Start

Das Sonnenlicht, das durch die Atelierglasfront fällt, auf seinem Weg Schatten der Bäume auf den staubigen Scheiben hinterlässt, zieht mich in meinen Garten. Ich möchte schneiden, stapeln, graben, pflanzen und säen. Am Freitag, der halb schon ein Wochenendtag ist, sollte Zeit dafür sein.

Auf Rolle 10 habe ich gestern begonnen, die Zeichnungen zum Thema „Palast der Republik zu sammeln und sie mit dem gegenwärtigen, sehr persönlichen Material zu konfrontieren und zu vermischen. Das fühlt sich wie ein Start in ein neues Arbeitsfeld an. Die Aufgabe ist klar. Die Medien sind Buchmalerei, Aufzeichnungen, Transparentpapierrolle und die Rekonstruktion der Kraftfeldreliefs. Mit ihnen werde ich die vorangegangenen Themen vermischen und fortschreiben.

Somit schieben sich auch die bildnerischen Suchbewegungen des Trixel Planeten erneut in den Vordergrund. Ein Umriss der die Wanderungsspurenbilder aufnehmen kann, ist die Aufzeichnung der GPS-Wanderung, die ich auf der zwischenzeitlichen Wiese auf dem Grundriss des Palastes an der Spree, gemacht habe.

Suche

Am Zeichentisch stehend sah ich gestern alle 10 Transparentpapierrollen durch, annähernd 500 m, und suchte nach den Verbindungen zwischen dem Bau und Rückbau des Palastes der Republik und den Wanderungsspuren des TRIXEL PLANET. Dieses Material drängt nun wieder in die Gegenwart.

Bei der Suche nach diesen Anknüpfungspunkten zahlen sich die Parallelitäten zwischen Arbeitstagebuch auf der Website, den Aufzeichnungen und Malereien in den Büchern und den Transparentpapierrollen aus. So kann ich digitale Suchbegriffe und analoge Arbeiten kombinieren, um sie in den Weiten der Materialien zu datieren und finden, was ich suche.

Eine Nachbarin besuchte mich am späteren Nachmittag, weil sie sich für meine Arbeit interessiert. Während des längeren Gesprächs erzählte ich von den Bezügen zwischen Geografie, Choreografie und Zeichnung in dem Zeit Raum meiner Arbeit. Das aufmerksame Gegenüber förderte meinen Erzählstrom übergebühr.

Heute malte ich die Buchmalereien jeweils nur mit einem Haar. So reduzieren sich die Zufälle und das spannungsgeladene Gewusel, zugunsten einer bewussteren Farbauswahl.

TRIXEL PLANET HUMBOLDT FORUM KRAFTFELD

Bei der Sichtung der Transparentpapierrollen von 2007 bis 2010, fand ich mehrere Motive, die von meiner Zeichnung vom Dach des Palastes der Republik in Richtung Westen stammen und sich mit den Figuren der Wanderungsspurenforschung verbinden. Und weil das Stahlgerüst, das während des Rückbaus sichtbar wurde, in das Figurenensemble des Kraftfeldes eingegangen ist, taucht diese Situation in verschiedenen Zusammenhängen immer wieder auf. Bemerkenswert erscheint mir, dass sich diese Motive von 1974 und 2007-2010 mit den Wanderungsspuren des TRIXEL PLANET verbinden, der eine große Nähe zu den heutigen Inhalten des HUMBOLDT FORUMS hat.

Nun möchte ich gerne das ältere Transparentpapiermaterial mit den gegenwärtigen Arbeiten verbinden. Das kann in den Collagen und auch innerhalb der Rekonstruktion des KRAFTFELDES geschehen.

Dagegen erscheinen mir die Buchmalereien, die ich derzeit mit der Einbeziehung meiner Haare mache, wie eine formale Spielerei. Gehe ich aber weiter und der Sache auf den Grund, ergeben diese Arbeiten eine persönliche Schicht, die es lohnt mit den Transparentpapierrollen aus den früheren Jahren zusammen zu bringen.

Endlosschleifen

Auf der Rückfahrt von Berlin nach Frankfurt schaute ich in den Arbeitsbericht auf meiner Website. In das Feld für Suchbegriffe gab ich „Palast der Republik“ ein. Im Humboldt Forum beschäftigt sich ein Team mit den Erinnerungen, die mit diesem Gebäude verbunden sind. In meinen Einträgen zur aktuellen Arbeit, bekam ich über 40 Treffer mit Inhalten zu diesem Gegenstand. Die Beschäftigung mit der Landschaftszeichnung auf einem Packpapierfetzen, die ich 1974 von der Südwestecke des Daches nach Westen machte, die Transparentpapiersequenzen mit den Rückbaufiguren, bis hin zu den Reliefs des Kraftfeldes, ziehen sich Bilder zu diesem Thema durch alle Phasen meiner Arbeit.

Vor knapp einem Jahr, am 20.10. 2021, schrieb ich: „Die Ereignisse im Zentrum von Berlin, die in meine Lebensspanne fallen, lösten stets starke emotionale Reaktionen aus: Mauerbau / Mauerabriss, Bau des Palastes der Republik / Rückbau, Schlosssprengung / Schlossneubau. Das sind die Endlosschleifen meines Lebens.

Ich sah die Abgüsse einiger Reliefs von Angkor Wat im Humboldt Forum. Die Originale hatte ich feiner gearbeitet in Erinnerung. Da hat mich vielleicht vor Ort der Verwitterungszustand, der mehr ergänzende Rückschlüsse auf die Gestaltungsqualität zuließ, getäuscht.

ONKEL WANJA – WEIDENSCHWÜNGE

Im Schauspiel Frankfurt sahen wir Tschechows „Onkel Wanja“ in der Regie von Jan Bosse. Der Rohbau auf der Drehbühne zeigte eine ewige Baustelle, oder eine Investruine, die schon von Schlingpflanzen überwuchert wurde. Die Russen soffen etwas klischeehaft unentwegt Wodka. Aber es war eine wirklich schöne Premiere.

Wir trafen wieder Chunqing Huang mit ihrem Mann. Ich erzählte ihr von den Fragmenten in der restaurierten Kapelle in Müstair. Wir sprachen auch über Musik und Bilder im Zusammenhang mit Übersetzung. Dann gesellte sich Karlheinz Braun zu uns, und berichtete von seinem 90. Geburtstag und den vielen Projekten, an denen er noch arbeitet. Was soll man dazu sagen – bewundernswert!

Inspiriert von meinen Haarlinien in den heutigen Buchmalereien, schnitt ich zwei Weidenäste und flocht sie, während die Wasserfarben trockneten, ineinander. Ihre verschränkten Schwünge hängen an einem Drahtseil, frei schwingend über dem Ateliereingang.

Übersetzen

Auf der langen Fahrt von den Bergen, in denen wir Ferien gemacht hatten, nach Hause, sprachen wir über die Verbindungen des Übersetzens zu anderen Künsten. Irgendwann aber werden die Vergleiche zwischen dem, was Maler, Musiker und Übersetzerinnen übertragen, beliebig.

Ich kann behaupten, eine Stimmung in ein Bild zu übersetzen. Dabei ist aber nicht ganz klar, ob die Farben nicht auch auf das Empfinden zurückwirken. Eine Übersetzerin beeinflusst während der Arbeit manchmal den Autor, wenn sich Unstimmigkeiten ergaben. Dann wird das Original öfter verändert.

Es gibt auch das Experiment des Übersetzens im Kreis. In ihm wird ein Satz in verschiedenen Sprachen immer weiter gegeben und am Ende wieder in die Ursprungssprache rückübersetzt. Die Wandlung, die er durchmacht, vergleiche ich mit meinen Durchzeichnungen auf Transparentpapier, die sich bei jeder Runde der Zusammenrollens und Weiterzeichnens, verändern.

GEFESSELT EISBLUMEN HAAR

Ich träumte von Collagen, Farbwolken mit ausgeschnittenen Zwischenräumen. All das fand sich in einem Buch wieder, das eine PRINT ON DEMAND Maschine ausspuckte. Die Fensterausschnitte ließen Blicke auf die Seiten zuvor und auf die kommenden zu. Das Tagebuch kippte in eine andere Struktur. Worte wanderten über die Seiten und bezogen sich in neuer Weise auf die Bilder. Es waren eher Gedichte.

In der ersten Malerei, in 1, kommen mir die Formen GEFESSELT vor. Ganz rechts entstand eine Figurenkontur. Die Pigmente blühen manchmal wie EISBLUMEN an den Haarlinien und gehen in die Hautfaltenabdrücke des Handballens über. In 2 hebe ich mit Tinte ein paar Formen heraus. Das HAAR fällt in den Hintergrund, weil es nicht genügend Kontrast binden konnte. Beistriche sollten helfen. Der Blick läuft wie auf Schienen. Immer dieselbe Strecke.

An ein herrenloses Drahtseil, das ohne Funktion quer über den Platz vor dem Atelier gespannt ist, hängen nun schon zwei WEIDENGEFLECHTE. Das soll eine ganze Kopfüber-Prozession werden.

Kleinheit

Am Gartentisch, mit dem Rücken zur Sonne, merke ich einen leichten Westwind, von dem das Stakkato eines Elsterngesangs herbei getragen wird. Das langsame Insektenwachstum an den Eichen bildet den Kontrast zu diesen Rhythmen. All das beeinflusst die Buchmalereien. Das tote Material meiner Haare reagiert mit einer Lebendigkeit auf die Szenarien, in denen die Arten vergehen. Die Kleinheit dieser Reaktion ist meine künstlerische Herangehensweise im Umgang mit den Weltkatastrophen.

Etwa 400 Collagen stellte ich diesem Jahr bis jetzt auf meine Seite. Weit über Trixel Planet hinaus entstand, in der Abkehr von der Kunstwelt, die Individualität meiner Bilder.

In den letzten Tagen reduzierte ich die Farbigkeit der Buchmalereien, die mir im Zusammenspiel mit den Haarkrausen zu viel wurde. Jetzt vor den Ferien befinde ich mich in einem produktiven Schwebezustand und entferne mich langsam von den Arbeitsinhalten.

Die Zeit vergeht ruckweise

Die Zeit vergeht ruckweise. Die Stunden flackern. Wenn oben auf dem Bahndamm die Güterwaggons rattern, knacken, quietschen, bleibt der Sekundenzeiger stehen. Im Stillstand erkennt man Papierbilder, die auf die Seitenwände geklebt sind. Es geht in ihnen um Menschen ohne Papiere. Es sind Flüchtlingsbilder.

Gestern sah ich ein großes Tier auf Rolle 10, einen Wasserbüffel mit einem Höcker. Ich halte inne, wenn die Ringeltauben kommen, um an meinen Bottichen zu trinken, denn sie sind scheu, fliegen bei jeder Bewegung auf und bleiben dann durstig.

Figuren und Architekturen, die aus den Haarlocken der Buchmalereien wachsen, sind schütter genug, um nicht zu stören, durchlässig im tropischen Geschehen. Vorgänge aus dem Gärtchen, Verpuppungen, Metamorphosen und Entfaltungen, werden abgebildet. An den Eichen wachsen verschiedene Insekten. Glatte Kugeln an den Unterseiten der Blätter beherbergen Gallwespenraupen. An den Stengeln kleben stachelbewährte, verholzte Kugeln, in denen sich kleine weiße Maden befinden. Die Goethepflanzen vermehren sich explosionsartig. Überall in der feuchten Erde wachsen Goethekinder!

Totes Material

Am Morgen las ich ein Gedicht über jemanden, der längst weg sein wollte, weg von allem Lärm, auch von dem in seinem Hirn. Die Aufzählungen in den Strophen sind den Balladenstrukturen von Bob Dylan ähnlich.

Ich verliere mich in meinem Haar, verliere es auch beim Auskämmen – totes Material. Mit den Farben aber, wird es zum Leben erweckt, trägt die Stimmungen die in mir wohnen. Ein paar Haare habe ich zuerst in Tinte getaucht und sie dann auf die leeren Buchseiten gelegt. Manchmal, wenn mir ein deutlicher Widerpart fehlt, eine Architektur aus Geraden etwa, will ich aber die Schwünge auch nicht stören. Sie sind Bewegungsspuren, wie die der Mauersegler, die in den Himmel geschrieben bleiben.

Stimmungen die durch Bewegung Ausdruck finden, begegnete ich gestern auch auf den Autobahnen. Irgendwann kam es mir vor, als bewegte ich mich in einem rechtsfreien Raum, in dem sich Gefühle steigern und gefährlich in Tempo aus Motorenleistung umgemünzt werden.

Unwissend treibend wachsen sie heran

Gleich nach einer Kurzreise bin ich wieder mittendrin Im Ateliergeschehen. Nachdem ich meinen Alleebaum und das Gärtchen versorgt hatte, legte ich mir die Tagebuchutensilien wieder auf den Zeichentisch. Unterwegs erfahren die Buchmalereien manchmal eine Läuterung, die mit der Reduktion auf das Nötigste zutun hat.

Vorhin also nahm ich ein paar meiner Haare und legte sie auf die Position der zweiten Malerei, um Schwünge und Schleifen mit einem kühlen Aquarellton zu fixieren. In 3 erhöhte ich die Temperatur dann etwas und fügte Tinte hinzu. Aus diesem unterseeischen Zentrum wuchsen Figuren, wie aus einer Nährlösung. Unwissend treibend wachsen sie heran. In 1 und 2 sind andere Kräfte zugange. Es geht um ein fremderes Wachstum.

B. sah im Humboldtforum eine Ausstellung zum Thema Songlines und australischer Schöpfungsmythen. Außerdem waren im co Berlin zwei Fotografinnen vorgestellt, deren emotionale Hinwendung zu ihren Modellen einen besonderen Sog entstehen ließ, der in verschiedene Richtungen wirkte. Sehr ernsthafte Prozesse, deren Haltungen zu konzentrierten Serien führten.

Neuordnung des Blicks

Nachdem mein Ahornbaum auf der Frankenallee von mir gründlich gewässert worden ist, lehnte ich mich eine Minute mit meinem Rücken an seinen Stamm. Wir haben nun schon eine vieljährige Beziehung. Lange Zeit saß ich mit Blick auf ihn an meinem Schreibtisch und arbeitete an meinen Tagebüchern. Nun meine ich zu merken, dass etwas von seiner Kraft in meinen Körper übergeht. Dieser Freund wird mich hoffentlich überleben.

Die Bändigung der Haarverschlingungen, die Asteroiden- und Elektronenbahnen anzeigen und Sonnenwinde aufnehmen, dominiert die Malerei. Figurenanmutungen oder Architektonisches bilden noch keinen adäquaten Gegenpart. Ich dachte daran Haarkreuzungspunkte als Ankerpunkte für Dreiecksgitternetze zu nutzen.

Linien der 3. Malerei von gestern übertrug ich auf Rolle 10 und füllte die Umrisse gleich mit den Mustern der durchscheinenden Rückschau. Wenn dieser Vorgang unvollständig bleibt, tritt eine Pause im fortlaufenden Prozess ein. Zwei Geschehen sind die Folge: Rhythmisierung des Flusses durch Leerstellen und Neuordnung des Blicks. Dabei geht es um keinen anderen Blick, als um den meinen!

Zahlenspiele

An diesem Morgen haben die Figurenszenen in den Malereien etwas zugenommen. Erzählstoff für die Collagen, aber nicht für meinen heutigen Text. Es scheint alles auserzählt. Eine Erweiterung mit Worten müsste nun eine Einengung sein, damit die Bedeutung des Liniengewirrs reduziert wird. Das ist mir, wenn es nicht illustrativ werden soll, zu kraftaufwendig.

Neben den Reliefmalereien arbeitete ich gestern wieder an Rolle 10. Dort kann ich das Szenische der heutigen Buchmalereien gut gebrauchen. Ihm zugunsten würde ich die Haarschwünge reduzieren, damit die Figuren mehr in den Vordergrund rücken können.

Meine kindlichen Zahlenspiele enden im Kopf oft mit meiner Erschießung. Gestern lernte ich aus einer dreiteiligen Dokumentation des sowjetischen Gulagsystems, warum das so ist. Die monströs menschenfeindlichen Praktiken des 20. Jahrhunderts, die nach und nach zutage traten, haben sich in mein frühes Bewusstsein eingeprägt. Faschismus und Stalinismus sind die Grundierung auf der meine Kindheit stattfand.

Auftritte

Manchmal kommen mir noch Bilder von der documenta 15 vor Augen. Dann entfaltet sich aber ein Schutzschirm aus der Gewissheit, im Kontrast zum Inhalt dieser Ausstellung, für mich auf dem richtigen Weg zu sein.

An den Buchmalereien und der Bemalung der Relieffragmente des Kraftfeldes arbeitete ich am Vormittag parallel. Farben, Bewegungen der Pinsel und der Haare springen hin und her. Szenisches erscheint nicht selbstverständlich von alleine. Ich muss nachhelfen und die Figuren zu ihren Auftritten zwischen den Kulissen zwingen: „Jetzt gehen sie doch mal einfach normal über die Bühne!“ Auf den Reliefs habe ich dafür noch keinen Platz gefunden, oder noch keine Technik, die die Figuren dort selbstverständlich einfügt.

In 1 schwebt ein Wesen aus dem Geschlinge der Haartrocknungsränder nach links, als wäre es gerade in den Himmel geboren. In 2 fügte ich ein paar Geraden ein, die sich aus dem Geschehen ergaben. An sie dachte ich schon vorher, wahrscheinlich im Zusammenhang mit den Gräben der Reliefs. In 3 sitzt eine starre, ägyptische Figur inmitten eine bunkerartigen Schutzarchitektur. Sie wird aber von den schnell kreisenden Teilchen leicht durchdrungen. Nur ihre Spuren finden sich noch in meinen Bildern.

Schlegel, Novalis l Brentano

Bevor wir gestern in das Romantikmuseum gegangen sind, um uns den Briefwechsel von Schlegel und Novalis, und die Aufzeichnungen Brentanos zu den Visionen von Anna Katharina Emmerick anzusehen, nahm ich mir einige Reliefbruchstücke des Kraftfeldes vor. Ich beschnitt sie etwas und stabilisierte sie mit mehreren Schichten einer weißen Grundierung. Nun beginne ich die Haarstrukturen, wie sie in den Buchmalereien auftauchten, in die Gräben und auf die Erhebungen der Objekte zu übertragen.

Was mich an Brentanos Aufzeichnungen besonders interessiert, was sie anziehend für mich macht, ist ihre Form und Hingabe. Die getreue Wiedergabe der detaillierten Beschreibungen der Visionen wird von Zeichnungen und Collagen begleitet. Diese Geste eines Chronisten ist mir nahe.

In den Buchmalereien versuche ich die Verschlingungen der Abdrücke des Haars in Szenen einzubauen. Ich meine, das gelang mir am ehesten in der 3. Malerei, was auch noch in der dritten Collage für die Website, deren letzte Schicht sie bildet, sichtbar bleibt.

documenta 15

In den letzten zwei Tagen beschäftigten wir uns mit dem derzeitigen Zustand der Kunst auf der documenta 15 in Kassel. Innerhalb der Kollektive geht der autonome Künstler unter. Die Illustration der politischen und kulturellen Erfahrungen der verschiedenen Gruppen steht im Vordergrund.

Die Wimmelbilder mit aufgerissenen Mündern, hochgereckten Fäusten, die plakative Schildermalerei und die Holzschnitte erinnerten mich an die DDR-Kunst, von der ich mich gründlich distanzieren konnte.

Dennoch waren der Aufwand und die Mühe lohnend. Ich fühle mich durch den individuellen Weg, den ich mein ganzes Künstlerleben gegangen bin, im Kontrast zum Zustand gegenwärtiger Kunsteinengungen, bestätigt. Dieses Gefühl wurde durch einen wortgewaltigen Beitrag von Bazon Brock im Deutschlandfunk untermauert. Gestärkt dadurch kann ich mich meinen Erkenntnissen und Sichtweisen innerhalb meiner Bilder wieder mit Freude zuwenden.

Kollektivismus

Am Morgen bekamen meine Pflanzen, der Alleebaum, die Weide am Bahndamm und das ganze Gärtchen erst einmal Wasser. Das braucht seine Zeit. Kleine gemischte Spatzen-Meisen-Schwärme kommen zum gemeinsamen Baden an meine Bottiche. Weil geflochtene Weidenzweige im Wasser liegen, können sie sich hineinsetzen und planschen.

Langsam gelingt es mir besser, die abgedruckten Haarschlingen und die gezeichneten Schwünge zusammen zu bringen. Ich mache das beispielsweise mit kreiselnden Papiergravuren, die ich mit den afrikanischen Holzhaarnadeln in die Buchseiten grabe. Mit kreisenden Farbstiftlinien hebe ich sie dann hervor.

Den wochenlangen Arbeitsrhythmus habe ich seit ein paar Tagen verlassen. Rolle 10 ruht, wie auch schon eine ganze Weile die Arbeit an der Rekonstruktion des Kraftfeldes. Ich las einiges über die Documenta, die wir in den nächsten Tagen besuchen wollen und bin gespannt, was der Kollektivismus in Kassel für Blüten getrieben hat. Ich selber versuche ja innerhalb meiner Kooperationen herauszubekommen, was es damit auf sich hat. Es tut gut, mit diesen Vorhaben, die mönchische Askese vorübergehend zu verlassen.

Ein Widerspruch

Mit dem Wortrollengenerator habe ich am Wochenende nicht weitergearbeitet. Das Thema war: Haare und Wasserfarben. Die Übertragung der Strukturen, also der geschwungenen Linien, auf Rolle 10 möchte ich ernsthafter und intensiver betreiben. Die Tuschelinien sind bisher etwas steif. Die Konzentration auf Details und eine damit verbundene stärkere Vergrößerung kann helfen.

Etwas Zeichnerisches aus den Bögen heraus zu entwickeln, fällt mir nicht leicht, denn die abwechslungsreichen und spannungsvollen Formen lassen sich nicht ohne Verluste fortführen. Eine Möglichkeit bilden aber entstehende Figurenumrisse oder klare Architekturen. Wenn diese sich dann beginnen unter dem Druck des feuchten Handballens aufzulösen, kommen sie der Qualität, nicht der Form der Haarabdrücke näher.

Manchmal scheinen mir die Collagen von der Besonderheit der Buchmalereien zu viel wegzunehmen. Ich muss dort radikaler mit den Mitteln der digitalen Verarbeitung gegen die Malerei vorgehen. Das klingt nach einem Widerspruch, kann aber zu eindeutigeren und neuen Gestaltungsgesten führen.

Wortrollengenerator

TEITXTA LABTAK BWAARTEETRT SCHBAILL sagt der Wortrollengenerator. Manches ist schwierig auszusprechen, bewahrt aber auf, was sich noch in meiner Sprache verbirgt.

Auf Rolle 10 zeichnete ich die Umrisse der dritten Buchmalerei und begann sie auszufüllen. Das ging heute in die dritte Collage ein.

In den Buchmalereien möchte ich mich mehr auf die Haarstrukturen konzentrieren. Die alte Idee, monumentale Strukturen im kleinen Format zu schaffen, liegt dem zugrunde. Gleichzeitig interessiert mich auch die Spannung der Schwünge, die die Beschaffenheit des Materials widerspiegelt. Ein durchgesägtes Stück Knochen, das ich im Substrat meines Gärtchens fand, weist ein Muster von Hohlräumen auf, die sich von innen her zum Rand hin unregelmäßig strahlenförmig ausbreiten. Durch das offene Rolltor treten die Naturformen meines Mikrodschungels in meine Arbeit ein.

TCHIBLAK

TCHBILAK ist das erste Wort meines Transparentpapierrollen – Sprachgenerators. Gerade habe ich die Buchstabenüberlagerungen beim Zusammenrollen ausprobiert. Es ist noch nicht klar, wie ich oder ob ich das mit den anderen Rollenstrukturen zusammenbringen werde.

Fortschritte machen die Abdrücke der eingefärbten Haare in den Buchmalereien. Sie besitzen innerhalb ihrer Schwünge unterschiedliche Spannungen, je nach dem, von welchem Kopf sie stammen. Die Auswirkungen auf Rolle 10, wo die Umrisse der Abdrücke übernommen werden, gehen in Richtung Rokoko. Die Schwünge laufen in eleganten Spitzen aus.

Auf dem Weg ins Atelier, lagen auf dem Mittelstreifen der Allee, unter dem Glockenturm der Friedenskirche, zwei blutige Taubenflügel beieinander. Dort leben Falken. Auf einem Motorenlüfterrad, das ich in ein Gestänge des Gärtchens gehängt habe, sitzt ein Pfauenauge, die Ornamentflügel auf und zu klappend. Ringeltauben kommen zum Trinken an den Seerosenbottich. Ich lehnte mich gestern mit dem Rücken an den großen alten Ahorn, den ich morgens gieße.

Rollrhythmen

SCHNOPPHAURLIN

ist ein Wort, das mir in der vergangenen Nacht eingefallen ist. In einer der Nächte zuvor der Zweizeiler:

TIXALAT BALLETT BAK

WARTER SCHILL

Ich stelle mir diese Worte als Bild vor. Die Zeilen folgen den Haarabdrücken, die ich in den Buchmalereien hinterlasse. Kombiniere ich die abstrakten Texte in der fortlaufenden Transparentrollentechnik, entstehen rhythmische Gedichte. Das ist eine gute Arbeit für den Nachmittag.

Im Zusammenhang mit solchen Texten denke ich an das Vorhaben von Franz, gemeinsam Klänge zu erzeugen. Die Worte als Sequenz auf Rolle 10 wiederholen und verdichten sich im Rhythmus des Rollenumfangs. Es sind sinnfreie Alterslieder der Vergesslichkeit. Der Gesang bedient sich der Form tibetischer Sutras und einem Sprachgestus des Postpunks.

Ansporn

Die Übertragung der geschwungenen Haarstrukturen auf Rolle 10 geht natürlich mit Reduktionen und Veränderungen einher. Aber dieses Ausgangsmaterial führt zu neuen Formen, deren Umrisse angefüllt werden. Immer noch habe ich nicht mit Schellack eingegriffen. Die anderen Arbeitswege sind noch wichtiger.

Bei den Collagen stellte ich gestern und heute die Gestalt der Buchmalereien mehr in den Mittelpunkt. Sie geht zu oft inmitten der Gestaltungen, die dort einfließen, unter. Das schwächt die Collagen eher, neutralisiert die Spannung.

Der Lärm der großen Baustelle in der Nachbarschaft, der immer näher rückt, stört mich immer weniger. Es ist erstaunlich, woran ich mich gewöhnen kann. Diese laute Betriebsamkeit hat auch eine anspornende Auswirkung. Das produktive Treiben ist ansteckend!

Zwischen Wald und Schule

Zurück in meinem Dschungel an den Baugruben unter den Abflugschneisen. Ich machte Spaziergänge durch die Landschaften meiner Kindheit, Schritt für Schritt mit Abenteuern besetzt, mit Angst, Freude und Drangsalen zwischen Wald und Schule in Thüringen. Von der Kräuterwiese, auf der wir Ski fuhren, brachte ich ein paar Samen mit für meine Gärtchen hier.

In den Buchmalereien experimentiere ich mit Haaren, die ich auf verschiedene Arten mit Aquarellfarben benetze. Wenn ich sie auf das Papier lege, hinterlassen sie Spuren unterschiedlichen Charakters. Lasse ich sie nur kurz liegen, entstehen kompaktere Formen, reduziert geschwungen. Filigraner werden sie, wenn die Haare auf dem Papier trocknen.

Zwischen meinen Anflügen von Gegenständlichkeit, entstehen neue Lebensformen. Zellhaufen beginnen Tentakel auszufahren oder entwickeln Magnetismus und elektrische Energie. In meiner Vergangenheit unterwegs, war ich fern vor alldem. Umso enthusiastischer begegne ich nun meinen Frankfurter Kontexten.

Routine

Wenn ich meine Routine verlasse, stockt der Motor und die Produktion fährt ruckweise herunter. Kein angenehmer Vorgang, der sich auf andere Tätigkeiten auswirkt. Also hole ich Rolle 10 wieder heraus und scanne, was ich gestern fertig gezeichnet habe und füge das Ganze in die letzte Collage der vorigen Woche ein. Dazu die erste Buchmalerei von heute. Und schon fühle ich mich wohler.

Ein dreieckiges Sonnensegel wirft Schatten auf den Zeichentisch der im offenen Rolltor steht. Ich schreibe dort zumeist etwas abgelenkt durch die Vorgänge im Gärtchen. Die hoch frequentierten Badeplätze der verschiedensten Vögel, das Eidechsenjagdgeschehen und das Lichtspieltheater der zweiten Sommerhälfte bekommen einen Teil meiner Aufmerksamkeit. Die Mauersegler sind bereits fort und ließen aber die Schrift ihrer Schwünge am Himmel zurück.

Neue Strukturen werden durch die ausgerissenen Haare von meinem Kopf, die ich in Aquarellfarbe tauche, in die Buchmalereien eingefügt. Es gelingt mir nicht, die Schwünge, die dabei entstehen, ähnlich zu zeichnen. Es herrscht eine eigene unnachahmliche Spannung in den Abdrücken der nassen, farbigen Strähne.

Zartes Material

Federn aufsammeln, Haare und Seidenfäden, Scherben von Taubeneiern unter dem großen Ahornbaum, den ich morgens auf der Allee gieße. Flügelschläge zeichnen Luftverwirbelungen, die bleiben auch wenn der Himmel ansonsten leer ist. Sie kommen auf 1 in meine Buchmalereien, schaffen sich ungeachtet der Kulissenwände, die nicht gerade für Stabilität sorgen, Raum, auch auf 3.

Im 2. Bild wurde einer Schlange der Kopf abgeschlagen. Das schäumende Blut trocknete alsbald und bildete eine feste Schwammblüte. Das erinnert mich an Helnwein im Heidelberger Theater, mit dem wir ein Tanzstück von Kresnik ausstatteten. Er hatte sich über die pfingstrosigen Blutflecken auf einem Bodentuch geärgert und zeigte uns dann, wie man das macht. Leider spritzte er mit ungebundener Pigmentbrühe herum, was wir dann wieder unter Mühen auszubügeln hatten.

Hinter dem Dschungel des Gärtchens sehe ich die Routinen auf dem Tevesgelände. Nun, nach 20 Jahren, ist das ein beruhigender Anblick. Auch die Figur in der 3. Malerei stahlt eine erdverbundene Ruhe aus.

Wirbel

Figuren stupider körperlicher und verbaler Gewalt verschmolzen in einem kleinen Erinnerungstornado zu einem geschlossenen Phänomen, das sich einer Wetterfront gleich über Jahrzehnte zusammenballte. Viel Gestisches in meiner alltäglichen Arbeit ist davon getrieben. So versuche ich diese Erfahrungen produktiv werden zu lassen.

So, wie die Wolken von Westen her vorbeiziehen, geht die Arbeit auf Rolle 10 mit gegenständlichen Figurationen weiter. Es ist der Zeitpunkt gekommen, dass neue Elemente das Geschehen weiter voranbringen sollten. Ich denke dabei an Schellack, der die Tuschelinien anlöst und sie beim Zusammenrollen verwischt. Ein weiteres Mittel wären Graphitfrottagen, die sich ebenfalls mit Schellackschichten verbinden lassen.

Auf der Probebühne in der ersten Malerei, löste eine Trockeneismaschine, die außer Kontrolle geraten war, ein bedrohliches Wetter aus. Das setzt sich auf 2 mit, in der Windmaschine flatternden, Kostümen fort. In Abstraktionen verstecken sich Figuren vor der rotbraun wirbelnden Kriegsmaschine. In 3 wurde die Architektur errichtet, um die Szene einzufangen und zu beruhigen. Es setzte auch eine Zentrierung der Bewegungen ein.

Glückliche Momente

Gleich zeichnete ich den Asteroidenumriss mit Walfisch und Standarte auf Rolle 10 und begann sie mit dem Vorgeschehen zu verbinden. Das Ergebnis fand auch Eingang in die 2. und 3. Collage des heutigen Vormittages. Wie in Festumzügen reihen sich die vorwiegend abstrakten Formen auf den Rollen aneinander. Figürliche Anmutungen bleiben meist vage. Dazu erfinde ich textliche Szenen, die das Geschehen vergegenständlichen. Nach dem Sinn dieses Vorgehens frage ich nicht, sondern folge alleine meiner Intuition.

Ich erinnerte mich an verschiedene Abende von Bill Forsythe, an denen das Tanzensemble mit dem Publikum zu einer produktiven Gruppe verschmolz. In „You Made Me a Monster“ zeichnete ich Schattenumrisse von Pappskelettschablonen auf Papierbögen und gab die Zeichnungen dem Ensemble, die daraus kleine Choreografien machten.

Bei „Human Writes“ stemmte ich meine Füße gegen die von Georg Reischl, damit er einen sicheren Stand für eine kraftvolle Aktion bekam. Zu anderer Gelegenheit wurde die Frage ins Publikum gerufen, ob man wisse, was Performance sei. Ich rief spontan so laut, wie nie sonst: “No!“ Dafür bekam ich dann eine kleine fulminante Improvisation geboten. – Die glücklichsten Momente mit der Company.

Asteroid

Auf dem Asteroiden, den ich mit einem durchgeschnittenen Lavastein in die 2. Buchmalerei von heute druckte, beschreiben die Ausbrüche von erhitztem Wasser die Magnetlinien des grünlichen Brockens im All. Begleitet wird er von einem Walfisch und einer Standarte ohne Träger.

Das Ausbruchsgeschehen wurde in 1 aufgenommen und verwandelt. Dadurch entstanden kalligrafische Schwünge interstellarer Zeichen. Sie lassen sich nicht entziffern. Auch die aufrechten Schnitte des Raumes, den sie umschreiben, führten nicht weiter.

Ein ähnliches Experiment fand in 3 statt. Mehrere Schichten kreisender Linien treffen da auf das Bündel der farbigen Schnitte. Die schriftartigen Bögen zeichnete ich mit ein paar Haaren von meinem Kopf, die ich aus einer Haarbürste entnahm und in eine, an der Spitze gespaltene, hölzerne Haarnadel klemmte. So entstand ein Pinsel mit 15 cm langen Strähnen. Diese tauchte ich in Aquarellfarbe und legte sie dann auf das Papier.

Defilé der Dejavus

Die 1. Buchmalerei von heute zeigt das Defilé der Zweigträger. Eine Choreografie mit Pirouetten, schnellen, verwischten Gängen und einer Polonaise. Sie führt direkt in die 2. Malerei.

Diese ist eine Kreuzigungsszene. Ein Sandsturm umhüllt die Gesellschaft der Zuschauer. Nur eine Pflanze, die rote Lanze, widersteht den tobenden Elementen.

In 3 findet die Auferstehung statt. Sie wird von einem Tornado begleitet, der den ganzen Sturm der vorhergehenden Szene an sich bindet. Jenseits seiner wirbelnden Kraft, ziehen Dejavus aufgereiht davon.

Interpretation und Improvisation

Je zurückgenommener die gestische Aktion in den Kleinformaten der Buchmalereien gerät, umso freier und unkomplizierter wird deren Entstehung. Schraffuren haben ihren eigenen Auftritt, genauso wie die Oberflächenstruktur des eingefärbten Handballens. Wenige Linien von gestern haben sich durchgeprägt und kommen noch einmal zart zur Geltung.

Gestern Abend blieb ich noch länger im Gärtchen sitzen. Die Hitze ließ nur langsam nach, die pflanzen dursten, wie ich, und der Kühlschrank ist noch voll mit kaltem Bier…

Mit ernsten schwarzen und groben Federstrichen arbeitete ich weiter auf Rolle 10. Die durchgezeichneten Strukturen werden durch die Dicke des Strichs rhythmisch freier. Hinderliche Aspekte des Zeichnens auf der Rundung der Rolle, wie die Verkrampfung der rechten, zeichnenden Hand und die breiten Spitzen der Federn, führen zu Abstraktionen der Figuren und Muster. Das werden dann Interpretationen und Improvisationen eines bildnerischen Themas.

Abstand

Der Auflösung von Strukturen um mich herum versuche ich mit der Regelmäßigkeit meiner Tagesabläufe zu begegnen. Am Morgen habe ich den Alleebaum gegossen und bin dann unter den Baumkronen ins Atelier gelaufen. Auch hier goss ich kleine Baumsetzlinge am Bahndamm und füllte den Wasserbottich für die Vögel, Insekten und Pflanzen.

Die Krisen summieren sich. Anspannung, Krankheit, Aggressivität und Niedergeschlagenheit in der Umgebung. Ich versuche Abstand zu halten, um beobachten zu können.

Mit Tusche zeichnete ich gestern weiter auf Rolle 10. Das ist ein stabiles Vorgehen. Ich dachte an archäologische Rückgriffe auf die eigene Arbeit, bin aber ganz froh über die konstruktiven Elemente in den Buchmalereien. Sie dienen der Stabilität der Collagen und des fortschreitenden Frieses auf der Rolle. Archäologie und Konstruktion.

Gewonnener Raum

Auf den großen, mit Nessel bespannten Rahmen, arrangierte ich Relieffragmente des Kraftfeldes zu einer lockeren Komposition. Wenn diese Spielerei noch weiter wächst, könnte sie zu einem wesentlichen Teilaspekt der so genannten Rekonstruktion werden. Auch die gebogenen Weidenäste mit den zerstörten Reliefteilen sind ein Beitrag der Erneuerung.

Eine dreitägige Arbeitspause, in der nur die Buchmalereien entstanden sind, räumte ich das Atelier auf, schuf frei geräumte Flächen und reinigte den Platz unter dem Dach für ein Grillfest. Der so gewonnene Raum kann nun mit einem Neuanfang gefüllt werden. Der begann schon am Vormittag mit einer kindlichen Erinnerungsfreude in der zweiten Malerei im nun vollständig gefüllten Buch.

Mein hundertzwanzig Jahre alter Ahornbaum vor meinem Balkon in der Frankenallee bedankt sich für die vielen Kannen Wasser, die er alle 2 Tage von mir bekommt, mit üppigem Wachstum neuer Triebe. Das Leben im Schatten seiner Etagen ist reicher als bei seinen Nachbarn. Ich hoffe ja, dass sich weitere Bewohner der Allee anschließen und sich um die anderen Bäume auch kümmern.

Besinnungsloser

Gestern habe ich vorsichtig mit der Tuschemalerei auf den Reliefs weiter gemacht. Die Zwischenergebnisse sind solide und etwas sehr konservativ. Aus dieser Stagnation kann ich mich mit Farbe herausarbeiten und mit dem mutigeren Gestus der Buchmalereien.

Auch die Übertragung der Tintenfiguren von Rolle 10 gelang bisher nicht. Diese erdachten Kombinationen hemmen mich etwas. Eine weniger geplante Weiterarbeit, ein besinnungsloseres Vorgehen, kann aus der Sackgasse führen. Das stetige Nachdenken über die Arbeit kann auch kontraproduktiv werden.

In eine Eintrittskarte zum Kloster Alchi in Ladakh, sind Türkisplättchen eingeschlagen, die ich am Fuß der Anlage aus dem Indus sammelte. Öffne ich das Päckchen, so liegen sie auf dem Foto der Ansicht der zusammen gewürfelten Sakralbauten und ergänzen die architektonische Gesamtstruktur. Auch eine halbe Lapislazulikugel und ein Silberperlchen sind dabei.

Spur durch ein Dickicht

Rechts berühren mich die Blätter einer kleinen Eiche, die es seit ein paar Jahren im Gärtchen am Atelier gibt. Und links von mir schmettert ein Rotkehlchen im kleinformatigen Dschungel. In einer halbgefüllten, flachen Schüssel hat es vorher gebadet. Ein Schwarm graugrünlicher Winzlinge kommt herein und eine Ringeltaube dreht, erschrocken von meinem Anblick, in der Luft um 180 Grad um, bevor sie zu Fuß zurückkommt, um an einem der Wasserbottiche zu trinken.

Gerstern zeichnete ich mit Tusche eine der 5 Tintenfiguren von Rolle 10 auf ein Relief, das ich schon mit einigen Linien bemalt habe. Es ist kompliziert und gelingt nicht gleich. Ich muss lange hinschauen, um weitermachen zu können. Die weitere Fragmentierung der Figur gelang nicht, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Die kleinen Aktionen, die den kleinen wachsenden Garten formen, ähneln denen der Malerei. Diesem Wesen folgend will ich heraus aus der Sackgasse der Figurenübertragung auf die Reliefs. Stetes Weiterarbeiten an den Tagebüchern, Transparentpapierrollen und an der Rekonstruktion des Kraftfeldes folgt neugierig der Spur durch ein Dickicht.

Gärtnern

Auf die Kraftfeldform, die auf zwei Böcken und einer Tischplatte liegt, breitete ich graue Pappe aus, um darauf schreiben und zeichnen zu können. Auf dieser Fläche steht vor mir Rolle 10, etwa 40 cm ausgerollt. Darauf sind die 5 Figuren zu sehen, die ich gestern und vorgestern mit Tinte gezeichnet habe. An manchen Stellen zu durchlässig, verlieren sie Kraft, liefen im Bühnenlicht Gefahr, weggeleuchtet zu werden. Ich sollte die schütteren Körperteile festigen.

Die Figuren haben eine heraldisch-folkloristische Tendenz. Könnte sein dass sie das verlieren, wenn ich sie auf die Kraftfeldreliefs zeichne, die die Schnittmusterumrisse haben. Dort werden sie nämlich weiter fragmentiert und gehen eine Verbindung mit der Dreidimensionalität ein. Das ließe sich in einem Figurentheater verstärken.

Im Gärtchen versetzte ich eine schwächliche Sukkulente, vervielfältige Goethepflanzen und suche nach schattigeren Orten für die Pfennigbäumchen. Ähnlich ging ich in den Buchmalereien vor, die heute etwas aus der Art schlugen, mich aber zur Ruhe kommen ließen.

Bewegt und durchlässiger

Den Auszug einer Figur der letzten szenischen Verdichtung auf Rolle 10, zeichnete ich erstmalig mit dem Füller, den ich auch für die Tagebücher benutze, und Tinte auf das Transparentpapier. Die Linien sind viel feiner, und wenn ich die schwarzen Flächen mit ihnen schraffiere, so entsteht eine bewegte und durchlässigere Situation. Die Federzeichnungen erscheinen daneben etwas grob.

Die Brettchen leichten Schwammholzmaterials, die ich aus dem halbierten Pappelstamm breche, untersuche ich auf ihre Eignung, damit Objekte herzustellen. Aber die Sägekanten fransen aus und das Material splittert leicht.

Manche der Relieffragmente versuche ich mir mit den Federzeichnungen vorzustellen, die ich von Rolle 10 übertragen würde. Ich könnte mit der Einzelfigur beginnen, die ich gestern zeichnete. Die Buchmalereien vom Wochenende sind ziemlich wild. Nun habe ich das Temperament etwas heruntergefahren, um in ruhigere Gewässer zu gelangen.

Schicht um Schicht

Gestern zögerte ich eine Weile, welchen Umriss ich als nächstes auf Rolle 10 zeichnen würde. Ich wählte die 1. Malerei vom 6.7. aus, weil es da die verschiedenen Elemente des verspielt-blasigen Steinschnittabdruckes und das der strengen Architektur gibt. Dicht gedrängt finden sich nun die Figuren wieder. Sie spielen nun zwischen den Kulissen, von denen sie fragmentiert werden, neue Stücke in neuen Kostümen, die an die alten aber noch erinnern. Und die sich verdichtenden schwarzen Blöcke und zu Gegenständlichkeit wachsenden Linien, werfen die Fragen danach auf, was denn geschah, bevor die Szene eingefroren wurde, und wie die Geschichte weitergeht. Sind das Schienen am unteren Rand, die über Drähte mit Energie versorgt werden? Versorgen sie die Handlung mit Strom? Muster werden gestreut und backen zusammen. Leitern, Gitter und der Riesenstachel eines Skorpions treffen aufeinander, weil sich ihre Wege dort zwischen den Kulissen kreuzen.

Währenddessen entfernen sich die Buchmalereien von dieser linearen Strenge. Ihre weichen Strukturen benötigen zwar auch Gegensätze, um in ihrer Stofflichkeit wahrgenommen werden zu können, weiten sich aber durch die Farben in andere Welten aus.

Aus dem aufgespaltenen Pappelstamm löse ich Schichten von getrocknetem Schwammholz heraus. Diese Brettchen haben während des Wachstums der Jahresringe spitze Erhebungen herausgebildet, die sich in jeder Schicht die folgt, leicht modifiziert wieder finden.

Figurationen I Fernweh

11 Figurationen, Auszüge der in den letzten Tagen entstandenen Zeichnungsüberlagerungen, machte ich gestern Nachmittag. Sie haben verschiedene Charaktere. Es gibt einen etwas eckigen Kugelfisch, nervös ratternde Holzgestelle, sehr aufrecht stehende Vögel und einen bösen Märchenprinz mit Plateauschuhen. Die siebte Gestalt, zähle ich sie von links nach rechts, kniet schief und etwas versehrt, in ein finsteres Gebet versunken. Ich merke, wie ich beginne, die einzelnen Geschichten zusammen zu bringen und könnte nun anfangen, noch viel mehr zu erzählen…

Die Buchmalereien sind wenig konkret geworden. Aufrecht stehende Bären grüßen sich oder schauen in die Nebelwolken, die waagerecht verwischt oder mit dem Handballen aufgeblasen wurden. Gravitationsschleifen lösen sich in Wolken auf.

Fernweh beginnt sich breit zu machen, eine Lust auf fremde Weite. Immer der Rückgriff auf das Gesehene – Schnee von gestern auf den Gebirgspässen. Aber wir kämpfen aktuell mit den Gebrechen unserer uralten Eltern, sehen die geschrumpften Landschaften ihrer gekrümmten Körper.

Rolle 10 I JEDERMANN STIRBT I Ladakh

Umrisse der 3. Malerei von gestern zeichnete und füllte ich auf Rolle 10. Obwohl die Arbeitsschritte immer ähnlich bleiben, lässt die Spannung innerhalb des Frieses nicht nach. Es bedarf aber einiger Disziplin, die Neugier auf den Fortgang und die Hoffnung auf Neues aufrecht zu erhalten.

In einer Inszenierung von Jan Bosse sahen wir den dramatischen Text „Jedermann stirbt“, von einem Wiener Autor. 2 Stunden mit virtuosen Rampensäuen, ohne Pause. Ein Publikumsabend mit Gauklertricks auf hohem Niveau. Ich ging, froh über meine einsame Tätigkeit, der Suche nach den kleinen Forschungsergebnissen im alltäglichen Ateliergeschehen, nach Hause.

Ich überlege, mich mit Pakistanischer Buchmalerei zu beschäftigen. Damit könnte ich meiner Begeisterung für die buddhistischen Wandmalereien in Ladakh, die von daher kommen, auf den Grund gehen.

Asketische Energie

Die abgespaltene Baumstammhälfte höhlte ich gestern so weit aus, dass ich ihr Gewicht von der liegenden in eine stehende Position stemmen konnte. Das herausgearbeitete Holz lege ich ins Gärtchen, wo es die Feuchtigkeit in der wenigen Erde auf dem Beton, in der viele Bäume wurzeln, hält. Außerdem bildet sich daraus irgendwann nährstoffreiche Erde, die wiederum das Wachstum des Holzes fördert.

Auch selbsterklärende Kunstwerke tragen den Beginn eines Kreislaufes in sich. Die Kompositionen von Brad Mehldau zu Bach, erklären sich aus ihrem Bezug. Indem ich mich auf die Wandmalereien in den Tibetischen Klöstern beziehe, greife ich auf pakistanische Buchmalereien zurück, von denen sie stammen. Gelangen deren Ausläufer auf Rolle 10, so beschleunigen sich die Kreisläufe.

Ohne einen neuen Umriss verdichtete ich gestern die Muster auf der Transparentpapierrolle. Gegenüber größer werdenden Leerstellen, steht die zunehmende Schwärze, als zöge sich das Ornamentmaterial dorthin zurück. In diesem Widerschein von Askese nimmt die Energie zu.

Ferne Korridore

Durch das offene Rolltor treten die flackernden Blätterschatten ein. Sie mischen sich mit den Linien und Farbflecken der kleinen Malereien im Buch. Das pulsierende Pfeifen eines rückwärts fahrenden Lieferautos wird vom wispernden Gezwitscher winziger fremder Vögel überlagert.

Lücken auf Rolle 10 fragmentieren die durchgezeichneten Wiederholungen von vorausgegangenen Motiven. Die Geschehnisse der letzten Tage verflechten sich zu einem Gewebe. Das Hirn löscht alsbald Erinnerungen oder verschiebt sie in ferne Korridore. Mir bleiben die Ringe, ausgelöst von auftauchenden Fischen, auf der Oberfläche eines Weihers im Wald, die Libelle, die unruhige Muster über das Wasser fliegt, die Steine auf dem Weg und der Morast neben den Quellen am Hang.

Aber schon das Lichtspiel in den Baumkronen am Bach wird überschrieben von dem gegenwärtigen Geschehen auf dem Zeichentisch, der im Zugang zum Garten steht. Das Jetzt fragmentiert das Gewebe, das fadenscheinig wird wie die Gebetsfahnen auf den Himalajapässen, zu denen sich immer ganze Bündel neuer flatternder Wimpelketten hinzugesellen. Die Motive auf Rolle 10 lösen sich in Licht, Luft und Schall auf, schaffen so Platz für neue Verdichtungen.

Abstraktion und Improvisation

Mit einem blasigen, glatt durchgeschnittenen Lavastein stempelte ich die Punktwolken und Schäume auf die Linien, die sich zu Gebäuden zusammenschließen wollen. Sie werden quasi aufgeschmolzen.

Die Themen auf der Transparentpapierrolle durchlaufen Abstraktionen und werden laufend weiter improvisiert. Die Verwandtschaft zum Musizieren bildet eine Inspiration, die über die Wiederholungen der Strukturen hinausgeht. Auf den vorausgegangenen Transparentpapierrollen finden sich Überlagerungen, die aus reinen Wiederholungen bestehen. Im Extremfall entstanden daraus dunkle Flächen.

Gestern zeichnete ich aus den Zwischenräumen der Umrisszeichnung, die auf der 3. Malerei vom 28.06. basiert, 5 Figuren. 3 stehen dichter beieinander, 2 setze sich etwas ab. Es folgten 4 waagerecht ausgerichtete Musterfelder. Eine Gruppierung von den 3 beieinander stehenden Figuren und ihren ausgefüllten Zwischenräumen bildeten dann ein geschlossenes Ornamentfeld.

Langwierige Vorgänge

Ein Element gesellt sich zum andren. Die kleinen Buchmalereien, die mit Pinseln, Stiften, Federn, Aquarellfarben und Tinte entstehen, unterbreche ich, um mit einem schweren Hammer, einem Beil, einem Brett und einem keilförmigen Stein, einen 80 cm dicken, trockenen Pappelstamm zu spalten.

Nehme ich alle Buchmalereien zusammen und schaue mir die Veränderungen an, so erscheint das als ein sehr langer Vorgang. Als die Pappel auf Wunsch der Nachbarn, die ihre Autos von herabstürzenden Ästen gefährdet sahen, gefällt wurde, ließ ich mir zwei Stücke über den Zaun werfen. Eines blieb die vergangenen Jahre dem Wetter ausgeliefert und eines kam unter das Dach. Die Stammstücken sind nun trocken und rissig, was ihre weitere Gestaltung wesentlich bestimmen wird. Auch dies ist ein langwieriger Vorgang.

Der nächste Schritt auf Rolle 10 ist klar. Ich werde aus den Zwischenräumen der letzten Zeichnung neue Kreaturen herauslösen. In die Collagen passen die bisher entstandenen Figuren nicht so recht, aber es beginnt sich ein Gefühl aufzubauen, dass sie sich an anderer Stelle, in einem anderen Material manifestieren müssten.

Holz unter Spannung

Menschen, die das Gelände queren, weil sie damit ein ganzes Stück Weg abkürzen, begegne ich freundlich. Manchmal schließe ich ihnen auch, wenn es schon geschlossen ist, das hintere Tor auf. Ich komme mir dann vor wie ein Fährmann. Entgolten wird das meistens mit einem Lächeln oder einem kleinen Gespräch. Die Weide am Bahndamm, die ich vor anderthalb Jahren pflanzte, und die in der Hitze und Trockenheit fast eingegangen wäre, bekam von mir nun viele Gießkannen Wasser. Jetzt strotzt sie vor Kraft und sprießt aus allen Augen.

In einem Radiobeitrag über den Jazzmusiker Lennie Tristano, begegnete ich der Arbeitsweise stetiger langsamer Veränderung wieder. Leute, die seine Konzerte jeden Abend verfolgten, berichten, wie sich in den gleichen Kompositionen die Strukturen langsam änderten, so dass nach 10 Shows die Stücke nicht mehr zu erkennen waren.

Auf Rolle 10 übertrug ich einen Umriss aus der 3. Malerei von gestern und begann sie mit den vorausgegangenen Figurenstrukturen zu füllen. In eine Spalte des Baumstamms, die ich zuvor mit Beil und Fäustel auseinander getrieben hatte, steckte ich ein Brett und treibe es langsam tiefer in den Stamm. So setze ich das Holz nun unter Spannung.

Am Morgen

Am Morgen hatte ich vor Augen, eines der beiden Stammstücken, die von der gefällten großen Pappel noch auf dem Gelände liegen, mehrfach längs zu spalten. Die Stücke könnten dann mit verschweißtem Armierungsstahl neu zusammengefügt werden. Dafür wird der Rundstahl durch Bohrungen hindurchgeführt. Auf der anderen Seite können auch Gitternetze herauswachsen, die sich zu Figuren formen.

Zu diesen Gedanken führte sicherlich die Reihe von Figuren, die gestern auf Rolle 10 entstanden sind. Ein Figurenfries aus den zwei verschiedenen Materialien Holz und Armierungsstahl. Am Morgen probierte ich mit einem Beil und einem Fäustel aus, ob die Spaltung des Stammes mit Muskelkraft, eine realistische Option ist.

Um eine solche Aktion ernsthaft anzugehen, bedürfte es eines konkreten Anlasses. Außerdem muss mir erst wieder die körperliche Kraft zuwachsen, die ich vor meiner Coronainfektion hatte. Bis dahin biege ich lieber noch Weidenruten…

Anschluss und Loslösung

Langsam entstehen aus den Elementen, die mit den Geschichten ihrer Entstehung voll gesogen sind, andere Buchmalereien als zuvor. Sie widmen sich wieder ganz ihrem Eigenleben, ohne Blicke auf ihre Weiterverwertbarkeit, auf das Leben nach ihrer Vollendung. Figuren finden Anschluss an Architekturen, wachsen mit ihnen zusammen und beginnen sich wieder loszulösen, fangen an, über die Loslösung von Krankheit, Versprechen und Gewohnheiten, zu sprechen.

Ich unterbreche die Tagebucharbeit mit kleinen Gängen durch das Gärtchen, über meine Wiese zum Bahndamm. Dabei sehe ich dankbar, wie die Pflanzen in der Hitze und Trockenheit auf meine Wässerung und den Regen der letzten Nacht reagieren.

Aus jeweils einem Ast mit Verzweigungen sind zwei Weidengeflechte entstanden. Damit begann ich die Ideen von den Objekten umzusetzen. Allerdings kann sich das in ganz andere Richtungen weiterentwickeln. Zunächst dachte ich daran, sie an ein funktionsloses Drahtseil, das seit Jahren über dien Platz vor dem Atelier gespannt ist, zu hängen.

Schriftvermeidungsanstrengungen

Mir gehen Bühnenmodelle durch den Kopf, die aus Relieffragmenten bestehen, die mit Weidenruten zu Räumen konstruiert werden. Aus Probenmarkierungen wachsen Dreiecksgitterstrukturen, wie in der 2. Buchmalerei von heute. Weidenruten eignen sich auch für die Nachbildung von kreisenden Gravitationsschwüngen, in deren Zentrum sich ein Totem befindet, wie in 2.

Die asketische Konstruktion aus der 1. Malerei vom 20.6. übertrug ich auf Rolle 10. Die architektonischen Felder begann ich mit den Ornamenten meiner Schriftvermeidungsanstrengungen zu füllen. Gespannt bin ich nun darauf, wie sich die strengen Flächen auflösen werden.

Die Übertragung von Buchmalereien in räumliche Gestaltungen leuchtet mir gleich ein. Ich frage mich, warum ich darauf nicht früher gekommen bin. Die bisherigen skulpturalen oder plastischen Arbeiten sind meist getrennt von Tagebuchgeschehen entstanden.

Langsamkeit und Tempo

Um unsere Kooperation weiter zu besprechen, wollte ich mich heute mit Maya treffen. Wir sagten es ab, weil ich noch nicht ganz fit bin. Aber mit zunehmendem Abstand finde ich, dass das Vorhaben ein Potential hat.

Während eines Gesprächs mit einer Psychologin, die hier auf Teves arbeitet, gelangten wir in die Vergangenheit meiner Arbeit und dahin, welche Rolle sie jetzt spielt. Wir lasen, was ich am Tag ihrer Geburt getan habe. Ich zeichnete mit einer Malklasse der Hochschule auf den Brühlschen Terrassen. Dadurch entstand der Impuls, wieder ältere Figuren in die gegenwärtigen Kulissenarchitekturen einzufügen. So finden sich in mit den Wiederaufnahmen neue Szenen.

In den Buchmalereien baue ich auf die Spannungen zwischen den malerischen Verwischungen, Pigmentwolken und den geklappten Leporellokulissen. Ich benutze die Langsamkeit der Zeichnung und das Tempo der Handballenabdrücke, die neblige Stimmungen entstehen lassen.

In der Schwebe halten

Nach zehn Tagen zeichnete ich an der aktuellen Transparentpapierrolle weiter. Diese Struktur stabilisiert nicht nur den Produktionsprozess, sondern auch die Befindlichkeit. Die biologischen Anmutungen wandeln sich durch Wiederholungen und Fragmentierung in zunehmend vereinfachte Bildmuster, die sich einer Schriftform annähern. Diesen Vorgang möchte ich aber nicht forcieren, sondern in der Schwebe halten, weil ich mir von einem freien Weiterlaufen mehr verspreche.

Am Vormittag begegnete ich beim Nachdenken über die weitere Arbeit einer inneren Kritikerin, die sich zunehmend konkretisierte. Sie suchte nach vorhersehbaren Arbeitsschritten und deren Bildwerdungen, die sie langweilig fand. Sie suchte nach Überraschungen und neuen Gedanken.

Die Buchmalereien sind farbiger geworden. Die konstruktiven Motive zeichne ich zwar mit Feder, benetze diese aber mit Farben aus dem Aquarellkasten. Mit diesen male ich auch mehr und mehr.

Schon gewonnen

Je länger die Arbeit im eingeschränkten Covid-Modus verharrt, umso mehr steigt ihr Innendruck. Dennoch konnte ich noch nicht am Fries auf Rolle 10 weiterarbeiten, obwohl ich mir es in der ganzen Zeit vorgenommen hatte.

Aber innerhalb der Buchmalereien übernehmen immer öfter konstruktive Elemente eine Funktion, die die Energie zusammenhält. In diesem Sinne funktioniert auch ein Video, das mit Sina geschickt hat. Es zeigt einen kleinen Text, in drei kurzen Absätzen vor einem Nesselhintergrund. Er ist von hinten mit einer Projektion von Schafgarbe beleuchtet. Mich beschäftigte diese Form, wegen ihres Potentials. Auch der Text ist vielschichtig lesbar. Dann steigt sie demnächst mit Kindern, auf der Suche nach Fossilien, in eine Mergelgrube.

Ja, vieles geschieht gleichzeitig. Wer sein Augenmerk darauf konzentrieren kann, was aus diesen Schichten herauszufiltern ist, hat schon gewonnen!

Keine Harmonie

Auf Rolle 10 koppelte ich 7 Figuren aus der letzten Überlagerungssequenz in ein neues Defilé aus abstrakten, aufrechten Figuren aus. Sie setzen sich aus lose zusammenhängenden Geflechten und vielgestaltigen schwarzen Flächen, die zu einer Schrift tendieren, zusammen. Am Morgen, bevor ich im Atelier war, dachte ich sie zu vergrößern und als Umrisse hinter die Kolonne zu setzen. Aber bei näherem Hinschauen fällt mir auf, dass sie für eine Vergrößerung noch nicht reif sind. Es bedarf noch einiger Runden des Durchzeichnens, um die notwendige Präzision zu erreichen.

Das Orange in den heutigen Buchmalereien ist schwierig. Es ist nicht leicht einen wenig banalen Gegenpart für einen Zusammenklang zu finden. Indigo schafft keine Harmonie und ein kaltes Grün vibriert nervös daneben. Während des Malens hörte ich ein spätes Album von Joe Zarnivul. Diese Musik hatte wahrscheinlich auch einen Einfluss.

Im Amselnest befinden sich keine Jungen mehr. Zwei sah ich tot im Geäst klemmen und legte sie, neben meine gepflanzte Weide am Bahndamm, in die Erde. Das dritte scheint sich noch im Nest zu befinden, regt sich aber nicht mehr. Ich hatte mich sehr über dieses wachsende Leben gefreut, sah gern das Engagement der Eltern und unterstützte sie auch, indem ich sie fütterte…

Grenzgebiete

Es regnete. Wie gut, über die feuchte Wiese zu gehen, hinein in die Gesträuche des Bahndamms. Tropft es auf meinen Kopf, wollen die Füße Wurzeln schlagen – etwas blickt aus den Brombeeren.

Die zu einer Terra Incognita zusammengewachsenen Umrisse erforschte ich gestern auf Rolle 10. An ihren Binnengrenzen setzte ich mit dem Durchzeichnen ihrer Muster aus, so dass Korridore entstanden, Grenzgebiete an Demarkationslinien, unbesiedelt, möglicherweise vermint. Einzelne dieser vermessenen Ländereien will ich nun herauslösen und als eigenständige Regionen zeigen. Durch die Addition der Korridore fragmentieren sich die topografischen Geflechte immer weiter. Aus den Bruchstücken entstehen einzelne Zeichen. Sie bilden den Zerfall eines größeren Zusammenhangs ab. Gleichzeitig kann ich sie zu einer neuen Schrift ordnen, mit der ich die Flexibilität der Zugehörigkeiten dokumentiere.

Regen und Sonnenlicht mischen sich in der milden Luft. Nach meinen Gängen durch das wuchernde Grün, bleibt kleines Insektengetier an mir hängen. Es begegnet mir wieder auf dem Zeichentisch – hellgrüne Flügelträger, sich abseilende Spinnen und winzige, träge, leuchtende Käfer.

Geduld

Gestern übertrug ich die Umrisse der dritten Collage von gestern auf Transparentpapier, um sie heute in Rolle 10 einzufügen. An dieses Vorgehen dachte ich schon während der Arbeit an der neuen Collagen. Das ist ein langer Prozess, der etwas Geduld braucht. Er entwickelt die Sprache, die ich gefunden habe, weiter. Die Reise geht dabei immer weiter nach innen.

Ein junger Afghane stand plötzlich in meiner offenen Tür und sagte er sei Schreiner und könne schweißen. Weil es möglich ist, dass mich das Projekt der Wandgestaltung kräftemäßig überfordert, behielt ich seine Telefonnummer. Ich könnte einen Helfer gut gebrauchen.

Gerade telefonierte ich mit Maya, um unsere Kooperation voranzubringen. Wir wollen uns in ihrem Atelier treffen, um weitere Möglichkeiten der Begegnung unserer Objekte und Arbeitsweisen zu entwickeln. Mich interessiert ihre Farbwelt im Zusammenhang mit den Reliefs, die ich aus den Schnittbogenumrissen herstellte. Darüber hinaus stellten wir fest, dass es eine ganze Anzahl von Möglichkeiten gibt, die Zusammenarbeit konkret zu gestalten.

Sog und Überdruss

Der Wochenanfang fällt auf Dienstag. Ein Stück vor und ein Stück zurück in der Zeit. In den flackernden Schatten des Gärtchens kann ich nicht schreiben, schon gar nicht rückwärts! Hier drinnen stehen Schalen voller Fundstücke: tausend Jahre alte Mauerfüllungen aus Kieseln und Gips, Bruchstücke von Türkis, die Abfälle der Schmuckfabrikation aus dem Indus bei Alchi sind.

Eine eigene Aufzeichnung vom 25.12. 1997: „Die Umrisszeichnungen sind eine Terra Incognita. Manchmal muss man sie sich selbst überlassen.“ Als hätte sich in der Zwischenzeit kaum was getan. Parallel zur soghaften Neugier, in den eigenen Aufzeichnungen zu lesen, entsteht auch ein Überdruss und die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines Arbeitstagebuches in der Öffentlichkeit wirft sich auf.

Wieder veränderten sich die Buchmalereien. Sie kommen und gehen, wie Wetter, quellen auf und fallen wieder in sich zusammen, ändern plötzlich die Lichtstimmung, werfen Schatten auf Kulissen. Anmutungen von William Kentridge oder Schattenspiele im Süden von Thailand.

Rotation der Werktage I Zoo

Kopfstehend setzte ich die Umrisse der 3. Malerei vom 1.6. so auf die Transparentpapierrolle, dass sie mit den vorausgegangenen drei Umrissen eine Einheit bilden. Bei längerem Hinschauen springen Szenen in die Zwischenräume. Sie wandern aus den Büchern in den langen Fries. Und dort erinnern sie an die erzählenden Reliefs, die es in vielen Weltregionen gibt. Ich entdecke Haartrachten, Stäbe und Zwischenräume, die Figuren waren. Letztere kann ich in der nächsten Runde des Kreislaufes beleben und ihre Geschichte erfinden, die sich in die Ringschichten einfügt.

Es macht mich unzufrieden, dass die Collagen, mit denen ich mich täglich abmühe, ein Eigenleben führen. Viel lieber würde ich sie in die Rotation der Werktage einfügen. Das probiere ich heute aus!

Im Gärtchen kann ich derzeit nicht schreiben, weil ich dort zu abgelenkt bin. Schon hier drinnen, am Zeichentisch, muss ich mich zusammenreißen, um nicht nach den Amseln mit ihren Jungen zu schauen, nach den badenden Meisen oder nach dem Insekt, das ich aus meinem Kleister gerettet habe, es zunächst in ein Wasserbad legte und dann zum Trocknen auf einen Stein… Mein Zoo!

Etwas Vorausschau, viel Zufall

Die Umrisse der ersten Malerei vom 31.5. verflocht ich mit dem Figurenfriesmaterial auf Rolle 10. Ein abgesetztes, einzelnes Motiv dreier Gestalten, nur teilweise vom vorausgegangenen Zeichnungsgewebe ausgefüllt. Die Spannung zwischen den Flächen wird von etwas Vorausschau und viel Zufall bestimmt. Das ähnelt den Vorgängen beim Anfertigen der Buchmalereien.

Ich stelle mir die Frage, warum die Collagen, die stets viel Konzentration verlangen, keinen größeren Einfluss auf die Zeichnungen der Transparentpapierrollen haben. Sie sind sehr geschlossen, weisen nicht die Freiräume auf, die die Komposition der fortlaufenden Friese benötigt. Der Raum der Leichtigkeit findet sich eher in den Büchern.

Die Rekonstruktion des Kraftfeldes konnte ich bislang nicht mit dem Fortgang der Friese zusammenbringen. Aber Teile des Kapitells aus der Nidda erscheinen mir noch weiter verarbeitbar. Seit dem Fund schaue ich anders auf die Gründerzeitfassaden der Stadt. Es gibt viele Anzeichen für seine Herkunft von dort.

Zäsur

Aus den Fragmentierungen des vorausgegangenen Materials (Ornamentzwischenraum des Kapitells aus dem Uferschlamm, Medeas Amme mit Kindern von 1997 und deren Füllungen aus vorherigem Zeichnungsgewebe) entstand ein Defilé aus 7 Figuren. Das Durchzeichnen beim Zurückrollen des Transparentpapiers, Überarbeitung der Vergangenheit aus heutiger Sicht, ist die Ausholbewegung für die zwei folgenden Schritte: erneutes Verdichten und Fragmentierung. Der Figurenfries ist eine Zäsur.

Die heutigen Buchmalereien sind ein Zeichen eines leichteren Arbeitszustandes. Sie nehmen sich nicht so wichtig. Schwimmende Formen und lichte Farbigkeit beginnen sich als Stimmung auf die gesamte Arbeit auszuwirken.

Ich zeichne sehr befreit an dem langen Fries auf Rolle 10. Manchmal denke ich dabei an den Kreislauf, der Grundlage für eine Wandgestaltung sein soll.

Zurückrollen

Die Buchmalereien vom heutigen Morgen sehen aus, als würden sie nur wenig Schrift um sich herum dulden. Sie werden minimalistischer und entfernen sich von der Aufgabe, für Rolle 10 Material zu entwickeln. Was nun entsteht, sind eher Gleichnisse für Vorgänge in der Natur, chemische Reaktionen oder Zellstrukturen. Es gefällt mir, dass ich ohne einen Gedanken an die Weiterverarbeitung gemalt habe.

Gestern rollte ich das Transparentpapier, seit längerer Zeit, wieder einmal rückwärts zusammen und übertrug die Strukturen des Vortages in die, die noch vorher entstanden sind. Durch den größeren Radius der hinteren der zwei Rollen, überlagern sich die Motive mit größeren Abständen, als wenn sie aus der anderen Richtung übereinander gerollt werden. Ändere ich die Rollrichtung erneut, verdichtet sich die Struktur im neuen Rhythmus. Im nächsten Schritt kann ich das entstandene Gesträuch wieder fragmentieren oder neue Umrisse im vorhandenen Material suchen, die ich ausfüllen kann.

Bei geöffneter Tür blicke ich vom Zeichentisch aus direkt auf die benachbarte Baustelle, auf die Gruben, die aus den alten Schwemmlandsedimenten ausgehoben wurden. Manches aus den Tiefenbohrungen der Geologen wanderte in das Sammelsurium meines Gärtchens. Fundstücke der gestapelt konservierten Geschichte, auf der sich mein Atelier befindet.

Täglich Brot

Wir sahen gestern im Schauspiel das neue Stück von Elfriede Jelinek, das den Titel „Lärm. Blindes Sehen, Blinde sehen“ trägt. Ein beglückend dicht geformtes Werk, sowohl den Text als auch die Regie betreffend. Eine rhythmisch – musikalisch verstandene Interpretation mit vielen chorisch gesprochenen Passagen, deren Sog in den Zuschauerraum reichte.

Die Entwicklung dieses Textes, als auch die der anderen dieser Autorin, haben einiges mit meiner Arbeit zutun. Auf den Transparentpapierrollen werden ähnliche Motive immer wieder aufgenommen und neu verknüpft. Ich könnte mir abschauen, die Kontinuität des fortlaufenden Zeichnens dadurch zu unterbrechen, dass ich ältere Motive in ihrem vorzeitigen Zustand durchzeichne, somit die vielen Veränderungen aufhebe, um neu mit anderen Verknüpfungen anzufangen, andere Sinnzusammenhänge zu stiften.

Begonnen habe ich damit schon öfter. Beispielsweise mit der Zusammenführung der Ornamentzwischenräume des korinthischen Kapitels aus dem Uferschlamm der Nidda mit der Zeichnung Nummer 47 zu „Medea Stimmen“ aus dem Jahr 1997. Zeichnungsserien, die sich auf die vorhergegangenen Strukturen und Inhalte beziehen, Teile von ihnen wieder aufnehmen und verändert fortführen, sind mein täglich Brot seit Jahrzehnten.

Zusammenhänge von Bildentwicklungen

Gestern brach in meine Atelierstille die Schauspielerin Nelly Pollit mit einem Freund ein. Sie kamen gut gelaunt und wollten sehen, was ich gerade mache. Ich zeigte ihnen die Zusammenhänge meiner Bildentwicklungen: das schlammige Ufer der Nidda, das ein korinthisches Kapitell barg, die abgehefteten Bühnenzeichnungen zu „Medea Stimmen“, der Prellbock vom Güterbahnhof, den ich in meine Installation „Medatlantica“ in Salvador trug…

Wenn ich heute in den Tagebüchern von 1997 lese, begegnet mir ein Gespräch mit Heiner Goebbels, der mir eine Hörspielversion von VERKOMMENES UFER / MEDEAMATERIAL / LANDSCHAFT MIT ARGONAUTEN schickte. Ich lese von Salvador, dass es Kneipen gab, die für Weiße verboten waren. Die Zeilen ähneln Reisereportagen.

Zum gestrigen Feiertag gönnte ich mir ein paar Stunden Gartenarbeit. Am Bahndamm und auf der Wiese schnitt ich Brombeerranken zurück und kümmerte mich um eine Platane, die nun auch schon über 10 Jahre alt ist. In meinen Steingarten stellte ich ein paar neue Pflanztöpfe mit Goethepflanzen und Sukkulenten. Dann zeichnete ich aber doch noch etwas auf Rolle 10.

Stille

Auf Rolle 10 fügte ich ein symmetrisches Ornament in den Fries ein, das ich aus dem gefundenen Relief entwickelte. Indem ich es mit der vorausgegangenen Struktur überlagere, bricht die Symmetrie, die ihrerseits das Fließen der freien Formen stört.

Der Klang des Ortes, an dem meine Szenen spielen, kommt aus meiner Kindheit. Die Stille der Klosterteiche von Gerode, der Gesang der Russen im schwarzweißen Film „Der stille Don“, das heisere Geschrei der Zöglinge des Kinderheims, die mein Vater erzog. Marc, ein stiller Junge aus Rostow am Don, zeichnete hier im Atelier ein sehr schönes Reliefbild auf das Kraftfeldmaterial.

Ich halte mich bei den Buchmalereien zurück, weil ich schon früh, bei den ersten Verwischungen, bereit bin, mich nur noch auf die Farbspiele einzulassen. Dennoch erscheinen Figuren. Eine davon treibt in einer verzweifelten Fluchtpirouette zum Rand des Formates hin. Sie wird aber vom Schatten der hellbraunen Übermutter festgehalten – kein Entkommen!

2 X 34

Gegen 2 Uhr nachts ging ich ans Bücherregal und zog VERKOMMENES UFER / MEDEAMATERIAL / LANDSCHAFT MIT ARGONAUTEN heraus. Im Alter von 34 Jahren las und arbeitete ich damit erstmalig. Nun nach 34 weiteren Jahren wurden, durch die erneute Lektüre, abgelagerte Schlammschichten im Hirn fortgespült. Es blieb ein fester Kern, der der Hirnwäsche in dieser Nacht standhielt.

Plötzlich wurde die Arbeit der letzten Jahrzehnte anders beleuchtet. Das Korinthische Kapitell, aus dem Uferschlamm, verbindet sich mit den zahlreichen Medeaarbeiten der Vergangenheit. Besonders deutlich mit „Medeatlantica“ in Salvador da Bahia. Bei Niedrigwasser der großen Bucht traten im Hafen, unter dem Elevador Lacerda, Knochen zutage, Abfälle des Fleischmarktes nebenan. Dessen Boden, Erde aus Blut und Fleischabfällen, stank in der tropischen Hitze.

Nun kann ich beginnen, mit dem Stein zu arbeiten, der frei gespült und fragmentarisch vor mir steht. Franz besichtigte ihn und blickte auf die Rolle 10, an der ich gerade zeichnete, als er in der Tür stand. Wir sprachen über die Möglichkeit der Fortführung der Kooperation mittels einer gemeinsamen Ausstellung.

Aus dem Uferschlamm

Aus dem Uferschlamm der Nidda, auf der ich mit dem Boot unterwegs war, ragte ein Stück behauener Stein heraus. Ein feines Band, das in den Mittelpunkt einer Spirale mündete. Als ich heranfuhr und das Stück vom Boot aus etwas reinigte, wurde mir klar, dass es sich um eine Kapitellverzierung einer gründerzeitlichen Fassade handelte. Weil der Stein schwer war, zwischen anderen verkeilt und fest im Grund saß, schlugen meine Versuche, ihn zu bergen fehl. Mit etwas Werkzeug machte ich mich gestern noch einmal auf zu dieser Stelle und hebelte diese schöne Arbeit heraus. Dabei stieß ich auf ein zweites Fragment, das als weiteres Bruchstück das Ornament vervollständigte. Vor dem Atelier reinigte ich mit einer Wurzelbürste und einem Wasserbottich meine zwei Fundstücke.

Mein direkter Impuls war, aus diesem Zufall ein Projekt zu machen, das sich mit der Vervollständigung von Fragmenten beschäftigt. Das ließe sich ohne Schwierigkeiten in den Lauf meiner Produktion einfügen.

Sina schickte ich Fotos des Fundes. Sie antwortete mit der Information, dass sie die Woche mit dem Text VERKOMMENES UFER / MEDEAMATERIAL / LANDSCHAFT MIT ARGONAUTEN beginnt. Darauf hin schickte ich ihr Abbildungen der Blätter die ich Ende der Achtzigerjahre dazu gemacht hatte.

Brutstätte

Der starke Gewitterregen verwischte die Silhouetten der Passanten, am Morgen, als mich das Donnern weckte. Am Abend zuvor wartete der Himmel mit einem großartig geleuchteten Wolkentheater auf. Ich fotografierte vom Balkon aus, zu dem ich beide Flügeltüren geöffnet hatte.

Rolle 10 wird von einem Reigen bevölkert, der alles in sich aufnimmt. Es sind Kannibalenfiguren, die ihre Vorgänger fressen und von den Nachkommen ebenfalls verspeist werden. Die Buchmalereien sind die Brutstätte dieses Volkes.

Die in der Robinie brütende Amsel wollte ich mit einem Regenwurm füttern. Aber sie erkannte weder den Wurm, noch mein Ansinnen und floh ängstlich. Nun sitzt sie aber wieder auf ihrem Gelege. Wenn es stark regnet, bildet sich ein angestauter See im Garten. Er wird dann nach und nach vom Wurzelwerk, das sich auf dem Beton bildete, aufgesogen. Alles, was ich schneide, wandert auf diesen Boden und bildet Stapel verrottenden Materials. Dieser Untergrund beherbergt viele kleine Lebewesen. Einzig die Mückenlarven fische ich mit einem Küchensieb aus den Bottichen.

Rolle 10 I Zeitnetz

Mit Rolle 10 habe ich begonnen, wie ich die vorige beendet habe. Der 7-Figurenfries bildet die Grundlage für die nun folgenden Szenen aus Mustern, Figuren, Ornamente und Gesträuchen. Die Buchmalereien sind nun ganz klar Teil dieses Prozesses. Der gleichmäßige Fluss ist ein stetiges Ausprobieren von Texturen, Werkzeugen, Farben und Formen, um eine ästhetische Entwicklung in Gang zu halten.

In einem kleinen Glas entsteht eine Mischung aus verdünnter Tinte und Aquarellfarben, in die ich eine Schreibfeder tauchen und dann die Umrisse der Farbflecken, die ich mit dem Handballen hergestellt habe, zeichnen kann. Diese Vorgänge schaffen ein zeitliches Gewebe, dessen Raum von den Bewegungen angefüllt ist, die zu den Buchmalereien und den Friesen aus Tuschelinien auf Transparentpapier führen. Punkte im Raum werden von Linien verbunden, was ein kristallines Gebilde zur Folge hat. Sein Aggregatzustand verändert sich in Schleifen.

Kopfüber hängt die Spinne in ihrem Bauwerk, das sie unter die Krone der Goethepflanze gespannt hat. Bringe ich ihr eine der winzigen, trägen Fliegen, die jetzt an den Unterseiten der Ahornblätter hängen, kommt Leben in ihre langen Beine. Blitzschnell ist sie bei ihrem Opfer, das im Netz hängt und wickelt es ein.

7-Figurenfries

Mit einem lockeren 7-Figurenfries beendete ich gestern Rolle 9. Jetzt, beim Schreiben habe ich die Gruppe, aus sehr unterschiedlichen Charakteren, vor mir.

Ganz links dreht sich eine Dame, deren Kleiderzipfel umherschwingen. Sie hat noch einen Teil einer anderen Figur und rechteckige Felder in sich. Die nächste trägt ein geschlossenes langes Kleid, das von Schlangenlinien und unterbrochenen Grenzlinien, kleinen schwarzen Flächen und Linienbündeln der letzten Woche bedeckt ist. Dann eine hagere, zerfurchte Gestalt, die ihre schwarze Schwere kaum tragen kann. Auf einem stabilen Bein steht ein ansonsten amputierter Mensch, mit breiten Schultern und Energieschwüngen in der Körpermitte. Es folgt ein senkrecht stehender Karpfen mit einem unregelmäßigen Schuppenkleid. In größerem Abstand befindet sich eine elegante Frau mit einem eng anliegenden Umhang, gemustert mit abstrakten Aufbruchformen der Fünfzigerjahre. In noch größerem Abstand blickt ein Antilopenmensch über das Ende der Rolle hinaus. Ein kleines Geweih krönt seinen Kopf. Reste von Energieschwüngen und abstrakte schwarze Felder besiedeln seine Oberfläche. Nach unten franst er etwas aus, als würde er auf einem Fischschwanz watscheln.

Nun überlege ich, ob ich mit dieser Gruppe Rolle 10 beginne, oder etwas Neues anfange.

Eine Figur tritt in den Raum

Rolle 9 kann ich nun auf dem Zeichentisch bis zu ihrem Ende ausrollen. Von vorne her lege ich ein weißes Blatt, im Abstand von einem Meter zur aktuellen Zeichnung, zwischen die Windungen. Mit dem Fortschreiten der Motivstruktur auf dem Fries, schiebe ich es im selben Tempo hinterher. Das hat den Zweck der Reduktion des vorangegangenen Materials für das Durchzeichnen. Übereinanderlagerung geht dann mit Fragmentierung zusammen, wie bei einem fortlaufenden Film.

Am Morgen dachte ich daran, ein sich wiederholendes Motiv um eine Gitterfigur herumlaufen zu lassen. Es scheint so, als sei der fortlaufende Fries am Ende zusammengrollt. Dadurch tritt eine Figur in den Raum.

Außerdem ging mir durch den Kopf, dass ich schon mit kleineren geschweißten Figuren experimentieren könnte. Ich freue mich auf die Ausübung dieser Technik, die ich bei den Feldbahnern gelernt habe. Aber langsam!

Friese und Objekte

Auf die Pappen, die Franz, mit sparsamen Zeichnungen versehen, zu mir hergetragen hat, klebte ich Relieffragmente des Kraftfeldes. Daran werde ich noch ein wenig weiterarbeiten, um die Tafeln dann wieder hinzubringen – hin und her.

In dieser oder der nächsten Woche werde ich den 50-Meterfries auf Rolle 9 beenden und wende mich dann sofort dem nächsten, dem 10. Fries zu. Ich bin froh, in einem Gespräch mit Wolfgang Rihm gelesen zu haben, dass ihn die Neugier danach, was weiter entstehen wird, bei seiner Arbeit antreibt. Da fühle ich mich mit ihm verbunden. Bei mir ist es die Befragung des Materials, die den Fluss auslöst.

Die Schnittmusterreliefs, die die Schüler angefertigt haben, fügte ich in das Dreiecksgitterobjekt, das in der Mitte des Ateliers hängt. Außerdem befinden sich da auch die Muschelketten, die ich im Februar fädelte. Dazu kommen nun auch noch Masken. Bei all diesem Spiel denke ich an die Fassadenobjekte, die ich für Alexander anfertigen will. Es wird sich, meiner derzeitigen Vorstellung nach, eher um einzelne Gitterobjekte handeln, die in einem lockeren Zusammenhang stehen.

Übertragung I Kooperationen

Vor meinen Augen ist der gestrige Teil des Frieses auf Rolle 9 ausgerollt. Die Figuren und Profile sind oft in den Überlagerungen versteckt, die viele Schichten auf einmal zeigen. Ich kann kaum sagen, wohin ich damit will. Es kann Verdichtung oder Auflösung sein oder beides zugleich.

Die Konzentration auf Linien überträgt sich schon eine Weile auf die Buchmalereien. Dort könnte es wieder etwas malerischer zugehen. Die Konturen sollte ich nicht so häufig nachzeichnen. Dieser Arbeitsschritt ist in die Übertragung der Umrisse auf Rolle 9 verschiebbar.

Die Schüler stellten gestern, unter Zuhilfenahme der Kraftfeldform, weitere Schnittmusterobjekte her. Die Erweiterung der Rekonstruktion der zerstörten Reliefs, geschieht in diesem Fall durch die Kooperation mit Claudia und Maya. Durch den Besuch bei Franz bin ich nun wieder motiviert, die Zusammenarbeit mit ihm auch fortzuführen.

Fries 9 I Zeitspirale I Nest

Rolle 9 könnte ich mit dem Fries Nummer 9 gleichsetzen. Gestern zeichnete ich 50 Zentimeter von ihm, das heißt ein Hundertstel. Das ist für einen Tag ziemlich viel. Dabei kommt es auch immer auf die Dichte der Motive und der Liniengeflechte an. 2 Umrisse der Buchmalereien von gestern fügte ich in etwa 3-facher Vergrößerung in die Schicht der zusammengerollten Zeitspirale ein.

Über Mittag kommen heute meine Schüler, weswegen der Tag aus dem gleichmäßigen Produktionsstrom heraustritt. Außerdem gibt es noch mehr Verabredungen. So lösen sich die Strukturen etwas auf.

In meiner dicht beblätterten Robinie brütet wieder ein Amselpaar. Ich wunderte mich schon über die stetige Präsenz der beiden, die sich über meine aufgegangenen Blumensamen hermachen. Aber sie sind mir sehr willkommen und bringen ihren Nachwuchs in diesem Jahr hoffentlich durch.

Gezähmt

An die ausführliche Arbeit auf der Transparentpapierrolle, fügten sich die heutigen Buchmalereien mit Bezug darauf an. Der Verlauf der Linien ist von den Auswirkungen auf den Zeichnungsfries beeinflusst. Den gegenständlichen und abstrakten Umrissen scheinen schon in den Büchern Charakteren zugeschrieben zu werden, die sie dann in der langen Erzählung ausfüllen. Am Morgen entsteht das Ensemble für den nächsten Akt des Stückes, der am Nachmittag niedergelegt wird.

Auch die Räume, die die Energieschwünge umkreisen, sind nun gezähmt. Wenn sie mehrfach durchgezeichnet werden, fügen sie sich zu Einschnürungen, die neue Volumina formen.

In einem Text, den mir Sina vor einiger Zeit schickte, suche ich nach Anknüpfungspunkten für meine gegenwärtigen Beschäftigungen. Auf dem Transparentpapier bilden sich Schichten abgestorbenen Materials, deren Gewicht mit der Zeit eine Umwandlung hervorruft. Alles flüssig-lebendige kristallisiert. Wenn ich in den Lagen grabe, finde ich Fossilien, die in die gegenwärtige Papierschicht passen. Dann füge ich sie ein und hauche neues Leben hinein.

Einzelobjekte

Gestern Nachmittag besuchte ich Franz in seinem Atelier. Wir sprachen über die Zwischenräume in den Bildern, in denen die Geschichten der Subtexte stattfinden. Sie verweisen auf die Räume hinter den Bildträgern.

Während der Arbeit an Rolle 9, dachte ich an das Wandobjekt aus verschweißten Stahlstäben, dessen Umsetzung im Raum steht, aber noch nicht entschieden ist. Gestern stellte ich mir verschiedene Einzelobjekte vor, die man gut handhabbar auf der Fläche platzieren könnte. Gerade entstehen solche abstrakten Figuren auf der Transparentpapierrolle, die Ornamentkonstellationen in verschiedenen Zusammenhängen wiederholen. Den ersten Umriss der gestrigen Buchmalereien übertrug ich auch, damit er die entstandenen Einzelfiguren neu einfangen soll. Das bildet die Voraussetzung für die Fortführung des Prozesses.

So werde ich auch mit einer der heute entstandenen Kompositionen verfahren, die die nun entstehenden Liniengeflechte wieder aufnehmen und fragmentieren wird. Die stetige Wiederholung dieser Arbeitsvorgänge steuert auf neu zu füllende Räume zu.

Kraftgrün

Die Langsamkeit des Morgens führt zur Streckung der Zeit. Der Moment, in dem ich Kaffee in das Sieb der Kaffeemaschine fülle, kann ein Stück Klavierspiel aufnehmen, das dem Raum mehr Größe verleiht und mir Geborgenheit.

Kraftgrün der Buchenkronen im Taunus verstreute gestern Lichtenergie. C., mit der wir unterwegs waren erzählte wieder so viele spannende Geschichten über Texte und Autorinnen, dass mir der Kopf schwirrte. Am Fuchstanz gab es Flammkuchen und Bier. Wir sprachen über einen verantwortlichen Umgang mit den alten Eltern.

Noch vor den Buchmalereien des Morgens, kümmerte ich mich erst einmal um den Wasserhaushalt des Gärtchens. In die gefüllten Bottiche stelle ich schräg Hölzer, die über die Ränder hinausragen, damit keine Tiere ertrinken. Eine Taube nutzt eine solche Holzrampe, um zu dem Wasserspiegel hinab zu steigen, um dort zu trinken. Ich verjagte eine Katze, die auf die Eidechsen aus war.

Mitbewohnerin

Am Morgen bemühte ich mich um die Spinne, die in meiner vielgewundenen Goethepflanze ein perfektes, luftiges Netzdach gebaut hat. Ich pflückte ihr kleine Blattlausfliegen von den Unterseiten meiner Ahornblätter und setzte sie in das Fanggeflecht. Sie aber sitzt, träge von der gestrigen Mahlzeit, in ihrem goldenen Schnitt und rührt sich nicht. Selbst der Wassernebel. Mit dem ich die Luftwurzeln versorge, interessiert sie kaum.

Die Linien der zweiten Malerei von gestern übertrug ich auf die Transparentpapierrolle und füllte die Umrisse mit den geschwungenen Energielinien, mit den statischen schwarzen Feldern und den Verflechtungen der vorhergehenden Tage. Durch die veränderte Kompositionsstruktur erhoffe ich mir auch einen stärkeren Impuls für Rolle 9.

Die Schüler waren gestern laut und unkonzentriert. Wir schafften kaum etwas Nennenswertes. Außerdem sind sie zu spät gekommen. Den ganzen Ateliernachmittag hätten wir uns sparen können. Am Abend trafen wir uns mit dem Künstlerpaar Laila und Vinzenz zur Pizza.

Plankton

Während die Buchmalereien trockneten, machte ich einen Spaziergang über das Gelände am Bauzaun entlang. Auf der Baustelle treten wenig alltägliche Figurationen auf. Sie sind gegossen, gebogen, gerastert und gehängt. Der Boden, auf dem alles geschieht, scheint mehrfach umgeschichtet zu sein, ausgegraben, auf Halden geschüttet, neu verteilt und mit vibrierenden Kolossen verdichtet. Rätselhafte Gerätschaften stehen am Grund der Baugruben: Hydraulik, Geologie, Kampfmittelräumdienst und Abwasserwirtschaft.

Mit den kleinen Malereien gelange ich in andere Gefilde. Die Aquarell-Linien, die ich mit der Feder zeichne, führen zu neuen Konstellationen und Herausforderungen. Manchmal wird das rechteckige Format aufgehoben, zugunsten freierer Bewegungsmöglichkeiten auf den Buchseiten.

Die entstehenden Formen kommen eher aus der Mikrobiologie oder aus der Tiefsee oder beidem. Plankton steigt auf und schwebt über der Baustelle, die eine archäologische Fundstätte am Grund des Ozeans ist. Schwertfische zwischen den Kränen, Grundhaie neben den Laboraufbauten auf dem Boden der Baugrube.

Gegensätze

Bevor die Figurenumrisse in den Farbwolken auftauchten, brach ich die Buchmalereien heute ab. Das erste Format begann ich als letztes, das zweite setzte ich an die falsche Stelle der Buchseiten. Ich habe es wieder eilig – das ist diesmal aber vielleicht ein Glücksfall, denn das kann die ganze, streng geordnete, Tagebucharbeit durcheinander wirbeln.

Ein wenig zeichnete ich gestern noch auf Rolle 9, wodurch ich den Beginn einer Videokonferenz verpasste. Einzelne kleine Umrisse sind entstanden, wie die der Scherbengerichte.

Während der Malerei blitzte wieder das Thema „Flüssigkristall“, also die Verbindung zwischen fluid und kristallin, auf. Seit einem Gespräch mit einem Mathematiker der SAP auf dem Danteplatz in Heidelberg, gehen mir dieser Gegensatz und seine Übergänge durch den Kopf.

Konzentrationsspirale

Es stellt sich die Frage, wie der Hang zu Figurenumrissen zustande kommt. Mitten in der Beschäftigung mit nichtgegenständlichen Flecken, daraus entstehenden Energielinien oder Eingrenzungssträngen, springen mir Figuren ins Auge, die aus Rokokozusammenhängen oder Märchenillustrationen stammen könnten. Vielleicht will das Hirn die Geschichten finden, die die Phänomene ordnen können.

Der Tag, Geburtstag meines Vaters, ist zerpflückt, durchsetzt mit Terminen, die nichts dem zutun haben, was mich wirklich beschäftigt. Dahin führt mich derzeit der Zusammenhang zwischen den Buchmalereien und den Transparentpapierzeichungen. Das erzeugt diese Ruhe, die ich nirgends sonst finde. Gestern löste ich Einzelfiguren aus den gefüllten Umrissen und setzte die Konzentrationsspirale in Gang.

Straßensperrungen, Baustellen und Engstellen des Verkehrs verdichten die zähen Bewegungen. Wenig Raum bleibt für einen schlendernden Gang oder schweifende Blicke. All das gewöhnt man sich auch ab, weil die Gelegenheit zur Übung fehlt. So flaniere ich durch die Bilderschnipsel meiner Erinnerungsfragmente.

Wettbewerb

Montags, wenn ich ins Atelier komme, beginnen sich die schwarzen Tuschelinien zu regen, wie Tiere, die bewegt werden wollen. Aber ich will sie beruhigen und möchte dafür eine heitere Konzentration aufbringen. Das wird zu einem Wettbewerb mit den gestrigen Wirbeln und Schwüngen auf Rolle 9. Diesen habe ich gestern, während der Buchmalereien, verloren und wurde in die Gravitation der Transparentpapierrolle gezogen. Auch jetzt muss ich mich wehren, um die Tagebucharbeit in Ruhe fertig zu machen.

Eigentlich will ich pausieren, um mich um andere Dinge kümmern zu können. Könnte ich es, würde ich den Südwestwind einrichten und mit ihm die Mauersegler herbeiholen.

Gestern wanderten wir durch die Auen des Kühkopfes. Die Insel wird von Altrheinarmen umflossen. Es ist ein Naturschutzgebiet, in dem der Wald schon wie ein Dschungel erscheint. Am Rhein trafen wir auf einen großen Kiesel-Muschelstrand.

Fremdkörper

In den Buchmalereien probierte ich heute die Aquarellfarben mit einer Schreibfeder aus. Diese Entdeckung schuf anfangs etwas inhomogene Ergebnisse. Mit etwas Übung kann mit dieser Technik eine neue Struktur genutzt werden.

Die Paarkonstellation des dritten Malereimotivs von gestern, übertrug ich auf Rolle 9 und verband sie mit den Schichten der letzten Tage. Die Übertragung der Transparentpapierzeichnungen auf die Rekonstruktionsreliefs gelang nicht so gut. Die collagierten Zeichnungsschnipsel nehmen sich auf den grundierten Formen noch wie Fremdkörper aus. Ich müsste sie mit einem spitzen Pinsel direkt auftragen.

Eine Meise hat sich ins Atelier verflogen. Sie hüpfte durch die Seitentür herein und sucht nun zwischen meinem Material nach Fressbarem. Das lenkt mich ab. Gleichzeitig versuche ich mich ruhig zu verhalten, damit sie nicht in Panik gerät und wieder hinaus findet.

Sammlung

Auf dem Weg ins Atelier hatte ich schon die Buchmalereien im Kopf. Unter dem Blätterdach der Allee wollte ich weg vom Krieg, von den Landkarten der Verluste. Indem ich ihnen meine Aufmerksamkeit entziehe, finde ich zurück zu meinen Bildern. Das ist die Antwort auf die überfallende Gewalt.

Gestern zeichnete ich nachmittags wieder weiter auf Rolle 9. Ich hoffe, diese konzentrierte Struktur auf die Bemalung der Reliefs übertragen zu können. Das geht wahrscheinlich am ehesten mit Collagen, indem ich die Transparentpapierzeichnungen mit Schellack schichtenweise aufklebe. Das ist das Projekt für den Nachmittag.

Beim Schreiben sitze ich im Gärtchen und schaue auf meine Sammlungen. Ich erinnere mich an den Flug einer kleinen verrosteten Kombizange, vor 15 Jahren, über das Dach vor meine Füße. Mit Öl wurde sie gängig und dient mir heute noch als nützliches Werkzeug. Ansonsten sammeln sich Scherben aus den Baugruben, Muscheln, hohle Aststücken, Steine, Schrauben, Samen, Tontöpfe und Befestigungsschellen.

KONTAKT

Am Nachmittag stieg ich gestern wieder auf Rolle 9 um. Zuvor stockte die Reliefarbeit, die Stabilität schlug um in ein rumorendes Unwohlsein. Mit den Federzeichnungen war das sofort beendet. Ich suchte nach spannenden neuen Umrissen und bekam sie aus der Vorarbeit geboten. Diese Vorgänge muss ich mit den Reliefbemalungen verbinden.

Die Buchmalereien sind vom Krieg durchdrungen. Strategien und ihre Opfer gehen mir durch den Kopf. In den Assymetrien verbluten die Menschen auf beiden Seiten. Es folgen festere Ländergrenzen mit neuen Schnittmengen der Militärbündnisse. Zwischen den Schraffuren irren Flüchtende durch die Korridorlabyrinthe.

Ich schließe mein Atelier fest, weil ich vielleicht ansteckend sein könnte. Ich halte mich fern von den anderen, habe meine Schüler für Morgen abbestellt und mache Verabredungen rückgängig, denn ich hatte einen KONTAKT. Ein offizieller Test am Morgen war noch NEGATIV. Die Arbeit geht weiter. Das ist POSITIV.

Stabilisation

Die Rekonstruktionsreliefs bearbeitete ich mit Schellackschichten, Tuschelinien und –wolken und schuf weitere Höhen mit Weißschichten. Erholsamerweise geht es zunächst um Handwerk. Es ist, als ob ich einem vorsichtigen Sound folge, Kompositionen, die durch meinen Körper schwingen, sich bündeln und mit den Händen übersetzt werden.

Als würde die Gesangsarbeit von Carola schon jetzt eine Energiekammer bilden, kommen plötzlich Anfragen zur Holzlagerhalle. Sie wird am Wochenende beginnen, ihr Interpretationsvideo dort einzurichten, alles zu proben, um es in den kommenden Wochen aufzunehmen.

Keine Arbeit an Rolle 9 gestern. Stattdessen stelle ich mich auf das Reliefmaterial ein. Das erzeugt auch eine andere Stimmung. Die kompakten Fragmente wirken stabilisierender, als die Transparentpapierzeichnungen und deren Flüchtigkeit.

Bündeln

Die benötigte Unterbrechung der anhaltenden Kontinuität der Arbeitsbezüge, leite ich mit einem Kaffee ein. Den gab es im Atelier, im gleichmäßigen Fluss der Bilder, lange nicht. Diese Strömungen will ich nun wieder neu bündeln. Es geht dabei um die Rekonstruktionen, die ich im Raum installieren will, um deren Liniengeflechte, die in den Wandobjekten, die mir durch den Kopf gehen, ebenfalls ihre Rolle spielen und um die Kooperationen, die ich nun wieder aktiver fortführen will.

Die Rauminstallation, die im alten Holzlager entstehen soll, geht auch in die Videoaufnahmen ein, die dort eine Gesangskomposition für zwei Stimmen und einer Interpretin, zeigen sollen. Vielleicht passen die Fragmente der Reliefs auch viel besser zu dieser Arbeit, als das kompakte Väterprojekt.

Durch die diversen Kooperationen kommt es zu leichten, aber wichtigen Richtungsänderungen innerhalb der Arbeit. Die Dominanz der Transparentrollenzeichnungen, in deren Sicherheit ich mich gerne fallen lasse, muss etwas zurücktreten, damit ich mich auf diese anderen Dinge konzentrieren kann.

Suche nach Gegenständlichem

Manchmal suche ich in den Farbflecken, Wasserverläufen und Trocknungsrändern nach gegenständlich-figürlichen Umrissen, als bräuchte ich sie zum Festhalten.

Auf Rolle 9 arbeitete ich an den freigestellten Umrissen weiter. Auch hier gibt es immer wieder eine Tendenz zum Gegenständlichen. Ich bin neugierig, was daraus noch entsteht. Diese Neugier ist der Motor des kontinuierlichen Fortschreibens der Bilder. Manchmal glaube ich zu früh, dass ich das Material, das ich von den Vortagen durchzeichne, schon verbraucht habe. Dann aber fällt mir auf, dass ich es in ganz neuen Konstellationen, in neuen Umrissen, weiter verarbeiten kann. Dafür muss ich aber ein wenig Abstand nehmen und innehalten.

Die Buchmalereien haben sich heute etwas gelockert. Der „Krampf“ in der rechten Hand hat sich gelöst. Ein paar neue Aquarellfarben, die ich gestern neben anderem Material kaufte, probierte ich mit Freude aus. Die Gesten wurden dadurch etwas ausgelassener.

Natürliches Wachstum

Was jetzt auf Rolle 9 entsteht, trennt sich formal vom gleichmäßigen Fluss der letzten Monate ab. Es begann damit, dass ich manche Umrisse nicht mehr mit dem vorausgegangenen Material anfüllte. Dann wurden die Lücken größer, und gestern traten wieder Einzelfiguren mit zunehmendem Abstand zueinander auf. Die aufeinander folgenden Phasen entsprechen dabei einem natürlichen Wachstum und sind eine Folge des Vorausgegangenen, bis zurück zum Kraftfeld.

In kriegerischer Geografie sind die Buchmalereien gefangen. Aus ihrer Starre werden sie entweder auf Rolle 9 oder in den Collagen der Scans, die mir seit einiger Zeit besonderen Elan verschaffen, gelöst.

Ich denke an kleinere geschweißte Metallfiguren, die mit anderen skulpturalen Versatzstücken kombiniert sind. Es existiert schon ein Dreiecksgitter, das eine Holzfigur durchdringt. Das kann ich mir auch mit Beton vorstellen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob mich die Übertragung der Figurationen, von Rolle 9 in Gitterskulpturen, weiter bringt.

Die zeichnende Hand verkrampft

Das Material, das ich vor etwa 2 Wochen auf Rolle 9 entwickelte, zeichnete ich in zwei Umrisse der gestrigen Buchmalereien. Die Flächen, die ich dabei ausspare, die also frei bleiben, könnte ich in der Abfolge einzeln freistellen und dann füllen.

Durch den Tod des Komponisten Harisson Birtwistle, dessen Oper „The Second Mrs. Kong“ ich in Heidelberg Mitte der Neunziger mit Videos ausstattete, erinnerte ich mich an diese erste große Videoarbeit an der Bühne. Nun bin ich weit entfernt davon und sehne mich nach Material, das ich mit meinen Händen formen kann.

Die Kriegsberichtsgeografie schleicht sich langsam in meine Buchmalereien ein. Wenn ich die sich überlagernden Umrisse schraffiere, denke ich an die Menschen, die dort sterben und leiden. Die Bildberichte bilden neue Zellen im Erinnerungstrakt. Die zeichnende Hand verkrampft.

Zeit – Energiespur

Am Morgen male ich drauflos. Körperlich reagiere ich auf Strukturen. Die Linien kommen aus dem Inneren. Denken stört dabei eher. Gestern war das noch stärker, weil dazu Musik von Wolfgang Rihm lief, die auch einem körperlichen Zustand zu entspringen schien. Ich meine weniger die Interpretation, als die Komposition. Die entstehenden Formen meiner Buchmalereien erinnern mich zumeist an etwas in der Ferne. So entsteht eine Spannung zwischen dem körperlich Nahen und der entfernten Erinnerung. Ich befinde mich dann auf einer Zeit-Energiespur. Eine andere Energie entsteht auf dem Weg der Suche. Das Material richtet sich nach diesen Linien aus, wie Kristalle, die sich nach physikalischen Mustern ordnen.

Ein solches Wachstum stelle ich mir für das Gitterobjekt vor, so es denn entstehen wird. Es kann von der Wand in den Raum wachsen, wie eine Pflanze. Die künstlerische Grundstruktur ist verinnerlicht, muss nicht mehr gedacht werden. Durch sie wächst dann eine vernetzte Kreislauflandschaft, erst auf Transparentpapier, dann mit Metallstäben.

Nach einer Pause werde ich nun wieder die Arbeit an Rolle 9 aufnehmen. Ich denke an den Zusammenhang von Linienverdichtungen in einem Umriss und an das Ausschneiden dieser Figur in der nächsten Arbeitsrunde. In dieser Leere lädt sich der Raum neu auf.

Dissonanz

In den Gesprächen mit Wolfgang Rihm las ich etwas über die Kraft der Dissonanz in der 4. Sinfonie von Sibelius, die in a-Moll steht. Ich höre sie in einer Aufnahme des Berliner Sinfonieorchesters von 1979. Kürzlich hatte ich schon einmal das Thema Disharmonien (7.4.), mit denen ich die Buchmalereien damals verstärken wollte. Die Schwester der Disharmonie scheint mir das Fragment zu sein. Das Paar tritt in den heutigen Miniaturen auf. Den Text aber, las ich nach der Malerei!

Die Ausstellung, für die mich Anna Meurer hier im Atelier fotografiert hatte, sah ich gestern in der Gründergeistvilla. Tänzerinnen, Musiker und bildende Künstler versammelte sie dort und zeigte auch die Interviews, die sie mit ihnen führte. Eine schöne kleine Ausstellung, in der mir die Anwesenden viele Fragen zu meiner Arbeit stellten. Ich verwies sie auf diese Texte.

Bei meinem Gang durch den langen Flur meiner Tagebucharbeit, schloss ich heute eine weitere Seitenkammer auf. In der Zelle schweben Linien, die ihren Zusammenhang verloren haben. Einige befreite ich aus der Haft und fügte sie ein. Dann schloss ich sie wieder. Vielleicht sollte ich die Türen beschriften.

Landschaftspflege

Absurderweise überlege ich, wie ukrainische Verteidigungsstrategien aussehen könnten. Dort, wo sich beide Kriegsparteien vermischen, befinden sich die Schnittmengen der Umrisszeichnungen meiner Buchmalereien. Da wird der Blutzoll entrichtet.

Die Nachmittage gehören der Landschaftspflege auf Teves West. Der Achtlosigkeit, mit der Müll die Umgebung verschandelt, wirke ich entgegen, indem ich neben dem Schnitt der Gesträuche und dem Brechen die vorjährigen trockenen Stauden, auch den Abfall einsammle. Das Schnittmaterial verbrenne ich, wenn es vollständig trocken ist.

So vergehen meine vorösterlichen Müßiggangnachmittage doch mit Arbeit. Diese aber erholt meine bildende Kraft. Heute, am Morgen, begann ich wieder im Gärtchen Dinge zu ordnen, die durch das Hinausstellen der frostempfindlichen Pflanzen notwendig wurden. Dadurch kam ich mit der Tagebucharbeit in Verzug.

Sog und Müßiggang

Auf dem Schotterhügel, den ich für die kleinen Eidechsen eingerichtet hatte, sah ich das erste Junge dieses Jahres, kaum 3 cm lang. Fünf der Alten lagen kreuz und quer in einer Mulde der Kräuterspirale und wärmten sich schon in der Morgensonne.

In dem Roman „Das Vorkommnis“ von Julia Schoch über seelische Verirrungen in Familienzusammenhängen, las ich einen neuen „Ost-Ton“. Kein Gejammer, keine politische Aufarbeitung – nur eine unprätentiöse, nüchterne, schnörkellose Sprache, die auf den Punkt bringt, worum es geht: formbare Erinnerung und ihre Folgen. Außerdem lese ich Gespräche mit Wolfgang Rihm. Er spricht mir oft, wenn es um die künstlerische Arbeit geht, aus der Seele. Ich bin mit dem Strömen, Strudeln und mit dem Sog meiner Arbeit nicht alleine.

Greife ich bei den Buchmalereien auch in den Aquarellkasten, dann wird die Szenerie, wie heute, etwas aufgemischt. Es ging etwas rabiat zu, aber das brachte neue Aspekte und Leben in den „Orchestergraben“. Lektüre, Gartenarbeit und Müßiggang bestimmten den gestrigen Nachmittag. Das fällt mir etwas schwer, tut aber gut!

Reduktion

Die entscheidenden Dinge für die weitere Arbeit bleiben Reduktion und Langsamkeit. Beim Pflanzengießen entdeckte ich weit oben an den Fenstern, ein Wespenartiges Insekt, das sich verflogen hatte. Ich unterbrach das Wässern, holte ein Glas, fing es ein und ließ es draußen frei, wo es in Richtung Südwesten das Weite suchte.

Für die Umrisslinien innerhalb der Buchmalereien, setze ich Farbflecken mit viel Wasser und umrunde sie mit Aquarellstiften. Ich glaube, dass ich entweder Abstand zu diesen Figuren bekommen oder näher herangehen muss, um weiter zu kommen. Dabei hat das Hineinzoomen in die Motive einen ähnlichen Effekt, als wenn ich vor ihnen Kulissenarchitekturen aufbaue, um eine andere Perspektive zu gewinnen.

Gestern hatte ich den Impuls, eine Osterpause einzulegen. Rolle 9, die mich beim Weiterzeichnen oft heftig in den Produktionsstrom reißt, müsste ich dann meiden. Am Bahndamm, wo ich die Brombeeren zurückgeschnitten, und eine Weide gepflanzt habe, entsteht so etwas, wie ein neues Gärtchen. Ich könnte mich also darum kümmern, die Tagebucharbeit machen und das andere lassen.

Lücken

Ich denke daran, die sich überlagernden Umrisse einzeln auf Rolle 9 zu zeichnen, voneinander getrennt. So kann ich mich jeder einzelnen Figur konzentrierter widmen. Das Verfahren würde den „Scherbengerichten“ von 2016 ähneln. Kleinere Serien dieser Umrisse wären so weiter zu verarbeiten, dass sie immer mehr aufgesplittert werden.

Mit Alexander besprach ich gestern, hier im Atelier, einen Herangehensweisen für unser Kreislauf – Projekt. Mir sind die Räume nun klarer, um die es geht und der Umfang der avisierten Installation wird deutlicher. Eigentlich will ich erst weiter denken, wenn das Vorhaben gesichert ist. Aber die Entwurfsmaschine rattert im Kopf.

Mit viel Ausdauer arbeitete ich gestern an Rolle 9 weiter. Dabei treten neuerdings in den dichten Liniengesträuchen Lücken auf. Manche Umrisse lasse ich einfach leer, zeichne also die durchscheinenden Strukturen nicht hinein. Das hat zur Folge, dass die Dichte der fortlaufenden Komposition aufgelockert wird. Diese Leerstellen sind in einem Gitter, das in der Form solcher Zeichnungen geschweißt wird, Räume für dessen Begrünung an einer Wand.

Strenge

Die Buchmalereien versuche ich mit Disharmonien zu verstärken. Am Morgen hatte ich den Impuls, strenger werden zu müssen. Das ist eine Reaktion auf die Kriegsberichterstattung. Kann man ihr Schönheit entgegensetzen?

Das kontinuierliche Weitermachen gerät unter einen anderen Stern. Das Überleben der Gestaltung muss sich gegen die Gravitation der Gewalt, die alles verschlingt, bewegen. Kraftspender sind die Buchmalereien und Rolle 9, die mir die Möglichkeit gibt, meditierend auszuharren und mich selbst im Lärm zu behaupten. Das stiftet auch die Kraft, die ich benötige, meinen Schülern in diesem Chaos der Seelen, ein Kompass zu sein.

Durch die Beschäftigung mit dem Kreislaufvorhaben und seiner Vorbereitung, hatte ich meine Liste von Projekten zu vervollständigen. Viele hatte ich vergessen. Indem alles noch einmal aufleuchtet, beugt es dem Nachlassen der Intensität der Arbeit vor. Es spendet Energie. Aber auch beim Nachdenken über die Kreisläufe verliere ich den spielerischen Zugang.

Rotationen

Der Leopard im Zoo läuft einen Kreis, der sein Käfig ist. Er streicht am Gitter entlang und schaut nach den Kleinen in den Kinderwagen, meint meine Tochter. Das Kreislaufgitter, das Alexander und ich an der Schule anbringen wollen, sollte mit einjährigen Kletterpflanzen bewachsen werden. Aus ihren Samen werden dann die Exemplare für das nächste Jahr gezogen.

Landgewinne und Verluste an Leben. Die Kosten sind immer zu hoch und können nur durch die vernünftige Erkenntnis dessen eingegrenzt werden. Die Voraussetzung dafür ist die Hoffnung, die Gespräche möglich macht. Aber sind das mehr als wiederkehrende Rituale, vorgefertigte Texte aus Einnerungs – Rückkopplungs – Lärm? Rotierende Panzerketten, Drohnenloopings und sich schließende Belagerungsringe.

Im Atelier laufe ich zwischen meinen Sammlungen herum. Die Mittelsäule gibt dabei den Weg um sie herum vor. Der Gedanke an Reduktion fällt schwer. Einzig ein langsam schwindender Bewegungsraum motiviert mich, einen großen, leeren Müllcontainer hereinzufahren, um ihn mit Überflüssigem zu füllen. Es gleicht einer letzten großen Arbeit, bevor sich der Kreis schließt.

Rückkopplung

Mit den Umrissen der Farbflecke suche ich nach einer neuen Möglichkeit, in den Buchmalereien Spannung zu erzeugen. Während einer Arbeitspause, sah ich im C/O Berlin Arbeiten zum Thema Wolken. Sa gab es Anklänge, die ich mir zunutze machen könnte. Es ist die Frage, ob die Überschneidung von Umrissen und die dadurch entstehenden Schnittmengen-Figuren, eine Form haben, die sich auch digital erweitern ließe. Die 3D-Programme haben Werkzeuge mit denen sich das gut machen ließe.

Ein Algorithmus für Gesichtserkennung wurde mit einer auf die Wolken ausgerichteten Kamera verbunden. Sie wurde ausgelöst, sobald ein Gesicht zu erkennen war. Meine eigene Fähigkeit, Dinge wieder zu erkennen, die ich ähnlich schon einmal gesehen habe, ist ziemlich ausgeprägt. Ich bringe Erscheinungen in Deckung, die sich nur entfernt ähnlich sind. Das führt mich manchmal in die Irre. Das wirkt sich auch auf meine Arbeit aus. Dort entsteht eine Art Rückkopplungseffekt der Erinnerungsschleifen.

Die Buchmalereien sehe ich in den letzten Tagen nur noch als ein Grundmaterial an, das für die Entwicklung weiterer Arbeitsgänge genutzt werden soll. Ihre Eigenständigkeit ist mir gerade nicht so wichtig. Für etwas Aufmunterung sorgt der Blick auf Rolle 9.

Materialität

Eine Blättersammlung im Romantikmuseum rührte mich besonders an. Es sind die Aufzeichnungen der Visionen der Anna Katharina Emmerick von Clemens Brentano. Die Materialität des Pergaments, der Tusche in der winzigen Schrift, der Zeichnungen und Collagen dieser protokollierten Jahre, hat etwas mit meiner Arbeitshaltung im Atelieralltag zutun.

Die Bleistiftdurchzeichnungen der Umrisse der Buchmalereien auf Transparentpapier, die ich dann für Rolle 9 benutze, liegen auf einem Stapel. Die durchscheinenden Linien verschlingen sich zu einem raumgreifenden Gesträuch. Das ist eine Herausforderung.

In der 1. Buchmalerei von heute drängen sich drei Figuren, die aus einem Handkantenabdruck entstanden sind, aneinander. In einer befindet sich eine Dreiecksgitterkonstruktion. Ein grünes Land verbindet sie mit einer weiteren Figur, die ebenfalls ein Dreiecksgitter führt. Die Gewänder bauschen weit in ihren kleinen angedeuteten Drehungen. Erst später entdeckte ich die zwei Figurenumrisse in der 2. Malerei und umrandete sie dann noch einmal mit Tinte. Sie haben eine direkte Beziehung zueinander. Die rechte verneigt sich höflich. Die andere, kleine blaue, spendet Beifall. Auf 3 geht es ziemlich durcheinander. Eine zerrissene Komposition, in der gleich etwas geschieht, das alles anders aussehen lässt.

Zwischenräume

Die Zwischenräume, die wieder umrissene Flächen bilden, sind ein Potential der stetigen Erfindung von Formen, die wieder Zwischenräume bilden. Windstille zwischen den Wirbeln oder Gravitationslöcher, in denen alle Anziehungskraft aufgehoben ist, bilden Aufenthaltsorte für Segelschiffe und Weltraumteleskope.

Zwischen den Umrissen der Farblachen treten Gebilde auf, die aus meinem Blick wachsen. Auf sie traf ich auch gestern im Romantikmuseum. In den Siebzigerjahren malte und zeichnete auch ich vor der Natur. Dafür wanderte ich mit den Malutensilien, bis ich die geeigneten Motive gefunden hatte, an denen ich mich ausprobieren wollte. Im Atelier hängt eine Zeichnung aus der Sächsischen Schweiz aus dem Jahr 1978. Da ging es mit einem unstet kreisenden Strich schon rasanter zu.

Noch von diesen Erfahrungen zehren die Linien, die heute in den Buchmalereien entstehen. Verdichtungen zeigen die Stellen besonderen Interesses, die dann aber auch verwischt werden können. Durch die Handkantenabdrücke werden die Linien und Formen weicher, Räume entstehen, in denen sich Szenen abspielen können.

Wunschbilder

Die „Rivere“, die Widersacher des Kristallwaldes, „kummen ab“. Die Giraffen wanken wegen des Regens zum Brandberg. Wunschbilder der Buch- und Felsenmalereien, auf die nächsten Tage ausgerichtet, auf die nächsten Schritte im Aleenstaub, Schokoeis vielleicht?

Gleichmaß auf Rolle 9 – ein dramaturgischer Blindflug, fadenscheinige Farbigkeit in den Buchmalereien, verwischt und verwaschen. Konstruktionen fehlen, aber nachträgliche Stützgitter habe ich nicht im Programm. Höchstens innerhalb der Collagen, später. Erstmal Finsternis, die ich verflüssigen kann, damit Schwere stabilisiert. Zwischen dem bewegten Lärm hat es die geneigte Aufmerksamkeit schwer. Aber sie verschwindet nicht!

Im Traum lag M. zusammengerollt in einem runden Kinderwagen und schlief. Ich träufelte warme Suppe auf seinen Kopf, damit der ruhig weiterschlafen kann. Das klappte nicht. Er wachte auf – mit mir.

Das Vorher und Nachher

Die eingefrorenen Szenen der Buchmalereien verweisen auf ein Vorher, bevor du die wirbelnde Bewegung begannst, in denen sich die Indigoverdichtungen verflüssigten. Unter Hinzufügung von flüssigem Sauerstoff kam es zur Kristallisation. Zähe Zwischenstadien bilden Flecken gewonnenen Territoriums. Es geht hin und her – fließen und gefrieren.

Entstehende Figuren verweisen auf Orientierungsräume. Ihre Existenz trägt zur Bildung von Erklärungsmustern bei. Je nach der Umgebung, in der sie ihre Umrisse wiederholen, sorgen sie für ein individuelles Vorher und Nachher. Verbindungslinien zwischen ihnen sind flexibel wie Spinnweben. Es sind Magnetlinien. Sie beeinflussen meine Entscheidungen, dem Zufall mehr Raum zu geben, oder die Gestalten, die durch den Filter meiner Erinnerung Kontur gewinnen, die Handlung vorantreiben zu lassen. Es geht hin und her Zufall und willentliches Bilden.

Die Echoschleifen des Umgebungssounds, seine Rhythmik, dumpfe Schläge, Explosionen und dazwischen Rufe, wie Orientierungsschallwellen. Ihre Übertragung in die Buchmalereien bindet das Vorher und Nachher an die szenografische Idee. Musik schafft eine eingegrenzte Sphäre. Die kristallisierten Wälder wachsen dabei weiter.

Nächster Level

Die Vergegenständlichung der Umrisse rührt scheinbar öfter von romantischen Märchenillustrationen her, wie bei Ludwig Richter etwa. Auf Rolle 9 schließen sie sich zu surrealen Gebilden zusammen, die neue Geschichten erzählen. Dabei genieße ich die Handwerklichkeit von Feder und Tusche und treibe dieses Tun soweit, bis der nächste Level erreicht ist.

In den Collagen suche ich nach dem produktiven Zusammenspiel von Buchmalerei und Federzeichnung. Durch den Abstand dieser Techniken, entsteht viel Unruhe. Ich brauche mehr Ordnung, opake Flächen, die den Blick in die Vergangenheit öfter versperren. Das Erzählerische, was durch die Schichtungen entsteht, befindet sich auch in den Friesen von Rolle 9. Zum einen durch die Aneinanderreihung von Motiven, aber auch durch die Schichten, mit denen die Umrisse gefüllt werden. Man kann beim Vorübergehen an einer Stelle stehen bleiben und mit dem Blick in die Tiefe gehen.

Das Zusammenspiel von älteren Zeichnungen und den Umrissen der gegenwärtigen Buchmalereien steigert sich auf Rolle 9 zu einer verwobenen Gestaltungstechnik. In ihr verbinden sich Szenen aus fernen Erinnerungsregionen, fragmentierten Gegenständen und Figurenumrissgesträuchen, schichten und verflechten sich.