Gliedmaßen wachsen aus den konstruktiven Strukturen und Gravitationsschwüngen. Ziel ist es, diesen Schritt auf die Reliefs zu übertragen. Heute ist das 144. Tagebuch voll geworden. Morgen nehme ich ein neues aus dem Karton. Dann geht es weiter.

Die Federzeichnungen, die die Splitter des Reliefs noch einmal in unregelmäßige Flächen unterteilen, verändern sich. Sie bekommen einen wuchernden Charakter, als würde sich ein Gesträuch verdichten. Ähnliches passiert auf den Transparentpapierrollen. Dort sind es aber Überlagerungen mit den vorangegangenen Motiven, die beim Zusammenrollen durchscheinen und additiv durchgezeichnet werden.

Wenn die Schafgarbe abgeblüht ist, bildet sie am oberen Ende korbartige Gefäße, wie Nester. In ihnen fotografierte ich rote Blattwanzen, die an ihren Unterseiten schwarze Punkte und an den oberen Flügelabdeckungen rote Längsstreifen haben. Still und senkrecht saß eine Hummel unter einer Distelblüte, um sich vor dem Regen zu schützen. Die Wiese ist ein Trockenbiotop. Jede Feuchtigkeit sickert unter die Schotterschicht. Nur vom Moos wird sie etwas gehalten. Weil trotzdem eine große Menge von Blühpflanzen wächst, hat in diesem Jahr die Insektenaktivität stark zugenommen. Ich könnte eine Sammlung von Tierfotografien aus dem Gärtchen und von der Wiese zusammenstellen.

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Bön Frauen

Die Figur aus dem Kloster Lhalung, die mir gestern in den Blick kam, setzte ich gleich, zusammen mit den erwähnten Elementen, in die Malerei des Reliefs ein. Es gibt an den Innenwänden mehrere Frauenfiguren, die auf Hirschen reiten, Mäntel aus Pfauenfedern tragen, Männerleichen durch die Luft wirbeln, deren Köpfe abgetrennt in den Händen halten und mancherlei magische Handlungen vollziehen. Sie entstammen der vorbuddhistischen Bönreligion, die matriachale Elemente aufwies. Noch im vergangenen Jahr spürten wir diese andere Haltung der einheimischen Frauen dort im Himalaja, die gut ohne ihre Männer auskamen, von denen sie oft mehrere haben. In den Wandmalereien sind sie einer Wächterfigur zugeordnet, die die bösen Berggeister von den mannigfaltigen Vertretern der buddhistischen Lehre fernhalten soll.

Diese Frauen dachte ich am Morgen zusammen mit den Brandenburgischen Konzerten. Vielleicht verbindet beide das tänzerische Element.

Rund um die Figur mit den Gravitationsschwüngen, dem stählernen Fachwerkfragment vom Palast der Republik und der Felsgravur einer Oryxantilope, begann ich dann die Splitter des ersten Scherbengerichtes, die die Motivgruppe umgeben, mit Strukturen zu versehen, die von ihrer Oberflächengestalt herrühren und sie verstärken.

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Labyrinthe

Ich zeichnete die nächsten Tanzfiguren auf das Relief. Zusätzlich nahm ich eine Figur aus den Wandmalereien des Klosters Lhalung in den Blick. Auf Rolle 8 fasste ich sie mit Gravitationsschwüngen, einem Stahlkonstruktionsfragment von Palast der Republik und der Felsgravur einer Oryxantilope aus Twyfelfontein zusammen. Das geografische Dreieck, das diese Komposition mit ihren weit entfernten Eckpunkten einschließt, erscheint nicht als Zeichnung, sondern nur im Subtext.

Mit Schellacklasuren löste ich die Tuschestrukturen der Splitter an und dunkelte sie in dieser Weise vorsichtig und warm ein. Ich kann in dieser Arbeitsweise eine Nuancenvielfalt etablieren, die mit differenzierten Schattierungen die strengen, kontrastreichen, schwarzweißen Figuren umgibt.

Am Morgen versorgte ich meinen Ahornbaum auf der Frankenallee mit etwa 60 Litern Wasser. Ich trage sie ihm mit zwei großen Gießkannen, vom Garten hinter dem Haus durch das Treppenhaus, über die Straße hinweg an den Stamm, wo ich die Erde aufgelockert hatte. Seitdem ich das mache, schaue ich meinen Freund aus anderen Perspektiven genauer an, vertiefe mich in die Labyrinthe seines Geästs.

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Das Paradiesische

Manchmal habe ich Zeitfenster vor Augen, in denen ich es schaffen möchte, ein Relief zu bemalen, oder ein ganzes sechzehnteiliges Exemplar fertig zu stellen. Wenn ich spüre, dass bei der kleinteiligen Arbeit mit Feder und Tusche, die Konzentration nachlässt, gehe ich ins Gärtchen, um dort Nisthöhlen für Insekten zu bauen, zu gießen oder nur, um zu schauen. Aus diesem Schauen entstehen manchmal Textabschnitte im handschriftlichen Tagebuch, die sich etwas am Nature Writing orientieren.

Im Glücksfall, treffen diese Momente mit einem starken Empfinden der vielteiligen Situation statt. Dann schweben Apsaras in der Form von Wolken vor dem blauen Himmel vorbei, das Licht, das durch den Efeu vor dem Fenster fällt, erfüllt dann den Raum mit weichem Licht und die Arbeit auf den Tischen ordnet sich in dieses Geschehen ein, das zu einem intensiven Moment verschmilzt, in dem ich erkenne, dass dies das Paradies ist.

Aber dann entdecke ich die Maus, die von draußen herein gelaufen kam und sehe, dass das Amselpaar meine Mischung aus Laub, Gartenschnitt und Erde wieder einmal völlig auseinander genommen und verteilt hat. Dann bekommt der Nachbar laut tönenden Besuch, wodurch sich das Paradiesische sofort auflöst. Und die Weiden, die ich an Bahndamm pflanzte, haben meine fünftägige Abwesenheit nur knapp überlebt, sind fast ganz eingetrocknet…

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Keine Disziplin!

Die verinnerlichte Regelmäßigkeit des Arbeitslebens erlaubt mir kaum Übertretungen des selbst gesteckten Rahmens. Heute bin ich beispielsweise aus verschiedenen, nicht zwingenden Gründen, erst gegen 10 Uhr ins Atelier gekommen. Schon steigt etwas wie ein schlechtes Gewissen in mir auf. Am Abend habe ich mit Gerd Bier getrunken und heute Vormittag höre ich Rockmusik aus den Neunzigerjahren, „Voodoo Lounge“ von den Rolling Stones aus der Zeit, als ich sie auf dem Hockenheimring kennen gelernt habe. Weiß nicht, was mit mir los ist!

Die Tuschmalerei auf dem Relief geht nur langsam voran. Jeder einzelne Splitter bekommt seine Aufmerksamkeit, sie werden wie kleine Objekte behandelt oder wie Teile einer großen Landschaft. Hilfreich sind dabei die Unebenheiten, die vom Modellieren mit der Hand herrühren. In den Senken und auf den Graten dieser Gegenden folge ich Höhenlinien und ausgetrockneten Flusstälern. Die Scherben verwandeln sich in driftende Kontinentalplatten, auf denen Expeditionen stattfinden, um sie auszumessen, zu kartieren und zu gestalten.

Gerd will mich besuchen, um das Effektgerät der Gitarre anzuschauen. Wir wollen nach Möglichkeiten der Visualisierungen der Musik suchen, die mir weiter helfen können. Bei unserem Gespräch auf der Frankenallee kam ich darauf, diese „Malerei“ mit der Gitarre ohne das Effektgerät zu machen. So steht nicht so viel zwischen den entstehenden Strukturen und mir.

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Heraustreten aus der Nacht

Im Wintergarten einer Freundin habe ich von meinem Vorhaben erzählt, die Gitarre als Generator für Bilder zu benutzen. Die Idee, die Visuals aus den Soundeffekten dieses Instrumentes anderweitig zu nutzen, bleibt in meinem Kopf. Die entstehenden Strukturen stelle ich mir als dreidimensionale Dreiecksgitterlandschaften vor. Ob und wie das mit den Väterportraits zusammengehen kann, ist noch fraglich.

Vielleicht stößt die Arbeitsweise, alles mit allem zu verbinden, auch bald an ihre Grenzen. Jenseits davon beginnt das Land der Stilisierung, des Weglassens und den neuen Denkens. Manchmal begegnet mir das schon in den Buchmalereien. Sie sind das geeignete Medium, einen solchen Vorgang zu entwickeln.

Ich malte weiter am Relief. Die Splitter füllen sich mit Mustern, die spontan aus der Feder in der rechten Hand fließen. In der zunehmenden Dunkelheit ihrer Umgebung, versuche ich die Figurengruppen immer noch sichtbar zu halten. Ihre Wiederholungen möchte ich nun im Binnenbereich wieder heller gestalten, damit sie heraustreten können aus der Nacht. So kann man sie mit den versteckteren vergleichen und sie neu entziffern.

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Landschaften

In der Nachbarschaft fördert eine Kernbohrmaschine Sedimente aus 30 Metern Tiefe an die Oberfläche. Den Jahrtausende abgelagerten Sand, der nun ausgebaggert wird, für die Wohnblocks der neuen Nachbarschaft, füllen die Arbeiter in längliche Kästen, für die Geologen.

Schüler der Hindemithschule besichtigten gestern mein Gärtchen auf dem Beton: Wildnis in der Stadt. Sie sahen Insekten, Eidechsen und Vögel und fingen sich dann doch an, für meine Arbeit zu interessieren. Sie fragten mir Löcher in den Bauch. Wenig später kam noch eine Ehepaar aus Darmstadt, die meine Website gesehen hatten.

In der verbleibenden Zeit füllte ich die Splitter neben den Figuren auf dem Relief. Auf der Schellackschicht steht das Wasser, das ich mit dem Pinsel aufgetragen habe, lange, so dass ich mit der Feder ausblühende Tuschpunkte hineinsetzen kann. In die weiche Struktur werden, nach ihrer Trocknung, harte Linien hineingezeichnet, wodurch Verbindungen entstehen, die aus dem Abstrakten heraus Landschaftliches bilden.

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Relief 5 vom zweiten Portrait der Väter

Gestern begann ich mit der Fortsetzung der Tuschmalerei auf dem Relief Nummer 5 des zweiten Exemplars der Doppelportraits. Noch einmal übertrug ich eine Tanzszene, mit mehreren sitzenden und einer stehenden Figur im Kulissenraum. Auf Rolle 8 verknüpfte ich sie zuvor mit einem Zöglingsportrait aus dem Jugendwerkhof Gerode. Das erschien mir jetzt in der Überlagerung auf dem Relief zu viel. So arbeitete ich die Figuren nur in die plastischen Splitter ein.

Die weiteren Gestaltungsschichten hatte ich gestern gedanklich mit Visualisierungen von übereinander gelegten Loops aus Gitarrenriffs erweitert. Dabei kam mir der Gedanke, ohne die Musik zu hören, mit der Gitarre zu zeichnen. Es wäre die Fortentwicklung der Overheadmalereien, wie wir sie vor vierzig Jahren begonnen hatten.

Natürlich steht die Frage danach im Raum, ob dies sinnvoll zu einer Verdichtung des Materials führen kann. Es bedeutet einen ziemlichen Aufwand für mich, das ins Werk zu setzen. Schon der Gedanke daran ermüdet mich etwas. Aber die Arbeitsschritte, von denen ich überhaupt nicht wissen konnte, wohin sie führten, zogen immer Erfahrungen nach sich, die dann, zumindest anderweitig, nutzbar waren.

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Trio-Strukturen

Im Haus Karolina, auf dem Leiningerhof, in der Pfalz, änderten sich die Buchmalereien zu ruhigeren, reduzierten Kompositionen. Die weiten Blicke während unserer Wanderungen, hatten sicherlich einen Einfluss darauf, genau wie die Ruhe die uns umgab.

Hier im Atelier gibt es jetzt die schöne Herausforderung, nun mit den Reliefmalereien weiter zu machen. Gleichzeitig aber steht die Gitarre mit dem Effektgerät bereit, um das Triogeschehen, das sich in den Buchmalereien, den Collagen und nun auch teilweise auf Rolle 8 manifestiert, mit dreiteiligen Loops zu inspirieren. Ich sollte das alles in Ruhe genießen.

Die musikalischen Strukturen würde ich dabei gerne mit grafischen Darstellungen eines entsprechenden Programms bildlich aufnehmen um sie in die Arbeit auf Rolle 8 einfügen zu können. Dafür bin ich allerdings technisch noch nicht fit genug und müsste mir manche Arbeitsweisen, zwischen Instrument und Rechner, selber beibringen.

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Geschichtetes Ateliergeschehen

Ein warmer Morgen, der quirlig begann. Ein Supermarkteinkauf, nun im Atelierkühlschrank. Im Vorübergehen ein Blick auf die Arbeit der letzten Tage. Die verdichtet sich in den Collagen. Trotz der schmalen Werktagebucheintragung gestern, ist dokumentiert, wie sich die Vorarbeit auf Rolle 8, auf die Reliefbemalung ausgewirkt hat. Der Scan des Reliefausschnittes mit den Buchmalereien und die vorhergehenden Collagierungen, schichten alltägliches Ateliergeschehen.

Erstmalig nach langer Zeit, benutzte ich in den Buchmalereien wieder richtige Aquarellfarben. Diese Lasuren haben einen anderen Charakter, als die verwischten Aquarellstiftlinien, die in letzter Zeit dominierend waren. Mich erinnert es an längst vergangene, lange Arbeitsphasen.

Betonzangen zermalmen auf den Nachbargrundstücken das Baumaterial der Achtzigerjahre. Das künstliche Gestein und Baustahl werden getrennt. Große Abraumkegel und bizarr gekräuselte Gestänge bleiben übrig. In meinem Paradies versammelt sich, wie an jedem Tag die Vogelwelt. Die winzigen jungen Eidechsen sind stetig auf der Flucht vor jeder Bewegung.

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Pause

Das ist keiner der gewöhnlichen regelmäßigen Arbeitstage heute. Am Vormittag fand ein Treffen des You&Eye Teams im Anna-Freud-Institut statt. So etwas zerschießt normalerweise meine Kontinuität für diesen Tag.

Für heute hatte ich mir aber nichts Besonderes mehr vorgenommen, denn gestern begann ich das Relief Nummer 5 zu bemalen. Soweit wollte ich vor meiner Pause kommen.

Ich spüre, dass ich mich etwas ausruhen, etwas Abstand herstellen muss. Das fällt nicht ganz leicht, ist aber vernünftig.

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Eingedampfte Gegenwart

In empfindsam eingedampfter Gegenwart, bekommt jede Kleinigkeit ihre Bedeutung. Brocken getrockneter Farbreste liegen auf der Acrylplatte des Zeichentischs. Darunter befinden sich die zusammengesetzten Splitter der vier Scherbengerichte, mit denen ich das Doppelportrait der Väter zusammengesetzt hatte. Der Klang von tropfendem Wasser, mit dem ich das Gärtchen feucht halte, dringt an mein Ohr und eine der Wasserflächen vibriert konzentrisch. Das Insekt, das ich mit meiner Hand aus der Mitte heraushebe, will sich nicht von meiner Haut abschütteln lassen, mit der ich gerade Wasserfarbenmuster von einer zur anderen Buchmalerei übertragen habe. Das vom Wasser malträtierte Papier wirft Grate auf, die sich der nächsten Schraffur in den Weg stellen.

Wenn ich in dieser sinnlichen Situation beginne, die Werktagscollagen einzurichten und dabei die jüngsten Zeichnungen von Rolle 8 mit einbeziehe, kann es sein, dass ich, wenn ich mit dem ganzen Werktagebuch fertig bin, erst einmal eine Pause bei meinen Eidechsen im Gärtchen brauche.

Gründlich grundierte ich gestern das 5. Relief mit mehreren Schichten Weiß und Schellack. Das erweitert die Möglichkeiten für die Zeichnungen, denn mit der Tusche, die längere Zeit flüssig auf der Oberfläche steht, lassen sich Verläufe, Ausblühungen und Wolken kontrastreich zu den Splitterkanten der Reliefoberfläche inszenieren.

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Zeilen

Die drei Motive, die auf Rolle 8 vor den Tanzfiguren entstanden sind, fügte ich nun überlagernd und fragmentarisch in die Figurenumrisse ein. Bei den Wiederholungen der Schwünge, Rasterpunkte und Gitterstrukturen, gibt es unterschiedliche Konstellationen der Schichtungen. Abgesehen davon, dass ich von der Triostruktur kurzzeitig abgewichen bin, läuft alles, was ich mit vornahm, wie in einem Uhrwerk ab. Nun kann ich das Relief Nummer 5 grundieren und mit seiner Bemalung beginnen.

Weil Buchmalereien und Überlagerungssequenzen immer lang gestreckter werden, manchmal eine Zeilenform und etwas Schriftartiges annehmen, kam es bei einer der gestrigen Collagen dazu, dass ich die Motive in zwei Zeilen übereinander anordnete. Das hat Dynamik hinzugefügt und führt zu besserer Lesbarkeit.

Gestern schnitt ich Weidenruten, entblätterte und wässerte sie, um mit den Objekten aus Reliefscherben und gebogenen Ruten weiter zu machen. Auch das geschieht mit dem Ziel, materialgerechter zu arbeiten.

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Indienststellung

Die Figur einer Wandmalerei, die ich im Kloster Lhalung gesehen und nun auf Rolle 8 übertragen habe, gehört zu einer Gruppe weiblicher Bön-Gottheiten, die einer plastischen Abwehrfigur beigestellt sind. Die Übergänge der Religionen werden innerhalb dieser Bauten besonders sichtbar. Die Indienststellung vermeintlich fremden Personals aus Hinduismus und Bönglauben in die Vorgänge der buddhistischen Erzählungen, sind mir natürlich nahe.

In meiner derzeitigen Überlagerungssequenz auf Rolle 8, finden sich eine Felsgravur einer Oryxantilope der Nama Buschleute in Namibia, die besagte Böngöttin aus Lhalung, das Zöglingsportrait aus dem Jugendwerkhof Gerode, eine Tanzszene aus einem Ballettsaal in Frankfurt, mehrere Gravitationsschwünge und die Umrisse meiner dritten Buchmalerei vom 14.06. 2020. Diese Reihung und die nun folgenden Überlagerungssequenzen, bilden die Voraussetzung für die Weiterarbeit an der Bemalung der nächsten Relieftafeln.

Mit Franz Konter sprach ich über Möglichkeiten einer Zusammenarbeit. Zunächst könnte ich mir vorstellen, mit ihm gemeinsam, hier in meinem Atelier, etwas zu malen. Nach einem solchen Test, kann man weitersehen.

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Überraschungen

Gestern war ein Trio-Tag. Eine Tanzzeichnung von 2003 und einen Buchmalereiumriss vom 15.06. dieses Jahres, wiederholte ich dreifach auf Rolle 8. Durchzeichnungen, mit denen ich die Umrisse der Tanzzeichnungen füllte, entstanden beim rückwärts Zusammenrollen des Transparentpapierstreifens. Das wurde in den 3 Werktagscollagen von heute sichtbar.

Auch die 3 Buchmalereien von heute fügte ich dort ein. Der nächste Schritt auf Rolle 8 wird sein, dass ich die Struktur aus der Collagensequenz, die den Tanzzeichnungen vorausging, auch in die Tanzzeichnungen einfüge. So sollen sich in der mittleren der 3 Wiederholungen, dann beide Strukturen sehr dicht überlagern.

Auf dem Zeichentisch liegen die Zöglingsportraits, aus dem Jugendwerkhof Gerode, der Sechzigerjahre, neben den Abbildungen von Malereien und Skulpturen aus tibetischen Klöstern, die wir im vergangenen Jahr besucht hatten. Wenn ich die Dreiecksgitter der Buchmalereien über die jeweiligen Abbildungen lege, ergeben sich neue Spannungen. Ich denke über die Sinnhaftigkeit dieser Überlagerungen nicht nach, sondern lasse mich überraschen.

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Trio | Sound | Collagen

Flink beendete ich die Buchmalereien am Morgen. Kein Gedanke währenddessen an ihre Weiterverarbeitung innerhalb der werktäglichen Triocollagen oder auf Rolle 8. Auf sie übertrug ich ein Tanzmotiv mit einer stehenden und 4 sitzenden Figuren. Außerdem beginne ich nun wieder, die Umrisse von Buchmalereien, für die Sequenzen auf der Transparentpapierrolle zu nutzen. Das heißt, dass ich in eine Triosequenz eines Tanzmotives und die Überlagerungen der Weiterverarbeitung der Buchmalerei ineinander übergehen lasse. Bis zum Ende der kommenden Woche möchte ich diesen Prozess in die Reliefbemalungen übergehen lassen.

Von Relief Nummer 5 habe ich ein weiteres Exemplar abgegossen. Dazu noch ein paar Scherben vom 11. Relief, die ich zu zwei Objekten zusammenfügte. Eines versah ich mit einer Weidenrute, die ich auf seiner Rückseite zu einer Spirale gebogen befestigte. Im Zusammenhang mit diesen Arbeitsreihen denke ich auch an Trio-Sound-Collagen, an Loops aus drei Geräuschen, die sich in verschiedenen Rhythmen überlagern.

Wiebke Hüster beklagte, in der FAZ, den Zustand der Frankfurt-Dresdener Tanzcompany. Die Eigenheit von Bill Forsythe hatte die Kraft, eine Loslösung von der Oper in noch mehr eigenständige Erneuerung des Tanzes zu verwandeln. Godani, der derzeitige Choreograph, führte die Sparte steil hinab in die Banalität, bis wir uns diesen Anblick nicht mehr antun wollten. Für mich versuche ich die Zeit, als Frankfurt das tänzerische Epizentrum war, zeichnerisch zu bewahren und für meine Arbeit zu nutzen. Der Verlust aber, ist kaum wettzumachen.

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Zöglingsportraits aus dem Jugendwerkhof Gerode

Das heutige Datum ist in mein Hirn geprägt. Die eckigen Collagenstrukturen der letzten Sequenz auf Rolle 8, füllte ich in den Umriss der Figur der vorangegangenen Trio-Tanz-Überlagerung. Das Ergebnis lässt sich auf die Ereignisse des 17 Juni 1953 beziehen. Dazu fallen mir die Zöglingsportraits aus dem Jugendwerkhof Gerode, in dem ich gewohnt habe, ein. Ernste Kindergesichter, die durch das stalinistische Brauchbarkeitsraster gefallen waren. Die Eltern tot oder im Gefängnis, im Westen oder in Haushalten, denen es der Staat nicht zutraute, eine Erziehung im Sinne des Sozialismus zu gewährleisten. Manche von ihnen würde man heute in Förderschulen schicken. Drei dieser Portraits hängen in meinem Zimmer in der Frankenallee und einige habe ich heute aus einem Grafikschrank hervorgekramt.

Sie entstanden während der Vorbereitungsphase des Väterprojektes 2015. Es wäre also folgerichtig, sie noch einmal, in die fortlaufenden Zeichnungen auf Rolle 8, einzubringen. Zöglingsportraits mit Buchmalereien und die 4 ausgewählten Tanzzeichnungen, sind das Ausgangsmaterial für weitere Überlagerungssequenzen.

Aus Filzpappe und Wasser habe ich das Pappmache angerührt, aus dem ich die nächsten Reliefs gießen will. Innerhalb einiger neuer kleinerer Reliefobjekte, von der Größe einzelner Scherben, möchte ich die Bemalungsmöglichkeiten weiter entwickeln. Ein zähes Vorankommen.

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Triosequenz einer Collage

Vom Bildschirm des Rechners habe ich die Umrisse der ersten Collage dieses Jahres auf Rolle 8 durchgezeichnet. Aus einer Triosequenz, also einer dreimaligen Wiederholung dessen, ist beim Zusammenrollen und Durchzeichnen der durchscheinenden Linien, eine Verdichtung entstanden, die ich nun auch noch in die Umrisse des vorhergehenden Motivs übertragen möchte. Dabei handelt es sich um eine dreiteilige Tanzzeichnungssequenz von 2003.

Wie sich dieser Arbeitsschritt auf die Bemalung der Reliefs auswirkt, kann ich noch nicht sagen. Aber eines hat sich eingelöst: nach der Kleinteiligkeit der Ornamente und gegenständlichen Motive bei der Bemalung der Reliefteile, bin ich nun wieder etwas großzügiger und lockerer geworden.

Außerdem meinte ich zu erkennen, dass sich die klareren Strukturen der Buchmalereien für dieses Vorgehen besser eignen als die der Collagen, die in sich schon so vielfältig sind. Parallel zum Abgießen weiterer Reliefs, werde ich mit diesem Experiment fortfahren.

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Jazz | Mikrokosmos | Malerei

Nach der Unterbrechung der Arbeit an der Bemalung der Reliefs, habe ich etwas Inspiration nötig. Dafür sind die Konzerte von Miles Davis und John Coltrane aus dem Jahr 1960 gut. Im damaligen Frühjahr fanden die, die ich auf einer CD-Sammlung habe, in Paris, Kopenhagen und Stockholm statt. Inspirierend ist auch das Interview Bob Dylans, das am 12 Juni in der „New York Times“ erschienen ist. Ich bekam es per Mail von Birgit.

Am Morgen dachte ich daran, die Buchmalereien wieder mehr in die Arbeit auf Rolle 8 einzubeziehen. Dabei geht es um die Umrisse der entstandenen abstrakten Figuren, der Dreiecksgitternetze, der Gravitationsschwünge und Farbwolken. Das Ornamentale der Reliefmalereien überzeugt mich noch nicht. Es müsste mehr von den Bildern aus den Tagebüchern haben.

In ihnen findet nun manchmal, wenn ich im schattigen Gärtchen schreibe, eine Beschäftigung mit diesem Mikrokosmos statt. Die schillernden Käfer, die ich aus den Wasserbottichen rette, um sie nahe vor meine Augen zu halten, die Hackordnung in den Vogelschwärmen und den Eidechsenpopulationen, die mich inmitten des explodierenden Wachstums erfreuen, all das ist mir wichtig genug, um es festzuhalten. Auch daraus wächst Inspiration für die Weiterarbeit.

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Bildtrios | Stille | Rolle 8

Zum Ende der Buchmalereien hin, bin ich öfter etwas unruhig. Die Arbeit bringt mich in einen beschleunigten Rhythmus, den ich unterbreche, indem ich ins Gärtchen gehe. Dort verlangsame ich bei Sichtung von Eidechsen meine Bewegungen, gieße Blumentöpfe und schneide Äste, die im Weg und zerkleinere sie für den Boden unter meinem „Geheck“. Dann kehre ich zurück an den Zeichentisch und stelle das Bildtrio schnell fertig.

Gräser, die auf meinem Pflanzenschnittstapel wachsen, haben nun schwere Samenstände. Diese Ären hängen senkrecht herab, harren der erneuten Aussaat. Leichter Wind kräuselt die Reflektionen der Wasserbottiche auf die Unterseiten der Weidenblätter. Durch meine Einbiegungen der Äste im zeitigen Frühjahr, wuchs das Laub blickdicht und hält nun den Ostwind ab. Außer mir, ist niemand auf dem Gelände. In der dankenswerten Stille, ist das Flattern der Sperlinge, die gemerkt haben, dass ich Vogelfutter in den im Baum hängenden Pflanzenuntersetzer nachgefüllt habe, zu hören.

Trotz der gestrigen Arbeitsunterbrechung, werde ich heute mit der Bemalung des 10. Reliefs fertig. Die Unsicherheiten bei der Weiterarbeit, kann ich ganz gut auf Rolle 8 klären. Eine Fliege läuft über meine Schrift und die Malereien. Als erste bekommt sie die Arbeit zu Gesicht.

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Planmäßige Annäherung

Auf und zwischen den Schichten aus Tusche, Wasser und Schellack zeichnete ich gestern mit einer spitzen Feder. Es entstanden ausblühende Strukturen, die manchmal Anlass gegenständlicher Situationen werden. Dann fügen sich Gesichter zu Figuren, Konstruktionsprinzipien aus Dreiecken zu fließenden Ornamenten und harte, schwarze Linien zu weichen wolkenartigen Gebilden. Es entsteht daraus noch wenig Raum, weil ich darauf noch kein Augenmerk gelegt habe.

So nähere ich mich planmäßig der Gestaltungsweise vom Relief Nummer 11 an. Die Kleinteiligkeit ist konzentrationsaufwendig. Zwischendrin zeichne ich auf Rolle 8 oder lese die grauen Texte der DDR-Bürger-Interviews.

Es treten hier auf Teves periodische Berdrohungsszenarien auf. Ein Fortstauto der Deutschen Bahn inspizierte den Bahndamm und den 30 Meter breiten Streifen davor. Sie schneiden trockenes Holz heraus und lassen die Wildnis, die uns hier eine gewisse Artenvielfalt erhält, aber unberührt. Auf der blühenden Wiese zählte ich vorhin die Bienen. Ein Zwergkaninchen ist dort unterwegs und Schmetterlinge, Grashüpfer und viele verschiedene Insekten. In diesem Frühsommer habe ich noch keine jungen, frisch geschlüpften, Eidechsen gesehen. Die müsste aber bald soweit sein. Die Polizei hat die Obdachlosen vertrieben. Das wäre nicht notwendig gewesen.

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3 | 3 | 3

Unter dem Balkon meines Zimmers in der Frankenallee demonstrierten viele tausend Menschen gegen rassistische Gewalt. Ich beobachtete die Körperhaltungen der Demonstranten. Viele von ihnen strahlten eine lauernde Bereitschaft aus. Die unterschwellige Wut auf alles, was mit dem Staat zutun hat, bedient sich nun des Ereignisses der Ermordung eines Schwarzen Menschen in den USA. Die Redner forderten die Masse auf, Sätze nachzusprechen, die sie bereitwillig schreiend skandierten. Eine maoistische Atmosphäre, etwas bedrohlich. Die vielen anderen Möglichkeiten, mit Rassismus umzugehen, reichen ja eigentlich in die eigene Haltung, die erinnerte rassistische Handlungsweisen, wenn auch verdeckt, hervorbringt.

Während der Arbeit am Wanderungsspurenprojekt, war ich ständig mit rassistischer europäischer Kolonialgeschichte konfrontiert. Dieser erinnerungskulturelle Faktor hat weitreichende Folgen für den gegenwärtigen Umgang mit dem Problem der Aneignung „fremder“ Kulturtechniken, Geschichtsstoffe oder Kunstpraktiken. Da wird oft das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.

Der Triogedanke, wie er beim musizieren praktiziert wird, übertrage ich auf meine bildnerische Arbeit. 3 Buchmalereien, Überlagerungssequenzen aus 3 Wiederholungen auf den Transparentpapierrollen und die 3 Werktagscollagen fügen sich ineinander. Auch innerhalb der Buchmalereien spielt die Zahl 3 eine Rolle. Derzeit beginne ich mit 3 Zusammenballungen von Gravitationsschwüngen. Aus den Kreuzungspunkten entstehen 3 Dreiecksgitternetze, die dann in 3 Buchmalereien weiter verarbeitet werden.

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Trio – Überlagerung

Gestern begann ich mit einer Tanzzeichnung das, auf Rolle 8, Was ich mir vorgenommen hatte. Diese Trio-Überlagerungssequenz, d.h. drei Wiederholungen des Tanzmotives werden so übereinander gezeichnet, dass sie sich mit ihren Mustern einander ihre Umrisse in unterschiedlichen Rhythmen füllen. Diese ergeben sich aus den Abständen, die daraus resultieren, ob ich die Rolle mit den kleinen Radius zurück, also in die Richtung ihres Anfangs rolle ausfüllen oder umgekehrt, nach vorne mit dem größeren Radius. In den so variierenden Überlagerungen konzentrieren sich die Strukturen der Momente, in denen ich gezeichnet habe – eine Verstärkung der Erinnerung. Diese Bereicherung der Formensprache, soll Eingang in die Zeichnungen finden, die ich mit Tusche, Feder und Pinsel zwischen mehrere Schellackschichten der Reliefs lege.

Der Duktus von Relief 10, an dem ich gerade zeichne und der von Relief 11, das ihm in der oberen Zeile des Gesamtportraits folgt, muss sich nun zugunsten der Figurengruppen ändern, die auf Nummer 11 eine große Rolle spielen. Das Gesamtexemplar soll sich diesen Übergängen vom Ornament zu den Figuren widmen.

Dann bleibt noch das Vorhaben, plastisch zu arbeiten. Hierfür werde ich einzelne Scherben mit Pappmache abformen, sie mit gebogenen Weidenruten verbinden und sie in der Weise weiter bearbeiten, wie ich das jetzt mit dem Relief mache. All das geschieht in den nächsten Tagen.

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Das Übliche | Das Lustprinzip

Gestern Vormittag arbeitete ich das Übliche: handschriftliches Tagebuch, 3 Buchmalereien, Arbeitstagebuchtextdatei, Scans und 3 Collagen für den Text „Aktuelle Arbeit“ auf meiner Website und schließlich die Aktualisierung der Website. Dann zeichnete ich noch Tuschornamente auf den Rasterpunkt des 10. Reliefs, der in den Collagen von heute seine Rolle spielt.

Am Nachmittag allerdings, fuhr ich zu einem Treffen mit meiner Tochter und ihrem Sohn. Wie spazierten über einen bewaldeten Berg, der Hollmut heißt. Der Forst wird nicht mehr gepflegt, soll Urwald werden. Die Fichten sterben, auf Grund der Trockenheit, und es setzen sich andere Gehölze durch, zumeist Laubbäume. Meine Tochter hat ein paar schöne Bilder fotografiert, auf denen der Enkel und ich Steine in eine große Wiese werfen. Das konnte man sehr oft wiederholen: Steine aufheben, 5 Meter weiter nach rechts tragen und dann im rechten Winkel auf die Wiese werfen.

Schon vor ein paar Tagen dachte ich über Abwechslungen bei der Arbeit nach. Jetzt favorisiere ich die Weiterarbeit mit den aussortierten Tanzzeichnungen auf Rolle 8. Das schafft wieder etwas mehr Lockerheit und Input. Außerdem habe ich Lust dazu, und diesem Prinzip sollte sich meine Arbeit immer mehr nähern.

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Oder Nichtstun?

Die Zeit zum Arbeiten zersiedelt sich gerade etwas. Gestern zeichnete ich zwar weiter an den Tuschestrukturen des Reliefs, machte auch am Vormittag meine Tagebucharbeit, aber eine längere Konzentration kam nicht zustande. Nachmittags Besuch und Gespräche über das System Goethe-Institut. Heute Nachmittag reise ich zu einem erfreulichen Treffen nach Heidelberg. Ich sollte und kann das genießen.

Die gestrigen Telefon – Textdialoge über den chinesischen Großkünstler gingen noch weiter hin und her. Mir kommt es so dünn vor, was über ihn berichtet wird.

In den Collagen stapeln sich die Schichten in einer spielerischen Weise, was dem ganzen Vorgehen etwas mehr Leichtigkeit verleiht. Dennoch will ich gleichzeitig so etwas wie Tiefe nicht beiseite lassen, kann mir aber ihrer nicht sicher sein. Manchmal denke ich über einen Technikwechsel nach, um etwas Abstand zu gewinnen. Plastisches Arbeiten wäre die gegebene Abwechslung. Oder Nichtstun?

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Zwischen den Schichten

Während der Pfingsttage arbeitete ich wenig, vorsichtig und langsam an der Tuschmalerei auf dem Relief weiter. Manchmal wird mir die Ornamentik etwas zu gefällig. Dann setze ich auf schwarze Schichten, die sich schwer und unbarmherzig darüber legen.

Auf meinem Smartphone landete eine Nachricht, mit einem Link auf einen Artikel im Tagesspiegel. Darin geht es um die Aussage von Ai Weiwei, dass die Deutschen nichts aus ihrer Vergangenheit gelernt hätten. In der nächsten Nachricht, die sich darauf bezog, hieß es: „Wenn wir nicht von der gelben Gefahr zerrieben werden, dann von der braunen“. Dieser Satz ist meiner Meinung nach deswegen so interessant, weil er aus Gedankenlosigkeit eine Haltung auf den Punkt bringt, deren Kulturleistung sich gleichzeitig aus erinnertem Rassismus und Antifaschismus speist. Der rassistische Topos der gelben Gefahr, in den letzten hundert Jahren immer wieder auf Chinesen angewandt, trifft sich dabei mit der undifferenzierten Schuldzuweisung an die Deutschen, die aus ihrer Vergangenheit nichts gelernt hätten, von einem Chinesen.

Die Wahrheit befindet sich, bei genauerem Hinsehen, in den heutigen Collagen! Die abstrakten Buchmalereien überlagern die, zum Teil gegenständlichen, Tuschmalereien auf den Relief Nummer 10. Zwischen den Schichten kann man suchen.

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Auf die Sprünge helfen

Die Tuschmalerei auf dem Relief Nummer 10 verhält sich diszipliniert, zurückhalten und wenig gestisch oder zufällig. Ich könnte das ändern, wenn ich die bewegte Relieffläche mit weiteren Schichten Schellack versehe, die die Tusche länger flüssig halten und das Verlaufen unterstützen. Daraus ergibt sich dann das andere, fremdgesteuertere Tempo, das der Spontaneität auf die Sprünge helfen kann. Die Verbindungen der Buchmalereien und der Reliefmalereifragmente, in den drei „Werktagscollagen“, die ich unter der Woche an jedem Morgen mache, inspirieren mich eher zu den neuen Objekten aus Weidenruten und Reliefteilen. Für die derzeitige Malerei spielen sie eine geringere Rolle

Alleida Assmanns Buch zur Erinnerungskultur habe ich nun fertig gelesen. Ich glaube, dass meine künstlerische Erinnerungsarbeit von diesen komplexen Gedankenausflügen beeinflusst wird. Die Prämissen der neuen Erinnerungskultur, den Schluss des Textes, will ich nun noch einmal lesen und es dann weglegen.

Wenn ich in meinem Gärtchen herumkrame, stoßen die Amseln mitunter ihre Warnpfiffe aus. Wegen der vielen scheuen Tierchen gehe ich schon die ganze Zeit mit angelegten Ellbogen und langsamen Bewegungen zwischen den Pflanzen herum. Außerdem halte ich die Erde feucht, um das Kleinstgetier zu päppeln, das die Amseln zur Aufzucht brauchen. Mittlerweile füttern sie die Küken auch mit Kirschen, deren Kerne sie mir vors Atelier werfen.

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Zeichnen ist wie Schreiben

Das Zeichnen, auf dem Relief Nummer 10, ist wie Schreiben. Ich fange links oben an und fülle die Fläche nach rechts und nach unten mit Zeichen an. Am Morgen dachte ich, zwischendrin mal wieder freier auf Rolle 8 zu arbeiten. Figurensequenzen ohne die Kanten der Scherben und Splitter, mit den 4 Zeichnungen, die ich für die Weiterarbeit ausgesucht hatte, würden wieder neues Material entstehen lassen, das für die Tuschmalerei hilfreich sein könnte.

Immer noch bin ich mir über das Mittel der zufälligen Anordnung von frei gezeichneten Figuren und Szenen in Zusammenspiel mit abstrakten Strukturen, nicht ganz sicher. Diese Unsicherheit ist der derzeitige Suchmotor. Er führt dann wahrscheinlich wieder zu den Zwischenergebnissen, die am Ende das Eigentliche bleiben.

Das Buch über das Berliner Scheunenviertel las ich gestern fertig. Es endete mit der Beschreibung des neuen Suhrkampdomizils. Sicher war der Verlag Auftraggeber für den Text mit seinen vielen Abbildungen und kenntnisreichen Wendungen. Etwas Fernweh entsteht. Ein paar kleinere Reisen nach Heidelberg, zu meinen Eltern und in die Pfalz stehen an. Raus aus dem Pendelverkehr zwischen Frankenallee und Atelier.

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Rhythmus und Übergang

Aus den Tanzzeichnungen von 2003 habe ich nun die nächsten 4 ausgewählt, mit denen ich weiterarbeiten möchte. Außerdem übertrug ich zwei Figuren, die schon auf den Reliefs 6 und 7 eine Rolle spielte, in vierfacher Wiederholung auf Nummer 10. Nun ist der Rhythmus gesetzt, in dem ich mich in diesem obersten der vier Streifen, auf die rechte Seite zu bewege. Die Aufgabe, einen Übergang von der strengeren Form der zwei Formate auf der linken Seite, zu der wilden Komposition mit vielen Figuren ganz Rechts zu schaffen, habe dabei ich vor Augen.

Die Arbeit geht derzeit nur langsam voran. Wegen des abgebremsten Pandemielebens, stottert mein, ansonsten gut laufender, Arbeitsmotor etwas. Vor ein paar Tagen begann ich das 143. Tagebuch mit neuen Buchmalereien.

So lese ich manchmal in einem Architekturbüchlein über das Berliner Scheunenviertel, in dem mein Vater mit seiner Mutter und seinen Geschwistern lebte. Der Autor ist ein konservativ-zurückhaltender Architekturkritiker. Interessant war die Platzierung des kleinen Seitenerzählstrangs, in diesem Zusammenhang, vom Mord an einem Polizisten, an dem Erich Mielke beteiligt war. Für diese Tat, in der Nähe der Volksbühne, wurde er dann in den Neunzigerjahren auch rechtskräftig verurteilt.

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Neuer Auftritt der Tanzzeichnungen

Einer der Zeichentische, an denen ich entweder an den Transparentpapierrollen oder an den Buchmalereien arbeite, ist nun ganz bedeckt mit Tanzzeichnungen. Am 15.02. 2003 hatte ich mehrere Stapel von Kopien dieser Zeichnungen auf den Boden der TAT gelegt. Die Gäste der Premiere den Tanzstücks von Georg Reischl mussten über diese Bodenskulptur steigen, um auf die Zuschauertribünen zu kommen. Jetzt bekommen sie einen neuen Auftritt innerhalb des zweiten Doppelportraits der Väter. Bei der erneuten Sichtung der Blätter, ergeben sich natürlich viele Möglichkeiten der Weiterverarbeitung auf Rolle 8, mit dem Ziel, das Ergebnis in die Reliefstruktur einzufügen.

Gestern Abend besuchte mich Franz hier im Atelier. Wir verknüpften ein paar Reiseerlebnisse über anatolische Teppiche und die dazugehörenden Landschaften und fanden so zu meiner aktuellen Arbeit. Das seltene Feedback ist mir umso wichtiger, als es mich bei meiner Suche bestätigte.

In einem morgendlichen Chat meinte Vinzenz, dass er mal meine Transparentpapierrollen am Stück ausgestellt sehen würde. Dafür benötigten wir 400 laufende Wandmeter Ausstellungsfläche. Das würde auch mir gefallen. Beim Sichten einer älteren Rolle gestern, stieß ich auf Buchmalereiumrisse, die sich mit anderen Motiven verbunden hatten. Über diese Arbeitsweise, hatte ich zu der Verbindung der Tanzfiguren mit anderen Strukturen gefunden.

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Neuland

Die Erinnerungsräume, in denen wir uns befinden, sind wie Kinesphären. Ich stelle mir vor, wie sie sich überschneiden und die Schnittmengen neue Räume umschreiben, Skulpturen der gemeinsamen Erinnerung. Zunächst ist das tänzerisch darstellbar. Der Raum der Bewegung von zwei Figuren wird als skulpturaler Wert festgehalten. Dort wo sich ihre Bewegungsräume begegnen, entsteht das gemeinsam durchtanzte Volumen. Es ist virtuell und mit formgebenden Medien darstellbar.

Ein ähnliches Phänomen tritt derzeit bei den Collagen auf. In ihnen bilden sich, aus den Überlagerungen, Formen, die Durchblicke ermöglichen. Diese erlauben die unterschiedlichen Darstellungen aus den vorangegangenen Arbeiten, gleichzeitig in den Blick zu nehmen. Außerdem formen sie sich gegenseitig um. Vergleiche ich diese Erfahrungen, mit denen aus dem Zusammenspiel von Jazzmusikern, etwa Miles Davis und John Coltrane, so erweist sich diese künstlerische Methode vielgestaltig. Coltranes wildes Saxophon wird von der gelasseneren Trompete von Miles Davis aufgenommen, kommentiert und beruhigt und umgekehrt. Ihr Zusammenspiel ergibt das Konglomerat verschiedener Musik- und Lebenserfahrungen, wird zu einer gemeinsamen Form verbacken.

Vor fünfzehn Jahren habe ich mit der Verschneidung von verschiedenen Küstenlinien neue Areale gefunden, die ich „Neuland“ nannte. Sie sollten eine Grundform für den Trixel Planeten bilden. Auf diese Weise begleitet mich das Thema schon eine Weile in unterschiedlichen Zusammenhängen.

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AufZeichnungen

Langsame, gleichmäßige Arbeit am 7. Relief. Die Vermischung der Tanzfigurensequenz mit den zersplitterten Rasterpunkten bekommt einen Grad von Fremdheit, der neu ist. So halte ich das Steuer fest in der Hand und weiß nicht wo die Fahrt, ohne Kompromisse und immer geradeaus, hingeht.

Meine älteren Tanzzeichnungen, mit denen ich mich intensiver beschäftige, zeigen Protagonisten von verborgenen Erzählungen der eigenen Geschichte. Somit erweitert sich die Erinnerung um Interpretationen ihrer AufZeichnungen. Je nach dem Ort der Suche, werden die Zeichen, auf den weißen Flecken der Erinnerrungskartierung,  eingeordnet. (Auf alten Karten bekamen die unerforschten Gebiete die Aufschrift: „Hier wohnen Löwen“.)

Diese Arbeit ist auf einen langen Zeitraum angelegt und wird sicher noch verschiedene Facetten hervorbringen. Dort, wo sich die unterschiedlichen Erinnerungshorizonte überschneiden, entstehen die Flächen, auf denen sich die Erzählungen begegnen, sich unterschiedliche Interpretationen überlagern. Es sind die spannendsten Areale dieser Arbeit, die ihren Anfang in den Überlagerungssequenzen auf den Transparentpapierrollen haben.

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In My Room von Falk Richter

Die Übertragung der zweiten Tanzsequenz von Rolle 8 auf das 7. Relief, füllte den gestrigen Arbeitsnachmittag an. Die Anstrengung war groß, weil ich ein genaueres Abbild mit umständlichen Techniken anfertigte. Die Präzision war erforderlich, weil es sich um eine Zunahme von sich überlagernden Figuren handelte, bei der man den Überblick behalten sollte.

In My Room“ heißt eine Theaterarbeit am Maxim Gorki Theater von Falk Richter. In dieser Collage geht es um die verschiedenen Erfahrungen die Männer, in diesem Fall die Schauspieler, mit ihren Vätern gemacht haben. Die Parallelen zwischen meiner Haltung und Herangehensweise und den Empfindungen des Regisseurs, von denen er in einem kurzen Video erzählte, berühren mich. Allerdings glaube ich, dass ich einen Schritt weiter gehe, tiefer in der Geschichte grabe und meine Gegenwart mehr mit ihr verbinde.

Heute will ich mit der Bearbeitung des Reliefs weiterkommen. Ich überlege, zunächst eine Schellackschicht über die Tuschezeichnung zu legen, dann die Figurenumrisse mit einer zweiten Schicht auszufüllen, wobei die hellen Partien des Rasterportraits hell bleiben müssen. Sind die Figuren dabei dennoch mit einem zarten Tuscheinnenleben füllbar?

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Garten der Ablenkungen

Montag.

Ich wässerte das Gärtchen, fertigte die täglichen Buchmalereien an und versuche mich wieder auf den Punkt der Arbeit zu konzentrieren, an dem ich vorige Woche angelangt bin. Aber mich zwitschern die Vögel an und das zitternde Licht erneuert den Morgen zwischen den Gewächsen.

Ich nehme mir das quadratische Blatt des dritten Scherbengerichtes, mit der Nummer 152 und dem Datum 28.12. 2016, zur Hand. Auf der Schellackschicht umschloss ich die Scherbe mit einem Tuschefleck, wie mit einer Nährlösung. Dann nehme ich mir die Tagebucheintragungen dieses Tages vor und lese von viel Unsicherheit. Auf dem Doppelportrait bildet die Scherbe 152 einen Teil vom unteren Rand des Kinns. Immer mal habe ich einen Impuls, diese umschlossenen Splitter, wieder einzeln abzuformen und sie mit gebogenen Weidenstangen zu Objekten zu machen.

Aber die Pflanzen, die draußen in den Regalen wachsen, benötigen auch noch Wasser. So habe ich wieder einen Grund, den Zeichentisch zu verlassen und im Garten der Ablenkungen zu verschwinden. Dort aber empfinde ich die sichtbaren Dinge viel stärker als sonst. Nebensächlichkeiten können so eine größere Rolle in meinem Nachdenken über das Erinnern bekommen. Die Bücher von Aleida Assmann und Frank Witzel zu diesem Thema ergänzen sich. Ich lese sie langsam.

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Im Raum

Sehr wach und schnell erledigte ich die Buchmalereien am Morgen. Die Arbeit auf Rolle 8 führte mich gestern in die Sicherheit, die ich zum Weiterarbeiten benötigte. Sie nähert sich dem Zustand, den ich am 20.12. mit einer Kombination einer Tanzfigur mit einer Buchmalereistruktur zufällig erreichte. Diese Struktur setzte sich aus einer Relieffrottage und Linien, die vom Abriss des Palastes der Republik stammten, zusammen und beschäftigte mich, in seiner Unscheinbarkeit, viele Tage.

Jetzt überlagern sich verschiedene Tanzfigurenumrisse und treffen dabei wieder auf Relieffrottagen. Auf den Reliefs kommen dann, innerhalb dieser Begegnungen, Erinnerungsornamente hinzu. All das ist im Entstehen und folgt vorsichtigen Tastversuchen. Die Konstellationen in den Räumen der Bühnenzeichnungen, beziehen sich auf eigene Gefühlslagen. Haltungen entsprechen eigenem Sozialerleben, erzählen von mir im Raum.

Derzeit kommt den Collagen, die in diesem Text erscheinen, ein wichtigerer Arbeitsanteil zu. Der freiere Umgang mit den Fotobearbeitungswerkzeugen, führt zu einer gewissen Grobheit, geometrische Ausschnitte tauchen auf, aber auch malerisch-wolkige Areale. Aus diesen Zusammenspielen ergeben sich Hinweise für den Umgang mit der Reliefmalerei.

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Relevanz?

Am Vormittag verflocht ich, auf Rolle 8, das Tanzthema weiter mit dem Väterportrait. Eine Figur, die ich schon auf Relief 11, in all dem Gewusel, auftreten ließ, reduzierte ich wieder auf den Umriss, der die Zeichnung von 2007 bildet. Als Wiederholungssequenz fügte ich sie von Rechts nach Links in die Linien der Reliefformfrottagen ein. An diesen Überlagerungen von Tanzfiguren, Scherbengerichten und den Punktrastern des Portraits, arbeite ich heute weiter.

In einem Stapel von Abgeformten Pappmachereliefs fand ich ein Exemplar der Nummer 10, das nun die obere Reihe des Gesamtportraits komplettiert. Die weiteren Auswirkungen der vertikalen und diagonalen Kompositionslinien, ergeben sich aus der folgenden Arbeit.

Nachmittags stieg ich auf den Altkönig. Unterwegs dachte ich an zwei Essays, die ich gestern zum Verhältnis von Kunst und Kritik, im Zusammenhang mit den anonymen Wortmeldungen im Internet, hörte. Dabei wurde gesagt, dass sich insbesondere jüngere Künstler diesen Mechanismus verweigern, allem und jedem einen hochgereckten Daumen zu entlocken. Das ist ganz in meinem Sinn. Sich den Bedingungen des Kunstmarktes oder welchen Kriterien auch immer zu entziehen oder der Verfälschung der Arbeit durch die Inszenierung des Künstlers, bedeutet die Unabhängigkeit, mit der ich meine eigenen Welten entwickeln kann. Die Relevanz muss mir egal sein.

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Genealogie

In Windeseile habe ich heute die Buchmalereien angefertigt, schnell gestoppt. Ich versuchte zu rekapitulieren, was bei der Übertragung der Farbflächen mittels der Haut meines Handballens, erzeugt wird. Von den Linien der Handoberfläche geht eine Spannung aus, die zarte Farbübergänge mit einer Verwandlungsenergie auseinanderpflückt.

Als müsste ich den überraschenden Stillstand von Gestern aufholen, ging ich meinen Weg in das Atelier mit schnellem Schritt. Ich will mich vergewissern, wie das Tanzthema mit dem Väterprojekt zusammenhängt. Das Auffüllen des Punktrasters damit, setzt einerseits die Genealogie der Väter mit meinem Erleben fort, andererseits werden verschiedene Welten in Beziehung gesetzt, um neue Geschichten zu erzählen, denn alles hat mit allem zutun.

Um dem Struktur zu verleihen, fertigte ich gestern Frottagen weiterer Formen der oberen Reliefreihe auf Rolle 8 an, um Übergänge von Tanzzeichnungssequenzen zu probieren. Außerdem ist ein Blatt mit den stilisierten Rasterlinien des Portraits entstanden, mit dem ich das gestern gefundene Modell der Übergänge überprüfen will.

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Stilisierung und Verspieltheit

Beim Nachdenken über die Gesamtkomposition des 2. Väterportraits, versuchte ich zwischen den unterschiedlichen Stilen der zwei bisher bemalten Tafeln, von insgesamt 16, eine logische Verbindungslinie zu ziehen. Dabei übertrug ich die Art der realistischen Anlehnungen von Tafel 11, auf die Gestaltung von Tafel 1. Sie befindet sich diagonal gegenüber, an der unteren linken Ecke. Daraus ergibt sich zusätzlich, die Verbindung von den stilisierten Tanzfigurenumrissen auf Tafel 6 zur Tafel 16, die sich diagonal gegenüber an der rechten unteren Ecke befindet. Aus diesen Eckpunkten, ergäben sich nun die stilistischen Übergänge in den Horizontalen, den Vertikalen und den Diagonalen. Wenn ich das ernst nehme, muss ich es vorher zeichnerisch, mit einfacheren Motiven, ausprobieren.

Strenge und Verspieltheit bilden somit das formale Gegensatzpaar, das es zusammenzuhalten gilt.

Das Gärtchen wuchert. Die Amsel sitzt still und unsichtbar in ihrem Nest. In den nächsten Tagen müssten die Jungen schlüpfen. Dann ist es mit der Ruhe vorbei.

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Kunstreservat

Wenn meine südwestliche Ateliertür jetzt offen steht, schaue ich, nach dem Abriss des großen Backsteingebäudes, in einen weiträumigen Himmel. Auf dem Platz, der sich nun nach Südwesten öffnet und viel mehr Licht bekommt, sprach ich mit meinen Nachbarn über die Zukunft des Tevesgeländes, über die Zeit unserer Arbeit an diesem Ort hinaus. Nun haben wir schon fast zwanzig Jahre hier zusammen verbracht, was an sich schon eine Besonderheit ist. Die kommenden fünf Jahre werden die Situation, durch den Wohnungsbau rundherum, grundsätzlich verändern. Dann muss sich das Areal durch einen besonderen Charme bewähren. Für mich ist das Zusammenspiel von einem natürlichen Wachstum, auch was Pflanzen und Natur angeht, und konzentrierter Arbeit das stabilisierende und zukunftsorientierte Element. Man müsste nun also einen neuen Anlauf unternehmen, um die Widmung des Ganzen zu justieren.

Neben der Tagebucharbeit zeichnete ich am vergangenen Wochenende am Relief Nummer 6 weiter. Die Gestaltung schließt sich durch die Dunkelheit, die die Motive umgibt und sie gleichzeitig hervorhebt. Von der rechten Seite her könnte ich nun einen andere Figurensequenz gegenläufig erstellen, die sich in der Mitte mit der zuerst geschaffenen trifft und vermischt. So etwas kann ich auf der großen Transparentpapierrolle entwickeln.

Der derzeitige Schutz meiner Arbeit vor der analogen Öffentlichkeit, lässt mich über ein Reservat nachdenken, in dem sich die Kunst geschützt entwickeln kann, um das Besondere hervorbringen zu können, was man immer wieder von ihr verlangt.

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Rückblick in Formensprachen

Auf der Arbeitsplatte, auf der ich, derzeit mit Feder und Tusche, die Reliefzeichnungen anfertige, stehen auch zwei Transparentpapierrollen, die ich 2007 bis 2008 zeichnete. Damals vergrößerte ich einige meiner Buchmalereien, die aus Papiergravuren, farbigen Schraffuren und Tuschefiguren bestehen, druckte sie aus und legte sie unter das Transparentpapier, um die Konturen durchzuzeichnen. Die füllte ich dann mit verschiedenen Strukturen an. Die stammten vom Abriss des Palastes der Republik in Berlin, aus Stadtkartenausschnitten von Wien und Wanderungsspuren des Trixel Planeten.

Nun flechte ich Teile dieser Formensprache in die Zeichnungen und in die Bemalung der Reliefs des Väterprojektes ein. Mit Feder und Tusche zeichnete ich Strukturen verschiedener Herkunft in die Umrisse der Tanzfiguren. Die abstrahierten Erzählungen, die inhaltlichen Schwerpunkte also, sollen sich innerhalb der Figuren, die sich, wie in einer Prozession wiederholen, konzentrieren. Die anderen Teile der Scherben sollen so gestaltet sein, dass sich einerseits das Rasterportrait am Ende deutlich abbildet, in der Nähe aber die Figuren hervorgehoben bleiben.

Das Zusammenspiel der Buchmalereien und der Arbeitszustände des Reliefs innerhalb der Collagen, stellen das beschriebene Vorgehen immer mal infrage. Es ist mir wichtig, die kritische Distanz, innerhalb der eigenen Arbeiten, selbst zu entwickeln.

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Inhaltsverflechtungen in Tanzfigurenumrissen

Gestern begann ich die Figurensequenzen, die ich auf das 6. Relief dieses zweiten Väterportraits übertragen habe, mit Tuschestrukturen zu füllen. Dabei arbeite ich mit Schellackschichten, mit Tusche, Wasser, Feder und Pinsel. Das geht gut von der Hand, wenn ich mich von dem Figurenstil der ersten Transparentpapierrollen inspirieren lasse. Damals, mitten in der Arbeit zum „Trixel Planet“, speiste sich die Ästhetik aus Felsgravuren, ethnischen Zeichen und den Wanderungsspuren aus der menschlichen Geschichte, die ich damals gesucht und gesammelt hatte.

Die Konzentration auf diese Themenfelder hat nun nachgelassen. Dennoch spielt, bei Betreten der verschachtelten Erinnerungsräume in mir, das Material noch eine nicht unbedeutende Rolle. Der Oryxmann, die Handabdrücke und die Stadtkarten bieten mir nun Anlässe, an die Bilder und Gefühle dieser Zeit zu denken und sie mit den Geschichten zu verbinden, die mich noch vor meiner Zeit zu beeinflussen begannen.

Felsgravuren und Tanzentwicklungsarbeit habe ich noch nicht bewusst zusammengebracht. Aber ihre Kombination mit Handprintkartierungen von Stadtwanderungen gibt es schon. Die Welten die sich jetzt auftun, verzweigen sich sehr stark. Das wird wieder auf eine Stilisierung, im Sinne von Reduktion, herauslaufen. Vielleicht beginnt das mit der Konzentration von Inhaltsverflechtungen auf die Tanzfigurenumrisse. Die anderen Scherbenteile könnte ich dem Fließen der Tusche überlassen…

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Gleichzeitigkeit

Es ist etwas anspruchsvoll, die seriellen Tanzfiguren vom Entwurfstransparentpapier, per Freihandzeichnung auf das Relief Nummer 6 zu übertragen. In den Collagen mit den Buchmalereien, eröffnen sich nun schon Ansichten, wie die Zwischenräume in den Szenen anderes Material aufnehmen können. Der Blick auf die Transparentpapierrollen aus dem Jahr 2007, zeigt Strukturen und Figuren, die mit der Stilisierung zutun haben, von der ich gestern schrieb, als ich die Hoffnung auf die Wirkung des Romans „Innerer Schiffbruch“, auf meine Arbeit, aussprach. All diese Figuren in ihren Bezügen, erscheinen mir reifer als das, was mir in dem vergangenen Monat einfiel und was ich auf der Wand der Kaschemme hinterließ.

Ein Glück, dass ich auf diese Dinge zurückgreifen kann, mit ihnen in die Erinnerungen finden werde, die damals schon, als ich mich mit dem Rückbau des Palastes der Republik beschäftigte, eine Rolle gespielt haben, sich gruppierten zu Bildern der Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Vorgänge.

Die täglichen Erfindungen von Formen, Strukturen und Szenen, ermüdet mich manchmal etwas. Dann denke ich an den Altkönig, meinen Fluchtpunkt, den ich heute wieder besteigen will.

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Zwischenräume

Bis jetzt konnte ich das Prinzip der Bemalung des neuen Väterreliefs auf Rolle 8 entwickeln. Aber für eine Art Entwurf von einem ganzen Reliefteil der 16, reicht die Höhe der Rolle nicht aus. Deswegen begann ich mit einer größeren zu arbeiten. So fügte ich im unteren Teil noch eine weitere sitzende Tanzfigur ein, womit nun drei Motive in seriellen Rasterungen miteinander verbunden sind. Dieses Rahmenmaterial ordnet den Splitterraum des Reliefs neu.

Ich stelle mir die Frage, inwiefern die Tanzsequenzen Zwischenräume und in Verbindung mit den Splittern Geflechte bilden, durch deren Konstellationen meine Erinnerungen neu gesteuert werden. Diese Voreinstellung formt den Blick auch in die Zeit vor meiner Existenz. Ähnlichkeiten der Formen, die wieder erkannt werden, führen auf Wege bildlicher Vorstellungen, die die Vergangenheit neu beleuchten.

Ich begann mit der Lektüre des Textes „Innerer Schiffbruch“ von Frank Witzel, ein Autor meiner Generation, der sich nach dem Tod seiner Eltern auf die Suche nach Geschehnissen und Gefühlen macht, die in den Schichten der eigenen Erfahrungen verborgen sind. Eigentlich erhoffe ich mir davon Einschränkungen meiner Ideen, zugunsten einer Stilisierung und Rücknahme der überbordenden Erzählung.

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Hamlet | Tuschmalerei | Amselnest

Sandra Hüller spielte, in einer Aufzeichnung aus dem Schauspiel Bochum, die Figur des Hamlet im gleichnamigen Stück. Der Regisseur Johan Simons collagierte Fragmente aus Hamletmaschine von Heiner Müller mit ein. Eine hervorragende Inszenierung, wie ich finde und großartig gespielt von Frau Hüller. Selten hat mir Theater im Fernsehen Spaß gemacht. Aber da hat sich bei den Umsetzungen in letzter Zeit viel getan. Eine kleine Sehnsucht zurück zur Theaterarbeit entstand in mir. Ich musste an die Bühnenbilder denken, die ich gemacht habe. Das zur Oper Medee hatte ein wenig mit dem Bild gemein, das wir gestern Sahen. Auch da gab es Wände die um das Zentrum kreisten.

Ich muss viel über die Tuschmalerei denken, die innerhalb der Weiterarbeit an den Reliefs, vor mir liegt. Ich schwanke hin und her, ob ich es so machen sollte, wie ich es mir jetzt vorstelle: ein serielles Raster der Tanzfiguren, in der Spannung zu den erfundenen Szenen und abstrakten Tuschgesten.

Im Nest, in der Robinie meines Gartens, wird nun tatsächlich gebrütet. Eine Amsel sitzt geduldig und mutig auf ihren Eiern. Ich bin gespannt, ob sie die Jungen, wenn sie geschlüpft sind, durch bekommt. Und ich frage mich, ob sich dann der Vater blicken lässt, um bei der Aufzucht mitzumachen.

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Rasterung

Die Figurensequenzen auf den Transparentpapierrollen entstehen dadurch, dass Motive, die beim Zusammenrollen des Papiers durchscheinen, übereinander gezeichnet werden. Je größer der Durchmesser der Rolle ist, desto größer sind die Abstände der Wiederholungen. Der aufgewickelte Teil mit den schon gezeichneten Sequenzen der Vergangenheit, befindet sich derzeit auf dem großen Durchmesser der Rolle 8. Der kleinere besteht aus dem Papier, das noch bearbeitet werden wird. Ich kann also auch diese Seite, die kleine, rechte, Zurückrollen und dabei Figuren durchzeichnen. Der Abstand der so entstehenden Wiederholungen ist kleiner. Mache ich diese Hin- und Herbewegung mit unterschiedlichen Szenen, überlagern sie sich in unterschiedlichen Rhythmen, vergleichbar mit den Technobeats, die übereinander gelegt, auseinanderdriften und dann wieder zusammenfinden.

Wenn das per Bemalung auf das Relief übertragbar ist, wogegen nichts spricht, addiert sich eine neue Rasterung über die 4×4 Reliefteile. Auch das ließe sich noch weitertreiben.

Wegen der belastenden Abrissarbeiten in der direkten Nachbarschaft, bin ich gestern Nachmittag in den Wald geflohen. Ich fand alte, überwucherte Fischteiche an einem Bachlauf und an den Stämmen der alten, riesigen Buchen, Baumperlen.

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Ostamsel

Jetzt fällt die große Backsteinfassade südwestlich des Ateliers den Abrissbaggern zum Opfer. Im Winter reichte ihr Schatten über die gesamte Betonfläche des Platzes. Der Westwind wurde durch die lange Nordwestfassade des, nun fast nicht mehr vorhandenen, Gebäudes gebündelt und zwischen unsere Häuser gedrückt. Die mikroklimatischen Verhältnisse werden sich nun verändern, wodurch das Gärtchen, in den kalten Jahreszeiten, mehr Sonne bekommt.

Die Amsel, die in den letzten Wochen darin hauste und die Erde zerwühlte, baut sich nun in der Mitte der Baumkrone der Robinie ein Nest. Ich lasse sie in Ruhe und werde, bis sie dort ihre Eier hineingelegt hat, die Äste nicht beschneiden. Schon einmal, in meinem vorigen Atelier, das ich selber gebaut hatte, nistete eine Amsel auf dem Querstück meines Ofenrohres, das nach draußen ragte. Als ich aber heizen wollte, nahm ich das Nest, mitsamt den Eiern und dem Vogel darauf, herunter, legte zwei Backsteine zur Isolation auf das Rohr und setzte sie wieder auf die Steine. Währenddessen blieb die Amsel die ganze Zeit heroisch auf ihren Eiern hocken. Eine Ostamsel!

In die Reliefformfrottage auf Rolle 8, fügte ich Tanzfiguren ein, wie bei einer normalen Überlagerungssequenz. Das ist noch zu mechanisch. Da muss noch was kommen!

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Übertragung

Relief Nummer 6 goss ich gestern etwas stabiler ab. Das heißt, dass ich zum Pappmache mehr Kleister hinzufügte und eine dickere Schicht in die Form gab. Beim Hängen des ersten Portraits merkte ich, dass die Tafeln bei der weiteren Verarbeitung etwas mehr Festigkeit benötigen.

Vorher fertigte ich von den oberen zwei Dritteln der Form eine Frottage an, übertrug die Kantenlinien der Splitter und Scherben also auf Rolle 8. Die Tanzfiguren möchte ich nun gezielter in die Struktur einfügen, sie einerseits wieder mehr stilisieren und andererseits versuchen, die Arbeitsweisen der überlagernden Wiederholungen und Verdichtungen von den Transparentpapapierrollen auf die Reliefs zu übertragen.

Die Abrissmaschinen entwickeln Zementstaubwolken, die mich an die Kalima-Wetterlage in Fuerteventura erinnern. Im Rachen habe ich ein trockenes Gefühl, die Augen brennen und die Atemwege sind allgemein belastet. Das Stadtbild wird immer unwirklicher: vernebelte Luft und vermummte Leute in ihrer allgemeinen Ausweichchoreografie.

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