Keine Überlagerung

Zwischen den Krakelwolken, in denen sich Schrift tarnt, bilden sich Linien, die zu etwas Konkretem hinwollen. Aber meistens werden sie daran gehindert und Getöse schiebt sich in die oberste Bildschicht. Dabei ist die Ausgangslage klar: „…sie steht auf und verlässt das Haus mit zwei Kindern…“. Vom Ende aber her, von 3, schiebt sich die biografische Miniatur einer Gletscherwanderung dagegen. Die Abdrücke der Gravuren beider Textschichtungen aus 1 und 3 konfrontierte ich in 2 – keine Überlagerung.

Immerhin bilden sich wieder unbekannte Zeichen aus 1 gegenüber einem unangenehmen Grün aus 3. Die Gravuren zucken im Rhythmus der Nervenbahnen unter der Haut. Eine Operation hat sie freigelegt, die Haut ist zur Seite geklappt, um die Zeichen lesen zu können. Das kostet Kraft, weil nicht klar ist, ob der Prophezeiung geglaubt wird.

Ich bin allein damit. Die Kälte steigt die Beine hoch. Es grünt in den Gletscherspalten, vom Ende her schiebt sich rückwärts der Wald zwischen die Abbruchpfeiler. Angst vor dem Sturm, dem Whiteout.

Kein Gipfel

In 1 ist es mir heute gelungen, die Schriftgravur positiv und negativ in Erscheinung treten zu lassen. „ … geholt, die zwei Jahre Hungern, die sich dann aber fängt…“ Die Alten fallen in den weißen Raum, in dem für Sekunden Erinnerungsprojektionen aufscheinen, oder an den Tisch heranrücken. Es sind, im Zusammenhang mit Sinas Text über die Großmutter, bereits 30 Buchmalereien entstanden. Wenn ich dranbleibe und die Schriftgravuren aus ihren Worten an den Anfang oder einen anderen Ort der täglichen Bildentwicklungen setze, könnten es noch einmal so viele werden.

Im Gegensatz zu gestern, ging ich heute vorsichtig heran. Anhaltspunkte für Linien fand ich erst spät. Zunächst in den Strukturen von 3. Ich schickte das Bild der Autorin. Sie reagierte und ich erinnerte mich an das Gewitter an der Roten Wand im Antholztal. Kein Gipfel, Abstieg und Schutz vor Hagel und Blitz auf Zwergrhododendren unter einer Steinplatte. Eis in den Schuhen und Jackentaschen…

In 2 gibt es einen Baum mit einer Fingerabdruckkrone. Daneben Richtantennen für Funksignale. Die Kundschafter melden Drohkulissen. Dann, innerhalb verdrahteter Kommunikation, wachsen sie über den Wald hinaus und lösen lauten Streit aus. Szenarien einer Schlacht klingen herauf. Überlagerte Chiffren bilden immer neue und fremde Zeichen.

Ohne Scheu

Mit schnellen Gesten probierte ich die verschiedenen Handkantenabdrücke – positiv und negativ. Letzteres gelang mir erst ganz am Ende in 1. Am Anfang standen zwei Zeilen des Textes von Sina. Ich denke an innen und außen, an die Adern unter der Haut. Schnell richten sich die Figuren auf, fast beiläufig, ohne Scheu. „… Nadel und Restfaden werfe ich anschließend auf einen Gla(s)tisch…“ –die zwei Zeilen von heute.

Die Malereien ergossen sich etwas mehr in die Fläche, als wollten sie den Text zurückdrängen. Etwas hält mich davor zurück, in ihre Zwischenräume zu gehen, um mich in die Geschichten, die dort stattfinden zu begeben. Es ist die Furcht vor dem Auserzählen der Malereien, worauf sie ihre Geheimnisse verlieren.

Stattdessen denke ich wieder daran, markante Figurationen auf Rolle 9 zu übertragen, um sie später auf die Reliefrekonstruktion zu schichten. Der Adaption der Buchmalereitechnik für die Reliefs möchte ich Zeit beim Experimentieren einräumen.

Kokon

„…und den Wind von den Schultern lässt…“ Die Umrisse, die um Abdrücke und andere Strukturen entstehen, sind wie ein Kokon. Die eingesponnenen Wesen sind alle lebendig, schlafen, zappeln oder sind dabei, die Hülle in eine Haut ihrer schreitenden Körper zu verwandeln. Dann können die Gewebe aber auch aufreißen, wie in 3, und stellen dann das Material für die Architekturen, die die Körper stützen und Sockel bilden. Sie können zu kleinen Gebirgen wachsen oder auch Fortsetzungen der Körper sein, die nicht vom Fleck kommen.

Das Hautliniengesträuch des Handabdrucks, ist ein innerer Rhythmus, der sich auf die Bewegungen der Schraffuren, Linienbündel und Krakelgesten auswirkt. Nehme ich diese Annahme als Richtschnur, so muss ich nur den Mustern folgen, um mit dem Entschlüsseln des Sinns meiner Bewegungen beginnen zu können. Diesen Linien mit einem spitzen Stift zu folgen, erzeugt eine geschlossene Meditationsschleife. Wenn ich die eingefärbte Handkante immer wieder mit einem feuchten Schwamm abwische, bleibt nur noch die Farbe in den vertieften Linien übrig. Auch sie kann ich auf das Papier drucken – eine Negativ der vorausgegangenen Handkantenübertragungen. Unten in 3 habe ich sie nachgezogen.

Am Vormittag war ich bei Maya in ihrem Malort. Ich wollte mehr vom Ansatz ihrer Arbeit kennen lernen. Das soll die Voraussetzungen für unsere Kooperation bereichern.

Spekulationen

„…schläft eine Nacht traumlos…“ Die Träume zuvor und danach versammeln sich als Gewisper zwischen den Kulissen. Die geschichtete Schriftgravur muss für die Spekulationen der Deutung herhalten. Nebulös bleiben auch die Abdrücke, so dass ich die Worte in 2 noch einmal übereinander schreibe und mit dunklem Indigo schraffiere. Figuren die anderswo auftreten bestimmen am ehesten die Szenerie.

Das gehörnte Wesen in 2 erscheint etwas geschmäcklerisch, was die Figur rechts davon wettmacht. In der Mitte verströmt eine Schmarotzerpflanze ihren Duft. Das verschmolzene Paar in 1 sucht innig nach dem, was ihre Verbindung ausmacht. Es manifestiert sich figürlich zwischen ihnen.

In 3 erwachen die gedoppelten Formen und beginnen ihr Eigenleben. Die Lärche rechts, die in das Morgenlicht steigt, streiche ich im Text. Weil sie immerhin einen unregelmäßigen Umriss besitzt, lasse ich sie im Bild gelten. Auch der Schatten über dem Kopf des gehörnten Wesens in 2, rettet seine Existenz. Das sind die Bilder unter dem Dach der Freundin, die über die Textzeile hinausgreifen.

Kriegsschlamm

„…Kriege während zwei Kriegen…“ Das ist die Zeile der heute geschichteten Schriftgravur. Sie ist unter den Verwischungen völlig verschwunden. Auch in 2, im Abdruck, taucht nichts mehr davon auf. Die Leerstelle füllt sich schnell, als wäre sie ein Makel des Vergessens, der die drei Buchmalereien entwerten könnte.

Aber rechts in 2 entsteht ein schickes Alienbaby. Das kommt leicht gegen den Wind von der anderen Seite an. Er wächst zwischen den senkrechten Metallstäben im Säurenebel. Sie teilen die Szene, die sich mit einem geschlossenen Umriss fortsetzt. Es ist die Aufsicht auf eine ausgegrabene Siedlung, deren Umfriedung mit zwei Ausstülpungen Quellen umschließt. – Die Quelle neben dem Haus meiner Kindheit, nannten die Mönche „Paradiesbrunnen“. Der Name hielt sich bis zum Mauerbau. – Links ist auf einer Lanze ein Schwamm aufgespießt, voll vergorenem Most.

Leicht auszumachen ist, dass die Figur zwischen den Kriegswolken in 1 aus 3 kommt. Dort balanciert sie auf einem Kästchen, das auf einem Stab steckt und spricht dynamisch durch ein Megafon. Das kleine Gesicht des Satyrs gegenüber, schaut etwas erschrocken. Er sträubt sich gegen die Lautstärke. Die Pigmentkrümel des aufgewirbelten Kriegsschlammes hinter ihm, schabe ich mit einem Messer von der Papierfläche, blase den Staub auf meinen Atelierboden.

Artikulieren!

Ich lasse schnell los. Die Bildverdichtungsverkrampfung löst sich innen und mit ihr ein ganzes Figurenensemble aus dem Nebel. Von Sinas Textzeile: „…sitzt mit gesenktem Kopf vor dem letzten Mann…“ ausgehend, schichte ich die Worte in drei Papiergravuren übereinander. Die letzte Schicht – Mann – , dann sepiagraue Schraffuren in 1 und die Umrisse der Handkantenabdrücke in 2. Die führen mich zu einer lockeren Abfolge von Szenen. In 1 rumort der verwischte, verschluckte Text und stülpt einen Kasten mit geschwungener Kante aus der verwehten Sprechergruppe nach vorn. Aufgenommen wird die Kontur vom Rücken eines aufrechten Fischleibes oder einer Seejungfrauenrobbe, die schwache Kraftschwünge aussendet und damit eine weitere Person auf die Szene ruft. Aber über ihr lastet schreiend und zappelnd der Indigomann in seiner „gewaltigen“ Art. Er brüllt Sturm gegen die Textverschlucker: Artikulieren!

In 2 finden sich noch ein paar blasse Schreibschriftzeichen, umhüllt von weiteren Handkantenlinien, die wieder in Figurenumrisse geraten. Sie treiben Wurzelansätze nach unten in den leeren Raum. Am rechten Rand greift eine Karminklaue ins Vakuum. Zwischen ihr und dem Instrument am gegenüberliegenden Rand bauschen sich wehende Kleider und eine dicke Figur, die sich ebenfalls in 1 und 3 abbildet.

In 3 trägt ein Gnu-Gott noch etwas von der Schreibschrift auf seinem Fell. Sein Blick fällt auf ein Zentrum des Bildes, eine Doppelkreuzmarkierung. Sie betrifft den Kopf der kobaltgrünen Figur mit dem finsteren Seelenleben…

Wortpaar

Zerfurcht – geädert, die beiden Seiten einer geformten Fläche, wie sie Sina sieht. Das Wortpaar in 1, als übereinander geschriebene Papiergravur, tritt auf der anderen Seite geädert hervor. Zwischen den Worten des Vortages, wölben sich die Linien nach außen oder zurück. Die Schraffuren bilden eine Herde von geflügelten Menschenschweinen, die sich auf einen Energienebel hinbewegt, um sich von ihm zu ernähren. Aber gefährliche Oberflächenschwimmer verstecken sich darin.

Eine gehörnte Mutter in 2, wippt Drillinge. All das, was in ihren Rücken rumort, wird abgeschirmt. Der ganze Verlauf und dessen Rückkopplung, das Schlagzeugsolo von gestern wabern, bereit zu übernehmen.

In einer langsam wachsenden neuen Umgebung für die Rekonstruktion des Kraftfeldes, beginne ich die Reliefteile vorsichtiger zu bearbeiten. Durch die Kooperationen treten zwischen den Linien neue Strukturen auf. Ein Gewebe aus Fäden, Farben, Begegnungen und Worten bildet Impulse für eine deutliche Innenperspektive, im Gegensatz zu den 10 Jahre alten Ansätzen. Das Architekturelement in 3 erinnert noch einmal an die Möglichkeit der Dramatisierung der Vorgänge zwischen den sichtbaren Objekten auf einer Bühne.

Pressluft

Zunächst gravierte ich die Textzeile: …der Fadenrest zuckt in der Heizungsluft…“, aus Sinas Schreibmaschinenblatt mit der Holznadel auf die linke Seite von 1 und schraffierte sofort Sepia über die geschichteten Worte. Die Gravur zitiert den Kohlepapierbogen, mit dem Sina ihre Schreibmaschinenblätter macht. Einen Abdruck davon versandte ich nach 2, worauf sich zwei Figuren nach Rechts abwendeten. Die Textwolke wird noch von einem Stab gehalten. Ich zog die Silbe –luft- mit einem Bleistift (7B) nach.

Hautlinien in 3. Adern bilden sich leider nicht ab – so weit rolle ich die Handkante nicht in Richtung der Oberseite, wenn ich Abdrücke mache. Die Energielinien, die die Textwolke in 2 nach Rechts aussendet, durchströmen die beiden angewandten Figuren. Mein Gespräch mit diesen Gesellinnen spiegelt reale Vorgänge wieder.

Eine Maschine, eine Erdverdichtungsramme, nimmt hüpfend die Kraft der vorausgegangenen Kompositionen auf, wie ein Schlagzeugsolo, das abseits des Normaldienstes, hämmert. Das gemeinsame Thema, die Textüberlagerung, wird von der Pressluft zerstäubt und neu geglättet.

Umgeben und durchdrungen

An eine Stange, ein dünnes Holz, klemmte ich ein Relieffragment. Es fliegt wie ein Vogel vor der großen leeren Leinwand. Sie wäre ein Ort für die Inszenierung verschiedener Objekte. Sie könnten auf Stangen davor stehen und an Schnüren herabhängen. Eine flächige Inszenierung.

Sina brachte ich noch ein paar Reliefteile, damit wir zu einer Erweiterung unserer Kooperation kommen. Sie gab mir einen neuen schönen Text als Reaktion auf ein Objekt von mir. In einem Webmeeting von „YOU&EYE“ versuchte ich von unseren Treffen und Zusammenarbeiten, auch mit Claudia und Maya, zu sprechen, um damit die anderen zu animieren, ähnliches zu tun. Es beginnt sich etwas aufeinander zu zu bewegen.

Abgespeckter und konsequenter sind die heutigen Buchmalereien, die etwas unter Zeitdruck entstanden. Umrisse und Verwischungen griffen ineinander und erzeugten neue Gebilde. Links in 3 schmiegt sich ein Paar aneinander, das noch von anderen Umrissen, wie von einer Familie umgeben und durchdrungen ist.

Neu geordnet

Ich las „Originale, Übersetzung 10“ und „VI“ quer. Ich sah Kara Walkers illustratives Archiv. Am Morgen krakelte ich mit der Holzhaarnadel aus dem Gelenk in 1 und setzte farbige Lasuren darüber. Keine großen Kontraste. Wiederholte später noch einmal Gravuren, diesmal auf hellem Ocker mit einer grauen Schraffur. Dazu ein paar Gravitationsschwünge mit senkrechten, die Schnittpunkte durchtrennenden, Geraden – so komme ich langsam vorwärts.

In 2 fliegen die Informationen auseinander. Unten schaut eine gebogene Unterschenkelprothese heraus. Da steht ein langbeiniger Sprinter still und schaut zurück. Es lassen sich eventuell noch Schädeldecken, Architekturgebälk, Weichteile und eine Dreieckskonstruktion erkennen. Die Geschichte, die die Einzelteile zusammenhielt, ist explodiert. Die Stücke, die im Raum schweben, können mit einem roten Faden aufgefädelt und dann durch ein Gewebe neu geordnet werden.

Das beginnt in 3 mit Umrissen. Der Abdruck des Dreiecksgitters sitzt auf einem aufrechten Körper, dessen eine Hälfte von einer Stange gestützt wird. Weitere solcher senkrechten Achsen bilden eine steife Figur. Es geht nicht gerade tänzerisch zu. Aus dem zentralen Nebel steigen vage Linien vom Rückbau des Palastes der Republik. Meine Erinnerung streift die massiven Stahlträger. In schwindelnder Höhe konnte man auf ihren, ohne jegliche Sicherung, Abkürzungen auf der Baustelle gehen. 5 Bauarbeiter sind umgekommen. Sie beginnen sich in 3 wieder zusammen zu setzen.

Ausufernd

„Originale“, „Übersetzung 8/VI“ kreuz und quer gelesen. Dabei begegne ich dem Raum zwischen Senkrecht und Waagerecht, gestern und heute – dann Papiergravuren und ein paar Gravitationsschwünge, die, nachdem ich sie mit den Geraden durchkreuzt habe, kollabieren und nur Staub hinterlassen.

Dann tauchen viele Figuren auf, die unterschiedliche Seinszustände des einen wandelbaren Gegenübers verkörpern. Diese Körperräume ufern aus, weil ich sie nicht klar begrenze. Mein Interesse gilt den Möglichkeiten, die sich im Entgrenzten aufhalten. Sie wabern in Sternennebeln und proben immer neue Konstellationen, bis es Klick macht und eine entscheidende Reaktion alle Wollmäuse vereinigt, die dann in die Gravitationsfalle fallen. Ich möchte die weichen Formen mit dünnen, schmerzenden Linien durchschneiden, die die Körper öffnen. An den Schnittflächen extrudieren sich die neuen Volumina.

Warum erschienen heute so viele Figuren in den Buchmalereien? Nachdem ich zu Fuß das Schneetreiben durchquerte, um zum Atelier zu gelangen – Jacke und Mütze weiß – ging ich beherzter vor. Ohne Konturen entstehen nur schwer Geschichten. Manchmal möchte ich sie erzählen, manchmal vermeiden. Es geht hin und her, läuft ganz selbstverständlich, ohne dass ich ein Ziel ausmachen kann. Struktur steht im Vordergrund. All das tendiert nach einer erneuten Orientierung auf Rolle 9, wie in der zweiten Phase des Väterprojektes, den 4 Scherbengerichten.

Kulissenobjekte

Am Morgen las ich in „Originale“ von Sina Ahlers „Übersetzung 5“, dann „V“ quer und begann mit den Papiergravuren in der ersten Buchmalerei – 1 – von heute. Dann setzte ich indigofarbene Pigmentabdrücke und Verwischungen darüber. Die hellen Linien, die dadurch entstanden, transportierte ich nach 3, wo sie sich durch den Handkantenabdruck mit meinen Hautlinien vermischten. Später setzte ich noch eine Papiergravur mit schwarzer Schraffur daneben, weil ich dort einen zentralen Akzent brauchte, der ein Gegengewicht zu den linken Energielinien bilden sollte. Keine Geschichte dahinter. Bis jetzt nur olivgrüne, stabilisierende Stangen. Keine konkreten Konturen. Auch nicht in 2. Linienschwünge, Faltungen und Schraffuren bauen Millisekunden-Filmschnipsel. Erst bei längerem Hinsehen führen ihre Verdichtungen zu zusammenhängenden Zeitabfolgen. So finde ich im Nachhinein die Reaktion auf den Text.

Leichter sind die Zusammenhänge im Trio der Buchmalereien auszumachen. In dem Hin und Her des Motivtransportes kooperieren sie und ergänzen einander. Aus der vagen Struktur wachsen jeweils neue Konturen. In 1 konkurrieren Figurenumrisse, die das Geschehen einrahmen, mit den Gesträuchen und Bauten im Zentrum.

Für Sina fertigte ich an den vergangenen Nachmittagen ein paar kleine Relieffragmente an, die ich ihr zur Weiterverarbeitung vorbeibringe. Außerdem grundierte und bemalte ich die Streifen, die ich senkrecht und waagerecht abformte. Weitere Kulissenobjekte entstehen nun aus dieser Arbeit, die für die weiteren Kooperationen zur Verfügung stehen.

Schlaf , Schrift

Das beste Versteck ist der Tod, aber auch lebendig gezeichnete Figuren müssen, können sich nicht zu erkennen geben. Nur halbe Umrisse oder kurze gegenüberliegende Bögen vermitteln eine Ahnung.

Eine Schreibschriftgravur in 1 – mehrere Schichten übereinander. Die Schraffuren und Verwischungen sind schwere Bettdecken, die müde machen. Mein Schlaf ist leicht. Er hebt sein Gewicht auf, für den Morgen. Dann wird die Schreibschrift schwer. Mit den Verwischungen der offenen Konturen ließen sich neue Zeichenreihen erfinden. Jedes Wischen hinterlässt an seinem Ende einen Farbsee oder eine ausgefranste Bahn parallel verlaufender Striche. Das lässt sich wieder mit einer Linie fassen und erneut verwischen. Es bleiben verschobene Ähnlichkeiten. Die eckigen Konstruktionen in 2 bleiben ein Rätsel. Die in ihnen versteckte Geschichte lässt sich nur aus der Reaktion der Umgebung ablesen.

In 3 geht es eilig zu. Die hurtige Schräglage geht nach links. Sie laufen zurück, flüchten vor dem, was auf sie zukommt. Der Umriss auf der anderen Seite weiß noch nichts von der Bedrohung. Vielleicht müssen sie keine Angst haben vor den Führern in der Zukunft, sondern vor denen, die sie wählen.

Kulissenskulpturen

Die Fotografien aus der Kindheit nahm ich unter der Glasscheibe meines Zeichentisches fort. Ich wende die Schreibmaschinentexte von Sina über den Scherben des Väterportraits. Die Musik schaltete ich ab. Sie ließ nicht locker. Bei den Buchmalereien sollte es ernst zugehen. Aber gerade entstand ein Elefant, der seinen Rüssel verliert.

Am Morgen dachte ich an eine neue Arbeitsvariante, die durch die Kooperationen entsteht. Ich warte auf die Arbeit von Maya, die Schnittbögen von Claudia weiter verarbeitete. Meine Reliefs grundiere ich mit dem Ziel, sie weiter zu geben. Die Rekonstruktion des Kraftfeldes mündet zunächst in eine weitere Dekonstruktion. Aus den Fragmenten entsteht dann etwas wie ein Raummodell oder eine Puppenbühne. Die Objekte in diesem Kasten, sind die Ergebnisse der Zusammenarbeit der „Künstlerbrigade“.

Die Texte aus dem Off werden von den Objekten übernommen. Sie spielen sie, wie Puppen. Die Bühnenmarkierungen, die in den Buchmalereien auftauchen, stützen die Kulissenskulpturen aus den gefalteten Relieffragmenten, weil sie mit ihren offenen Konturen zu instabil sind. Ihre Instabilität ist der Motor für das Zusammenwirken.

Unvollständige Umrisse

Unvollständige Umrisse bestimmen alle 3 Buchmalereien von heute. Durch die Fehlstellen finden sich Möglichkeiten der Vervielfältigung von Fortführungen der Geschichten. Ich denke etwas nicht zu Ende. Offen bleibt, wohin mich der Gang meiner Innensprache gebracht hätte. Kein Reiseziel, nur mit dem GPS fremde Linien zeichnen, die irgendwann entziffert werden können.

Am Morgen sank ich noch einmal in den Schlaf, staunte dann über das sanfte Atelierlicht und trank Leitungswasser. Die rechte Handkante ist von dunkler Sepia eingefärbt. Ich übertrage ihr Muster auf ein Relieffragment des Kraftfeldes. Magischer Vorgang: das Ritual, bevor die Jagd auf die Geschichten zwischen den Buchseiten beginnt.

Dort verliebt sich eine Soulsängerin in einen Kentauer. Sie singt nur für ihn. Endlich nicht mehr allein. Er stampft den Rhythmus mit seinen Vorderhufen und gestikuliert tänzerisch mit seinen Armen und Händen. Oder er singt und tanzt nur für seine Angebetete, die im Pelzmantel im Regen steht und sich auf seinen tierischen Gesang einlässt, einstimmt und eine Gegenlinie findet, den unvollständigen Beistrich.

Das erfinderische Gegenüber

Einen Text von Sina, den sie mir hier im Atelier gelassen hat, kann man waagerecht und senkrecht lesen. Er heißt „Originale“. I und II las ich quer und „Übersetzung 2“ senkrecht herunter. Dann begann ich mit den Holznadelgravuren in 2 Schichten und übertrug sie per Handkantenabdruck auf 2 und 3. In 3 entstand der Umriss des erfinderischen Gegenübers neu.

Abdrücke von ihm setzte ich in 2 und 1. In 2 nimmt er Kontakt zu einer weiteren, etwas ausgefransten Figur auf, die sich von ihrem Rücken her in einen zartfarbigen Nebel auflöst. Eine Schreibschriftgravur und zwei dunkle Sepiabalken versuchen zu strukturieren. Links werden die Handkantenlinien von einem dünnen Beistrich korpulent vergegenständlicht. Am Ende zeichnete ich über die Strukturen in 1 Kulissenwände, die einen Zusammenhang herstellen sollen. Auch sie werden von einem Säurenebel angefressen.

Einen Längsstreifen nahm ich von der Kraftfeldform schon ab. Gestern legte ich einen Querstreifen auf und drückte ihn in die Vertiefungen. Dabei erinnere ich mich an eine Holzschnittserie aus den Achtzigerjahren, mit der ich ein Geflecht zeigen wollte, aus dem eine Figur entsteht. Es handelte sich um ein webendes Gestaltungsprinzip, von dem Christa Wolf sprach. Unsere gegenwärtigen Text- und Bildexperimente folgen ihm.

Dialog

Die Malereien reagieren auf die Textteile von Sina Ahlers, die ich am Morgen las. Nach der langen Selbstreflexion fühle ich mich in dem entstehenden Dialog wohl. Die Figur, die ich zuvor als meinen selbst erfundenen Dialogpartner im Auge hatte, beginnt nun in den Buchmalereien den Part des erfinderischen Gegenübers auszufüllen. Sie tritt stets zufällig aus einem Schatten, einer Windhose in Zentrum stürmischen Geschehens oder aus einem See hervor.

Holznadelgravuren sind heute, wie täglich seit über einem Monat, der Ausgangspunkt der malerischen Bewegung. Zu den schriftartigen Symbolen von gestern kam ich nicht. Dafür tritt die Dialogfigur aus der Übertragung der Verwischung aus 1 in 2 hervor. Aus einem Beistrich, der auf ihre Kontur reagiert, treten Linienimpulse, die vom Abdruck aus 3 stammen. Die sitzende Figur mit dem nach hinten offenen Arm, wird von der Energie nicht erreicht.

Eine meiner alten Sukkulenten, deren große, fleischige Blätter stets in Bodennähe blieben, schickt sich plötzlich an, aus ihrem Zentrum heraus eine Blütendolde zu treiben. Das tut sie schnell und mit aller angestauten Kraft. Wenn ich sie nun kräftig gieße, wird sie vor ihrem Ableben viele Blüten austreiben können.

Begleitfigur

Meine wandelbare Begleitfigur tritt erstmals in der 3. Malerei von heute auf: olivgrüner Umriss mit orangefarbener Verwischung. Es gibt keinen Namen für sie. Heute begegnete ihr ein Dreiecksgitter aus gelblichem Erdgrün – so der Name des Herstellers des Aquarellstiftes. Ein dunkler Abdruck, links von ihr ist ein Schatten. Leicht fließt seine Gestalt, unter meinem Blick, in eine spitznasige Figur. Die anderen Gegenstände in 3 sind Trümmer, kaum zu einem Dialog fähig. Zerborstene Gegenstände sprechen eine verstümmelte Sprache.

In 1 und 2 treten keine Figuren auf, und die Umrisse umschreiben kaum Gegenstände. Gravuren, Energieschleifen und Ländergrenzen treten zueinander. Durch Abdrücke vermehren sich die Umrisse, werden immer wieder verändert und ausgebaut.

Das grüne Wesen in 2, das mit Indigo umschlossen ist, könnte leicht eine Figurengruppe werden: Verneigungen, Begrüßungen – eine höfische Szene. Es werden Landkarten gesichtet, Gebiete umrissen und in Besitz genommen: All dies Land, das mein Handabdruck umschließt, gehört mir! Würde man ihnen keine Grenzen setzen, nähmen sie vom unregierbaren Universum Besitz. Aber dort regieren die Wollmäuse. Sie strukturieren alles immer wieder neu.

Erinnerungskammer des Dreieckshandels

Von den Papiergravuren, die ich heute an den Anfang stellte, ist nichts geblieben. Die kreisenden Linien sind im Indigosee ertrunken. Ein Abdruck vom See mit den Linien meiner Handkante, ist in 3 von der Gestalt eines Möbelwesens umrissen. Es schleift eine Kontur in Richtung des nächsten Tages. Sich spiegelnde Verwandtschaften gibt es in 1. Energielinien treten aus kleinen Kraftfeldern hervor, verbinden Umrisse, die sich aneinander reiben, auf eine andere Art.

Eine afrikanische Prinzessin bewacht die Gravuren, und es wird deutlich, dass es sich dabei um eine Erscheinung der Flüchtlinge handelt, die in einer Werkstatt, der Erinnerungskammer des Dreieckshandels, Masken schnitzten. Königsgewänder schwingen und bilden dabei eigene Figuren. Vom gestrigen Sturm ist nur eine Verwehung auf 2 geblieben. In der Nacht fror die stille Kälte unsere Abwässer, die durch ein zerstörtes Rohr in die Nachbarbaugrube sickern, ein.

Es erscheint die Idee einer Figur, die mich durch die Tagebücher begleiten würde. Aus ihrer Wandlungsfähigkeit entsprängen Impulse für den Zusammenklang von Worten, Farben und Linien. Nach und nach würde ein Bühnenraum entstehen, in dem die Szenen täglich ihre Fortsetzung finden könnten. Aus den Selbstgesprächen würden zumindest Dialoge.

Wetter

Die Kulissenmarkierungen auf 2 bilden 7 Fenster. 11 ist die Quersumme des heutigen Datums. Konfettitränen bilden einen Nährnebel für die Entstehung farbiger Lebewesen.

Aus den Schwüngen und Geraden auf 1 hat sich ein Widderstab gebildet. Die verschieden lesbaren Zeichen treten in eine Zwiesprache mit den Konfettizahlen und den Umrissen ihrer Schöpfung, den Windfarben und Gravurgesträuchen. Viel Wetter ist in den Malereien unterwegs. In 3 beruhigt es sich zu einem Ockernebel mit einer Sonnentendenz. Und helles Kobaltgrün bildet den Kontrast aber auch Verwandtschaft.

Eine junge Dramatikerin interessiert sich für eine Kooperation innerhalb von YOU&EYE. In ihrem Fall wäre für mich zunächst die räumliche Erweiterung von Wortbildern von Interesse. Die Kombination mit Skulptur im weiteren Sinne.

Musterübertragungen

Die Figurenumrisse in 1 wenden sich nach Links. Sie durchbrechen das Geheck, die Grenze zum Nachbarstaat, deren Verlauf unklar ist, weil verwischt. Aber die allgemeine Richtung der Wanderungen ist deutlich. Es geht, gegen die Drehrichtung des Untergrundes, nach Westen. Die Winde über diesem Boden werden hier in Farbwerten gemessen und angezeigt. Als Fußnote erscheint eine Doppelkreuzmarkierung als schwaches Echo, von 3 zurückgeworfen.

Musterübertragungen schaffen das gemeinsame Thema, zu dem improvisiert wird. Die Liniengesträuche sind zunächst graviert und durch Schraffurenschichten hervorgehoben. Dann werden sie mit der feuchten rechten Handkante übertragen. Sie stempelt das Muster mehrfach von 1 nach 2 und 3. Dort entwickeln sich dann die Szenen. Ich bin mir nicht sicher, ob ihre Schilderung durch mich einen Mehrwert bringt. Schon die Aufzählung des Personals engt andere Geschichten ein.

Ein Umriss, ganz links auf 2, hat einen S-förmigen Schwung. Er ähnelt der 15-jährigen Schülerin, die beim Malen meist tänzelt. Rechts trifft ein Tiefseefisch auf ein rotes Dreieck mit einer Doppelkreuzmarkierung. Ein weiterer Umriss am rechten Rand, hat sich verflüchtigt.

Verbindungen

Die Szenen, die in den Buchmalereien entstehen, geben die Geschichten, die in ihnen geschehen, nur zögerlich preis. Sie stellen Fragen. Wenn man versucht, sie zu beantworten, ergeben sich die Handlungen von alleine. Die Eckpunkte der Dreiecksgitter, bei komplexeren Konstruktionen sind es Punktwolken, deren Verbindungslinien die Volumina erst entstehen lassen, sind kleine Planeten oder Zellkerne. Unter entsprechenden Bedingungen erweitern sie den Aggregatzustand, weiten sich zu faserigen Gebilden aus und spinnen neue Fäden, mit denen sie andere Verbindungen eingehen. So ziehen sie an den Füßen einer abstrahierten Figurengruppe in 1. Sie wird durch diese Verbindungen gesteuert. Die Transparente, die sie tragen, sind von meinen Handkantenabdrücken verwischt. Es sind Kernworte der Verschwörungserzählungen, die durch die gesponnenen Leitungen übertragen worden sind.

Ein Kopf linker Hand auf 2, versucht ebenfalls Verbindungslinien aufzubauen. Die Fäden aus seinem Mund werden aber nur längliche Blasen, die nirgendwo andocken. Die Indigofigur und die flammende bleiben unbeteiligt. Aber es gibt Echos dieser Energien. Sie kommen in 3 vor aber auch in 2, wo sie schmutzig-ocker eine korpulente Figur mit mehreren Heiligenscheinen krönen.

In 3 kommt alles zur Ruhe. Kompakte statische Gruppen verdichten das Geschehen: Gravuren, Handlinien, Akzente aus schwarzer Tinte, die während des Schreibens hinzugesetzt wurden. Es ist ein Abwarten: Was wird als nächstes geschehen?

Isoliert

Isoliert beschäftigen sich die Figuren in 1 mit den eigenen Energieströmen aus der Mitte ihrer Körper, die sie zusammenhalten. Das nimmt sie so in Anspruch, dass sie den anderen, jeweils neben sich, nicht sehen können und deswegen verharrend, nicht auf ihn zugehen oder davonlaufen. Die vagen Übertragungen der Kulissenarchitekturen schaffen auch keinen Zusammenhalt. Auch die Landschaft ist zerrissen. Ein karminroter Lavablock schwebt aus der Mitte, getragen von Stangen, die wie Beine nach unten und Sensoren nach oben zeigen. Die Quadrocopterdrohne beobachtet ihn von außerhalb des Formates.

Die Musterübertragungen auf 2 sind kaum noch sichtbar. Lediglich unterhalb der gelben Spielkartenköpfe zeigen sich ein paar Doppelkreuzmarkierungen, die aus der Gravur von 1 stammen. Aus der Kulisse tritt der zerklüftete Lavabrockenabdruck mit Pigmentkörnern auf deiner Oberfläche. Sie hinterlassen Farbakzente von gebranntem Karmin bis zu dunklem Indigo, an mehreren Stellen. Nicht einmal die Umrisse der Lavabrocken schaffen konkrete Anhaltspunkte für die Geschichte, die ich versuche zu erzählen. Vielleicht ragen aus der Mitte der wirbelnden Gase ein paar Figurensilhouetten heraus. Ganz Links bildet der Handkantenabdruck eine Formation, die man sich als zwei verschmolzene Figuren denken könnte – ein altes Ehepaar.

Im dritten Format treten in der Mitte ein paar Kreuzschraffuren in den Hintergrund der durchsichtigen Probenarchitektur. Mit den Strukturen meiner Hand leuchtet das dunkle Indigo hell verdünnt auf. Ganz Rechts begrenzt ein olivgrüner Schatten eine, sich in Licht auflösende Figur, die den Gegenpart zu den Architekturen bildet. Schaue ich länger auf das Bild, entdecke ich immer mehr Figuren, die ich mir versagte. Konfetti des Karnevals zerfließt – heulendes Statement einer politischen Figur auf dem Krankenbett.

Musterübertragungen

Von einer gemusterten Kugel, einem Planeten(?), geht ein Sturm aus, der sich in zwei Richtungen bewegt, konzentrisch angetrieben. Er trifft auf der linken Seite von 1 auf Zeltstangen, deren Kreuzungspunkt von Energielinien durchzogen ist. In deren Bereich und links davon, löst sich ein Kajak auf und ist nicht mehr zu gebrauchen. Es entstand aus einer Musterübertragung von 2. Die Figuren rechts stemmen sich mit ihren Mänteln gegen die Windrichtung.

Aus der Linienverbindung weniger Punkte entstand auf 2 eine bescheidene Dreiecksgitterfigur. Sie schwimmt in einem Umriss, der verschiedene Extremitäten nach links von sich steckt, beobachtet von einer Büste, deren Kopf aus einer Musterübertragung des Planeten von 1 stammt. Eine, von einem Magnetfeld zusammengeführte; Figurenversammlung befindet sich im Gespräch. Worüber reden sie? Über die Mantelfiguren und das Wetter bei ihnen, dem man mit den Boot nicht mehr entkommt? Klarer Fall von misslungener Musteraneignung.

Auf 3 scheint sich manches geklärt zu haben. Zwischen den Figuren dort, springen Doppelkreuzmarkierungen von Kopf zu Kopf. Überzeugungen gruppieren konkrete Zusammenkünfte, die gemeinsam auf Wanderschaft gehen – ein erblindender Zug. Die Freiheit im Umgang mit den Malereimotiven wurde leider durch den Gedanken an eine mögliche Geschichte beschnitten.

3 Akte

Durch ein staubiges Terrain zieht eine Herde gehörnter Tiere. Sie wirbelt so viel trockenfarbiges Steppenmaterial auf, dass aus den Wolken nur ihre Hörner herausragen. Die Hirten tragen Gewänder mit langen Stoffbändern daran, die in ihrem Lauf aus dem Brodem herausflattern. Ihre Körper und Stäbe bleiben versteckt. Es handelt sich aber um eine gestellte Szene mit durchsichtigen Kulissenwänden. Gespielt wird ein Stück postkolonialen Inhalts von einer jungen Autorin. Ihr Text soll von einem Regie – Schauspieler*innen – Kollektiv zur Aufführung gebracht werden. Mit 3 wählbaren Kamerapositionen wird der Stream interaktiv. Durch die verschiedenen Perspektiven verfolgt, verändert sich die Handlung jeweils. Somit entstehen die 3 Akte des Schauspiels:

  1. Die wilde Jagd durch die Steppe,
  2. wartende Requisiten gegenüber des Inspizientenpultes,
  3. der Zickzackkurs der Herde kann analysiert werden und die Stäbe kommen zur Ruhe.

Oder: Die Wanderung der Tiere wird von Magnetfeldern ausgelöst, wodurch sich die Stäbe mit den Hirten in Gang setzen. Sie folgen der Herde und werden zu Jägern, wofür sie von der Requisite Waffen bekommen. Über das Dreiecksgitternetz ruft der Inspizient zur Hatz auf die Gnuherde, die aus den Staubwolken heraus tritt und die Kulissen niederreißt. Das Publikum flieht.

Sog

Gestern Nachmittag, als meine Schüler weg waren, hatte ich Lust, mich schreibend zu erinnern. Das geht mit dem Bedürfnis nach Rückzug, nach einer Konzentration, die nach innen gerichtet ist, zusammen. Ähnlich, wie die Beschreibung der Malvorgänge, ist schriftliches Erinnern eine Reise. Ich verlasse die Dinge, die mich sonst beschäftigen und weiß, dass sie mir nicht folgen können, denn die Handschrift besitzt einen Sog, wie die Malerei, der ich folgen will. Aus den Farbwolken entstanden heute bauschige Figuren, deren Umrisse sich mitunter verlieren. Dort führen sie zu unbestimmten abstrakten Auswüchsen.

Die Frottagen, die die Kinder gestern von den Stegen der Kraftfeldform gemacht haben, wurden dichte Gesträuche, weil sie die Blätter immer wieder verschoben und drehten und dann weiter arbeiteten. Darin suchten sie in Folgenden Gegenstände: Haus, Hase, Vogel, Brücke, Fisch und Fischer. Dann weichten sie Papprechtecke in Tapetenkleister ein und drückten sie in die Form. In der kommenden Woche sollen sie die getrockneten Reliefs bemalen. Dabei reduziere ich die Mittel, wie immer: Wandweiß, Schellack und Tusche. Das hilft, geschlossenere Objekte zu bekommen.

Für die Collagen brauchte ich heute viel Zeit. Ich wollte die Durchlässigkeit an den wichtigen Stellen bekommen. Dabei dachte ich an Helge Leiberg, der mir mal vor 40 Jahren sagte, dass er auf einem Bild immer irgendwo die Leinwand durchscheinen lässt. Das hat sich mir eingeprägt.

Arbeitslandschaft

Gestern schaute ich bei den über 600 Collagen dieses Jahres noch einmal genauer hin. Dabei fiel mir die besondere Bedeutung und Wirkung der Schwünge auf, die von den Gravitationslinien herrühren, aber eher Magnetfelder abbilden. Sie gehen öfter von figürlichen Zentren aus. Das war der Impuls für die heutigen Malereien. Diese Kompositionen, in den kleinen Formaten flink weiterentwickeln zu können, ist derzeit für mich eine der besten Produktionsmethoden und war es wahrscheinlich über Jahrzehnte hinweg.

Die Kraftfeldform ist wie ein Arbeitstisch, der eine Landschaft trägt, die mit den Augen durchwandert, mit Pappmache abgeformt, mit Frottagen abgebildet und in Schichten verdichtet werden kann. Darüber hinaus werden die Liniengesträuche von Figuren bewohnt, die es zu entdecken gilt. Diese Arbeitsnormalität, die Selbstverständlichkeit dieser Gestaltungsvorgänge will ich den Jungen und Mädchen meiner Workshopgruppe näher bringen. Dabei soll ihr Entdeckergeist erwachen, der neugierig ist, was alles in dieser Landschaft versteckt ist. Man sieht es erst beim längeren Hinschauen, wie in der Stadt, in den Bergen oder in den Wüsten.

Die Collagen greifen wieder zunehmend auf die darunter liegenden Schichten zu. Mir fehlen die Kontraste der Federzeichnungen oder der plastischen Abformungen, die mehr Spannung erzeugen können.

Eine Testreihe

Wieder Stille während der Buchmalerei. Nur im Kopf rumorte Rede und Gegenrede: „Das ist nix – da muss ich noch was machen – oder versaue ich es dann ganz?“ Nachdem ich die hellen Linien der Holznadelgravuren mit den Farbschichten in unterschiedlicher Qualität auf 2 und 3 übertragen hatte, verwischte ich die Stelle mit der nassen Zeigefingerkuppe. So färbten sich die Linien mit dem Grau des Farbgemischs auf hellgrünem Grund ein. Um dieses Detail hervorzuheben, rahmte ich es quadratisch ein. Daneben läuft ein Trixeltier auf 3 Beinen. Im Bild 2, habe ich den Abdruck der Gravur erhalten. Manche fremde Gegenstände verformen sich im Sturm. Nicht aber die geraden Linien, die weiterhin stabilisieren. Die Pigmentwolken auf 3 übertrug ich zurück auf 2 und 1. All das ging kühler vor sich, als sonst.

In der Kraftfeldform mache ich Experimente mit eingeweichten Pappflächen, die ich in die Vertiefungen drücke und schnell mit einer Lampe trockne. Sie bilden nur Teile des Ganzen ab. Die Rekonstruktionsarbeit geht ganz anders vor sich, als ich es mir vorstellte. Die Technologie des Umgangs mit der Form spielt eine große Rolle.

Für die Bemalung der Fragmente erscheint mir die Weiterarbeit auf Rolle 9 unerlässlich. Dort will ich die Umrisse der gegenwärtigen Collagen auf ihre Eignung für diesen Arbeitsvorgang prüfen. Rechteckige Fragmente können unabhängig von den großen Motiven werden, die zum Liniengeflecht des Kraftfeldes führten. Das werden kleinere Formate – eine Testreihe.

Aus dem Tritt

Heute war ich beim Malen still. Mit der Holznadel begann ich zu kreisen, dann auch mit den Aquarellstiften über die gravierten Linien hinweg, dann wieder mit der Holznadel. Beim Übertragen der entstandenen Farbschichten und Strukturen per Handabdruck, blieb fast nur Indigo übrig. Dazu ein wenig Olivgrün, Ocker, Kobaltgrün, Venezianisch Rot und Grau – das reichte schon. Die Wolken, die aus Pigmentkörnern entstanden sind, sollen mit den Kulissenkonstruktionslinien etwas eingefangen oder zusammengehalten werden. Verbinde ich die Farbpunkte mit Linien zu einer Dreieckskonstruktion, erscheint das daraus entstehende Bild etwas banal. Setze ich aber die Deutlichkeit zurück, verwandelt sich die Gestalt zu etwas geheimnisvollerem.

Bei den Collagen setze ich in letzter Zeit in erster Linie auf die unversehrte Gestalt der Buchmalereien. Die Durchblicke auf die anderen vorausgegangenen Schichten, bleiben minimal. Dadurch erscheint alles ruhiger.

Ab und zu denke ich in letzter Zeit an Rolle 9. Die Arbeit an ihr ist auch deswegen unterbrochen, weil die große Kraftfeldform auf dem Zeichentisch liegt, auf dem ich die Transparentpapierarbeit machte. Ich müsste andere Flächen frei räumen. Durch die Dekonstruktion unserer Wohnung und ihr derzeitiges erneutes Zusammensetzen, auch das Ende der Väterarbeit, haben meinen Schaffensrhythmus etwas gestört. Ich bin aus dem Tritt gekommen.

Mehr Seele

Das Malen am Morgen habe ich mit einem Monolog begleitet, der ein, die Malerei kommentierendes, Selbstgespräch war. Das findet sonst auch statt, allerdings nur in Gedanken. Aber das Aussprechen dieser herum schwimmenden Worte, während der Arbeit an den Buchmalereien, konkretisiert dieses Tun. Das Tempo geht etwas herunter, weniger Unbewusstes passiert und die Zufälle halten sich in Grenzen. Interessant wäre Malereien mit einem laut gesprochenen Kommentar, mit denen zu vergleichen, bei denen ich still bleibe.

Manchmal hört beim Malen auch das Denken auf, vor allem, wenn die „Übertragungsgeschwindigkeit“ zunimmt. Das passiert wenn das Hin- und Hertransportieren der Motive, per Handballenabdruck, seinem eigenen Rhythmus folgt und sich somit beschleunigt. Das ist ein wenig so, wie früher Briefmarken auf Umschlägen mit der Hand abgestempelt worden sind.

Die Rekonstruktion des Kraftfeldes, die ich mit den Collagen verbinden möchte, läuft nun stetig weiter. Sie wird durch die Einbeziehung der persönlichen Motive, die alle mit dem Väterprojekt zutun haben, einen innerlicheren Charakter bekommen. Mehr Seele und weniger Politik.

Beschleunigung durch Ruhe

Heute beschleunigte ich die Geschwindigkeit der Malerei von Anfang an, weil ich den Morgen sehr langsam begonnen hatte. Mit einem Kaffee saß ich in meinem Zimmer und schaute auf die kahlen Ahornbaumkronen der Allee. Auf dem Wochenmarkt kaufte ich Käse und in der Apotheke ließ ich uns die Europäischen Impfnachweise aktualisieren.

Die Kinder haben mich gestern geschlossen versetzt. Sie sind einfach nicht gekommen. Ihre vorbereiteten Arbeitsplätze blieben leer und die Geschichten über die pakistanischen Buchmaler unerzählt. So begann ich alleine die große Kraftfeldform erneut auszufüllen. Diesmal machte ich das mit gerissenen Pappstücken, die ich in Tapetenkleister eingeweicht hatte. Nach einer Weile erinnerte mich diese Technik an die Theaterplastikerwerkstatt, in der ich Nora ausgebildet hatte. Die einfachen handwerklichen Arbeitsschritte sind es, die mich erden und mir Momente der Ruhe schenken.

Beim Anschauen der Collagen, die als Endlosschleife auf dem Bildschirm des pausierenden Rechners laufen, kam mir eine völlig andere Bemalung des Kraftfeldreliefs in den Sinn. Diese werktäglichen Collagen sind oft wilde Mixturen aus Federzeichnungen, plastischen Fragmenten und Malerei. Das möchte ich nun auf der Fläche der Reliefabgüsse kultivieren. Interessant ist, wie diese Idee, die mir gestern durch den Kopf ging, Bestand haben wird.

Fingerspitzengefühl

Fingerspitzengefühl – tupfend versuche ich es, im wahrsten Sinne des Wortes, den Malereien zugute kommen zu lassen. Oft nehme ich mit der nassen Zeigefingerkuppe allzu konkrete Merkmale einer Figur zurück, kann damit Konturen in den Hintergrund setzen, ohne sie dabei ganz verschwinden zu lassen. Die Geheimnisse der Halbschatten und Nebelbänke können Erwartungen schüren und Handlungen in Gang setzen. Ohne die Spannung, die dabei von einer konkreten Linie im Vordergrund ausgeht, kann aber nicht genügend Energie für Eigenerfindungen von Geschichten aufkommen.

Den jungen Menschen möchte ich heute etwas über die pakistanischen Buchmaler erzählen, die die Aufgabe hatten, die buddhistischen Tempel im Himalaja auszumalen. Vor da aus kommen wir dann zu meinen Buchmalereien und suchen diejenigen, die ich am Tag der Geburt der Kinder gemalt habe. Die Dateien dieser Scans kann ich ihnen dann schicken, wenn sie das wollen.

Für die Weiterarbeit mit der Form dachte ich daran, verschiedene Ausformungsprozesse zu probieren. In Tapetenkleister eingeweichte Pappschnipsel könnten die Fläche zunächst bedecken. Nachdem sie getrocknet sind, kann eine weitere Schicht gerührtes halbflüssiges Material aufgebracht werden. Das hat den Vorteil, dass die Hintergriffigkeiten nicht so stark behindern, sich das getrocknete Relief also leichter lösen lässt.

Aufleuchten

Die schwankende Vogelfütterkonstruktion füllte ich mit Sonnenblumenkindern, bevor der Westwind über die zwei neuen Seiten des Tagebuches fegt und die Malereien verwischte. Wieder habe ich mit der Holznadel begonnen, die weiß-papierene Fläche zu malträtieren. Kreisende Farbschichten stapeln sich zwischen die fortlaufenden Gravurschritte: Gelb, Grau, Karmin, Indigo und Schwarz am Ende. Aus den wolkigen, von den Linien meiner Hand durchzogenen Abdrücken, treten Figuren hervor – bauschende Kleider in der bewegten Luft. Alles dicht, keine Horizonte oder schwebend über einer imaginären Landschaft weit unten, durch die Perspektive unsichtbar.

Durch die Trocknungsränder der Wasserfarben, geben sich unbekannte Gegenstände zu erkennen. Möbelartiges geht in gewachsene Formen über. Sehr wenige Pigmentkörner verteilte ich mit der rechten Zeigefingerkuppe, die von Bild zu Bild sprang und morsend tastete, wo seismisches Geschehen hervorbrechen wird. Manches Korn, das zu laut auftrumpft wird mit einem linderndem Grau und Wasser zurückgepfiffen. Am Ende beginnen die Geschichten wie Erinnerungsfetzen aufzuleuchten und sich zu verbinden. Und wenn das Buch zusammengeklappt wird, verwirbelt alles und ordnet sich erst wieder, wenn es erneut aufgeschlagen wird.

Nach einem Materialeinkauf versiegelte ich die Kraftfeldform erneut mit Schellack. Nun habe ich auch wieder genügend Trennmittel, um die ganze Fläche damit zusätzlich zu versiegeln. Ich erwäge selber ein paar Frottagen von Teilen des Liniengeflechtes übereinander zu legen, um neue Figuren darin zu finden. Das wird der Ausgangspunkt für den Workshop morgen.

Halbwildes Pferd

Die Arbeitschritte zu den Buch-Morgen-Malereien bleiben ähnlich. Aber je mehr ich von der Beschleunigung erfasst werde, umso wilder fliegen der Strukturen im Kreis oder hin und her. Am Ende muss das Geschehen das sich verselbstständigend meiner Kontrolle entzieht, wieder eingefangen werden, wie ein halbwildes Pferd vor Finisterre. Diese Bändigung gelingt durch ein kleines Innehalten und durch klärende Mal- und Zeichenvorgänge: Architekturen, Umrisse und klare Linien. Auch Andeutungen von menschlichen Figuren und Mischwesen gehören dazu.

Gestern entfernte ich fast das gesamte Pappmache aus der Kraftfeldform. Das ist ein mühsamer Vorgang. Nun aber kann ich mit meinen Schülern und einem Mädchen Frottagen der Abgeformten Linien machen, sie miteinander vermischen, um dann neue Figuren zu finden. Für sie suchen wir dann nach deutschen Bezeichnungen, die wir dazuschreiben.

Gleich im Anschluss an die Tagebucharbeit will ich Material einkaufen gehen: Transparentpapier, Graphitstifte, Trennmittel und so weiter. Zu einer intensiven Arbeit mit Vinzenz reicht meine Konzentration derzeit nicht. Zu viel ist noch in unserer vollständig sanierten Wohnung zu tun.

Arbeitsvorgänge

Nach langer Zeit sitze ich wieder am Zeichentisch im Atelier und habe Freude an der Buchmalerei. Sie wird sich nun durch den Einfluss des Materials, das sich im ganzen Raum während der Jahrzehnte angesammelt hat, wieder verändern. Schon heute meine ich einen kraftvolleren Zugriff gespürt zu haben, durch den allerdings keine gegenständlichen Umrisse entstanden sind.

In „1“ habe ich mit Gravitationsschwüngen begonnen. Dorthinein gravierte ich mit der Holznadel ebenfalls kreisende Linien, die ich mit einer Schraffur hell sichtbar werden ließ. Diesen Vorgang wiederholte ich mehrmals mit komplementärfarbenen Schraffurschichten. Mit Handballenabdrücken stellte ich neue Farbfelder her, die die Vorgaben für die nächsten Umrisse waren. Markanten Ecken der Flächen von „2“ verband ich mit venezianisch roten, flatternden Verbindungslinien, die ich teilweise zwischen den Verwischungen immer wieder erneuerte. So treten sie aus dem Raum mehr in den Vordergrund.

Die Kulissenwand auf „3“ bekam eine Binnenstruktur aus Holznadelgravuren und Farbschraffuren. Von der linken Seite transportierte ich sie per Handballenabdruck auf die rechte Seite von „1“. Das Arbeitstempo nahm dann zu. Es ging mit dem Abdrucken von Umrissen und Flächen schnell hin und her. Von trüben Zwischenergebnissen geht dabei die Energie aus, die bis zu einem akzeptablen Ende reichen sollte.

Die Kontinuität der Collagen

Die Kontinuität der Collagen unterbrach ich gestern, zugunsten der Buchmalereien, nach 10 Jahren. Es steht die Frage im Raum, ob ich das nun eine Weile beibehalte. So kann sich der Text, der ausschließlich das Werden der Malereien behandelt, mit den drei Abbildungen leichter verbinden. Über diese Experimente sollte ich mich langsam und ernsthafter diesem Zusammenspiel widmen. Letztlich gab Vinzenz den Anstoß mit seinem Ansinnen dazu, die Malerei zu dokumentieren und mit den gesprochenen Texten zu unterlegen. Seit längerem beschreibe ich diese Vorgänge, aber nicht so konsequent und ausschließlich, wie gestern.

Beim Betrachten der Bilder von heute, meine ich feststellen zu können, dass der Gedanke an die Arbeitsschritte des Collagierens mit Arbeitsergebnissen von Rolle 9 oder den Schichten der Vortage, schon aus den Hinterkopf verschwunden ist. Das führt zu einem reichhaltigerem Motivvokabular, das zu einer längeren und intensiveren Auseinandersetzung zwingt.

Aus Gravitationsschwüngen mit 3 Geraden, die durch ihre Schnittpunkte laufen, sich selbst an einem Punkt schneiden, wuchsen in der Folge verschiedene Konstruktionen: angedeutete Architektur, ornamentale Ausflüge, die letztlich durch Pigmentnebel verworfen worden sind, Figurenumrisse, die sich in Varianten wiederholen und Punktwolken, die mit der rechten Zeigefingerkuppe verteilt wurden. Die angedeuteten Gewandfiguren stammen aus dem Arsenal von Zeichnungen der suchenden Maler aller Zeiten. Als ich mir am Ende die erste Malerei anschaute, erschien sie mir, im Gegensatz zu den anderen beiden, etwas unfertig. Deshalb verband ich ihre Punkte mit zwei Dreiecksgittern, die die wolkigen Figuren in einem Raum versammeln.

Minotaurus

Beim Vertiefen in die Buchmalereien, ging mir das anschließende Schreiben durch den Kopf. Es liegt allein an mir, ob sich daraus eine wirkliche weitere Dimension entwickeln lässt.

Zunächst fällt mir die unbeholfen wirkende Figur auf der linken Seite von 3 auf. Im Nachhinein, nachdem ich den vorigen Satz geschrieben hatte, setzte ich drei senkrechte Linien zur Stabilisierung ein. Ein Dreiecksgitter schließt die Punktwolke, die von den Pigmentkörnern an meiner linken Zeigefingerkuppe herrühren, mit der ich hüpfend über kleine Areale des Papiers taste, zu einem Objekt zusammen. Es bleibt auf der rechten Seite von 3 zweidimensional. Das Objekt auf der linken Seite von 1 täuscht mit zusätzlichen, übergreifenden Linien, eine Dreidimensionalität vor.

Am Anfang standen die Krakelgravuren, die ich mit einer afrikanischen Holzhaarnadel in 1 grub. Darüber legte ich Gravitationsschwünge, die ich mit Indigo nachzog und per Handballenabdruck auf die anderen beiden verteilte. Dabei blieb bei 3 eine Stelle auf der Haut trocken, sodass das Zentrum des Motivs nicht übertragen wurde. Dann kann ich die entsprechende Stelle auf der Hand mit einem Wasserpinsel anfeuchten und noch einmal daneben abdrucken. So entstand ein venezianisch rotes Zeichen, das ich auf 1 übertrug. Dort verlängerte ich zwei der Linien, damit es zu schweben beginnt. Aus 3 setzte ich eine olivgrüne Wolke darunter, sodass etwas Wetter entsteht, das die Nähe eines Planeten anzeigt. Etwas unentschlossen bleibt das zentrale Motiv in 2. Dort entstand aus dem Abdruck der Gravitationsschwünge und der Verbindung der Schnittpunkte durch gerade Linien zu einem weiteren Dreiecksgitter, ein Mischwesen. Das ist ein Minotaurus in dem sich Fluid und Kristallin zusammenfügt.

Nach außen

Am Morgen blieben die Buchmalereien in einer zeichenhaften Stille stehen. Die Kraft reichte nicht für die Spannung, die normalerweise den Elan für den ganzen Tag begründet. Kein Wortgesträuch, das aufgelöst werden muss, der Zugriff auf Motive, Strukturen und Farben ist zaghaft. Zu sehr bin ich verteilt auf die verschiedenen Orte, zwischen denen mein Dasein derzeit strukturiert wird. Das Atelier ist weit von unserer Interimswohnung entfernt, worunter der normale Arbeitsrhythmus leidet. Außerdem werden wir in den kommenden Wochen viel Arbeit mit der Reinigung und Einrichtung unserer sanierten Wohnung zu tun haben.

Vinzenz stellte die Idee einer filmischen Dokumentation der Buchmalereien in den Raum. Dabei sollen auch die Tagebuchtexte eine Rolle spielen, die das Vorgehen beschreiben aus dem die Bilder entstehen. Wenn die sichtbare Tätigkeit durch die Worte nur gedoppelt wird, ist das zu wenig. Bei diesem Zusammenschneiden von Film und gesprochenem Text sollte eine weiterer Raum entstehen. Das muss man probieren, ob es gelingt. Gleichzeitig wird sich das Schreiben mit einem solchen Ziel verändern.

Die Worte „nach innen“, waren die, mit denen ich mich gestern in die Malerei begab. Sie sind wie der Aufruf, das Gegenteil zu machen, nach außen zu gehen, die Worte auf Rolle 9 zu tragen, wo sie das Fliegen lernen können. Einen Auszug von da habe ich auch in die Kooperation mit Claudia und Maya eingefügt. Ich überlege, wie ich diese Form der Zusammenarbeit, meinen Schülern näher bringen kann. Begonnen haben sie ja schon, indem sie ihre Blätter untereinander austauschten, um ein Figurengesträuch zu entwickeln, um darin eigene Motive zu finden.

Kooperationen

Anstatt die Erweiterung des Raumes auf Rolle 9 zu beginnen, hatte ich mich um die Reliefform zu kümmern. Das Pappmache hatte ich mit einem falschen, stark klebenden Leim versetzt. Somit bekam ich das getrocknete Material nicht heraus, ohne dabei die Form stark zu beschädigen. Das Trennmittel konnte der Klebekraft nichts entgegensetzen. Entsprechend langwierig ist es nun, das Material mit Wasser herauszulösen. Ein frustrierender Vorgang.

Die Schüler haben die Umrisszeichnungen, die ich für sie gezeichnet habe, alle nach und nach übereinander gelegt und mit viel Mühe durchgezeichnet. Dann sollten sie im entstandenen Gesträuch eigene Figuren finden und ihre Umrisse zeichnen. Das will ich ernst nehmen und auch selber was draus machen. So begebe ich mich mit ihnen auf Augenhöhe.

Am heutigen Vormittag traf ich mich mit Claudia und Maya in der Modedesignerwerkstatt von Stitch by Stitch. Wir besprachen den Fortgang unserer Kooperation und waren von den ersten Ergebnissen sehr angetan. Wir haben etwas Spannendes begonnen, das noch viel Potential zu haben scheint.

Vinzenz beobachtet meine Arbeit mit seiner Kamera. Ich konnte mir den Zusammenschnitt von Videos anschauen, die eine ruhige Ausstrahlung haben, dem Gang meiner Tätigkeit entsprechend.

Schrift, Schall und Raum

Atem, Schall und Raum sind die Worte, die sich aus dem gestrigen Schreiben herausgefiltert haben. Ich denke diese Elemente dreidimensional. Zunächst aber nimmt sie das Echo mit in die Buchmalereien. Drei mal werden die, aus den konzentrierten und dann verwischten Worten entstandenen, Umrisszeichnungen hin und her geworfen. Dabei entstehen neue Gebilde, welche immer wieder aufgelöst werden, bis mir mein Gefühl sagt: „Jetzt ist Schluss!“.

Für die Schüler, die heute Mittag kommen, zeichnete ich gestern 6 der Figuren des Kraftfeldes auf einzelne Transparentpapierbögen. Diese sollen sie dann durchzeichnen und mehrfach übereinander gruppieren. Außerdem können wir die Motive, oder was von ihren übrig geblieben ist, auf den Resten der zerstörten Reliefs suchen.

Vinzenz war gestern wieder zu Besuch in meinem Atelier. Er filmte und fotografierte mich bei der Arbeit. Ein paar Fotos schickte er mir schon. Das unterstützt meine Rekonstruktionsarbeit. Die Dimension der Dokumentation blieb bei meiner Arbeit immer etwas unterrepräsentiert.

Durch die Beschäftigung mit den herausgefilterten Worten, stellte sich am Morgen wieder eine Empfindung der Enge ein. Die Verdichtung durch das Übereianderschreiben der Worte im Rückgriff auf den Vortag, konzentriert die Arbeit auf den Raum des Tagebuchs. Aus diesem Muster will ich einen Ausweg finden, der mich aus den enger werdenden Wänden rettet. Am einfachsten ist das auf Rolle 9. Dort kann ich den Vorgang mit Tusche wiederholen, das Wortgesträuch mit Schellack anlösen und im Zusammenrollen verwischen. Diese „Synaptische Kartierung“ bereitet den Raum vor. Es gibt Arbeiten, die ich mit den alten 3 D Programmen anfertigte, innerhalb derer diese Arbeitsstrukturen dreidimensional auftreten. Schrift und Schall im Raum. Aus ihm wird das Echo hinausgetragen.

Enger werdender Raum

Wenn ich weniger im Atelier bin, verlagert sich meine Arbeit mehr nach innen. Am Tisch in der Kaulbachstraße finden sich neue Impulse. Mit Franz sprach ich gestern, bei einem Besuch in seinem Atelier, über die Zusammenhänge von Sprache, Raum und Atem. Uns ging es um den Einfluss dieser Dinge auf die Malerei. Die Zwischenräume zwischen Wachsein und Traum und die Umsetzung ihres Spannungsverhältnisses in unserer Arbeit, scheint in meinen Buchmalereien auf.

Die Transparentpapierrollen, die ich bei ihm abholte, lagen lange Zeit in seinem Schaufenster. Dort rollte er immer neue Stellen auf der 2,5 Meter langen Strecke zur Ansicht auf. Wegen des regen Interesses der Passanten meinte Franz, dass es schade sei, sie nicht öfter ausgestellt zu finden. Ich besuchte auch Ruth kurz in ihrem Atelier und genoss die Schichtungen ihrer Malereien.

Indem ich am Morgen die Worte „Instabilität der Diagonalen“ in Erinnerung an die gestrige Auseinandersetzung mit den Tagebuchbildern, als Impuls für die Malerei in Silben übereinander auf das Papier schrieb, beschlich mich das Gefühl eines enger werdenden Raumes. Dieser Zusammenhang zwischen den geschriebenen Wörtern und dem Abbild ihres Verklingens, bezieht mein Schreiben jetzt auf die Bilder vom nächsten Tag. Dort gelangt ihr „Farbschall“ in den Raum und ändert ihren Sinn. Absichtlich kann ich jetzt kein Wort für diesen morgigen Vorgang finden. Es wird sich in 24 Stunden herausfiltern.

„X“

Suchexpeditionen, Trixel Planet und Experimentalaufbau, sind die 3 Begriffe, die ich zu Beginn der heutigen Buchmalereien, in Silben übereinander verdichtet, auf die leeren Seiten schrieb. Zunächst fällt mir das „x“ auf, das in allen dreien eine Rolle spielt. Vielleicht kulminiert es in der zweiten Malerei, in den sich schneidenden Diagonalen, die aus einer Formation von Gravitationsschwüngen hervorgegangen sind. Ihre destabilisierende Kraft irritierte mich, so dass ich sie mit Papiergravuren und Indigoschraffuren in den Hintergrund versetzte. Das ist die stärkste Konfrontation in den heutigen Buchmalereien. Die Handschrift, von der ich ausgegangen war, ist fast verschwunden. Dafür übernahmen die Handballenabdrücke, Farbwolken und die aus ihnen resultierenden Umrisse eine Hauptrolle. Die durchsichtige Kulissenarchitektur in 1 bildet eine Klammer zwischen auseinanderstrebenden Bildteilen und fügt sie gleichzeitig in einem Raum zusammen. So gleicht die Arbeit einem Frage- und Antwortspiel oder einer Diskussion, woraus Geschichten entstehen, die dann erzählt werden.

Im Atelier beschäftigte ich mich gestern mit der Entstehung des Kraftfeldes 2010. Weil ich damals dafür Projektgelder beantragt hatte, ist die Arbeit gut dokumentiert. Auch die Transparentpapierrollen geben geben ausführlichen Aufschluss über die sich verbindenden Ideen und Figuren. Das Kraftfeld 2 beschäftigte sich dann mit der Dreiecksstruktur. Eigentlich sollten aus den Reliefs, mit dem Format gleichseitiger Dreiecke, Skulpturen entstehen. Das habe ich nicht verwirklicht. Anstatt dessen sind Wandbildmodule entstanden.

Das Pappmaché der Ausformung des Kraftfeldreliefs trocknet nur langsam. Ich werde übermorgen mit den Schülern nicht daran weiterarbeiten können. Stattdessen werden sie die Umrissmotive der Entwurfszeichnungen auf Transparentpapiere übertragen. Dann können sie die verschiedenen Formate übereinander legen und eigene Umrisskombinationen entwickeln. So verstehen sie den Entwurfsvorgang für das Relief, an dem wir arbeiten.

Schriftgesträuche

Noch fast im Schlaf ging mir das alte Schottische Volkslied „Auld Lang Syne“ durch den Kopf. Ich las gerade auch eine schöne Übersetzung ins Deutsche. Nun nahm ich den Originaltext, um ihn in verschiedenen Konstellationen übereinander zu schreiben und damit die Buchmalereien dieser Woche zu beginnen. Dieses Textgesträuch verwischte ich dann, um in die entstandenen hellen, nebligen Streifen wieder dunkle, scharfe Schriftlinien einzufügen. Das wiederholte ich mehrfach gemeinsam mit den wandernden Handballenabdrücken. Nachher im Atelier will ich versuchen, diese aufgelösten Schriftstreifen mit der Entwicklungssequenz von „Kraftfeld“ aus 2010 zu kombinieren.

Diese, auf Schrift basierenden, Buchmalereien sind nun auf ihr Potential zu untersuchen, das sich für weitere Such- und Experimentalsituationen eignet. Dabei schwebt mit kein Ergebnis vor, sondern die Möglichkeit, die Tagebuchtexte selbst zu Voraussetzungen der Bilder zu machen. Die Hoffnung dabei sollte sein, dass sich die Texte über den Bildumweg verändern, sie eine andere Bedeutung und Produktivität erhalten.

Immer wieder kreisen unsere Gespräche um die diesjährige Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels und die verschiedenen Ansätze der Teilhabediskussionen. Ich finde, dass es immer strikt um Qualität gehen sollte, ob in der bildenden-, der darstellenden Kunst oder der Literatur und nicht um Migrationsgeschichten und Hautfarben. Was mir bei diesen Diskussionen wichtig erscheint, ist die Verarbeitung der Kolonialgeschichte. All das aber bearbeite ich seit 1997 in meinen Wanderungsspuren – Projekten. Diese Erfahrungen lassen sich nun in der Rekonstruktion des Kraftfeldes, der neuesten Ausprägung von „Trixel Planet“, verdichten.

1, 2, und 3 I Ausformung des Kraftfeldes

Noch bevor ich am Morgen mit den Buchmalereien begann, war mir klar, dass ich den farbigen Pigmentwolken nicht mehr so viel Raum zugestehen wollte. Deshalb begann ich mit einer mehrfarbigen Krakelstruktur, die ich gleich mit Wasser auflöste, um einen Schritt weiter zu gehen als gestern. Mit dieser dunkel gefärbten Wasserwolke von 1 setzte ich mit dem rechten Handballen Zeichen per Abdruck in 2 und 3. Dann entschied ich mich doch für Pigmentpartikel, die ich aber mit der Fingerkuppe zu einem dunklen Nebel in einen Energiestrahl setzte, der aus der Mitte einer Figur in 3 nach Rechts austrat.

Wieder treten in allen 3 Bildern menschlich-figürliche Erscheinungen auf. Aber nur in der 1. Malerei umrandete ich eine kniende Figur, aus deren Kopf Energie himmelwärts austritt, mit farbigen Linien. Aus den Pigmentpunkten entstand im selben Format ein Gitternetz. Vor eine Gravitationswolke in 3 setzte ich eine durchscheinende Kulissenwand. Den Abdrücken ein größeres Gewicht zu verleihen oder sie sogar zu den Hauptgestaltungselementen zu machen, das klingt in der mittleren, der 2. Malerei an.

Erstmalig kam gestern meine neue Schülergruppe ins Atelier. Auf der Transparentpapierrolle von 2010 zeigte ich ihnen die Überlagerungssequenz, mit der ich das Linienmuster vom Kraftfeld entwickelt habe. Ich musste sie lange suchen und dabei weite Strecken der 50 Meter langen Rollen sichten. Dabei empfinde ich Genugtuung. Auch das zerstörte Relief zeigte ich ihnen auf dem Holzlagerboden und machte klar, dass es nun unsere Aufgabe ist, es gemeinsam zu rekonstruieren. Das begann dann sofort mit Pappmacheproduktion. Die Form hatte ich mit Wachs abgesperrt, so dass wir mit der Ausformung gleich beginnen konnten. In einer guten Stunde schafften wir zusammen etwa ein Drittel der Fläche. Ein weiteres Drittel füllte ich dann alleine bis zum Abend.

Die alte Sprache

Aus einer Indigoschraffur am Anfang der 1. Buchmalerei heute, entstand eine Art Totholzfigur. Sie kam, wie die Kritzelgesten auf 1 und 3, aus dem Handgelenk. In die Wasserverläufe zeichnete ich eine Schwere. Dabei füllte ich den zuvor festgelegten Umriss mit dunklen Wellenschwüngen, die sich an der Umrissgestalt orientierten. Von Links drängen sich an zwei Stellen Figuren herein, die vom Rest des abstrakten Geschehens nicht akzeptiert wurden. Aus dem Totholz sprossen dann aber doch noch ein paar lebende Ranken hervor.

Mit Vinzenz wuchtete ich gestern die große Kraftfeldform aus der Ecke auf den Zeichentisch. Sie beherrscht nun das Atelier. Vinz hat mich beim Absperren der Form fotografiert und schickte mir gestern noch ein paar schöne „Schwarzweißabzüge“. Leichthändig hob er Pflanztöpfe, die für mich allein zu schwer sind, auf die Tische vor den Rolltoren. Über die Zöglingsportraits, einer Reihe von Transparentpappierblättern, sind wir auf meine alte Sprache gekommen, die in Teilen aus der frühen DDR-Zeit kommt. Ich behaupte sie als einen Teil meiner Geschichte. Auch wenn ich mich mit der Sinnhaftigkeit von gegenwärtigen Sprechverboten beschäftige, hebe ich Worte und Konstruktionen auf, die nicht mehr benutzt werden sollen.

Am Vormittag möchte ich mich noch einmal mit der Entstehung des Kraftfeldes befassen. Dazu gibt es eine Sequenz auf einer Transparentpapierrolle von 2010, in der ich die Umrisse verschiedener kultureller Zeichen der Zuwanderungsgesellschaften übereinander geschichtet habe. Diese stelle muss ich nun suchen, um den Schülerinnen und Schülern erklären zu können, was wir in der nächsten Zeit tun werden.

Rot geladene Teilchen

Die roten Pigmentkörner waren die ersten Spuren, aus denen die heutigen Buchmalereien entstanden. Ich fing ganz links an, verteilte sie mit der rechten Zeigefingerkuppe, dem Handballen und Wasser und übertrug ein paar Partikel auf die anderen zwei Bildstellen. Dann begann ich die „rot geladenen“ Teilchen mit Energielinien tastend mit hellem Kobaltblau und kühlem Grau zu umkreisen. Als ich dann die erste Punktwolke mit einem Figurenumriss einhegte, wäre ich normalerweise dazu übergegangen, in dem zwei anderen begonnenen Bildern, nach Figuren zu schauen und sie, zumindest fragmentarisch anzudeuten. Das habe ich heute gelassen, um den Gravitationsvorgängen rund um die Pigmentwolken, nicht ihre Präsenz zu nehmen.

Die Entwicklung dieser kleinen Form über die Jahrzehnte hinweg, schuf einen Mikrokosmos, aus dem sich dann die größeren Arbeiten zusammensetzen. Wie sich das auf die Rekonstruktion des Kraftfeldes auswirken wird, zeigt sich in den kommenden Wochen. Als nächstes aber muss ich die Schüler davon überzeugen, mir dabei zu helfen. Heute möchte ich mit Vinzenz die Kraftfeldform aus ihrer Ecke herausholen, damit ich morgen beginnen kann, sie mit den Schülern auszufüllen.

Fragmente der Abgüsse würden sich eignen, sie in Kooperationsobjekte zu verwandeln. Vandad sprach auf der gestrigen Webkonferenz zu YOU&EYE über die Möglichkeit von Kooperationen und dass dafür auch Räume zur Verfügung gestellt werden könnten. Für die Zusammenarbeit mit Claudia und Maya eignet sich aber die „Postalische Methode“ besser. Wenn ich selber der Bote bin, kann noch mehr Austausch entstehen.

Konkretion

Mit vorsichtigen Linien aus gebranntem Ocker begann ich am Morgen meine Buchmalereien. Zunächst entstanden Umrisse von aufrechten Gebilden, die entfernt an innere Organe oder menschliche Figuren erinnern. Sie gehen dann Verbindungen mit Möbelfragmenten und Pflanzenarchitekturen ein. Fremdartige Geschöpfe tauchten in der 3. Malerei, wie aus der Tiefsee, auf. Durch das Aufschreiben dieser Vorgänge erfahren sie eine Konkretion, die sie aus dem Unbewussten in eine rational nachvollziehbare Reihenfolge überführt.

Morgen Nachmittag wird mich Vinzenz im Atelier besuchen. Ich hatte auch Laila eingeladen, die aber leider keine Zeit hat. Ich erhoffe mir durch die jungen Menschen Denkanstöße, die meine Arbeit beeinflussen. Es wäre schön, wenn sich etwas Gemeinsames entwickeln könnte, das einer Kooperationsstruktur folgt, ähnlich wie mit Claudia und Maya. Sind solche Kooperationen ein Schlüssel für die Erneuerung der Arbeit?

Gestern räumte ich die Relieftafeln des 2. Väterdoppelportraits aus dem alten Holzlager ins Atelier und weitere frostempfindliche Pflanzen gruppieren sich vor den Fenstern. Ich gebe auf die Arrangements acht, auf ein ästhetisches Bild. Alle Gewächse, die ich nach innen trage, bekommen etwas Pflege, manche topfe ich um oder beschneide sie. Mit ihnen kommen Schmetterlinge und Eidechsen herein, die sich draußen für den Winter eingerichtet hatten. Sie erwachen dann und streunen durch das Atelier.

Heimweh I Halt I Hagel

Die Bäume vor unseren Fenstern in der Frankenallee, der tägliche Arbeitsweg mehrfach durch ihre Reihen, die jahreszeitlichen Veränderungen der Ausblicke und vieles, dass ich eher einengend empfunden habe, vermisse ich während dieser Zeit in der Kaulbachstraße in Sachsenhausen. Das ist wie Heimweh.

Die vagen Farbwolken der Buchmalereien suchen nach Halt. Ihre Partikel folgen den Wirbeln, bewegen sich zwischen den Andeutungen von Architektur. Ein plötzlicher starker Hagelschauer traf mich auf dem Rückweg vom 87. Geburtstag meiner Mutter. Ich meinte, die Frontscheibe müsse zerbersten. Laute Schläge auf das Blechdach – das alles in wenigen Sekunden, mitten im dichten Verkehr in die nächste Arbeitswoche von Ost nach West.

Durch die ernste Verschärfung der Pandemie durch Ungeimpfte kommt es zu einer konfrontativen Situation. Menschen, die längst zwei Impfungen hinter sich haben und sich nach einer Normalisierung ihres Alltags sehnen, stehen Impfgegnern gegenüber. Ich stelle mir eine Verstärkung des Aggressionspotentials vor, das mit der pandemischen Lage einhergeht. Die geistige Welt der Verschwörungsszenarien erzeugen in mir das Bild eines finsteren Mittelalters. Nun ist es wieder möglich, dass Hexen und Bücher verbrannt werden, Leute, die eine Brille tragen erschlagen, und Fenster, hinter denen Impfstoff angeboten wird, eingeschlagen werden.

Schattenspiel

Das Schattenspiel mit transparenten Stabpuppen aus Tierhaut kenne ich aus Thailand. Zwischen großen Glühlampen und von ihnen beleuchteten Leinwänden, führten die Puppenspieler Stücke auf, die manchmal von kleinen Gamelanorchestern begleitet wurden. Seit dem tauchen Zeichen für solche Figuren in meinem Zeichnungen und Buchmalereien auf. Der Umriss einer Büste wurde heute mit einem Stab versehen und weiter verarbeitet. Am Ende schaut ein Kopf auf einen flatternden Wimpel.

Im Atelier bekam ich Besuch von Oliver Tüchsen, der einen der beiden Pappelstammstücken prüfen wollte, ob sie sich für sein Schülerprojekt eignen. Wir sprachen dann noch eine Weile und ich erzählte im von unseren Kooperationsversuchen. Zuvor richtete ich meinen Wintergarten weiter ein. Ein Rotkehlchen beobachtet mich seit einiger Zeit dabei. Es weiß, dass ich andauernd Pflanztöpfe aufhebe, unter denen sich im Schlamm Regenwürmer, kleine Schnecken und Asseln befinden, Nahrung für den kleinen zutraulichen Singvogel.

Den Platz, der durch das Aufräumen entsteht, schaffe ich nicht nur für die Zusammenarbeit mit den Schülern. Wenn ich heute die Hobelbank abräume, kann ich mit dem Bau eines Rahmens für das Doppelportrait beginnen. Diese rein handwerkliche Unternehmung sollte mich nicht noch einmal in die Schichten der Väterproblematik ziehen und mir leichter von der Hand gehen.

Energie I Platz schaffen I Schriftzeichen

Am Morgen besprach ich den Start der Arbeit mit den Schülerinnen. Sie sind Kinder geflüchteter Familien und sprechen voraussichtlich kaum Deutsch. In der kommenden Woche werde ich dann versuchen, sie in das Kraftfeld einzubinden. Obwohl ich mittlerweile weit entfernt bin von dem Gedanken, dass die Kunst eine Wirkung erzielen sollte, schleicht sich der Gedanke ein, dass diese Beschäftigung für sie ein Quell von Energie sein könnte. Die Ruhe, die nun in meinem Arbeitsalltag eingekehrt ist, macht es möglich, dass ich mich nun ganz und gar auf dieses Vorhaben konzentrieren kann.

Die Einrichtung des diesjährigen Wintergartens gehört auch mit zu den Vorbereitungen der Rekonstruktion des großen Relieffrieses. Es wird Platz geschaffen. Ich gebe mir bei der Einrichtung der Pflanzenarrangements mehr Mühe. Neben der funktionalen Praxis soll mehr wohnliche Qualität entstehen. Beim Abräumen der Tische begann ich Dinge wegzuwerfen. So befreie ich mich nun auch Stück für Stück von den Arbeitsvorgängen des Väterprojektes.

Wenn ich auf der linken Seite des Tagebuches mit der Buchmalerei beginne, dann scheinen da die handgeschriebenen Zeilen des Vortages durch. Diese Struktur habe ich aufgenommen und sie zunächst mit den Handballenabdrücken weiterentwickelt. Daraus ließen sich Figuren lesen, die ein wenig wie Worte dünnen auf Beinen dahergelaufen kommen. Innerhalb dieser Körperhaftigkeit entstanden neue Zeichen – Schriftzeichen. Hier schließt sich der Kreis zur Zusammenarbeit mit den Schülern. Im Liniengeflecht des Kraftfeldes lassen sich neue Gegenstände finden, die wir in deutscher Sprache bezeichnen. So prägen sich die Vokabeln besser ein.

Das Paar I Collagen I Kraftfeldfragmente

Das Paar, das ich gestern aus den vagen Linien der Papiergravuren gelesen hatte, entstand heute, wie prognostiziert, aus den durchgedrückten Linien vom Vortag. Daneben werden andere Formen von Enge durchgespielt, wie ich sie nun im alltäglichen öffentlichen Verkehr und im Zeichen der Pandemie bedrängend und intensiv erleben muss. Die zwei Figuren tauchen in unterschiedlichen Erscheinungsformen auf und stehen immer in Verbindung zu dem beunruhigenden Geschehen in den nebulösen Atmosphären.

Die werktäglichen Collagen möchte ich gerne etwas intensiver und weniger streng gestalten. Bisher habe ich die Größenverhältnisse der Scans selten verändert. Der Ursprung dieser Beschränkung scheint aus einem entfernten bildnerischen Regelwerk zu stammen, das die analoge Arbeit betraf. Die traditionelle Collagenform konnte sich des Vergrößerns und Verkleinerns nur über Umwege bedienen. Das habe ich bisher in ihrer digitalen Form beibehalten.

Leitern und Tische türmen sich im Atelier zu einer Konstruktion, die den Wintergarten ermöglichen soll. Gleichzeitig muss genügend Platz für die Arbeit mit den Schülern bleiben. Deswegen wandern die kleineren Pflanztöpfe nun auf die oberen Gesimse vor den Fenstern. Dafür räumte ich einen Tisch frei, auf dem ich die Fragmente des zerstörten Kraftfeldes ausgebreitet hatte. Die Arbeit mit ihnen ist noch nicht so richtig in Schwung gekommen. Das entspricht aber meinem Vorhaben, an die nächsten selbst gestellten Aufgaben etwas langsamer zu gehen.

Am Rande des gewohnten Aufenthalts

Derzeit bin ich nur am Nachmittag im Atelier. Den Vormittag verbringe ich mit den Tagebüchern in der Kaulbachstraße. Neben den handschriftlichen Texten im Buch, schreibe ich auch die für die Website und stelle sie von dort aus ins Netz. Die Collagen aus den Buchmalereien, die nun in Sachsenhausen entstehen, mache ich dann im Atelier mit den Programmen, an die ich gewöhnt bin.

Auf den Buchseiten, die für den entsprechenden Tag reserviert sind, finden sich oft Spuren der Malereien des Vortages. Manchmal wird das Papier von Wasserfarben und dem Druck der Stifte oder des Handballens durchtränkt. So bilden sich farbige Echos aus Flecken, Linien und Papiergravuren, die ich dann aufnehme und in den Bildern des nächsten Tages fortführe. Vielleicht entsteht aus de Linien, die ich mit einer Holznadel auf der linken Seite des heutigen 2. Bildes eingegraben habe, morgen ein sich umschlingendes Paar. Im Zentrum des 3. Bildes von heute, steht eine Figur, die in einer Grenzsituation, am Rande ihres gewohnten Aufenthalts, verformt wird. Links daneben schwebt das Embryo eines kleinen Tieres und Rechts eine Hashtagfigur, die Schnell im Nebel verschwinden kann.

Im Atelier begann ich gestern aufzuräumen. Gleichzeitig holte ich die ersten Sukkulenten in ihr Winterquartier. Für den Rest der Woche will ich das in Ruhe fortführen, um auch im Kopf wieder Platz für neue Bilderfindungen zu schaffen. Platz benötige ich aber auch für die Schüler, die mir helfen sollen „KRAFTFELD“ zu rekonstruieren. Ich möchte ihnen die Entstehung dieser Arbeit zeigen. Es wäre schön, wenn die Erlebnisse ihrer Wanderung hierher mit einfließen könnten.

Seelen im Wartestand

Die Figuren, die heute in das Arsenal der Seelen im Wartestand wandern, traten aus den Schichten der Stille hervor. Gesichter sind zur Unkenntlichkeit durchgestrichen, weil sie sowieso immer austauschbarer werden. Der Auftritt vom Christus am Kreuz aus den Nebeln, gleicht dem Auftauchen der Maschinen in der dreispurigen Einflugschneise unter der Wolkendecke, die für das Grundgeräusch hinter oder vor der Stille sorgen, je nach dem wo man sich aufhält.

In den Buchmalereien tauchen auch immer wieder Konstruktionen auf. Entweder lösen sie sich durch Tornados, Rückbau oder Unterspülungen auf oder sind Teil der Bauwut, der Konzentration von Heimbürokratie, Gamingblasen und Überwachungselektronik. Raum für Industrien entsteht, die nichts mehr produzieren. Die Produktion wird den Usern übertragen. Die Lücken in denen noch Wildwuchs vor sich hin kümmert, werden bis in den alten Schwemmsand der Urstromtäler ausgeschachtet. Grundwasser wird abgesenkt. Betonwaben füllen die Gruben und wachsen, Schattenfelder werfend, um mich herum. Den allgemeinen Rhythmus, in dem das alles passiert, geben die Signale der elektronischen Kalender mit den codierten Informationen vor.

Mit Laila und Vinzenz sind wir gestern zum Fuchstanz gewandert. Eigentlich wollten wir den Weg über meinen gestalteten Waldpfad nehmen, um nach 7 Jahren nachzuschauen, was übrig geblieben ist. Aber dort ist jetzt ein Kahlschlag. Alle Bäume sind großflächig gefällt. Nichts mehr da!

Labyrinthe

Die Labyrinthe der öffentlichen Verkehrsmittel, angefüllt mit eilenden Menschenmassen, treiben mir durch mein Gemüt und fragmentieren alles, was als fester Boden spürbar scheint. Manchmal in Träumen verliere ich in diesen Situationen, bei aufsteigender Panik, die Orientierung und lege an Tempo zu.

Im Anna-Freud-Institut traf ich Maya und Claudia, konnte ihnen meine Kooperationsarbeit weitergeben. Das tat mir gut. Das ganze anschließende Gespräch, in dem sich auch neue Künstlerinnen vorstellten, war von einer freundlichen, anteilnehmenden Atmosphäre geprägt. Auf dem Weg ins Atelier spürte ich die wohltuende Wirkung der sich austauschenden Menschen auf mich.

Die Buchmalereien, in die ich mich sofort nach der Ankunft hier versenkte, ändern sich wieder, kaum merklich und langsam aber stetig. Die Gravitationsschwünge haben keine entscheidende Impulswirkung mehr. Ist das auch dem Ende des Väterprojektes geschuldet? Aus Schraffuren und dicht kreisenden Strukturen, entwickeln sich Abdrücke, die sich innerhalb der 3 Bilder fortpflanzen. Aus ihnen entstehen dann Figurenumrisse, abstrakte Gegenstände und wolkige Farbatmosphären. Alles bezieht sich aufeinander, durchdringt sich und soll spannungsvolle Verhältnisse erzeugen.

Geschichten erzählen sich

Nebelbänke lösen die Architekturen der Genussmittelindustrie auf. Erleichternde Abwesenheit von Henninger-Ferrero. Das schillernde Grau spielt mit den geraden Linien der robusten Volumina. Luftschiffe aus Zeppelinheim stranden vor der steinernen Küste des Sachsenhäuser Berges.

Ähnlich ergeht es den kompakteren Gegenständen der Buchmalereien. Angelöste Teile schwimmen ihnen davon, die sich aus dem streifigen Nebelfluss wieder leicht verklumpen. Am Ende der Wischbewegungen bleiben oft Punktstrukturen stehen, die der Anlass für Figurenfindungen werden. Aber wird eine solche allzu konkret, ist sie wieder Schraffuren oder Fingerabdrücken ausgesetzt, die eine Erneute Abdeckung oder Auflösung betreiben. Dieses Hin und Her ist der Motor des Bildergenerators.

Und dann, wenn ich fertig bin, kann ich genauer schauen, welche Geschichten sich erzählt haben. Ein Torso ist beispielsweise mit einem Fixateur Externe mit einer Kulissenkonstruktion aus Dreiecken verbunden. Aus seiner rechten Seite treten Klaviertasten hervor. Die andere Seite setzt den Impuls für die Auflösung der Kulisse nach Links. Dort stehen Figuren auf bröckelndem Fundament.

Nebel

Wenn ich vorsätzlich mit besonderer Sorgfalt an die Buchmalereien gehe, besteht die Gefahr, dass sie etwas steif geraten. Es passiert dann leicht, dass ich an ihnen zu lange herum laboriere, die Dichte zunimmt, Konturen verschwinden und Frische verloren geht. Aber wer sagt eigentlich, dass ich etwas Frisches herstellen soll?! Vielleicht ist ein dichter nervenaufreibender Nebel genau das, was jetzt richtigerweise erscheint.

Ein weiteres Aquarell von Maya versah ich gestern mit einem weiteren Transparentpapierstreifen. Er ist nicht so kräftig und dicht gezeichnet, wie der vorangegangene, bildet einen lichten Kontrast zu ihm. Nun bleibt noch das 3. Format, das ich mit einem Auszug der Figurengruppe von Rolle 9 versehen will. Mein Produktionstempo ist zu hoch. Ich möchte langsamer machen, auch weil die zwei Mitstreiterinnen noch viele andere Dinge zu tun haben.

Mit Vinzenz, der mich gestern im Atelier besuchte, nahm ich das Gespräch wieder auf. Wir verabredeten, uns in den nächsten Wochen regelmäßig zu treffen. Dabei ist es mir wichtig, dass wir ein gemeinsames Projekt haben, das wir vorantreiben können. Aus dem, was er von seinen Ideen erzählte, geht am ehesten eine geografisch-räumliche oder skulpturale Richtung hervor.

Rhythmisiert

Buchmalereien in ruhiger Gangart. Funken glimmen von Bild zu Bild. Synaptisches Rhythmisieren im Dreisprung: Klavier, Schlagzeug, Bass. Figuren streifen von Ecke zu Ecke, während das Dreieck langsam rotiert. Oder Saxophon, Bass, Piano, wie ein Schwarm Spatzen manchmal und sonst auch wie ein Kajak auf ruhigem Wasser.

Gestern zeichnete und baute ich am ersten Objekt. Mayas Aquarell und ein Transparentpapier von mir mit kräftigen Tuschelinien von Rolle 9 durchgezeichnet, mit Schellack angelöst und etwas verwischt. Das Ganze geriet ein wenig übermotiviert. Eine etwas leichtere Zeichnung will ich nun an das zweite Aquarell anfügen, auf der eine Suche nach dem Dreisprung begann. Vielleicht schaffe ich ja bis Freitag alle 3 Objekte. Dann treffen wir uns im Anna – Freud – Institut im Rahmen von „YOU & EYE“.

Die veränderten Koordinaten durch unseren Umzug nach Sachsenhausen, das Pendeln mit der S-Bahn, einkaufen unterwegs, die vielen Menschen, erschweren die Konzentration auf den gleichmäßigen Lauf der Arbeit. Gleich kommt Vinzenz. Wir könnten an der Stelle weitermachen, an der wir vor 10 Jahren stehen geblieben waren, beim Kraftfeld.

Leerstellen

Die Frage, warum ich derzeit diese starke Tendenz zur Kooperation habe, lässt sich nicht nur mit der anhaltenden Pandemiesituation beantworten. Sicherlich führt eine Kontaktarmut zu der inneren Notwendigkeit intensiverer Kommunikation. Über die Zusammenarbeit, wird ein Bezugssystem erzeugt, das die Leerstellen aber nicht ganz kompensieren kann.

Von dem Gedanken aus den 3 Aquarellen von Maya ein Gesamtobjekt zu machen, bin ich abgekommen. Es müssen 3 Objekte sein! Die Transparentpapiersequenzen beschäftigen sich einerseits mit dem rotierenden Dreieck, nehmen aber auch das Fischthema auf. Allerdings treten zunächst Einzelkörper aus dem Schwarm heraus und setzen sich mit menschlichen Figurenumrissen in Verbindung. Die Choreografie der Körpergruppe wird am ehesten durch die Wiederholungen, die beim Durchzeichnen entstehen, aufgenommen.

Gleichzeitig denke ich an Anschlussmöglichkeiten für Claudias Material. Die Objektkonsistenz soll mit Stoff kompatibel sein. Oder soll ich von solchen Überlegungen absehen, diese Verantwortung abgeben? Wäre vielleicht eher im Sinne der Zusammenarbeit…

Koordinaten I Ausgangspunkte

Am Morgen, nach dem Aufwachen, hatte ich Schönbrunn vor Augen. Jetzt höre ich die Goldbergvariationen mit Glenn Gould, wie ich es in Wien an jedem Morgen meiner 2 Monate dort gemacht hatte. Mich rhythmisiert das in fremder Umgebung und bietet mir gewohnte Koordinaten zur Orientierung.

Im alten Holzlager hängte ich gestern das farbig lasierte Väterportrait ab, weil es sich in der feuchten Luft sehr stark wellte. Das Kraftfeld breitete ich am Boden aus. So zerstört, wie es ist, bildet es doch Impuls und Material für den Neuanfang. Manche losgelöste Fragmente habe ich schon von hinten mit einer Pappmacheschicht stabilisiert. Das sind Ausgangspunkte für Objekte, die zum Prozess gehören.

Mayas Malereien brachte ich ins Atelier und kombinierte sie probeweise mit bemalten Transparentpapieren. Daraus werde ich versuchen, ein Objekt zu entwickeln, das am ehesten einer Buchform ähneln könnte. Das schicke ich dann in die Modedesignwerkstatt von Claudia.

Mehr Vorsicht

Mit Tusche und Feder zeichnete ich gestern Abend noch die Überlagerungen in die Sequenz auf Rolle 9, die sich aus dem Zurückrollen ergeben. Der Radius der Rolle verringert sich auf der rechten Seite, je länger ich auf dem Zeitstrahl vorwärts arbeite. Gehe ich mit den durchgezeichneten Überlagerungen beim Zusammenrollen rückwärts, treffen sie in kürzerem Abstand aufeinander. Anders herum, wenn ich auf dem linken Teil der Rolle durchzeichne, nimmt der Abstand wegen des wachsenden Radius zu. Aus diesen gegenläufigen Tendenzen beziehe ich die Spannung innerhalb der Schichtungen.

An die Buchmalereien bin ich am Morgen etwas vorsichtiger herangegangen. Ein zartes Spiel von Gravitationsschwüngen in gelblichem Graugrün war die Konstruktionshilfe für die abstrakten Apsaras. Mit ihren Teilwiederholungen per Handballenabdruck bestritt ich das weitere Vorgehen auf den folgenden Formaten. Hinzu kamen die Pigmentwolken als Gegensatz zu den Linien. Sie haben manchmal auch eine verschlingende Funktion, mit der sie ganze Motive auflösen können. So verringern sie das Gewicht der allzu festen Striche.

Ebenso vorsichtig, wie mit den Buchmalereien, ging ich gerade mit den Collagen um. Wenn die von diesem Jahr als Endlosschleife laufen, gibt es immer wieder Zeiträume, in denen sie besser gelungen erscheinen. Folge ich dieser momentanen Empfindung, schaue ich mir die Techniken an, mit denen ich die Schichten der verschiedenen Arbeiten übereinander stapele, indem ich viele Partien durchlässig lasse. Dann versuche ich so weiter zu machen.

„Wer hat meinen Vater umgebracht“

„Wer hat meinen Vater umgebracht“ ist der Titel eines schmalen Bandes von Edouard Louis. Diesen einfühlsamen Bericht über die Seelenhaushalte eines gewalttätigen Vaters und des dazugehörigen Sohnes, las ich nun nach Ende des Väterprojektes. Der Männlichkeitswahn und die Gewaltbereitschaft des Vaters wurden von der Abspaltung seiner homoerotischen Neigungen her beschrieben. Im letzten Abschnitt wird dann die Schuld am frühen Tod dieses Mannes, der Politik zugeschoben. Dieser Wendung des Textes konnte ich dann innerlich nicht mehr folgen.

Zur Trio – Kooperation arbeitete ich nun auf Rolle 9 weiter. Die begonnene Sequenz vervollständigte ich zu 3 Wiederholungen des Motivs, in fortschreitender Richtung von links nach rechts. Die wichtigen variantenreichen Verdichtungen passieren erst im nächsten Schritt. Dann zeichne ich die Umrisse und Muster in Rückwärtsdrehung von rechts nach links und gehe so in der Zeit zurück.

Immer wieder nehme ich mir das Christa – Wolf – Lesebuch von Carola vor. Am Vormittag sah ich mir dazu die Rede vom 9.11.1989 auf dem Alexanderplatz an. Die Ereignisse im Zentrum vom Berlin, die in meine Lebensspanne fallen, lösen stets starke emotionale Reaktionen bei mir aus: Mauerbau / Mauerabriss, Bau des Palastes der Republik / Rückbau, Schlosssprengung / Schlossneubau. Das sind die Endlosschleifen meines Lebens.

Figürliche Erscheinungen

Die Buchmalereien entstanden heute am Tisch in der Kaulbachstraße. Ganz automatisch setzte ich mich mit dem Rücken zum Panoramablick über den Sachsenhäuser Berg. Beim Versuch, noch einmal Bezug auf das Fischschwarmthema von Maya zu nehmen, übernahmen die abstrakten Apsaras die Rolle der Fischkörperformen. Daraus entwickelten sich figürliche Erscheinungen, die sich in unterschiedlicher Weise mit ihrer Umgebung in Verbindung setzen.

Nun stellt sich die Frage, wie sich die Umrisse dieser Kompositionen mit dem Material auf Rolle 9 verbinden, das aus der Beschäftigung mit dem Kooperationsversuch „Im Dreieck springen“ entstanden ist. Gestern zeichnete ich dort den Umriss der 2. Buchmalerei vom 15.10., und verdichtete die Innenflächen mit dem vorausgegangenen Material zum Thema der Zusammenarbeit. Die so entstandene Figurengruppe möchte ich nun noch einmal fortlaufend auf der Rolle wiederholen. So kann ich ihre Umrisse und Muster beim Rückrollen, entgegengesetzt der zeitlichen Reihenfolge, ineinander zeichnen.

Die Arbeit an der Komposition für 2 Stimmen einer Sängerin im alten Holzlager, ist nun über den Winter unterbrochen. Das heißt, dass ich die Väterportraits wieder abbaue, um mich der Rekonstruktion und Erweiterung des Kraftfeldes widmen zu können.

TRIO

Eine Reise nach Berlin, ein Umzug und das vollständige, staubdichte Verpacken unseres Hausrats ließ eine Schreibpause auf der Website entstehen. Wie immer geht ja in solchen Fällen die Arbeit am handschriftlichen Tagebuch und an den Buchmalereien weiter.

Die asiatische Sammlung im Humboldtforum stellte mir noch einmal die Relevanz meiner Beschäftigung mit Wanderungsspuren vor Augen. Auch, dass die Sammlung nun ausgerechnet an diesem Ort, an dem ich selbst vor 45 Jahren auf einer Baustelle arbeitete, ausgebreitet ist, berührt mich. Ich traf auf alte Bekannte, wie die polynesischen Stabkarten, die zur Navigation der großen Auslegerboote gebraucht wurden.

Außerdem beschäftigte mich der Triogedanke weiter. Von Maya kamen 3 Malereien, an die angelehnt ich nun 9 Buchmalereien machte. Nun will ich sehen, ob ich das alles auf Rolle 9 wieder zusammenfügen und verdichten kann. Dann würden ein paar Transparentpapierseiten zu den kleinen Malereien von Maya hinzukommen.

Um sich selbst rotieren

Zunehmend beschäftige ich mich mit dem Kooperationsprojekt IM DREIECK SPRINGEN. Bei den Buchmalereien treten Figuren auf, die stellvertretend für das Kooperationsteam stehen. Interaktionen lösen sich auf und materialisieren sich neu. Auf Rolle 9 übertrug ich den Umriss der 3. Buchmalerei von gestern und verdichtete sie nur aus sich heraus, indem ich zwei aufeinander folgende Varianten wieder neu überlagerte.

Somit ist der Kontakt zur Vergangenheit abgebrochen. Die Kraft der vorausgegangenen Kämpfe füllt nicht mehr die Umrisse der neuen Figuren, sondern sie verdichten sich durch ein eigenes um sich selbst Rotieren. Die aufgezeichneten Gravitationsschwünge verbinden sich mit den heutigen Buchmalereien zu einer weiteren Collagenschicht.

Im Alten Holzlager geht die Arbeit an den Aufnahmen der Komposition für zwei Stimmen weiter. Ich habe die Relieftafeln schon hinauf transportiert. Sie dienen als den Raum ordnendes Element und funktionieren gleichzeitig als Erweiterung des Themas der zwei Stimmen einer Figur.

Kollisionen, Poesie und Trennung

Das Dreieck, als strukturelle Vorgabe für das Kooperationsvorhaben, bestimmt seit gestern meine Arbeit. Auf Rolle 9 entwickelte ich das Gravitationsmodell aus den Buchmalereien weiter und Verband es mit den vorausgegangenen Strukturen. Mit einer Verwischung aus Schellack und Tusche habe ich diesen Arbeitsschritt wieder relativiert. Das fügte heute mit den neuen Buchmalereien in den Collagen zusammen.

Mir ist jetzt, als müsse ich auf der Rolle neu beginnen und die folgenden Verdichtungen sollten nur auf dem Dreiecksgravitationsmodell aufbauen. Zunächst entwickelte sich ein Ausflug in den Kubismus, der mir vor gut 40 Jahren nahe stand. Damals studierte ich Kunsterziehung in Erfurt.

Im selben Gebäude befindet sich nun eine Universitätsneugründung. Jetzt, da B. dort eine Gastdozentur vorbereitet, die in den Räumen der ehemaligen Pädagogischen Hochschule stattfindet, hoffe ich auf intensive Erinnerungen an diese Zeit, wenn ich sie mal dorthin begleite. Es war eine Situation der aufbegehrenden Kollisionen, der Poesie und der endgültigen inneren Trennung vom politischen System.

IM DREIECK SPRINGEN

Nach 4 Tagen in Berlin, bin ich wieder im Atelier. Gut gelaunt schlenderte ich am Morgen hier her und erinnere mich jetzt an das Gespräch, das ich kurz vor meiner Abreise an Ort und Stelle führte. Mit zwei Akteurinnen aus dem Projekt „YOU&EYE“ besprach ich Möglichkeiten der Kooperation zwischen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus den verschiedenen Gewerken. Dabei kamen wir auf die Idee, 9 Objekte im Dreieck gegen den Uhrzeigersinn wandern zu lassen. Das Projekt könnte heißen: IM DREIECK SPRINGEN. Ich gab schon mal 3 Reliefobjekte an Claudia weiter und bekomme demnächst 3 Dinge (Malereien?) von Maya, die ich dann weiter bearbeite und an Claudia weiter gebe. In dieser Weise könnten die Wanderobjekte in 3 Runden weiter gestaltet werden. Am Ende sollten sie im Bezug aufeinander in einem Raum installiert werden.

Diese Arbeitsweise hat ein wenig mit meinen 3 Buchmalereien zutun, die ich täglich mache und auch mit den Collagen, die ihnen folgen. Schicht auf Schicht stapelt sich im Laufe der Zeit. In der Akademie der Künste sah ich eine Annonce der Akademie in Wien, in der über eine Ausstellung mit dem Titel „Hungry for Time“ informiert wurde. Diesen Hunger spüre auch ich.

Die Besichtigung des Humboldtforums hat mir wieder so viele Arbeitsfelder gezeigt, die mich schon in der Vergangenheit beschäftigt haben. In dem Saal mit den Auslegerbooten traf ich alte Bekannte, nämlich die Stabkarten, die in Polynesien zu Navigieren benutzt worden sind. Noch in einem Rahmen, der im Atelier steht, habe ich ihre Umrisszeichnungen auf Transparentpapier in Beziehung zu anderen Wanderungsspuren gesetzt. Diese Collage entstand 2009 und bereitete das Kraftfeld vor.

Selbstgespräche

Die glatten Schnittflächen der Lavasteine versah ich mit Pigmentkörnern und Wasser, um sie auf die leeren Buchseiten zu pressen und so die Buchmalereien zu beginnen. Durch minimale Bewegungen entstehen Richtungen, die durch drehen oder ziehen anders ausgerichtet oder unterstrichen werden können. Abhängig von der Herstellung einer Spannung zwischen Ruhe und Aktion, zwischen wolkiger Ferne und scharfkantigem Vordergrund oder reiner Abstraktheit und Menschenfiguren, verlaufen die Arbeitsgänge. Nach dem aufreibenden, dichten und schnellen Tun, benötige ich eine Pause.

Sind die Buchmalereien schon Selbstgespräche, so schließen sich dann die Wortreihen als ebensolche an. Das Ende der Malerei wird meist durch ein gesprochenes Wort begleitet, das bestätigt, dass es richtig ist, jetzt aufzuhören. Aber was kann schon Falsches passieren bei den vagen Andeutungen von Wind, Fluss, Schwebe, Sturz, Auflösung und Materialisierung.

Vor und nach einem Besuch von Franz, der dem Ende der Väterarbeit galt, zeichnete ich an Rolle 9 weiter. Die Arbeit mit Feder und Tusche ähnelt oft dem Schreiben. Am wohlsten fühle ich mich, wenn ich die Linien ohne absetzen durchgehend miteinander verschlingen kann. Dann dringt Ruhe in mich ein und es ist als hätte ich damit eine Therapieform gefunden.

Gitter

Mit der Beendigung des Väterprojektes (oder seiner Unterbrechung?) sucht der Blick wieder den sich weitenden Horizont, dessen Ausdehnung der des Alls folgt. Und Folgerichtig wende ich mich den Räumen der Apsaras zu und finde in ihnen den Gleichklang zwischen den sich gegenüberstehenden Bewegungen von Expansion und Verdichtung. Dazwischen fächert sich zunehmende Abwesenheit auf.

Ich habe das Blatt gefunden, dessen Gravitationsschwünge die 4 Scherbengerichte nach sich zogen. Die Schwünge der Apsaras folgen einem neuen Kraftfeld. Teile davon erscheinen mir hinter meinen Augen. Plastische Erhebungen tragen aber noch die Muster des letzten Väterportraits. Sie stellen sich wie schmiedeeiserne Gitter vor die weite Landschaft.

Ich zeigte einem, immer wieder wegdriftenden, alten Menschen ein Spiel mit 2 Knöpfen an den langen Fransen meines Schals. Wenn ich die Fäden mit Schwung einander entgegen führe, umkreisen sich die Knöpfe und bilden eine Verschlingung, die unter Zug von beiden Seiten hält. Löse ich die Spannung, dröseln sich die zwei Stränge mit den Knopfgewichten an ihrem Ende wieder auseinander. Das wiederholte ich immer wieder, bis die Augen sich wieder schlossen.

Fertig

Die letzten Tuschelinien am Väterportrait versetzten mich gestern in eine feierliche Stimmung, in eine gewisse Euphorie. Nun bin ich vom Starren auf dieses Projekt befreit. In den Tagebüchern reise ich kurz zurück in den Frühsommer 2016, in dem ich mich mit den Scherbengerichten, einem der Ausgangspunkte der Arbeit, befasste. Daniel Libeskind war damals im Boxcamp und Konzerte fanden auf den Abstellgleisen der U-Bahn statt.

Carola kam gestern, um ihr kompliziertes Set zur filmischen Aufnahme der Komposition für zwei Stimmen, die sie alleine singen wird, im alten Holzlager einzurichten. Wir wollen den Gesang mit den beiden Väterportraits konfrontieren. Sie unterbrach die letzten feierlichen Minuten meines Zeichnens, dessen Ende sich dadurch noch einmal kurz herauszögerte.

Und gleich zeichnete ich auf Rolle 9 weiter mit der Linienverdichtung im Gravitationsraum der Apsaras. Ab diesem Moment begann die Rekonstruktion und Ausweitung des Kraftfeldes.

Im Zwischenraum

In Gesprächen mit den Passanten, die vor dem Schaufenster von Franz stehen blieben, um meine Transparentpapierrollen anzusehen, ging es oft darum, dass nur ein Bruchteil dieser Arbeit sichtbar ist. Man wollte mich überhaupt dauernd verpflichten, das, was ich zeichne auch zu zeigen. Ich entgegnete, dass es sich lediglich um Entwicklungsablagerungen meines Werkes handelt, die eigentlich nur für mich als Therapie und Steinbruch da sind.

Zwei größere abstrakte Apsaras zeichnete ich gestern auf Rolle 9. Indem ich ihre Gravitationsräume mit den Liniengeflechten der vorausgegangenen Zeichnungen fülle, begebe ich mich in den Zwischenraum von Väterportraits und Kraftfeldrekonstruktion. Es erscheint mit logisch und stimmig, damit in das Kraftfeld einzusteigen.

Die Figuren sind in den heutigen Buchmalereien von deren Atmosphären verschluckt worden. Die scheinen nur als Schemen auf. Eher geht es um Musik, um die 8 Präludien von Olivier Messiaen. Manchmal, wenn die Vögel in meinem Gärtchen verstummen, verraten nur Geraschel und Gewisper ihre Anwesenheit. So kann ich ihre stille Musik malen und die Sonne wirft das Flackern der Weidenblätter hinzu.

Verflogen

Im Wind, der durch die Buchmalereien streicht, verlieren die Figuren Teile ihrer Kontur. Das kann auch in starkem Licht oder im Strom einer Schallkanone passieren. Aber irgendwo materialisiert sich das Verlorengeglaubte wieder zu etwas Neuem: einem Lavasteinabdruck mit verflüssigtem Pigment, abstrakten Apsaras oder zu einer zerfließenden knienden Figur. Dazwischen wehen die Sonnensturmgesänge.

Nur an den Tagebüchern arbeitete ich gestern. Und nun führe ich Tagebuch über mein Tagebuchführen, beschreibe das gleichmäßige, schwarze Fließen der Tinte aus der Feder in meine schütterer werdende Schrift.

An den Klang des Glöckchens, das in einem überdimensionierten Glockenstuhl inmitten eines hüfthohen Steinrondells, das mit Kapuzinerkresse bepflanzt war, hing, erinnere ich mich nicht. Nach etwa 50 Jahren, als ich die schöne Zimmermannsarbeit wieder sah, war die Glocke fort. Vielleicht hat sie sich durch ihren eigenen Klang aufgelöst und ist mit den, mir unbekannten, Schallwellen verflogen.

Fixateur externe

Als wäre der Fixateur externe noch an meinem gebrochenen Unterschenkel befestigt, wie vor über 30 Jahren, taucht er immer wieder in Zeichnungen und Buchmalereien auf. Ganze Figurenoberkörper finden äußeren Halt an diesem, mit Streben an ihnen befestigten Metall, weil die Stützkraft ihrer inneren Konstruktion vorübergehend abhanden kam. Der Rhythmus der Tagebücher festigt mich auch von außen und verbindet mich mit dem Innen.

Mit Spannung sehe ich die Dokumentarfilme, die von den Träumen der Astronauten erzählen. Sie werden von Wissenschaftlern in die ihnen feindliche Ferne geschickt, um Stoff für die weiteren Geschichten von Herkunft und unvermeidlicher Beendigung einer erdbedrohlichen Existenz zu sammeln. Wenn das Barbarische dann aufgehoben ist, kehrt sich die Stille um in die Sonnenstürme.

Die Lavasteine aus Fuerte Ventura auf meinem Zeichentisch verbinden mich mit dem Bergrücken, über den wir in La Palma gewandert sind und der sich nun geöffnet hat. Die Verflüssigung des Pigments in den Steinporen auf den Schnittflächen, ein Vorgang den ich mir bei den Buchmalereien zunutze mache, ist das Zeichen meiner Verbundenheit mit den fließend glühenden Hängen.

Langsam fahren

In Schleifen durchziehen sich die Alltagsvorgänge. Der Zylinder der weißen Papierrolle, die ich im Schaufenster des Ateliers von Franz unter die Transparentpapierrollen legen will, wartet im Kofferraum unter der Klappe, während ich daneben auf einer, am Betonboden festgeschraubten, Bank mit meinen Nachbarn und dem Geländeverwalter sitze. Er redet von Gräben, die in den nächsten Jahren ausgehoben werden, um die Leitungen für die Wohnbebauung in der Nachbarschaft zu verlegen. Lärm und Staub von Exkrementen werden sich in den nächsten Sommerferien vermählen.

Beim Zeichnen der Ornamente in die Splitterumrisse, wurde es mir gestern schlecht vor Konzentration und Müdigkeit. Das Viele, das ineinander verschlungen ist, erreicht ein kritisches Maß.

Der Vorgang wiederholt sich in den Buchmalereien und den daraus entstehenden Collagen. Um der Illustration der Schleifen der Vorgänge und deren Potenzierung zu entgehen, müsste ich auf Reduktion setzen. Sie kann dann wieder Modelle entwickeln, die sich in den Alltag überführen lassen. Die Methode dafür ist: langsam fahren.

Das Handwerkliche

Gestern brachte ich meine Rollen 7 und 8 für eine Ausstellung in das Atelier von Franz. Es ist ungewohnt, dass sie mir nun nicht für die tägliche Arbeit, Rückschau und Weiterentwicklung zur Verfügung stehen, und es fühlt sich nicht richtig an. Entscheiden ist aber, was nun daraus entsteht. Auch die Pappen mit den aufgeklebten Relieffragmenten des Kraftfeldes, brachte ich ihm mit. Es hat lange gedauert bis ich einen Zugang gefunden hatte. Franz aber wollte gleich gestern spontan daran weiterarbeiten.

Vor- und nachmittags ornamentierte ich die Splitter der letzten Väterrelieftafel. Ich genieße die letzten Züge dieser Arbeit und den Übergang zur nächsten. Der Anschluss ist nun lange vorbereitet. Genügend inhaltliches Material steht bereit, um die Rekonstruktion und Überarbeitung des Kraftfeldes zu beginnen, um das Projekt zu erweitern.

Eine Kooperationsstruktur zwischen den unterschiedlichen Künsten und Gewerken, zu deren Entwurf ich in mein Atelier eingeladen habe, stelle ich mir sehr offen vor. Es muss genügend Raum bleiben, damit weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer andocken können. Jetzt schwebt mir ein Raum vor, der verschiedene Objekte in sich birgt, die auf handwerkliche Weise aufeinander bezogen sind. Die Inhalte sind nachgeordnet und ergeben sich aus dem Handwerklichen.

Väterdoppel(mord)portrait

Die zerfallenden Reliefs wollen, über ihr Haltbarkeitsdatum hinaus, nicht zusammenhalten. Sie fliehen in neue Konstellationen, fliegen auseinander und ballen sich in anderen Gravitationsfeldern neu zusammen. Das Bild bleibt aber eine Fläche, auf der sich zeigt, wie sich Zusammenhänge herstellen.

In der ersten Reihe des Schauspiels, in der Mitte (!) sahen wir die Premiere einer Dramatisierung von Kleists „Michael Kohlhaas“. Der Text floss mit großer Geschwindigkeit über die Rampe auf meine kalten Knie. Videokaskaden und Wortfeuern direkt ausgesetzt, ermüdete mich das Geschehen. Ich sehnte mich nach einer stillen Pause und bekam sie nicht. Das erhellte die Aktualität des Textes und der Inszenierung. Ich spürte die Atemlosigkeit der Informationsmaschinerie und ihre Auswirkungen in meinem Körper. Es war die erste Premiere nach 2 Jahren. Eine Schauspielerin hatte während des Applausausbruchs des Publikums Tränen in den Augen.

Ich arbeitete auch am Wochenende an meinem „Väterdoppel(mord)portrait“. Noch in diesem Monat werde ich damit fertig. Ich bin gespannt, wie ich mich dann fühle. Im Gärtchen schnitt ich die Birke und den Efeu zurück. Auf einer Holzleiter zwängte ich mich durch das Geäst, die Erinnerung an den schweren Leitersturz vor vielen Jahren in meinem Körper. Aber die Gartenarbeit im Sonntagslicht hat mit wohl getan.

Von Hand zu Hand

Eine leichte Unruhe begleitet mich in den Wechsel zur Arbeit am KRAFTFELD. Die Arbeit mit den Resten des zerstörten Reliefs führt mich in diesen neuen Themenraum. Gestern zeichnete ich noch dunkle Splitter auf das Väterrelief in die Gravitationsfelder der Apsaras, aber mit den Gedanken bin ich schon weiter.

Dafür räume ich bereits herum, frage mich, wie ich die große und schwere Form aus der Ecke herausrücken kann, in die ich sie vor 10 Jahren geschoben habe. Aus dem alten Holzlager holte ich weitere geformte und bemalte Relieffragmente, um mit ihnen Collagen anzufertigen. Passend dazu rief mich Franz gestern an, dem ich von meiner Arbeit zu unserem Kooperationsprojekt „hin und her“, die ich mit diesem Material mache, erzählte. Außerdem stelle ich bei ihm Rolle 7 und Rolle 8 aus. Es fällt mir schwer, sie auszuleihen!

Zwei Künstlerinnen von YOU&EYE lud ich zu einem Meinungsaustausch über Kooperationen in mein Atelier ein. Unser gemeinsames Projekt könnte dadurch etwas Schub bekommen. Dabei bewegen wir uns zunächst zwischen Psychologie, Modedesign und Malerei. Später können weitere Künstler hinzukommen. Es ist nahe liegend, dabei an Objekte zu denken, die von Hand zu Hand gehen und immer weiter verarbeitet werden.

Übergang zum Kraftfeld

Die Arbeit an den Buchmalereien habe ich heute zeitig abgebrochen. Ich hoffte auf diese Weise, das Wesentliche erscheinen zu lassen. Ob das gelang, wird sich erst im weiteren Verlauf der Betrachtung und der Nutzung der Bilder, beispielsweise bei der Weiterentwicklung des Kraftfeldes, erweisen.

Fragmente des zerstörten Werks schob ich gestern auf den Formaten hin und her, die mir Franz mit seinen Linienkompositionen ins Atelier gebracht hat. Als ich glaubte, die richtige Konstellation gefunden zu haben, klebte ich die Reliefstücken auf. Die Verbindungslinien, die ich zwischen die Inseln zeichnete, überzeugen mich noch nicht. Deswegen lasse ich sie bei den nächsten Exemplaren weg.

Gestern zeichnete ich die letzten abstrakten Apsaras auf Transparentpapier und übertrug sie dann auf das 16. Relief des zweiten Väterportraits. Die nun folgenden Arbeitsschritte sind klar vorgezeichnet. Nur der Übergang zum Kraftfeld verspricht noch Überraschungen. Innerhalb der Kooperation mit Franz habe ich aber bereits mit dieser Arbeit begonnen.

Richtungsänderungen

In einem Dokumentarfilm über die Erforschung von Asteroiden begegnete mir gestern erstmals der Bergriff „Mikrogravitation“. Er bezeichnet die geringe Anziehungskraft von kleinen Objekten im All. Schon von der Sonnenstrahlung kann ein Gegenstand aus einer Umlaufbahn geworfen werden. Manchmal haben Bleistiftlinien von mir diesen vagen Verlauf.

Gestern hatte ich ein Gespräch über die Kunst als ein sekundär korrigierendes Element. Stark gerasterte Gesellschaften scheinen das Sperrige und Unterminierende der Künste zu benötigen, um zu funktionieren. In diesem Sinne arbeite ich mit Schülern. Ihre Erfahrungen, die sie in meinem Atelier machen, können in entscheidenden Lebensmomenten aufblitzen und einen Impuls geben, der eine Richtungsänderung auslöst. Diese kann aus den vorgegebenen überraschend Bahnen heraustreten. Durch direkte Erfahrungen mit haptischen und geistigen Kunstproduktionsvorgängen können Vorgänge der Infragestellung von gesellschaftlichen Erwartungen in Gang gesetzt werden. Das soll ein Ergebnis meiner Arbeit bei „YOU&EYE“ sein. Gern würde ich Kooperationen mit anderen Künstlern mit diesem Ziel eingehen.

Eine der Pappen von Franz nahm ich mir gestern vor und probierte mit den Fragmentteilen des Kraftfeldes Kompositionen, die sich auf seine Linienvorgaben beziehen. Das möchte ich dann noch zeichnerisch mit Verbindungen zwischen den Reliefbruchstücken weiter führen.

Schwebe I Kontrast I Härtetest

Mit zwei abstrakten Apsaras arbeitete ich gestern am Relief weiter. Sie strahlen von oben auf die Figurengruppe, nehmen sie auf ihre Leitstrahlen und versuchen sie in der Schwebe zu halten. Von unten müssen noch mindestens 3 dagegenhalten, damit das ganz gelingen kann.

Seit ein paar Wochen benutze ich die Pigmentkrümel, die beim Spitzen der Aquarellstifte anfallen, für die Buchmalereien. Die Punktwolken strukturiere ich mit den glatten Schnittflächen der Lavasteine, die ich anfeuchte und über die gestreuten Punkte bewege. Dadurch entstehen parallele Linien, die den Schwüngen, Zickzacklinien oder Geraden folgen, die von der Bewegung der Steine gezeichnet werden. Sie bilden einen Kontrast zu der Strenge der Gravitationsschwünge und Kulissenarchitekturen, die die Buchmalereien bestimmen.

Jeden Morgen, wenn ich im Sessel sitze, um meinen Kaffee auszutrinken, fällt mein Blick nun auf ein Bild, das wir von Oliver Tüchsen erworben haben. Das ist ein Härtetest für seine Arbeit!

Abschied

Mit der ersten, schwarz eingefärbten, Figurengruppe auf dem 16. und letzten Teilrelief des 2. Exemplars der Väterportraits, beginnt ein Abschied. Die dichte Tiefe der Dunkelheit entspricht diesem Gefühl. Mich interessiert, ob es sich mit der Bewegung zum Abschluss hin, steigert.

Außerdem interessiert mich die Interaktion mit den anderen Künsten innerhalb des Projektes „YOU&EYE“. Die Korrektur des Künstlerbildes vom Einzelgenie zum Teamplayer, der in ein Produktionssystem mehrerer Mitstreiter eingebunden ist, könnte der Entwicklung der Arbeit mit Schülern einen neuen Schub verleihen. Aber die romantische Vorstellung vom „freien Künstler“ sitzt tief und ist bei manchem die entscheidende Kraft für das bildnerische Tun. Die Öffnung dieser Vorstellungen für neue gemeinschaftliche Experimentalfelder, kann auch den einzelnen Mitwirkenden Impulse verleihen, die ihre Arbeit verändert. „Künstlerkollektiv“ ist wohl ein passender Terminus.

Kürzlich schaute ich auf die ersten Einträge meiner Website aus dem Jahr 2011. Damals waren die Collagen klar gegliedert, die Themen waren voneinander abgesetzt und vermischten sich nicht so stark, wie heute. Das war natürlich informativer, was den Gang meiner Arbeit angeht. Aber darum geht es mir heute, besonders bei den Collagen, nicht mehr. Sie haben eine atmosphärischere Ausrichtung angenommen und an Klarheit eingebüßt.

Entdeckungen

Auf meinen Wasserwegen geriet ich gestern in einen Altarm der Nidda. Weil er durch umgestürzte Bäume, Rankenwerk und daraus entstehenden Engstellen und Unterwasserhindernissen, etwas aufmerksamer befahren werden musste, und nicht ganz klar war, ob ich an einem Punkt umdrehen musste, kam ich mir wie auf einer Entdeckungsfahrt vor. Es beschlich mich wegen der Dschungelhaftigkeit der Umgebung ein leicht mulmiges Gefühl, das durch meine Neugier besiegt werden wollte. Irgendwann tauchte am Ufer, mitten in der Wildnis, eine grummelnde rätselhafte Fabrik auf.

Dann sah ich in einiger Entfernung, wie ein roter Bootskörper zu Wasser gelassen wurde. Als ich näher kam, sah ich eine Frau, die mit einer bemalten Leinwand in das Boot stieg. Nach einem kurzen Gruß stellten wir einander vor und begannen einen kleinen Kunstdialog. Sie malt vom Boot aus. Ihre Arbeiten fand ich im Netz und auch die Mailadresse, sodass ich ihr auch einen Link zu meinem Arbeitstagebuch schicken konnte. Mich interessieren zunächst besonders ihre Kleiderobjekte.

So bekam ich selber Lust, einmal aus dem Boot heraus zu zeichnen: Strukturen der Bäume und Schlingpflanzen, die Brechungen und Aufsplitterungen in den Wasserspieglungen, Wasserpflanzen in der Strömung… – Die Väterarbeit ruht seit Jahren erstmalig während meiner Anwesenheit im Atelier. Ich fühle mich befreit, auch wenn die Fertigstellung des letzten Reliefs noch aussteht.

Schwarze Energie

Die schwarze Energie erkennen die Astrophysiker nur an den Auswirkungen ihrer Gravitation, die Licht lenkt. Das entspräche unsichtbaren Apsaras, die visuell abwesend, dennoch da sind, hinter den Verwischungen oder als Denkfiguren, die die Bildelemente zueinander fügen. Die Kompositionen und die Entstehung meiner Bilder folgen letztlich dieser schwarzen Energie, diesem Konstrukt, das nur durch seine Auswirkungen sichtbar und erklärbar wird.

Auf der Nidda flog mir gestern ein Eisvogel voraus. Er zeigte mir ein paar Uferstationen, an denen er sich niederließ und bog dann links ab in ein wildes Gelände, das mit dem Boot nicht erreichbar war. Zu beiden Seiten des Ufers waren viele Radfahrer unterwegs. Manche winken mir zu…

Dem Höllenlärm der Erdverdichtungsmaschine und ihren Erschütterungen weiche ich aufs Wasser aus. Das hat zur Folge, dass die Arbeit an der letzten Relieftafel stagniert. Das ist mir jetzt aber nicht so wichtig, lieber schone ich meine Nerven und entdecke auf diese Weise nach und nach die Flussabschnitte und andere Gewässer, die schnell und einfach von hier aus erreichbar sind.

Akustische Gewalt

Am Morgen dachte ich daran, die Pappen, die mir Franz mit seinen Zeichnungen ins Atelier gebracht hat, mit Fragmenten der zerstörten Reliefs zu bekleben, um dann an seinen Zeichnungen mit Tusche weiter zu arbeiten. Diese Tafeln auszustellen würde mir leichter fallen, als die Transparentpapierrollen, die für mich sehr wertvoll sind.

Auf Rolle 9 füllte ich den zweiten Figurenfriesumriss mit den vorausgegangenen Strukturen. Auf das fertig beschichtete Relief übertrug ich dann die Linien der zwei Figurengruppen. Es kostet viel Kraft, sich gegen die akustischen Gewaltakte der Höllenmaschine auf der Nachbarbaustelle, abzugrenzen. Die Vibration zerrüttet das ganze Gelände. Die Leute stehen fassungslos auf dem Platz. Auch wenn ich die lärmschluckenden Kopfhörer auf habe, geht das Brüllen durch meinen Körper, spüre ich das Rütteln auf dem Tisch.

In einer kleinen Pfütze, die ich in einem Betonschlagloch immer wieder mit Wasser auffülle, sah ich gleichzeitig 4 Meisen, die gemeinsam badeten. Und die zweite Brut der Mauereidechsen ist geschlüpft. Die Körper sind vielleicht 4 Zentimeter lang. Die Raumausstatter bestaunen sie.

Fäden aufnehmen

Die Fäden aufnehmen, von gestern oder vom 07.09. 2010. Vor 11 Jahren stand ich kurz vor der Ausstellungseröffnung vom „Frankfurter Kraftfeld“, das nun zerstört oben im alten Holzlager liegt. Ein Gedanke von gestern war, Einzelteile der Reste des Kraftfeldes zu Objekten zu verarbeiten, die sie zusammen mit gebogenen Weidenruten bilden. Diese sind ineinander verkettet und bilden größere Gruppen.

Abend sah ich mir noch einmal einen Dokumentarfilm zur Rosetta-Forschungsmission an. Es ging dabei um die Landung auf einem Kometen. Besonders interessierte mich die Swingnavigation, die bei der Beschleunigung des Objektes durch die Gravitation beim Vorbeiflug an Planeten erreicht wird. Würde ich mich mit dieser Praxis näher auseinandersetzen, käme das der Kraft meiner abstrakten Apsaras zugute.

Die Höllenmaschinen der Nachbarbaustelle lassen den Boden vibrieren und das Geschirr in den Küchenschränken klappern. Dabei fangen auch die Linien der Buchmalereien an zu wackeln, denn sie machen auch seismografische Aufnahmen. Immer mal wollte ich die Bauarbeiter fragen, was sie da eigentlich machen, wenn sie ein 10 Meter langes Rohr mit einem Durchmesser von einem guten Meter in den Boden rammen und dann Sand hinein füllen. Aber in dem Lärm ist kein Gespräch möglich. Ich setze meine Kopfhörer auf, mit denen ich auch die Außengeräusche vermindern kann, und höre Musik.

Ruppig und schnell

Die Buchmalereien der letzten Tage sind ruppig und schnell entstanden. Es war nicht so viel Zeit am Wochenende, was der Qualität der kleinen Bilder nicht schadete. Es schieben sich Gesten in den Vordergrund, was die Atmosphäre luftiger und bewegter macht. Manchmal zeichne ich später konkrete Linien mit dem Füller dazu, die die Konturen noch einmal umreißen.

Mehrfach war ich in den letzten Tagen mit meinem Kajak auf dem Wasser. Wichtig ist die Vorbereitung einer Paddelfahrt, vor allem das Kartenstudium und das Recherchieren von Einsatzstellen, wo man das Boot einfach ins Wasser heben kann. Denn eine langwierige Suche nach solchen Stellen kann nerven. Auf der Nidda dachte ich, dass man seine Stadt aus dieser Perspektive neu entdecken kann.

Nun ist alles bereit dafür, das letzte Relief fertig zu machen. Heute will ich die Schellackschicht aufstreichen. Dann kommt der Zug von Figuren, der mir am Morgen wieder auf Rolle 9 begegnete auf die Scherben und Splitter und wird danach von abstrakten Apsaras in der Schwebe ihrer Gravitationen gehalten.

Laila und Vinzenz

Zwei Umrisse von Figurengruppen vom 31.08. 2021 zeichnete ich gestern auf Transparentpapier. Einen davon übertrug ich bereits auf Rolle 9, um ihn dort in der bewährten Art mit den Schichten der vorausgegangenen Geflechte anzufüllen. Und in die Collagen habe ich beide, auch kombiniert, hineingesetzt.

Außerdem grundierte ich die Rückseite des letzten Reliefs, als es noch fest mit der Form verbunden war. So wird die Pappmachefläche weniger wellig. Nach Trocknung und dem Herauslösen, beschichtete ich dann die Vorderseite. Nun kann ich die Transparentpapiere mit dem Umrissen auf dem weißen Relief herum schieben, um zu schauen, wo ich sie am besten platzieren kann.

Laila und Vinzenz, die wir am Abend im La Strada trafen, erzählten, dass Laila, nachdem die nun promovierte Medizinerin ist, am Städel beginnen wird, Kunst zu studieren. Gelinde gesagt, war das eine Überraschung! Wir gingen dann ins Atelier, wo wir über unsere Arbeit sprachen. Die Ideen für Konzeptkunstwerke von Laila sind bemerkenswert. Ich würde gerne dafür den altmodischen Begriff humanistisch verwenden. Vinzenz schreibt.

Fließender Übergang

Durch eine Luke im oberen Bereich der Glaswand, die ich im Sommer offen lasse, ist ein Rotschwänzchen zu Besuch gekommen. Nun findet es nicht mehr hinaus. Das Hin- und Herhüpfen lenkt mich ab, weswegen ich die Tür öffne und den Lärm der Baustelle hereinlassen muss, damit der Vogel hinaus findet.

Die Figuren, die in den letzten 9 Buchmalereien vorgekommen sind, möchte ich auf Rolle 9 übernehmen, um sie dort auf ihre Eignung zu prüfen, sie auf die letzte Relieftafel zu übertragen. Diese ist in ihrer Form getrocknet und wird nun grundiert. In Gedanken bereite ich den Übergang mit diesen Figuren zum Kraftfeld vor. Er wird fließend gestaltet und soll wie von selbst passieren.

Mit Andreas war ich gestern im bayrischen Odenwald unterwegs. Auf unserer Wanderung sprachen wir über unsere Kindheit, Jugend und über die Ereignisse der letzten Zeit. Ein langes Gespräch im Gehen. Außerdem ist Vinzenz in Frankfurt. Wir versuchen uns zu verabreden. Gern würde ich ihm das zerstörte Kraftfeld zeigen, an dem er ja damals vor 11 Jahren mitgearbeitet hat.

Kooperationen

In der gestrigen Videokonferenz mit den Künstlerinnen und Künstlern, die beim „YOU&EYE“ – Projekt beteiligt sind, favorisierte ich noch einmal die Zusammenarbeit der verschiedenen Gattungen. Ich könnte mir ein gemeinsames Projekt mit dem Modeinstitut „Stitch by Stitch“, dem Malort, Oliver Tüchsen und den Choreografinnen vorstellen. Letztendlich läuft so etwas immer auf eine theatralisch-performative Inszenierung heraus, auf ein Gesamtkunstwerk Im Idealfall würden alle mitmachen.

Am frühen Abend war ich bei Franz. Wir besprachen die nächste Ausstellung und ich schaute mir seine Zeichnungen der letzten Zeit an. Im Zusammenhang mit unseren Bestrebungen zur Kooperation, fallen mir insbesondere unsere Gegensätze auf. Ich könnte auf den Pappen, die er mit Zeichnungen versehen und in mein Atelier gebracht hat, seinem fahrigen Strich mit konstruktiver Strenge begegnen.

Das abgegossene Relief ist trocken. In den Buchmalereien treten wieder Figuren auf. Jetzt ist der Zeitpunkt da, um das letzte der 16 Reliefs des 2. Väterportraits anzugehen. Aber heute besuche ich meinen Freund Andreas im Odenwald, Vinzenz ist in der Stadt, für den ich gerne auch etwas Zeit hätte und für den Freitag habe ich mir eine Kajakfahrt vorgenommen. Nächste Woche also…

Verstecken oder klären

Verstecken oder klären – es sind keine eindeutigen Entscheidungen innerhalb der Buchmalereien möglich – oder durch verunklaren klären? Mit Unschärfen Räume definieren, in denen nichts zu klären ist! Ich verstecke und verwische die neu gefundenen Figuren und Formen, um ihre Eindeutigkeit weiter zu unterdrücken. Es geht mir vor allem darum Impulse zu schaffen, durch die Räume gefüllt werden können.

Im Römer fand gestern die diesjährige Verleihung des Gründerpreises der Stadt Frankfurt statt. Ich wurde auf der Bühne zu meiner Preisfigur befragt. Die Leute kamen teilweise in Abendgarderobe. Reden, Kameras und alles was in der Öffentlichkeit von der veranstaltenden Wirtschaftsförderung unter Coronabedingungen verlangt werden kann.

Carola begann im Holzlager ihre Aufnahmen der neuen Gesangskomposition einzurichten, die sie in den kommenden Wochen aufnehmen will. Wir besprachen, dafür die zwei fertigen Väterportraits an die Stirnwände des Saales zu hängen. So beginnt eine neue Dialogsituation zwischen Musik und Bildern. Mit Franz werde ich heute, nach der Videokonferenz zu „You&Eye“ unsere nächste gemeinsame Ausstellung besprechen, die wohl schon am Wochenende eröffnet werden soll.

Abstand

Immer noch versuche ich mich von meiner Arbeit weiter zu entfernen, um sie aus größerem Abstand betrachten zu können. Damit will ich meinen Zugriff auf die Themen erneuern. Auch Olivers Ausstellung brachte sowohl Bestätigung, als auch neue Impulse. Uns haben seine Schichtungen und Kompositionen so gefallen, dass wir eine Arbeit von ihm kaufen wollen. Das fühlt sich neu und gut an.

Mit einem Bilderkennungswerkzeug von Google, nehme ich manchmal Buchmalereien von mir auf, um nach verwandten Gestaltungen zu suchen. Eigentlich ist das ja überflüssig. Ich sollte nach dem Gegenteil, dem größtmöglichen Kontrast suchen, oder nach musikalischen Entsprechungen.

Carola kommt gleich, um im Holzlager die Aufnahmen ihrer Gesangskomposition vorzubereiten. Weil sich das zerstörte Relief dort befindet, entsteht für mich eine spannende Situation. Ich will sie auf mich wirken lassen und schauen inwiefern sie sich auf die Rekonstruktion auswirken wird. Ich stelle mir Relieffragmente mit Weidenrutenbögen als Objekte vor…

Sporadische Umrisse

Nachdem ich gestern die letzte Reliefplatte des 2. Exemplars des Väterprojektes abgeformt und zum Trocknen unter den alten Ficus gelegt hatte, vertiefte ich mich in die weiteren Überlagerungen innerhalb der abstrakten Apsaras auf Rolle 9. Dieser Vorgang geht mir leicht von der Hand. Deshalb eignet er sich, durch die stetige Verdichtung, in einen meditativen Zustand zu gelangen. Ich frage mich, ob das mit Zen-Meditation vergleichbar ist.

Noch einmal dachte ich über die, sporadisch in den Buchmalereien auftretenden, Umrisse menschlicher Figuren nach. Erscheinen sie unbeabsichtigt, also ohne ein Sinnen auf Weiterverwendbarkeit innerhalb der Collagen oder Reliefs, eignen sie sich eher, um mit ihnen weiter zu arbeiten. Am Morgen wollte ich in den aktuellen Malereien nach ihnen zu schauen, um sie vorsichtig hervorzuheben, ließ es aber. Dennoch will ich sie auf dem letzten Relief auftreten lassen, umgeben von vielen kreisenden Apsaras.

Das ist der Übergang zum Kraftfeld. Und mit der Arbeit daran, die aus Rekonstruktion und Weiterentwicklung besteht, beginne ich nach der Fertigstellung des 2. Väterreliefexemplares. Ich freue mich auf eine ruhige Beschäftigung mit vielen Anschlussmöglichkeiten.

Die nächsten Schichten

Auf Rolle 9 ging es mit den Apsaras in die nächsten abstrakten Schichten. Transparentpapier, darauf Tuschelinienverflechtungen führen mich in einen meditativen Zustand, der es mir erlaubt, tiefer in meine „Synaptischen Kartierungen“ eintauchen zu können. Eine weitere Tiefenbohrung geschieht durch das Scannen der Tuschezeichnungen und die Verwendung in den Geweben der Collagen, in denen sich die Schwünge der Buchmalereien mit denen von Rolle 9 überlagern.

Auf dem Splitbelag des Grünstreifens der Frankenallee sah ich heute sehr schöne Fahrradbremsspurenbögen und –kreise, die mich an meine Gravitationsschwünge erinnern. In der zweiten Buchmalerei habe ich eine solche Figur, die ich fotografiert hatte, aufgenommen.

Das „Kraftfeld“, das im Holzlager ausgelegt ist, fordert nun dazu auf, mich um seine Rekonstruktion zu kümmern. Am Morgen gingen mir die derzeitigen Figurenumrisse durch den Kopf, die ich auf die neuen Abgüsse des Kraftfeldreliefs zeichnen würde. Sie könnten auf die Größe der verflochtenen Wanderungsspuren gebracht werden, aus denen ich das dreidimensionale Linienangebot geformt habe.

Der erste Schritt

Der Höllenlärm der Baumaschinen übertönt die startenden Flugzeuge. Es ist nicht leicht, einen klaren Gedanken zu fassen.

Gestern ging die Nachricht um die Welt, dass Charlie Watts gestorben ist. Meine Trauer vermischt sich mit der Erinnerung an sein neugieriges Wesen im Backstagebereich des Hockenheimringes, während der Voodoo Lounge Tour. Ich zeichnete dort mit minimalistischen Strichen Keith Richards und Ronny Wood am Billardtisch, wobei er mir über die Schulter sah. Sein persönlicher Besuch vor der Show bestand aus älteren, weißhaarigen Damen in sehr gepflegten Kleidern und gehobener Konversation, als hätten sie sich verirrt. Nun bin ich gespannt, ob Keith Richards und Mick Jagger versuchen werden, die Stones, vielleicht mit Steve Jordan am Schlagzeug, weiter existieren zu lassen.

Im Holzlager, das ganz frei geräumt ist, legte ich die zerstörten Relieftafeln des Kraftfeldes 1 auf den Boden. Dieser erste Schritt der Rekonstruktion und Weiterarbeit, ist mir nicht leicht gefallen. Eine abstrakte Apsara, die vom vorletzten Relief des Väterportraits stammt, zeichnete ich auf Rolle 9, und begann sie mit den Tuschelinienstrukturen, die auf der Rolle vorausgegangen sind, zu verbinden. Am Montag bin ich zu einem Interview im Römer eingeladen… So beginnt das Arbeitsleben wieder.

Schatten

Nach dem Supermarkteinkauf am Morgen bin ich mit meinen Buchmalereien nicht warm geworden. Es war hölzern und holperte. Gestern zeichnete ich ein Blatt auf dem die abstrakten Apsaras den unendlichen Raum vermessen. Auch da gelang mir erst spät, etwas Spannendes zu entwickeln.

Der Schatten der Weide, die ihr Volumen im vergangenen Jahr verdoppelt hat, spielt auf meinem Arbeitstisch. Von daher scheint eine Erinnerung auf, die mich nach Dresden führt. Dort zählte mich ein Mitarbeiter der HfBK an, weil ein Schattenspiel auf dem Blatt stattfand, auf dem ich zeichnete. Ich weiß noch, dass ich mich voll auf das Modell konzentriert hatte und gar nicht bemerkte, was da auf dem Papier geschah.

Und jetzt nahm ich mir noch einmal das Tagebuch von 1978 vor, das ich aus Anlass der Arbeit an einer Holzschnittreihe zum Roman „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz begonnen hatte. Schon damals hatte ich mich sehr tief in die Arbeit hineinbegeben, einen kurzen Briefwechsel mit Siegfried Lenz dokumentiert und die Arbeitsschritte an Skulpturen und den Holzschnitten beschrieben, ähnlich wie heute.

Apsaras

Durch das hochgezogene Rolltor blicke ich in meinen Dschungel. Ein Rotkehlchen hüpft herum, als sei es hier zu Hause. Es schaut mich wie einen fremden Eindringling an. Kerstin hat die Wildheit des Gärtchens, das viel Wasser braucht, während unserer Ferien erhalten, wie eine Apsara, die die Fäden der Schöpfung in der Hand hält.

Meine abstrakte Apsaras manövrieren sich in den Vordergrund. Aus ihren Gravitationsschwüngen entspringen die Geraden, die mit den Schnittpunkten verbunden sind. Ihre Energie bildet Kraftfelder, die nicht zielgerichtet funktionieren. Sie existieren und suchen nach ihrer Bestimmung. Mir fällt eine Parallele der Kraftfelder zu der tastenden Improvisation „Before Bach“ von Brad Mehldau auf. Das Rotkehlchen wispert, schmettert kurz auf, um dann wieder zu flüstern. Das sind Kraftlinien, die sich durch den Garten ziehen.

Der große Abstand zu meiner Arbeit ist mir recht, will ihn auch nicht mutwillig und schnell verringern. Neue Konstellationen sollen sich langsam einrichten.

Das Restaurant gegenüber ist wieder in Betrieb. Unaufhörliches Plappern, Lachen und Geklapper. Es klingt gut!

Vor 11 Jahren

Das vorletzte Relief des 2. Väterportraits ist gestern fertig geworden. Nun nur noch eine Tafel und dann bin ich frei für „Kraftfeld 3“. Der Rhythmus der Baumaschinen, die schnellen Lichtwechsel des wilden Wetters in seinen dramatischen Himmelsszenen lenken mich etwas ab. Dazu das aufgeschlagene Tagebuch vom 04.08. 2010 und ein Klavierkonzert von Gershwin, mit dem ich den Baulärm übertönen möchte…

Die heutigen Buchmalereien sind wieder von denen inspiriert, die ich vor genau 11 Jahren gemacht habe. Papiergravuren, Schraffuren und Verbindungsbalken zwischen den Figuren in ihren kinemetrischen Wolken. Aber heute gehe ich weiter mit ihnen, denn die Themenvielfalt hat sich vergrößert. Damals hatte ich noch nicht die Klosterwände in Ladakh und im Spitital gesehen.

Wenn ich die Zeilen lese, die ich vor 11 Jahren geschrieben habe, könnte man meinen, es handele sich um einen gegenwärtigen Arbeitsbericht. An einer Stelle aber weichen sie deutlich von den heutigen ab. Es herrscht kein Mangel an Motiven für weitere Schichten der Reliefbemalungen. Deswegen bin ich auf die Arbeit am „Kraftfeld 3“ sehr gespannt.

Langsamer

In den letzten Tagen habe ich wenig gearbeitet. Es hat eine Sommerpause begonnen, in der ich etwas langsamer mache. Am Sonnabend wiederholte ich eine Zeichnung, die ich schon am selben Tag, 11 Jahre zuvor, gemacht hatte. Diesmal aber kam noch eine kleine abstrakte Apsara hinzu, wie ein Wölkchen. Außerdem benutzte ich einen Steinabdruck und Aquarellstifte, keine Tusche, wie damals.

Das „Kraftfeld 3“ wird sich auch in der Qualität der Abformungen von dem Vorgänger unterscheiden. Damals presste ich Pappschnipsel, die ich zuvor in Leim eingeweicht hatte in die Form. Das trocknete schneller, als die Pappmachemasse, die ich heute benutze. Aber sie zeigt jetzt die Struktur der modellierten Flächen deutlicher. Das wird sich auch auf die Bemalung auswirken.

Während ich einer Besucherin mein aktuelles Projekt und mein Atelier zeigte, kam ich wieder darauf, dass ich die 16 Tafeln des Reliefs, das gerade fertig wird, gerne in einem Kloster in Ladakh oder im Spitital ausstellen würde. Die Inspiration, meine Buchmalereien auf diese Flächen zu transferieren, stammt aus dem Erlebnis der buddhistischen Klöster dort und in Ladakh.

Den Dingen auf den Grund gehen

Den Dingen auf den Grund gehen – den Schlammgrund eines Sees unter dem Gestein ist und Geschiebe, bis in den Glutkern. Von dort aus führen die Linien wieder an die Oberfläche und in den Raum. In Schleifen zeichne ich diese Bewegungen, wohlwissend, dass ich nie ankomme. Aber die Schleifen beherbergen eine Geschlossenheit mit einem physikalischen Gesetzeszirkel. Die Geraden, die die Schnittpunkte berühren, sind Verbindungen zu den anderen geschlossenen Systemen. So reihen sich die abstrakten Apsaras zu einem Verbund aus Schwingungen, pulsierenden Räumen und Gravitation.

Meine Gedanken kreisen in täglichen Schleifen, aber auch auf Bahnen, die sich erst nach Jahrzehnten wieder kreuzen. Am 31.07. 2010 dachte ich über die Erweiterung des „Kraftfeldes“, das damals gerade in Arbeit war, um das Thema „Mein Leben in Deutschland“ nach. Nun überlege das ich wieder im Zusammenhang mit der Rekonstruktion und beziehe mich außerdem auf die damals entstandenen Buchmalereien mit Figuren auf Stäben und mit Kuben verbunden.

Die Arbeitssituation stelle ich mir so vor, dass ich das Große Packpapierformat „Mein Leben in Deutschland“ an eine der Wände im Holzlager hänge. Die zerstörten Relieftafeln lege ich auf den Boden. An die anderen Wände kommen dann die neu gegossenen Reliefs, die ich teilweise im Atelier und im Holzlager bearbeite.

Schwarze Splitter

Das ornamentale Fließen der Tuschelinien auf dem vorletzten Relief beendete ich gestern. Dann begann ich, innerhalb der Figurenumrisse, die Splitter einzuschwärzen. Startpunkt waren die abstrakten Apsaras im mittleren, waagerechten Streifen. Sofort veränderte sich die „Gravitation“ des gesamten Formates.

Im Tagebuchtext vom 29.10. 2010, berichtete ich von den dunklen Partien auf dem 5. Relief des Kraftfeldes. „…ein finsteres Kabinett von Figuren, Kentauren und vogelköpfigen Gestalten, die die Landschaft hinter den Lichtfiguren bevölkern.“ Im Bezug auf ein Bachkonzert in der Basilika des Klosters Eberbach, meinte ich innerhalb der Relieflinien, neue Fugenkonstellationen finden zu müssen. Ich lese das heute mit Blick auf die Rekonstruktion des „Kraftfeldes“.

Aus den Buchmalereien, die damals entstanden, nahm ich mir heute die kreisenden Papiergravuren vor und begann damit das 2. Format. Dann folgten Lavasteinabdrücke und Aquarellstiftwolken, Handballenabdrücke und erste Figurenumrisse. Ich sprang von einer zur anderen Malerei. Die Bogenlinien zwischen den Eckpunkten der Steinabdrücke, sind Kraftlinien oder Gravitationsschwünge.